Dienstag, 17. März 2020

Covid-19 in der Provence


Nach den Worten von Präsident Macron gestern Abend befindet sich Frankreich im Krieg. Und seit ein paar Minuten gilt Ausgangssperre. Putain, wer hätte gedacht, dass einem so etwas mal in der Provence passieren könnte?
Damit das gleich klar ist: Zu unserer Familie zählen mehrere Ärztinnen und eine Krankenschwester, die ungefähr die Woge sehen, die da auf das Land zurollt. Niemand von uns nimmt das deshalb cool und easy, Macron hat, finde ich, gut und absolut richtig gesprochen. Das klingt für deutsche Ohren immer ein bisschen pathetisch, und die Beschwörung der Union Sacrée wie 1914 ist schon schweres rhetorisches Kaliber. Aber, hey, wenn man sich einmal die Statistiken ansieht und nachrechnet, wie viele Opfer es allein in Frankreich theoretisch geben könnte, dann ist das Gerede vom Krieg plötzlich gar kein Gerede mehr, sondern eine nüchterne Beschreibung dessen, was uns bevorstehen könnte, wenn wir nicht alle ein wenig auf uns und unsere Mitbürger aufpassen.



Also: Masken haben wir nicht, sind längst alle, brauchen wir auch glücklicherweise momentan nicht. Desinfektionslösung: zwei Fläschchen. Vorräte haben wir auf dem Land eh immer, also verzichten wir auf Hamsterkäufe. Allerdings ist uns aufgefallen, dass unserem Hund bald das Fressen ausgehen würde. Also ist meine Frau heute morgen zum Laden nach Lançon gefahren, wo es eigentlich Pferdebedarf gibt, aber auch was für Schnuffi und Mausi. Die haben dort über Nacht einen Drive-in organisiert, McDonalds für Heu und Hundefutter und die Hälfte der Kunden fährt mit Pickups und Geländewagen vor. Dann hat meine Liebste noch schnell Grundnahrungsmittel eingekauft: Baguettes bei der Boulangerie. Dann wollte sie noch tanken.
Erste Tankstelle: leer. Bei der zweiten Tankstelle füllt sie den Wagen – und direkt danach leuchtet ein rotes Warnsignal. Tanke leer. Meine Gattin hatte diese Tankstelle leergeschlürft, weitere werden sicherlich folgen. Vermutlich werden auch die Supermärkte inzwischen in Wüsteneien verwandelt worden sein. Und vermutlich wird ab Mitte dieser Woche alles wieder normal verproviantiert sein, nur wird es dann kaum noch Kunden geben, die die Sachen kaufen, denn wir müssen ja jetzt alle zu Hause bleiben.
Für Frau, Sohn und Tochter gibt’s kein Home Office, die müssen raus und arbeiten. Ich hingegen sitze sowieso immer im Home Office, das war auch in seuchenfreien Zeiten schon so. Insofern ändert sich da wenig. (Und unser Nachbar treibt wie eh und je seine Ziegen in den Wald und Scheiß auf Quarantäne.) Nur unsere Jüngste freut sich über Coronaferien, und ich habe das zweifelhafte Vergnügen, einer pubertierenden Tochter zu erklären, dass sie weiterhin pauken soll. Unterricht gibt’s per Computer, die entsprechenden Webseiten sind teils sofort aufgrund des Ansturms kollabiert. Teils wissen wir nicht, ob diese Seiten kollabieren würden, denn in unserem Tal ist die Internetverbindung so zwanzigstes Jahrhundert (Gefühlt Modemverbindung mit Telefonhörer in Muschel, erinnert sich noch jemand daran?), dass die Lektionen byteweise durch die Kupferleitungen tröpfeln.



Ansonsten? Ruhe mitten im Sturm. Meine nächsten Lesungen in Frankreich und Deutschland haben sich ins Nirwana verabschiedet. Unsere Tochter muss weder zum Tanzen, noch zum Klavierunterricht oder ins Theater gefahren werden. Meine tiefreligiöse Schwägerin muss Catho-TV sehen, denn es werden keine Messen mehr gelesen. Im Bekanntenkreis hat es leider einen (vom Virus ganz unabhängigen) Todesfall gegeben – und sie können nun wohl praktisch niemanden zur Trauerfeier kommen lassen. Meine Frau hat Bücher für die ruhigen Tage bestellt, online, denn die drei Leib-und-Magen-Buchhandlungen der Nachbarstädte sind nun bedauerlicherweise genauso dicht wie Büchereien. (Da fällt mir ein: Wir haben per Mail ein paar Mahnungen bekommen, weil gleich etliche ausgeliehene Sachen fällig sind. Wie bringen wir die bloß zurück?)
Meine Frau arbeitet in einer Behinderteneinrichtung. Da sind über Nacht die Hälfte aller Handdesinfektionsflaschen abhanden gekommen, vermutlich von einer oder mehreren Mitarbeiterinnen gestohlen. Wir haben spontan eine Whats-App-Gruppe, die eigentlich für ganz trivial-praktische Dinge eingerichtet worden war, in eine Art „Geht's-Euch-allen-gut?“-Runde verwandelt. Und wir haben ein PDF-Formular von der Seite des Innenministeriums heruntergeladen, das wir jedes Mal ausfüllen und auf Ehre signieren müssen, wenn wir fortan für Einkäufe, Arztbesuche und die zwei, drei anderen noch erlaubten Exkursionen das Haus verlassen wollen. (Hunderttausend Gendarmen und Polizisten werden die Straßen abpatrouillieren, um zu kontrollieren, dass sich die notorisch undisziplinierten Franzosen auch wirklich an das Ausgangsverbot halten. Jeder, der angehalten wird, muss so eine Erklärung vorweisen können, sonst hagelt es eine Strafe. Das ist die Theorie. Mal sehen, wie das in der Praxis funktionieren wird...)



Zum Joggen, Spazieren- und Gassigehen darf man übrigens auch noch raus, sofern man es alleine tut. Laufen ja, Fußballspielen nein. Promenade ja, Picknick nein. Draußen vom Walde komme ich her, und muss Euch sagen, es ruhet sehr: Ich bin ganz allein durch die Gegend gelaufen. Auf der Route Départementale ist kein Auto gefahren. Und obwohl wir gar nicht so weit vom Flughafen von Marseille entfernt wohnen, kreuzt kein Jet, kein Kondensstreifen mehr den Himmel.
Jetzt arbeite ich und harre der Dinge und höre von draußen die Vögel singen. Sie klingen unglaublich fröhlich – und ein ganz klein bisschen so, als lachten sie uns aus.

Kleines Update, vor allem für die Freunde in Deutschland, denen der Shutdown ja noch bevorsteht:
Tag drei der Ausgangssperre. Einer der wenigen erlaubten Gründe, um sein Haus zu verlassen: Einkaufen! Also lade ich mir von der Seite des Innenministeriums ein PDF-Formular herunter und drucke es aus, eine Art Ehrenerklärung: handschriftlich fülle ich darin Namen, Adresse, Geburtsdatum aus, kreuze an, dass ich Fressalien holen will (weitere Gründe, um das Haus zu verlassen, sind zum Beispiel Arztbesuche oder Hilfe für Familienangehörige), datiere und unterschreibe das. Jedes Mal, wenn ich das Haus in den nächsten Tagen verlassen werde, muss ich selbiges Formular neu ausdrucken und ausfüllen – schöne Sch..., wenn man vor dem Ausnahmezustand die Druckerpatronen nicht nachgefüllt hat...
Gut, mit dem Papier im Auto geht’s zum kleinen Supermarkt der kleinen Stadt nebenan. Gendarmen kontrollieren überall, mein Sohn ist gleich am ersten Tag zweimal angehalten worden. Wenn man das Formular nicht dabei hat, oder die Flics einem den vorgeblichen Grund der Fahrt nicht glauben, hagelt es 135 Euro Strafe.
Bon. Heil zum Supermarkt gekommen, Parkplatz voll wie nie, aber immerhin keine Schlange am Eingang. Die Kunden tragen Einwegplastikhandschuhe, manche auch Masken. Eine Frau hat sich aus buntem Stoff und Gummibändern von Jogginghosen einen ganz eigenwilligen Gesichtsschutz fabriziert. Niemand lacht, klar, überhaupt sagt kaum jemand ein Wort. Zwischen Regalen und Einkaufswagen schiebt man sich mehr oder weniger artistisch aneinander vorbei – ein Meter Abstand, putain! Ein älterer Herr, der mich unbedingt überholen will, hält tatsächlich vorher die Luft an, stürzt sich an mir vorbei und atmet zwei Meter weiter tief ein, als wäre er soeben aus hundert Metern aufgetaucht.
Gefühlt ist – es ist Freitagmittag – bereits die Hälfte der Regale leer, wobei sich seltsame Schlagseiten gebildet haben. Warum ist Müsli ausverkauft, Cornflakes sind es nicht? Warum sind Toastbrote fort, aber noch massig Tüten mit Milchbrötchen und anderem Gebäck da? Warum fehlen Eier, Milch und Joghurt, aber Käse (ausgerechnet Käse in Frankreich!) quillt aus dem Kühlregal? Warum fehlen Nudeln und Reis, aber Couscous wird nicht angerührt? Warum, ja doch, ist tatsächlich auch die letzte Rolle Toilettenpapier weggebeamt? (Verwechseln die Leute Corona- mit Noro-Viren?) Andererseits: Warum sind Obst und Gemüse, also genau die Sachen, die dein Immunsystem stärken, im Überfluss vorhanden? Glauben die Kunden, sie stecken sich mit Tomaten und Orangen an, mit Spaghetti aber nicht? Rätsel über Rätsel...
Kein Rätsel: Beim Drogeriebedarf ist jedes Wässerchen, das auch nur einen Hauch Alkohol enthält, fort: Anti-Pickel-Lotion, das Handwaschgel der Generation Corona.
Während man durch die Regale um Mitkunden Slalom fährt, hallen Durchsagen durch den Markt: mehr und mehr Kollegen sollen die Kassen bemannen. Zwischen diesen Ankündigungen läuft das Mantra der Regierung, eine offizielle Verlautbarung, der du nirgends mehr entkommen kannst, im Fernsehen nicht, im Internet nicht, im Radio nicht und auch nicht im Supermarkt: Hände waschen, Abstand halten...

Vor der Kasse sind mit orangefarbenem Tesaband Ein-Meter-Abstandsmarkierungen auf den Boden geklebt worden – und die Leute halten sich auch daran. (Abgesehen davon, dass jeder hoch beladene Einkaufswagen eh wie eine Barriere wirkt.) An der Kasse bedient mich ein junger Mann, in den anderen Reihen arbeiten seine Kolleginnen. Seine Stimme klingt dumpf hinter der Maske, aber er sagt jedem Kunden freundlich „Bonjour“. Wenn du Helden sehen willst, dann hier: ein Junge, der für den Mindestlohn schuftet und mit Gummihandschuhen und einem Mundschutz vom Baumarkt auf Posten bleibt, wie ein Soldat in der Schlacht.

P.S.: Diesmal gibt’s keine passenden Fotos zum Text, denn Menschen mit Gesichtsmasken und Schlangen vor Apotheken habe ich in den letzten Tagen so viele gesehen, dass es für mein Restleben reicht. Stattdessen: die Provence mal hier, mal dort. Sieht ja auch nicht schlecht aus.

Freitag, 31. Januar 2020

Patrouille de France (PAF)


Was hat ein Australischer Schäferhund mit einem Alphajet zu tun und was, putain, hat das alles mit der Provence zu schaffen? Bon: Wir möchten, dass unser junger Hund zumindest die größten Dummheiten NICHT tut. Wir möchten das gute Tier aber weder anbrüllen noch schlagen oder sonstwie malträtieren. Also sind Herrchen und Hündchen bei Vincent in die Schule gegangen, einem professionellen Hundeflüsterer, der wirklich erstaunliche Tricks drauf hat. Ein paar Stunden übten wir dabei auf einer Art verwildertem Park neben dem Ort Lançon-Provence. Und plötzlich donnerten mehrere Jets im Tiefflug über uns hinweg. Und hinweg. Und hinweg...



Die Patrouille de France (PAF) existiert seit 1953, seit 1964 starten die Flugzeuge dieser sehr besonderen Einheit der französischen Luftwaffe von der Basis Salon-de-Provence aus. Diese Basis liegt aber eigentlich zwischen Salon und Lançon, und deshalb donnern die blau-weiß-rot lackierten Alphajets vor allem so dicht über letzteres Städtchen, dass die alten Häuser mit den Dachschindeln wackeln. (Ein fiktiver Pilot der PAF war mal Protagonist in einem Roger-Blanc-Krimi: https://provencebriefe.blogspot.com/2016/05/furcapitaine-roger-blanc-konnte-der.html )
Die Flieger der PAF sind gewissermaßen weltbekannt. Man sieht sie beispielsweise an jedem 14. Juli bei der großen Parade in Paris, wenn sie mit Rauchtanks eine blau-weiß-rote Wolkenkokarde über die Champs-Élysées ziehen. (Na ja, letztens hat ein Pilot auf den Knopf der falschen Rauchbombe gedrückt und die Tricolore war nur eine Zwicolore – smoke happens.)
Das Spektakel, das Pariser und andere nur hin und wieder bestaunen können, hat man zwischen Salon und Lançon, na, ich will nicht sagen: täglich, aber doch zwischen Frühjahr und Herbst in schöner Regelmäßigkeit. Die Piloten müssen halt irgendwo üben, in der Provence herrscht gutes Wetter, und in unseren Breiten ist der Boden auch schön flach, den Tieffliegern stellen sich nur wenige Berge vor den Bug.



Meistens sind es sechs bis acht Alphajets, die in Formation Salti fliegen, oder Fächer formen, oder manchmal zeichnet ein Pilot mit einer roten Rauchfahne ein Riesenherz in den Himmel und ein Kamerad schießt als weißer Amorpfeil mitten hindurch. Romantisch und, äh, nun ja, nicht total ungefährlich. Letztes Jahr ist ein Pilot nach einer finalen Landung mit dem Schleudersitz ausgestiegen, ist zum Glück sonst nichts passiert.
Du fährst also auf irgendeiner Landstraße, du kaufst beim Bäcker ein – oder du trainierst mal eben deinen Hund. Und plötzlich donnert eine Staffel Kampfflieger über deinen breiten Scheitel und du glaubst, du kannst die Bartstoppeln der Piloten zählen.



Ist das auch laut? Hä, was haben Sie gesagt? Beschwert sich denn jemand über den Lärm? Nö. Oder zumindest beschweren sich nicht viele, im Gegenteil: Aufkleber mit dem Signet der PAF zieren fast so viele Autohecks wie Logos von Olympique de Marseille, und bei der Touristeninformation und in den Souvenirshops sind Devotionalien der PAF ein Renner. Vielleicht liegt das daran, dass Provenzalen grundsätzlich laut sind, da machen ein paar Tiefflieger mehr auch nichts mehr aus.
Oder aber: Man muss diese fliegenden Typen in ihren tollkühnen Kisten (Ah, nein, der Filmtitel war irgendwie anders....) einfach gerne haben. Es ist schon irre, was sie machen. Da bleibst du stehen und staunst. Vincent bleibt stehen und staunt. Nur die richtigen Einheimischen von Lançon kloppen einfach weiter Tennisbälle übers Netz, für die ist ein Alphajet auch nicht exotischer als eine Dohle. (Ach ja: Auch Hunde ignorieren das Spektakel übrigens komplett und profitieren davon, dass Herrchen nicht aufmerksam ist.) Nach einer Viertelstunde, spätestens, ist das alles auch wieder gegessen, denn dann geht den Flugzeugen das Kerosin aus.
Außerdem, darf man nicht vergessen, ist die PAF ja auch ein Arbeitgeber in der Region. Eine gute Freundin unserer Jüngsten ist Tochter eines Piloten, so ein Job ist hier beinahe so normal wie Bäcker oder Schäfer. Allerdings muss man mal sehen, wie lange in unseren FFF-Zeiten eine derartige Verschwendung von Kraftstoff und fröhlich-unschuldige Produktion von Unmengen CO2 noch geduldet werden...



Noch eine Anekdote, bevor der Klimawandel die Alphajets vom Himmel schießt? Der farbige Rauch, den die Jets hinter sich herziehen, kommt aus Tanks, die im Rumpf angebracht sind. In denen schwappt eine ungiftige, aber eigentlich flüssige Farbe. 1964 hatte ein blauer Tank einen Defekt: Statt hinten über die Düse trat die Farbe – fragen Sie mich nicht: wie genau – vorne im Cockpit aus. Der Pilot brachte seine Karre zwar sicher hinunter auf die Landebahn, war aber von oben bis unten blau. Seine feixenden Kameraden tauften ihn „Schtroumpf“ - in Deutschland heißen die blauen Comicfiguren „Schlumpf“. Und seither werden die jeweils drei jüngsten Piloten der PAF „Schtroumpfs“ genannt...

Freitag, 20. Dezember 2019

Weihnachtliche Sintflut


Dieser Dezember ist bei uns vor allem eins: feucht. Normalerweise können wir hier ja etwa Weihnachten mittags gerne draußen essen, in dickem Pullover und mit Sonnenbrille auf der Nase. Die Alternative: Manchmal fällt ungefähr ein halber Zentimeter Schnee, dann kollabiert in der Provence gleich das öffentliche Leben. Nichts geht mehr, und das ist über die Feiertage doch auch recht schön. („Nichts geht mehr!“ funktioniert auch dieses Jahr zu Weihnachten und Silvester, das hat aber nichts mit dem Wetter zu tun: Halb Frankreich streikt, der eine oder andere wird vielleicht schon Bilder in den Nachrichten gesehen haben. Der neueste Gag: Streikende der Gewerkschaft CGT schalten Städten und ganzen Regionen den Strom ab, Blackout als Mittel des Protests. Typen, die sich darüber aufregen, dass sie nach der Reform nicht mehr mit 52 Jahren in Rente gehen können, knipsen mitten im Winter Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten und Altenheimen für vier bis acht Stunden den Saft ab – man muss halt Prioritäten setzen.)
Na, jedenfalls, jetzt das Wetter: Also Regen. Kennt man ja eigentlich als ehemaliger Hamburger, kann man gelassen sehen. Das erste Problem ist, dass diesen Winter im Midi an einem Tag so viel Regen fällt wie sonst in einem Monat. Das zweite Problem: Wir haben inzwischen mehrerer solcher Regentage im Monat...



Das hat, erklären Meteorologen, irgendwie auch mit dem Klimawandel zu tun, was irgendwie niemanden mehr überrascht. Höhere Temperaturen bedeuten mehr Verdunstung über dem Mittelmeer, mehr feuchte Luft, mehr Wolken, die gegen Alpen und Alpilles gedrückt werden und sich dort ordentlich erleichtern. Die Folge: Land unter.
Die Touloubre, ein simpler Bach, der an unserem Grundstück entlang mäandert, verwandelt sich in eine Art Seenplatte mit eingebauter Strömung. Zuerst transformieren sich die Wälder im Tal in Mangroven. Dann haben wir erdbraunes Wasser (und, ja, darin treibenden Plastikmüll) auf der Wiese. Schließlich schauen die Fluten bei unserem Nachbarn am gegenüberliegenden, zu unserem Glück und ihrem Pech tieferliegenden Ufer vorbei und sagen im Wohnzimmer fröhlich glucksend „Bonjour!“, ein paar Zentimeter hoch.
Eine kleine Brücke, die bei uns im Wald sonst über das Wasser führt, liegt plötzlich unter Wasser. Der eigentlich so harmlose Bach spült glatt drüber weg, man staunt bloß, wenn man daneben steht – so lange man noch daneben stehen kann, als es weiter steigt, muss man sich nämlich in Sicherheit bringen.



Apropos in Sicherheit bringen: Bei so einem Regen zieht sich der Norddeutsche die Funktionsjacke an und geht mit dem Hund Gassi. In Südfrankreich sterben ein Dutzend Menschen. Warum? Ein, zwei Opfer haben schlicht verdammtes Pech: Sie werden überrascht, stürzen unglücklich in den Fluten, oder sind gebrechlich und also hilflos, wenn das Wasser kommt. Die meisten sterben allerdings im, durch und wegen … ihres Autos. Manche fahren zum Beispiel mitten während der Sintflut auf kleinen Landstraßen neben besagten Bächen her, die sich leider jedoch in kürzester Zeit in Monster verwandeln können. In Südfrankreich sind schon Autos mitsamt Fahrern neben einem Flusslauf verschollen – und im Mittelmeer wiedergefunden worden, buchstäblich bis auf die offene See hinausgespült.
Andere versuchen, mit ihrem Wagen Unterführungen zu durchqueren, die sich für alle Augenzeugen (nur offenbar nicht den Fahrer selbst) erkennbar in Tauchbecken verwandelt haben. Wieder andere wollen ihre geliebten Vierradler retten und stürzen sich in Tiefgaragen, während draußen der Tsunami kommt.



Klingt nach Kandidaten für den Darwin-Award? Sie dürfen spotten, ich nicht: Bei einem Gewitter bin ich mal nachts, es war wohl drei oder vier Uhr, aufgewacht, und mein erster Gedanke war: Putain, die Karre steht noch unten auf der Wiese! Also bin ich in nicht hundertprozentig der Situation angemessener Kleidung durch die Fluten der Hölle runter getaumelt und habe meinen eigentlich schon im französischen Rentenalter befindlichen Chrysler angeworfen. Ich war nicht allein. Mein Schwager hat sich im Pyjama und mit Heldenmut in seinen Wagen geschmissen. Wir haben es so gerade mit unseren Personenkraftwagen bis zum rettenden Ufer geschafft. Wäre ich ein bisschen später aufgewacht, ich könnte diese Zeilen heute wohl nicht schreiben. Nenn mich Evolutionsnull, Mann!
In diesem Sinne: Feiern Sie fröhlich und, wenn es sein muss, feiern Sie feucht! Aber dabei immer an Darwin denken...


P.S.: Den Chrysler, für den ich meinen Allerwertesten riskiert habe, haben wir bald darauf übrigens verschrottet.

Mittwoch, 20. November 2019

Oppidum des Bringasses


Dieser Brief beginnt wie der Vortrag eines Studienrats und endet wie Indiana Jones. Zumindest ungefähr. Also der Beginn: Die Provence ist eine uralte Kulturlandschaft, und das hört sich ja in der Tat erst einmal nach uraltem Reiseführer an. Tatsächlich jedoch bedeutet das: hier kannst Du noch zu Indiana Jones werden.
In den meisten Regionen Europas ist jedes mittelalterliche oder gar antike Monument ein Denkmal, ein Museum, jedenfalls baut man einen goldenen Zaun darum und hängt eine Hinweistafel davor. Sehr schön, manchmal fotogen und gelegentlich sogar unterhaltsam – aber, hey, damit steht der alte Plunder auch in Google Maps und jeder Vollpfosten kann's finden. Doch im Midi bauten Ligurer, Griechen, Römer, Gallier und Co. schon vor drei Jahrtausenden Städte und Tempel in die Landschaft und haben es danach nie wieder bleiben lassen. Später haben Mönche Klöster in Einöden gegründet, Ritter Burgen auf Hügel gepflanzt und brave Bauern nach Sarazenenüberfällen oder Pestzügen Kapellen und Kreuze gespendet. Mit anderen Worten: Ruinen stehen hier überall.



Unmöglich, heute alle diese Schätze zu erhalten – zumal, trotz aller modernen Besiedlung, sich viele Relikte immer noch in der Wildnis verbergen.
Wie das Oppidum des Bringasses.
Den Namen kannst Du Provenzalen um die Ohren hauen, die meisten haben ihn noch nie gehört, geschweige denn, dass sie je dort gewesen wären. Dabei liegt diese Ruine nur ein paar Dutzend Meter Luftlinie neben einer der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Südfrankreich: der Burg von Les Baux.
„Oppidum“ ist ein römischer Begriff, der in diesem Zusammenhang hier meint: „Stadt eines nicht-römischen Volkes“. Die Bringassen sind ein ligurischer Stamm, den der antike Chronist Diodor von Sizilien erwähnt: Ur-Provenzalen, die vielleicht schon in der Bronze-, spätestens jedoch in der Eisenzeit am Westrand der Alpilles siedelten, Gräber in den Felsen schlugen – und eben mindestens eine befestigte Stadt auf einem Bergrücken anlegten. (Noch im Namen „Les Baux“ schwingt übrigens der Name jener Ur-Provenzalen mit.)
Das Oppidum des Bringasses ist mit klugem Blick gewählt worden: Von dieser Anhöhe schweift nämlich eben jener kluge Blick weit über die Ebene der Crau, über die fruchtbaren Täler unterhalb der Alpilles, an klaren Tagen sogar bis ans Mittelmeer. Ein idealer Wachtposten und Rückzugsort. Wenn sich Feinde nähern, sieht man sie schon auf viele Kilometer und hat Zeit, sich oben zu verschanzen. Diese Festung müssen Angreifer erst einmal erstürmen.



Wenn sie diesen Ort denn überhaupt finden.
Denn selbst heute führt nur ein einziger, versteckter Pfad hinauf. Bei Les Baux ist das Val d'enfer, das „Höllental“, eine tiefe Kerbe im Gebirge. (siehe auch hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2016/02/dieholle-liegt-unter-den-ruinen-von-les.html) In deren Felswänden klafft irgendwo rechts ein Riss, eigentlich eine Spalte, von der man denken würde, dass sie nirgendwohin führt. Doch man muss sich nur über rutschiges Gestein, Dornenbüsche und wie Barrikaden umgestürzte Baumstämme kämpfen, dann steht man im Wald, der die Hügelrücken überwölbt. Die Kletterei ist vielleicht drei Minuten anstrengend, danach geht’s zwischen Eichen und Pinien eigentlich ziemlich einfach weiter. Ein Pfad. Gestrüpp. Wipfel. Du siehst nichts – bis Du wortwörtlich direkt vor den Ruinen stehst: ein in den nackten Felsen gehauener Graben, wie eine Zugbrücke führt eine Rampe hinüber, dahinter ragt eine Mauer aus sorgfältig geschichteten Steinen auf, an manchen Stellen noch zwei Meter hoch und Dutzende Meter lang.
Dahinter: ein magischer Ort. Der Boden ist blanker, grauer Fels, fast wie poliert, nach dem Regen schimmern hier Pfützen wie Silber im Licht. Das Oppidum des Bringasses ist von der Grundfläche her vielleicht so groß wie eine mittelalterliche Burg, allseits ummauert, still. Wenige Trümmerreste liegen im Innern, an der dem Eingang gegenüberliegenden Seite haben antike Steinmetze Treppenstufen in den Fels geschlagen. Sie führen auf einen natürlichen Balkon hoch – und dort weitet sich der Blick nicht allein über Ebenen und hin bis zum Horizont.



Sogar das weltberühmte Les Baux liegt einem zu Füßen. So hast Du die Burg noch nie gesehen. Die alten Ligurer nämlich hatten sich für ihr Festung einen höheren Bergrücken ausgesucht als die mittelalterlichen Adeligen von Les Baux. Ihr Oppidum überragt die Burg um etliche Dutzend Meter.
Im Frühlicht schwimmen die Alpilles wie in bläulichem Dunst. Im Tal werfen die Wipfel der Olivenhaine Wellen. Laubfeuer kräuseln sich in den Himmel, graue Schleier, die von den niedrig über das Mittelmeer heranziehenden Wolken aufgesogen werden. Unter den uralten Mauern rauscht der Wind im Laub. Irgendwo schlägt ein Vogel wütend Alarm.



D'accord, das ist weder Troja noch der Heilige Gral, und ich bin nicht Indiana Jones, aber trotzdem: Wann hat man schon mal die Antike ganz für sich allein?

Freitag, 13. September 2019

Verhängnisvolles Calès, der 6. Fall für Capitaine Roger Blanc


Das Leben, so sagt man, schreibt die schönsten Geschichten. Es schreibt aber auch die schrecklichsten. Eine solche Geschichte erlebt Capitaine Roger Blanc im „Verhängnisvollen Calès“, seinem sechsten Fall.





Blanc ist inzwischen ein halbes Jahr in der Provence. Es ist Dezember, Weihnachten droht am Horizont, sein Privatleben liegt wie immer in Trümmern, der Kamin in seiner alten Ölmühle leider auch, und auf den Straßen liegt doch tatsächlich Schnee. Aber es ist nicht die ungewohnte Kälte von außen, die ihn frösteln lässt: zwei Fälle müssen Blanc und seine Kollegen Marius und Fabienne lösen, einen alten Mord und eine dramatisch aktuelle Entführung.
In den geheimnisvollen Höhlen von Calès (Den Ort stelle ich hier vor: https://provencebriefe.blogspot.com/2019/08/manchmalerlebt-man-hier-sachen-die.html) findet eine Archäologin ein Skelett, das nicht so uralt ist wie gedacht, denn mitten in der Stirn gähnt das Einschussloch einer Pistolenkugel.





Und während einer Hochzeitsfeier auf einer mondänen Burg verschwindet kurz darauf ein neunjähriges Mädchen. Die Medien berichten, Journalisten fallen ins verschlafene Gadet ein, ganz Frankreich ist schockiert: Einer der mehr als zweihundert Gäste muss die Kleine entführt haben – aber wer hat es getan? Und wo hat er sie versteckt? Während Marius und die anderen Gendarmen rasch glauben, den Täter verhaftet zu haben, und alle Reporter schon über das Monster schreiben, kommt Blanc ein schrecklicher Verdacht: Was ist, wen alles ganz anders ist? Und hat womöglich der Tote von Calès etwas mit dem vermissten Mädchen zu tun?





Ein Kind verschwindet mitten während einer Hochzeitsfeier, einer der Gäste ist es gewesen, die ganze Nation erschaudert und verfolgt via Internet, Zeitung und Fernsehen jede Volte der Ermittlungen – genau das ist, siehe oben, eine jener finsteren Geschichten, die das Leben schrieb. Das Verbrechen entspringt nämlich nicht meiner perversen Phantasie, sondern hat sich, leider, tatsächlich so ähnlich in Frankreich zugetragen: Da entführte ein Hochzeitsgast eine ebenfalls auf der Feier eingeladene Neunjährige (das schreckliche Motiv dafür mag sich jeder selbst ausmalen) und kehrt anschließend auf das Fest zurück, als sei nichts gewesen. Die Flics ahnen rasch: einer muss es gewesen sein. Doch als die Polizei den Verbrecher tatsächlich überführt, tut sich ein Abgrund auf...
Am Ende müssen Blanc und seine Gendarmen doch einen ganz anderen Fall lösen als ihre Kollegen in der echten Welt, denn ich habe mir die Freiheit genommen, den weiteren Verlauf der Ermittlungen neu zu erfinden. Die Flics im Roman müssen tief in die Vergangenheit eintauchen – eine Vergangenheit, in der sich die dramatischen Weltläufte mit den schmutzigen intimen Geheimnissen einer Familie vermengen, bis daraus ein tödlicher Hass entstanden ist, der über Generationen hinweg tötet. Im Schloss von La Barben, in den Grotten von Calès, im verschlafenen, scheinbar so malerischen Städtchen Lamanon.





Diesmal hat Blanc drei Helfer, mit denen er nie gerechnet hätte: Einen riesigen Hund, der eines Tages vor seiner alten Ölmühle liegt und einfach nicht mehr fortgehen mag. Einen Jugendlichen, den die ganze Welt als Dorftrottel verachtet, der jedoch mehr gesehen und gehört hat als die, die ihn verspotten. Und – Blancs Tochter Astrid, die junge Pariserin, die sich ausgerechnet mitten während der dramatischen Ermittlungen zu einem spontanen Weihnachtsurlaub bei ihrem Papa entscheidet.
Blanc lernt dabei die Provence von ihrer allerkältesten Seite kennen – und, hoffentlich, die Leserinnen und Leser mit ihm. Doch keine Sorge: Anders als im echten Leben, so ist Blancs Fall am Weihnachtstag gelöst. Einem Tag, an dem sich schließlich sehr, sehr seltsame Familien zusammenfinden...


Mehr Informationen zum Buch gibt es übrigens hier:

Montag, 12. August 2019

Grotten von Calès


Manchmal erlebt man hier Sachen, die eigentlich nur den Helden in mehr oder weniger schrägen Science-Fiction-Filmen widerfahren: Du wanderst nichts Böses ahnend irgendwo herum – und, zack!, plötzlich stehst du in einer anderen Welt. Du bist unwissentlich durch ein Wurmloch gefallen und stehst in einem parallelen Universum, oder in der Vergangenheit, oder in der Zukunft, oder in allem zugleich.



Ich bin mit der Familie, ist schon etwas her, eines Wintertags durch die Hügel bei Lamanon gelaufen. Lamanon ist ein provenzalisches Städtchen im sympathisch halbrestaurierten Zustand: Kirche, Mairie, Lavoir, ein schönes Bistrot, ein paar alte Häuser, null Aussicht – die Siedlung thront nicht auf einem Hügel, sondern versteckt sich in einem Tal. Größter Stolz von Lamanon, so las und dachte ich, ist der „Gigant der Provence“, der Methusalem der südfranzösischen Platanen, dessen Äste so weit sind wie ein Hallendach und sich altersschwer bis auf den Boden senken.
Dann gehen wir an der Kirche vorbei einen Forstweg in den Wald, der die Hügel nördlich und westlich des verschlafenen Ortes bedeckt: Eichen, Pinien, das übliche Gestrüpp. Hundert oder vielleicht zweihundert Meter geht es nach oben, du biegst um einen nackten Fels - und, zack, auf einmal stehen wir in einem anderen Universum. Nun ja, zumindest stehen wir in der Deko eines ziemlich aufwändig gemachten Fantasy-Films.
Die Grotten von Calès.



Vor dem erstaunten Wanderer ruht still und leer ein mindestens fünfzig Meter tiefes, zweihundert Meter durchmessenden, annähernd kreisförmiges Tal. Eine Riesendelle zwischen Eichen und Hügeln, die aussieht, als sei sie einst ein Vulkankrater gewesen, den sich die Natur nun langsam zurückholt. Das Licht im Talgrund ist aquariumartig, irgendwie zugleich glänzend und diffus, gefiltert von den Wipfeln der Eichen, die oben hart am Kraterrand wachsen. Der Felsen ist gelb und grau und mürbe wie altes Gebäck. Wiesen bedecken den Stein als zerschlissene Decke. Kein Windhauch, kein knackender Ast, kein Vogelzwitschern, es ist so still, als wärst du tausend Meter unter Wasser.
Aber überall starren dich Augen an.
D'accord, keine Augen – Grotten. Die steilen Wände des Talkessels sind von Höhlen zergraben, als wäre das hier ein ins Gigantische gewucherter Insektenbau: runde Löcher, viereckige Portale, torgroße Öffnungen. Manche Höhlen verlieren sich in der Schwärze, andere sind so klein, dass die Sonnenstrahlen bis in deren hintersten Winkel leuchten. Zwischen manchen runden Höhleneingängen ist nur ein schmaler Steinsteg stehengeblieben – sie gleichen frappierend den Augen eines riesenhaften Totenschädels. Und weil das Sonnenlicht durch irgendeinen optischen Trick irgendwo gespiegelt wird, wirken diese verdammten Dinger auch noch, als leuchteten sie aus ihrem Innern heraus! Zwei Augen, die dich ohne je zu blinzeln mustern, wohin auch immer du durch dieses verwunschene Tal gehst.



Wer genauer hinguckt, erkennt in den Fels geschlagene Treppenstufen. Unterarmgroße Löcher, in denen wohl einst hölzerne Leitern oder Vordächer steckten. Künstlich aufgeschichtete Mauern auf einem Plateau, gleicher Stein, gleiche Farbe, als wären die Mauern aus dem Felsen hinausgewuchert. Die wuchtigen Reste einer alten Burg. Ruinen zweier Kapellen. Und jenseits der Grotten, schon wieder gut versteckt im Wald, eine nahezu fensterlose, abweisende Kirche: Saint-Denis de Calès.
Die Grotten von Calès, von denen man im winterlichen Abenddämmer glauben möchte, dass sie auch in Mordor auf allzu neugierige Besucher lauern könnten, sind in Wahrheit Menschenwerk. Das unzugängliche Tal war vom Mittelalter an ein idealer Steinbruch. 58 Höhlen hackten, gruben, sägten die Provenzalen hier über Jahrhunderte in den relativ weichen Stein, um mit ihrer Beute Burgen, Kirchen, Bauernhäuser zu errichten. Dann allerdings, als diese Höhlen erst einmal gegraben worden waren, fiel den Einheimischen irgendwann auf, was für ein wahnsinniges Versteck Calès war: Ein Krater mitten im Wald, auch dann noch unsichtbar, wenn du zehn Meter an ihm vorbeiläufst. Und wer das Tal doch entdeckt, der kann nur durch zwei schmale Felsenrisse eindringen – Risse, die mit ein paar Steinwällen und einem Haufen Bewaffneter gegen jede Übermacht gut zu verteidigen waren.
Zu einer Zeit, als Kolumbus Amerika entdeckte und Leonardo da Vincis Glanz die Renaissance überstrahlte, haben in Calès schätzungsweise zweihundert Menschen den zivilisatorischen Salto rückwärts ins Paläolithikum gemacht und sind wieder zu Höhlenbewohnern geworden. Ein Paralleluniversum, fürwahr.



Generationenlang haben hier, von den Wirren und Kriegen der Zeit übersehen, Menschen ausgeharrt, wenn es draußen zu brutal herging. Erst die Religionskriege des späten sechzehnten Jahrhunderts machten der Höhlen-WG den Garaus. Hugenotten hatten sich hier versteckt – doch die angreifenden Katholiken kamen diesmal mit Kanonen, und gegen diese Feuerwaffen halfen dann auch keine Grotten und Felsenrisse mehr...
Seither ist Calès ein magischer, stiller, irgendwie gruseliger Ort – und leider auch nicht ganz ungefährlich. Denn dieser Talkessel, dieses einmalige Werk aus Natur und menschlicher Tat, zerfrisst sich langsam selbst. Der Stein ist zu fragil. Pinien zwingen weit gefächerte Wurzeln in schmale Risse, dann dringt Wasser ein, im Winter sinkt die Temperatur auf dem Hügel unter den Gefrierpunkt... Schließlich donnern Felsen vom Talrand oder aus der mürben Wand zu Boden. Manchmal regnet es bloß Steinchen, ab und zu mal kommt ein Brocken herunter, so groß wie ein Haus. Zerfetzte Eichen und aufgerissene Wiesen markieren die Spuren der letzten Abgänge. Ob Steinchenregen oder Felssturz, eines ist ihnen gemeinsam: es gibt kein Warnzeichen. Kein Zittern im Boden vorher, kein Rumpeln, kein verdächtiges Knacken. Urplötzlich können zwei, drei, zehn, dreißig Tonnen zu Tal donnern, und wehe dem, der dann gerade unten steht!



Seit dem 20. März 2017 ist deshalb der Besuch der Grotten von Calès offiziell verboten. Tja. Der Weg den Wald hoch ist offen, es gibt keine Sperre, kein Schloss, keine Alarmanlage, und meistens ist auch niemand zu sehen. Wer will, kann immer noch in diesen Kessel eintauchen. Auf eigene Gefahr.
Aber betreten wir nicht jedes Paralleluniversum auf eigene Gefahr?

Mittwoch, 3. Juli 2019

Hitzewelle in der Provence


Unsere Gartenpforte gehört jetzt zur Kaste der Unberührbaren – das schmiedeeiserne Ding nämlich wird tagsüber so verdammt heiß, dass du es nicht mehr anfassen kannst. Das gilt auch für, ausgerechnet, unseren Sonnenschirmständer, den wir in einem Anfall von Wahnsinn in schwarz eloxierter Ausführung gekauft haben. Schwarz, Sonne, Scheiße, muss ich mehr sagen?



Wir haben eine Wetterstation von Météo France, die eigentlich ganz gut ist. (Außer, dass sie für den nächsten Tag grundsätzlich Regen prognostiziert, wahrscheinlich ist dieser Teil der Anlage noch auf Hamburg eingestellt...) Météo France jedenfalls hat Freitag letzter Woche unter der schattigen Pergola vierundvierzig Grad gemessen, auf dem Weg zum Haus waren's in der Sonne achtundvierzig, und nachdem man das Auto in der Stadt so richtig schön stundenlang auf dem Parkplatz gegart hat, wagte sich dessen Außentemperaturanzeige nahe an die sechzig Grad heran. Und da war noch Juni, merde, dieser Sommer fängt gerade erst an...
Hitzewelle heißt in Frankreich wunderschön la canicule – kommt von canicula, lateinisch „kleiner Hund“ - der den Griechen und uns Heutigen als Sirius bekannte Stern im Sternbild Kleiner Hund, der im Juli und August durch einen astronomischen Zufall direkt neben der Sonne aufgeht. Die Alten glaubten, dass dieser Himmelszwerg unsere Lichtquelle derart zusätzlich befeuert, dass die Sonne sich zu Höchsthitze aufschwingt, heißt ja auch bei uns „Hundstage“. Bitte nicht lachen über diesen Aberglauben: Wir haben zweitausend Jahre Fortschrittsvorsprung vor den Römern, aber trotzdem soll es ja heute Leute geben, die den Klimawandel für einen Mythos halten. So viel zum Thema Mensch und Hitze und Wissenschaft in der Geschichte.
Also, Hitze... Unsere besagte Wetterstation hat auch noch um acht Uhr abends vierzig Grad angezeigt. Was tun, wenn man selbst einen Sonnenschirm nur mit Handschuhen anfassen kann? Zunächst mal: Gar nicht unter den Sonnenschirm gehen. Einfach im Haus bleiben. Besagte abergläubische Vorfahren (wenn auch aus einem ganz anderen Jahrhundert) haben unseren alte Kasten nämlich mit dicken Steinmauern hochgezogen. Die halten kühl! Ganz ohne Klimaanlage, man muss nur geschickt lüften. D'accord, nach einer Woche canicule haben wir am frühen Nachmittag auch achtundzwanzig Grad im Erdgeschoss. Unterm Dach messe ich lieber gar nicht. Da habe ich nämlich meine Schreibstube, und zum Glück habe ich einen neuen Computer ohne Lüfter, der würde sonst da oben winseln, bis mir die Ohren klingeln. (Vermutlich wird mein ultramoderner Rechner dank ohne Lüfter demnächst vorwarnungslos an einem Hitzeschlag verrecken. Irgendetwas ist immer.)
Wir sind jetzt Kaltduscher. Wir saufen Wasser wie die Pferde. Wir trinken heißen Tee und Kaffee – wirklich, machen die Araber schon ewig, und die kennen sich mit Wüstenhitze deutlich besser aus als wir. Wir essen tonnenweise sonnensüßes Obst und frischen Salat und sonst nur wenig. Und unser Hund verwandelt sich in einen See-Hund. Eigentlich in einen Bach-Hund, er springt bei jedem Spaziergang in die Touloubre und schwimmt schlabbernd im Wasser.



Was bei uns im Garten wächst, muss täglich geflutet werden, und seltsamerweise haben wir Bäume und Oleander, die bei dieser Glut nicht etwa welken, sondern wachsen wie irre. Wir haben asiatische Hornissen, die alles attackieren, was fliegt – die gehen wahrscheinlich sogar auf die Jets vom Flughafen Marignane los. Wir haben tropische Tigermücken, die auch tagsüber stechen und grässliches tropisches Fieber übertragen – die aber so unbeweglich sind, dass du sie selbst mit hitzegelähmter Hand locker in die Ewigen Jagdgründe befördern kannst.
Apropos Ewige Jagdgründe: Neulich kreuzte ich im Wald hinterm Haus den Weg einer mindestens anderthalb Meter langen Schlange. Ich dachte, dass ist eine einheimische und mithin harmlose Art. Aber als ich näherkam, spannte sie sich und zischte böse. Ich habe es dann doch nicht ausprobiert, ob sie wirklich einheimisch und harmlos ist.
Autofahren ist auch super. Wir haben einen Elektrowagen, einen eSmart Forfour. Den bekommst du als Neuwagen in Frankreich in schwarz oder gar nicht. Ungelogen, wir wollten weiß, aber hatten keine Wahl. Normalerweise cruist man mit offenen Fenstern durch die Gegend. Jetzt aber musst du in der kleinen Kiste die Klimaanlage anwerfen – und dann schwitzt der Fahrer nicht vor Glut, sondern vor Reichweitenangst. Diese Klimaanlage frisst dir so was von Strom aus der Batterie, da würden einem die Tränen kommen, wenn man denn noch Flüssigkeit im Körper hätte.
Wenn wir dann also mit dem eSmart nach Salon-de-Provence fahren, fühlen wir uns wie Brötchen, die in den Ofen geschoben werden. Städtische Angestellte haben auf Plätzen und Straßen mobile Sprinkleranlagen aufgestellt, die Asphalt und Gehwegplatten besprühen. (Auf der zentralen Place Morgan standen früher viele schattige Laubengänge. Dann haben sie die Fläche schick und leider schattenlos saniert. Jetzt wachsen da einige bleistiftdünne Jungplatanen, die unseren Enkeln wieder Schatten spenden werden – vorausgesetzt, der von dem einen oder anderen ignorierte Klimawandel wird diese Bäumchen nicht unterwegs in verdorrte Skelette verwandeln.) Die Schwimmbäder in Salon-de-Provence verlangen keinen Eintritt mehr und sind bis in die Nacht geöffnet. Die klimaanlagengekühlten Aufenthaltsräume von Seniorenheimen stehen nun allen älteren Mitbürgern offen, damit auch die, die in überhitzten Wohnungen leben, sich runterkühlen können. Freiwillige verteilen Wasser und achten darauf, dass die ganz Jungen und ganz Alten ausreichend trinken. Das traditionelle Renaissancefest (Was das ist, steht hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2017/07/amletzten-wochenende-sind-nostradamus.html) wurde vorsorglich abgesagt.
Das ist jetzt ein Kalauer aus der zweituntersten Schublade, stimmt aber: die Leute gehen mit der Hitze ziemlich cool um.



Denn, immerhin, wir haben in der Region noch keinen einzigen Hitzetoten. 2003 war das anders, da starben die Leute (nicht nur in Frankreich) wie die Fliegen. Inzwischen hat selbst die kleinste Gemeinde Notfallpläne, und das Gesundheitsministerium schaltet Fernsehspots und Anzeigenseiten, mit denen es die Leute zum Trinken und zum Sonnenschutz auffordert. Züge und Flugzeuge verkehren regelmäßig. Unsere Straßen werden weder weich noch rissig. Wer arbeiten muss, der arbeitet auch, selbst mittags im Freien. Und auf ihre letzten Schultage haben viele Kinder gar nicht oder nur wenig hitzefrei bekommen. Es soll Länder geben, da kommen die Menschen mit einer Hitzewelle nicht so gut klar.
Hört sich das an wie Jammern auf hohem Niveau? Aber nein! Ich liebe die Hitze, ehrlich. Wenn ich am frühen Morgen durch die Hügel jogge, ist es noch frisch, doch man ahnt schon, was kommen wird – und dieses klimatische Anfeuern macht die Zikaden wahnsinnig, die wie besessen sägen. Und die kommende Hitze dampft Pinienduft aus den Bäumen, dass ich mit jedem Atemzug schwindelig werde vor Glück. Und um Mitternacht geht es ganz dekadent in den Pool. Da treibe ich im lauen Wasser, und über mir funkeln die Sterne, als wär's tatsächlich der Saharahimmel...
In diesem Sinne: einen schönen Sommer!