Freitag, 15. September 2017

In der „Gefährlichen Côte Bleue“ gibt es eine Passage, von der ich gedacht, ach was: von der ich gehofft habe, dass sie schon ein paar Monate nach Erscheinen des Romans von der Wirklichkeit überholt wird. Et voilà: Die Olympiade 2024 kommt, wie im Krimi angedeutet, in die Provence!
D'accord, die eine oder andere Randsportart soll in Paris ausgetragen werden, aber, hey, die wichtigsten Wettkämpfe finden direkt vor meiner mediterranen Haustür statt: die Segelregatten.




Jetzt ist es IOC-amtlich: die Olympischen Sommerspiele 2024 (im hiesigen Jargon: les J O) kommen, nach 100 Jahren Irrfahrt durch die Welt, zurück nach Paris. Und da man in Paris nicht so wahnsinnig gut segeln kann, und da es in der Bretagne sommers nur drei Wetterzustände gibt (Regen, Nebel, Ebbe), werden sich die Segler halt in der Bucht vor Marseille duellieren. Mistral oder Südwind, dreißig oder vierzig Grad, blaue Wellen und graue Delphine vor dem Bug! (Mais oui, es tummeln sich ein paar Hundert Flipper vor der provenzalischen Küste. Letztens waren wir mit unserer segelnden Plastiktitanic gerade mal an Port-de-Bouc vorbei, flupp, schon waren etwa zehn Tiere da. Leider spielten sie um den Bug eines anderen – schnelleren, eleganteren – Bootes und zogen schließlich mit dem von hinnen...)
Ich freue mich auf jeden Fall, und eigentlich freue ich mich doppelt. Zum ersten freue ich mich einfach so. Olympia, wow! (Soll ja Orte geben, die Olympia in einer Volksabstimmung niedergeknüppelt haben. Aber das ist halt der Unterschied zwischen Weltstadt und Nicht-Weltstadt.)


Zum anderen freue ich mich, weil die Entscheidung voll in den Karton von „Gefährliche Côte Bleue“ rappelt. Meine Krimis um Capitaine Blanc sollen, hoffe ich, nicht allein die Kochtopf-und-Weingut-Provence zelebrieren, sondern halt die Provence in ihrer Schlechthinnigkeit beschreiben, zumindest ansatzweise. Also gibt es hier eben auch, zum Beispiel, Front-National-Wähler (immerhin mindestens ein Drittel meiner Nachbarn), korrupte Politiker (gefühlt mindestens ein Drittel der Gewählten) und Aluminiumfirmen, die ihren Dreck im Meer versenken (wo ich aus juristischen Gründen Namen und Ort geändert habe, aber, beispielsweise, Abraummenge und -zusammensetzung direkt aus den entsprechenden Umweltunterlagen übernehmen konnte.)
Und es gibt Olympia.
Rund um den Étang de Berre nämlich, direkt neben Marseille, geht das Ölzeitalter rapide dem Ende zu. Raffinerien schließen, die Luft wird besser und das vormals verunstaltete Land liegt brach. Was tun? Für Immobilienentwickler (promoteur auf Französisch, reimt sich nur rein zufällig auf voleur) ist das ein Schlaraffenland am Mittelmeer: Billigste Grundstücke neben oder auf ehemaligen Raffineriegeländen. In wenigen Jahren gibt's diese Stinkekästen nicht mehr, dafür aber kreuzen die weltbesten Segler und Tausende Fans hier auf.
Zwei Millionen Segler, so schätzt Nicolas Hénard, Präsident der Fédération Française de Voile und selbst zweifacher Goldmedaillengewinner, durchpflügen Frankreichs Gewässer, und wer weiß, wieviele Millionen es weltweit sind. Noch dazu sind Yachties normalerweise nicht die Ärmsten der Armen. Viele, viele, viele von ihnen werden in den nächsten Jahren gen Marseille aufbrechen, sie werden sich auf dem zukünftigen Olympiarevier tummeln, sie werden die Küste sehen und sich sagen: ach, ganz schön hier, und vielleicht wird der eine oder andere denken, dass dies eine Alternative wäre zu einer Hütte an der Côte d'Azur...



Genau: die Spekulation wird munter blühen, die Preise werden steigen, und viele, viele Menschen werden sehr, sehr reich dabei. Und das ist genau das, was ein porschefahrender Segelfunktionär und Glücksritter in der „Gefährlichen Côte Bleue“ meinem Protagonisten prophezeit: seine Küste und Martigues werden zur zweiten Côte d'Azur. Im Krimi ist es noch nicht klar, ob Paris – und damit Marseille – den Zuschlag für les JO bekommen wird. Unser Porschefahrer beschwört Capitaine Blanc, seine Mordermittlungen so diskret wie möglich zu beenden, denn er fürchtet einen imageschädigenden Skandal mitten in der hypersensiblen Bewerbungsphase.
Das ist nun vorbei: Capitaine Blanc müsste keine Rücksichten mehr nehmen. Der Krimi hat sich, in dieser Hinsicht, bewahrheitet: die Olympischen Spiele kommen.

Und, klar, das stand auch schon in der Lokalzeitung: die Immobilienpreise rund um den Étang de Berre und die Côte Bleue ziehen bereits an...


PS: Dear American readers: You may find the blog (in German, yepp, sorry) on the book "Murderous Mistral" here:
https://provencebriefe.blogspot.fr/2014/05/esmag-vielleicht-etwas-seltsam.html

Mittwoch, 5. Juli 2017

Am letzten Wochenende sind Nostradamus und Katharina von Medici mit großem Gefolge bei uns durch Salon-de-Provence gezogen und unsere jüngste Tochter ist mitgegangen. So ungefähr. Seit einunddreißig Jahren zelebriert die Stadt – Achtung, Wortspiel für Französischlehrerinnen! - die Fêtes Renaissance (Klingt fast gleich wie, genau, Faites Renaissance! Nicht verstanden? Macht nix: Ich wäre mit meinem Schulfranzösisch da auch schon ausgestiegen, ich war kein Held. Die Übersetzung und Erläuterung überlasse ich jetzt den Französischlehrerinnen.)



Anno Domini Fünfzehnhundertschlagmichtot jedenfalls hat nämlich Katharina von Medici – Catherine de Médicis für ihre Untertanen -, die nahezu allmächtige und nicht total unblutlüsterne Königinmutter Renaissancefrankreichs, den dräuenden Zukunftsdeuter Michel de Nostredame (Nostradamus ist die Version für Lateinlehrer.) zwecks Konsultationen besucht. Nostradamus hat in Salon-de-Provence (damals Salon de Crau) gelebt, und Platz für den königmütterlichen Hofstaat gab's in der Stadt allemal: Kurz zuvor war zufällig gerade mal wieder eine Seuche durchgezogen, und da standen viele Häuser komfortablerweise leer.
Ich habe in meinem Leben schon das eine oder andere historische Buch gelesen, aber noch nie bin ich über einen Text gestolpert, in dem behauptet würde, dass dieser Salon-Besuch die Geschicke Europas, Frankreichs oder wenigstens der Provence grundstürzend geändert hätte.
Egal.



Seit 1986 – die Älteren unter den Lesern werden sich erinnern: um diese Zeit herum waren Nostradamus' Prophezeiungen plötzlich viel höher in den Bestsellerlisten, als es meine armen Provencekrimis je schaffen werden – seit 1986 jedenfalls begeht Salon-de-Provence jenen Besuch alljährlich im Sommer mit einem mehrtägigen Spektakel. (Der originale Katharina-Nostradamus-G2-Gipfel fand, nun bin ich doch genau, am 17. Oktober 1564 statt. Das aktuelle Fest wurde heuer vom 30. Juni bis 2. Juli zelebriert, aber, eh bien, im Oktober könnte es regnen, und wer will sein Fest schon mit Wassertropfen teilen? Irgendwann werden sie in der Provence noch Weihnachten in den Juli verlegen.)
Das Fest ging neunundzwanzig Jahre lang ungefähr so: Großbürgerliche, nicht ganz uneitle, nicht ganz unreiche Damen und Herren zwängten ihre Leiber in prachtvollste Renaissanceklamotten, dem Nostradamus-Darsteller wurde ein Rauschebart angeklebt und der Papst war auch jedes Jahr dabei, und dann sind diese überstolzen Großbürger in einem historischen Umzug am gaffenden Volk vorbei defiliert, hinauf ins alte Schloss der Stadt. Als hätte sich nichts geändert seit Fünfzehnhundertschlagmichtot.



Seit Salon-de-Provence jedoch einen neuen Bürgermeister hat, dürfen auch weniger Bemittelte mitgehen. (Nein, juchhu, kein Politiker vom Front National: Nicolas Isnard ist ganz bürgerlich bei den Gaullisten und war, echt wahr, Neunzehnhundertschlagmichtot DJ auf unserer Hochzeit.).
Also war unsere Jüngste mitsamt Freundinnen, diversen Müttern und einem tapferen Großvater dabei, als Bauersgirl verkleidet, wenn schon Dritter Stand, dann richtig Dritter Stand. Sie hatte Sonnenblumen und Lavendel in der Hand und Sonne im Herzen und war ungefähr schon Tage vorher rotgesichtig-aufgeregt.




Um einundzwanzig Uhr ging's los: Immer noch eine Katharina, füllig, streng, ganz in Schwarz gekleidet, immer noch ein bärtiger Nostradamus, immer noch ein oller Papst und immer noch wirklich, wirklich cool aussehende Renaissancehöflinge und -damen. Dahiner Ritter auf Rössern, höher als jeder SUV; Bauern auf Karren, die von Eseln gezogen wurden, die munter auf die Straßen kackten; akrobatische Fahnenschwenker aus Salons italienischer Partnerstadt Gubbio; Gestalten auf Stelzen, mit Flöten und Dudelsack, Mitglieder von Kostümgruppen, deren Mädels und Jungs sich denken: Renaissance = Mittelalter = Elben und Orks. Will sagen: grellbunt geschminkte, spitzohrige Darsteller, die so was von einundzwanzigstes Jahrhundert sind, das kann man sich gar nicht vorstellen, die aber mächtig Lärm und mächtig Spaß machen. Und, klar, fast zum Schluss: die Bäuerinnen.



Am Freitag- und am Samstagabend ist unsere Jüngste so durch Salon marschiert. Am Ende war sie ziemlich erschöpft, obwohl eigentlich gar nicht viel passiert ist. Als karnevalserprobter Ex-Rheinländer erwartet man ja instinktiv bei einem Umzug, zu dem sich erwachsene Menschen in irrsten Kostümen verkleiden, Kammelleregen und Bützchengewitter. Nichts da. Die Leute stehen am Gassenrand und bestaunen die prächtig Herausgeputzten, die winken freundlich zurück. Aber, hey, die Stimmung ist großartig: überall dröhnt mehr oder weniger mittelalterliche Musik zwischen den Gassen, in Buden kannst du allerlei Krimskrams kaufen (der Experte sagt: allerspätestes Mittelalter), und die Cafés, Bars und Restaurants sind voll, voller, Salon-de-Provence.
Kurz: Es hat mordsmäßig Spaß gemacht.



Mit dem Renaissance-Umzug beginnt traditionell hier der Kultursommer. In Arles hast Du die besten Fotografen der Welt zu Gast, in La Roque-d'Anthéron die besten Pianisten (siehe Provencebrief vom 20. August 2015; https://provencebriefe.blogspot.fr/2015/08/dienocturnes-von-chopin-klingen-gut.html), in Aix-en-Provence und Orange die tollsten Sänger und überhaupt gibt's Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen, dass einem Augen und Ohren übergehen. (Viele übrigens für lau.) Auch in Salon-de-Provence steht der Rest des Sommers keineswegs unter Kitschverdacht: Mitte Juli werden etwa famose Theatertruppen aus Paris und Grenoble moderne Stücke und Klassiker geben, mitten im Innenhof der Burg aus der Renaissance.

Ganz echt, das alles, und diesmal auch ganz authentisch.

Mittwoch, 17. Mai 2017

Capitaine Roger Blanc löst seinen vierten Fall: Sein Job führt ihn an die „Gefährliche Côte Bleue“, die ihm anfangs geradezu beunruhigend ruhig erscheint – und wo er am Ende beinahe sein nasses Grab findet. Der Flic aus dem Norden und sein Kollege Marius Tonon sollen eigentlich bloß auf ein Schiff der Regierung aufpassen, das Froschmänner zu einem geheimen Einsatz auf das Mittelmeer bringt. Es ist Oktober, die Luft schmeckt nach Pinien, im klaren Wasser glitzern seltsame Fische und das Leben ist schön. Doch plötzlich treibt ein unbekannter Taucher in den Wellen, eine Harpune steckt in seinem Kopf...



Voilà, die Côte Bleue ist, jetzt mal extrem unseemännisch formuliert, die Küste links und rechts vom Städtchen Sausset-les-Pins, auf halber Strecke zwischen Camargue und Marseille. Ehrlich gesagt wusste ich lange nicht, ob ich eine Leiche ausgerechnet dort an Capitaine Blanc vorbeitreiben lassen will. Denn einerseits ist dieser von kleinen, steilen Felsbuchten zerfurchte, von Pinien bekrönte, tiefmeerblauumspülte Saum der Provence eine fantastisch schöne Ecke auf dem Globus. Andererseits ist dieser von kleinen, steilen Felsbuchten zerfurchte, von Pinien bekrönte, tiefmeerblauumspülte Saum der Provence eine fantastisch schöne Ecke auf dem Globus.
Kein Tippfehler – sondern mein Autoren-Dilemma.



Ich war vor achtundzwanzig Jahren das erste Mal in den Calanques, so heißen die karstigen Buchten hier, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Berühmter als die Calanques der Côte Bleue sind übrigens die Calanques östlich von Marseille, vom gleichnamigen Nationalpark, der bei Cassis beginnt und sich ein gutes Stück weit Richtung Côte d'Azur hinüberwölbt.
Seither sind wir ständig an der Côte Bleue. In Sommern, in denen es nachts um ein Uhr noch einunddreißig Grad heiß ist, in denen tagsüber gefühlt eine Millionen Zikaden zwischen Piniennadeln sägen und du am Tag und in der Nacht vor Hitze und Lärm kein Auge zumachen kannst. Im Winter, wenn sich der Nachmittag des 1. Januar so licht und mild anfühlt wie ein Frühsommertag und tatsächlich einige Unerschrockene ins Meer springen. Oder, zum Beispiel, im Oktober, wenn selbst empfindsamere Naturen noch durchs badewannenwarme Wasser plantschen und die Temperaturen der Luft bei kreislaufunanstrengenden Mittzwanzigergraden liegen.
Das aber war genau mein Dilemma: Einerseits ist die Côte Bleue ein großartiges Setting, um Capitaine Blanc Verbrecher jagen zu lassen. Andererseits, nun ja, schreit der kleine Egoist in mir: „Kein Wort über die Côte Bleue! Mach diese Küste nicht bekannt! Lass sie im Windschatten der allgemeinen Aufmerksamkeit!“ Am Ende fand ich diesen Kosmos aus Felsen und Meer aber doch einfach zu schön – und zu bedroht, leider. Also musste mein interner Egoist tapfer sein, und ich habe Capitaine Blanc auf eine lange Reise durch Licht und Finsternis geschickt.



Denn es geht um Wracktaucher, die antike Schätze aus dem Meer holen, die sie gar nicht einmal anrühren dürften. Um Fischer, die für ihre Existenz kämpfen. Um Politiker, die absurd hohe Hoffnungen in die, doch, doch, Olympischen Spiele setzen, deren Wettkämpfe hier stattfinden sollen. Und es geht um einen alten, schrecklichen und unfassbarerweise immer noch aktuellen und sehr, sehr realen Skandal. D'accord, keine Spoiler hier und also nichts mehr zum Inhalt.

Roger Blanc entdeckt, das darf ich denn doch verraten, die Côte Bleue an eben einem spätsommerlichen Oktobertag und er verliebt sich sofort in sie, ohne dass er sich das zugeben will. Er riskiert seinen Hals oder zumindest seinen Mageninhalt auf den achterbahnähnlichen Serpentinen, den beinahe einzigen nicht-maritimen Zufahrtswegen zu diesem Paradies. Er lernt Mangetout schmecken. (Was das ist? Kann man googeln oder selber angeln oder an der Côte Bleue in einem bestimmten Restaurant im Dutzend verschlingen.) Und er stolpert in einem Hafen zufällig über ein winziges, halb abgewracktes und mehr oder weniger kapitänloses Segelboot, das nur ein Wahnsinniger kaufen würde. Eh bien, le Capitaine Roger Blanc...
Mit diesem Seelenverkäufer verlassen Blanc und Tonon den sicheren Hafen zu einem Duell auf Leben und Tod vor der provenzalischen Küste, während ein apokalyptisches Gewitter heranrollt. Die Calanque des Roches Sanglantes wird zur Arena für diesen Showdown – und DIESE Calanque findet niemand auf Google Maps. Der Name ist erfunden, um über eine ganz bestimmte Stelle dieser tollen Küste denn doch den Schleier der Diskretion zu ziehen.

Am Ende ist der lange mediterrane Sommer vorüber. Und Roger Blanc fängt im heraufziehenden Herbst mit etwas an, das auch die Pflanzen im heraufziehenden Herbst hier tun: Er schlägt, endlich, Wurzeln in der Provence.

Das ist ja auch schon anderen vor ihm so ergangen. In diesem Sinne...







Donnerstag, 27. April 2017

In der Provence sind auch einige richtig häßliche Flecken verborgen. Die kann man weitläufig meiden – oder man verliebt sich in sie. Der Étang de Berre, zum Beispiel, ist so ein häßlicher Fleck. Und ich, zum Beispiel, bin einer von den Typen, die diesen häßlichen Flecken trotzdem fantastisch finden.



Der Étang de Berre zwischen Marseille und der Camargue ist der größte Brackwassersee Europas. „Brackwasser“, das klingt schon mal scheiße. Tatsächlich ist das ein See, oder eine geschützte Bucht oder was auch immer, gespeist vom Mittelmeer sowie von der Durance, dem zweitgrößten Fluss Südfrankreichs (und von einigen Bächen dazu). Von Nord nach Süd ist der Étang ungefähr zwanzig Kilometer lang, die West-Ost-Ausdehnung beträgt gut sechzehn Kilometer, fast überall ist er zwischen zwei und sechs Meter tief – eine ziemlich große, ziemlich flache Scheibe Wasser also.
Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Étang de Berre ein in der Alten Welt wohl einzigartiges Biotop, eine Art freiere Variante der Camargue: mehr Wasser, mehr Luft, noch mehr Licht. An die feuchte Umgebung hatten sich zahllose Fische, Muscheln und Vögel angepasst. Flamingos segelten über den Spiegel der Wellen. Schilfgürtel säumten die Ufer, so dass man kaum sagen mochte, wo das Land aufhörte und das Wasser begann. Ein paar pinienbekrönte Hügelketten, kaum eine Kuppe höher als einhundert Meter, schützten diese Welt vor den ärgsten Exzessen des Mistral. Der Meereszugang bei Martiuges wiederum war so eng, dass sich auch Wellen und andere Unbilden des Ozeans hier nur in homöopathischen Größen bemerkbar machten.



Dann wurde der Étang de Berre geopfert, sehenden Auges und kalten Herzens.

Planer der Regierung – in Frankreich ist die Regierung traditionell der wichtigste Player in der dann doch nicht ganz so freien Marktwirtschaft – haben das Biotop, zumindest dessen südliche Hälfte, in den sechziger und siebziger Jahren gnadenlos umgepflügt. Bei Marignane wurde, zum Beispiel, der Flughafen Marseille-Provence wortwörtlich ins flache Wasser hineingesetzt. Nebenan wuchsen die Werkshallen von Airbus Helicopter hoch (Ex-Eurocopter), dem größten Hubschrauberhersteller der Welt. Um Berre, La Fare und Martigues legte sich ein, wortwörtlich, erstickender Ring ultrahäßlicher und teilweise ultragefährlicher Raffinerien. Und zwischen Flughafen und Industrien breitete sich eine Gewerbesteppe aus Tankstellen, ramschigen Baumärkten und drittklassigen Diskotheken aus.
Folge: Die Luft war zum Kotzen, das Wasser auch und in Reiseführern wurde der Étang de Berre entweder ignoriert oder ähnlich freundlich beschrieben wie Seveso und Bophal.

Die nördliche Hälfte jedoch ist nie angetastet worden. Hier ist der Étang eine Welt der unterarmgroßen Fische geblieben, die, warum auch immer, aus dem Wasser springen und sich klatschend zurückfallen lassen. Eine Welt, in der Miesmuscheln wuchern, in der drei, vier Meter hohe Schilfwälder rauschen und Pinien duften, in der Schwäne und Enten brüten und in der die Menschen bloß bescheidene Plätze einnehmen: Miramas-le-Vieux etwa ist eine mittelalterliche Ruinenstadt, die von einigen Restaurantbetreibern, Galeristen und einem genialen Eiscafé erobert worden ist. Neben Istres hängen versteckte Villen an der steilen Küste, als wäre das die Côte d'Azur vor der Erfindung des Massentourismus. Und Saint Chamas ist ein sympathisch-schredderiger Fischerort geblieben, in dessen kleinem Yachthafen ein schredderiger Segler dümpelt – mit dem ich gerne in, nun ja, hohe See steche.



Seit ungefähr zwanzig Jahren kämpfen Naturschützer und Lokalpolitiker zäh um diese 15500 Hektar malträtiertes Feuchtbiotop. Und langsam, ganz langsam, scheinen sie diesen Kampf tatsächlich zu gewinnen. Ihre besten Verbündeten sind ... Wirtschaftskrise und Olympia.
In der Wirtschaftskrise seit 2007ff. sind beispielsweise die Raffinerien implodiert. Ungefähr die Hälfte hat schon dichtgemacht, oft sind Tanks und Rohrleitungen und der ganze Schmu bereits restlos demontiert worden.
Und zugleich bewirbt sich Paris als Austragungsort für die Olympischen Spiele. Sollte die Kapitale tatsächlich den Zuschlag erhalten – dann wird der Étang de Berre Olympiarevier, für manche Segler und Ruderer und andere Wassersportler nämlich. Und nun pumpen Planer in Paris, die einst diese Welt zerlegten, Geld und Knowhow hinein, um sie wieder zusammenzuflicken.
Inzwischen ist das Wasser im Étang de Berre unfassbarerweise schon wieder sauberer als vor vielen Badestränden des Mittelmeeres. Es ist ein Riesenspaß, mit meinem Seelenverkäufer bis in Sicht- und Duftweite einiger Pinien zu segeln, dort den Anker zu werfen und in die Wellen zu springen. Es ist ein Riesenspaß, in Miramas-le-Vieux ein Rieseneis zu schlabbern und dabei der Sonne über der silbrigen Seescheibe beim Untergehen zuzusehen. Es ist ein Riesenspaß, am Samstagmorgen über den Markt von Saint Chamas zu schlendern, wo ich von eingelegten gewürzten Oliven bis zu antiquarischen Krimis fast den ganzen Grundbedarf meines Metabolismus decken kann.




Und, hey, es ist ein Riesenspaß, im Boot ganz still über den Étang de Berre zu gleiten und plötzlich schießen einige lachsfarbene Pfeile über deinen Kopf dahin: Flamingos, die wieder in eleganter Formation über die Welle fliegen, als hätte sie hier nie irgendetwas gestört.


P.S.: Inzwischen hat das Internationale Olympische Komitee Paris den Zuschlag gegeben! Und Los Angeles auch! Äh, tja, jetzt muss sich bloß noch entscheiden, ob der Étang de Berre in sieben oder in elf Jahren Segler, Surfer und Ruderer auf seinen sanften Wellen trägt. Tragen wird er sie...
http://www.lemonde.fr/sport/article/2017/07/12/jo-2024-paris-et-los-angeles-vont-devoir-s-entendre_5159451_3242.html

Donnerstag, 30. März 2017

Ein Rosmarin wächst bei uns im Garten. Der Strauch hat sich mehr oder weniger selbst bei uns zum Dauergast gemacht, vielleicht haben ihn seine Kollegen wegen Überfüllung aus dem nahen Wald gekickt – das zähe Zeug wuchert nämlich überall. Inzwischen ist unser Gartengenosse fast schon zwei Meter hoch und genauso ausladend. Im Moment geht in seinem würzig duftenden Gesträuch die Party ab: Bienen, Hummeln, Wespen und irgendwelche daumennagelgroßen schwarzen Brummer undefinierbarer Abkunft balgen sich summend und tanzend um die tausend Blüten.
Dabei müssten sie sich gar keinen Stress machen, die Auswahl wird nämlich Tag für Tag größer.



Frühling in der Provence, das bedeutet: Du gehst an einem Tag durch die Landschaft und freust dich mal wieder, dass der Winter so mild ist. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint sanft und auf Wald und Wiese ist nichts los.
Und am nächsten Tag ist alles bunt.
Unfassbar, gerade noch war da nichts, auf einmal sind die Baumkronen grün. Kirschen und Pfirsiche und Aprikosen blühen weiß und rosa und rot und violett und überhaupt so verrückt, dass man das lieber nicht malen will, aus Angst, für einen Kitschkünstler gehalten zu werden. Die Iris stülpt sich lila aus dem Boden, Fenchel und Ginster blühen bald, an den Zypressen hängen die Früchte und auf den Wiesen in feuchteren Niederungen stehen eine Millionen Gänseblümchen stramm.



Das ist der März und das wird – mit Oleander und Distel, Kerbel und Thymian, Mohn und, klar doch, Lavendel (und noch vielen anderen Pflanzen) – in allen Farben, Größen und Duftnoten so weiterwuchern bis zum November.
Erst wenn man diese Frühjahrsexplosion ein paar Mal erlebt hat, schärfen sich die Sinne. Erst dann lässt man sich weniger leicht überwältigen von der schieren Pracht, die scheinbar über Nacht erblüht. Denn tatsächlich beginnt der Frühling hier im Februar und zur Hölle mit dem Frühlingsanfang am 20. März.


Da leuchtet zum Beispiel der Mandelbaum schon sehr früh in zartestem Rosa. Ursprünglich wuchsen mal Tausende Bäume in der Provence. Irgendwann hat es sich wirtschaftlich nicht mehr gelohnt, die Nüsse zu ernten, die wunderschönen Bäume mussten gewinnorientierteren Pflanzen weichen. Erst seit wenigen Jahren erlebt die Mandel eine Renaissance. Aktivisten pflanzen ganze Wälder neu, etwa am Südrand der Alpilles, nahe bei Les Baux. (Du willst ein tolles Fotomotiv? Fünf, sechs, sieben Kilometer vor Les Baux im Februar – eine weite Senke, blühende Mandelbäume, im Hintergrund die schroffe, weißgraue Felsenklippe mit der archaischen Burgruine. Mal was anderes als der ewige Lavendel, der sowieso erst richtig im Juli oder August blüht.)
So richtig viele Bäume gibt es bei uns, ein paar Kilometer weiter südlich, noch nicht wieder, leider. Ein tapferer Mandelbaum immerhin aber steht zwischen versteckten Weinstöcken im Wald. Der Wein wird zum Winter hin kurz geschnitten, der Boden ist frei geharkt, das Ganze sieht schön holzig-braun und winterig aus. Ich jogge da öfter vorüber und denke mir nichts bei – bis plötzlich, mitten im tristen Wein, eine rosafarbene Wolke aufleuchtet. Der Mandelbaum steht ganz allein da und er blüht schon und es ist Februar und ich weiß, der Winter ist vorüber.



Ein anderer früher Frühlingsbote ist, genau, der Rosmarin. Im Gartenhandbuch steht, Rosmarin würde „ganzjährig blühen“. Hm. Unser Kumpel fängt im Februar damit an. Ros marinus haben ihn die Alten genannt, „Meertau“. Im Lexikon liest man dazu, das kommt, weil er rund um das Mittelmeer wächst und weil sich in seinem feinem Gehölz morgens der Tau fängt.
Der eine oder andere Eingeborene hier sagt, dass der Name „Meertau“ eigentlich aus dem Mittelalter stammt und das der „Tau“ eigentlich „taufrisch“ bedeuten soll und dass damit eigentlich gemeint ist, dass man ewig jung bleibt, wenn man nur genug Rosmarin isst. (Er zählt in der Tat zu den „Kräutern der Provence“, aber, hey, riesige Mengen würde ich davon nicht auf einmal vertilgen. Muss aber jeder selbst für sich herausschmecken.)

Wie auch immer: Auch der Rosmarin blüht im Februar. Und er duftet wie irre. Und er wimmelt von emsigem Insektenleben. Und der Frühling ist da und das Jahr wird schön.

Montag, 27. Februar 2017

Essen in Frankreich, ahhh! Bei der Grande Nation ist vielleicht die Grandeur ein ganz klein wenig geschrumpft: Die Force de Frappe schützt irgendwie nicht gegen Angriffe, Camus und Sartre sind schon lange tot, Citroën baut keine göttlichen Limousinen mehr und es gab in Paris auch schon mal weniger Politiker, die Ärger mit der Justiz hatten. Aber, bon appétit, die Grande Nation bleibt eine Grande Cuisine.
Bocuse und Co. bleiben die weißbekittelten Götter im Pantheon, der Guide Michelin ist ihr Messbuch und Dutzende hochopulente Rezeptschmöker verkünden immer aufs Neue die Heiligenlegenden aus den Fresstempeln der Republik. Wenn in französischen Filmen nicht gerade nackte Menschen aufeinander liegen, dann sitzen sie beisammen und reißen entweder Witze über nordfranzösische Mundart oder philosophieren hochvage und melodramatisch herum – auf jeden Fall aber schaufeln sie beim Reden noch Unmengen an Köstlichkeiten und Kalorien in sich hinein. Stimmt das Klischee?
Klar.



Selbstverständlich gibt es auch bei uns McDoof und Würger King und schreckliches Übergewicht. Doch das gepflegte Essen – also vor allem und eigentlich das Abendessen – bleibt der Angelpunkt so ziemlich jeder französisch-menschlichen Beziehung. Schon Oberstufenschüler und Studenten kochen irgendetwas zusammen oder hocken stundenlang im Bistrot. Und danach geht es so weiter, immer weiter, und wenn du hochbetagt und schwerdement fast alles vergessen hast, dann ist das (betreute) Essen immer noch irgendwie wichtig. Ich habe die Statistiken gerade nicht zur Hand (ihre genauen Zahlen sind auch eigentlich nicht so bedeutsam), aber der Durchschnittsfranzose verbringt viel mehr Zeit mit dem und gibt ein viel größeres Budget für das Essen aus als sein Gevatter auf der anderen Seite des Rheins.

Nur: Gastro-Porn ist das nicht. Es soll Frankreichkrimis geben, die zur Hälfte aus Rezepten bestehen. Und manche Freunde besuchen uns in der Küche mit Notizheft und Kamera, im festen Willen, die berühmten köstlichen Rezepte mit zu stenografieren und zu fotografieren. Welche Enttäuschung dann, denn das Kochen ... „passiert einfach so.“
Treffen sich ein paar Freunde, dann bringt jeder etwas mit. Danach stellt man sich in die Küche, schwatzt und lacht und panscht die Sachen zusammen – nach Gefühl oder zumindest ohne großes Nachdenken, weil man das, siehe oben, ja halt schon seit Kindheitstagen gemacht hat. Beim Hin- und Hergehen greift man sich Teller oder Gläser und plötzlich ist auch der Tisch gedeckt. Und irgendwie ist der Wein geöffnet worden und irgendwann fängt es an und dann hört es einfach nicht mehr auf. Kein Mensch guckt in ein Kochbuch (oder stellt gar einen iPad auf den Eichentisch), höchstens hat der eine Kumpel einen Trick drauf, den sich die anderen dann angucken und für den Rest ihrer Tage behalten werden.
Beinahe von alleine duften dann Bouillabaisse oder Soupe au Pistou oder Gardianne de Taureau oder Aïoli durchs Haus. Und da die Mittelmeeranrainer nicht weit sind und die Provence seit jeher Einwandererland ist, gehören Couscous und Merguez und Paëlla längst auch zu unseren Nationalgerichten.




Es ist auch weder schwer noch teuer noch romantisch, an die Zutaten zu kommen. Die wundertätigen „Kräuter der Provence“ wachsen gratis und in unfassbaren Mengen im Wald direkt hinterm Haus, der Winzer ist beinahe ein Nachbar, die Olivenölkooperative ist nicht weit, Gemüse und Eier gibt's beim Bauern oder auf dem Markt, und das Lammfleisch kaufen wir bei Eltern aus der Klasse unserer Jüngsten, denn Schäfer ist hier so ein Allerweltsjob wie Journalist in Hamburg.
Dann wird getafelt und getafelt und getafelt. Denn vom Apéritif bis zum Dessert – stets wird mehr aufgetragen, als auch der gutwilligste und dehnungsfähigste Bauch aufnehmen könnte. Macht nichts: Die Reste werden einfach am nächsten Tag gegessen, und manche – etwa die Soupe au Pistou – schmecken beim Aufwärmen noch etwas köstlicher als beim ersten Kochen.
Und irgendwann ist es spät und selbst die Zikaden haben aufgehört zu Sägen und alle philosophischen Fragen sind geklärt und alle Lacher sind gelacht und alle sind erschöpft und eigentlich bleibt nur noch eine einzige Frage zu klären.

Bei wem essen wir das nächste Mal?

Freitag, 20. Januar 2017

Niolon ist ein winziges Fischerdorf an der Côte Bleue, ein Paradies für Segler, Schnorchler, Wanderer, Kletterer – und die Jungs und Mädels vom Bund der Steuerzahler.




Steuereintreiber arbeiten im zweitältesten Gewerbe der Welt, und wahrscheinlich werden selbst im ältesten Gewerbe die Einnahmen nicht so üppig verschwendet wie die Steuergelder. Und Niolon nun, jenes verlorene Kaff im Windschatten von Marseille, bietet ein besonders grandioses, wahnwitziges und heute fantastisch malerisches Beispiel dafür, wie ein Staat, nein, wie gleich zwei Staaten in zwei Jahrhunderten mal so richtig, richtig viel Geld für nichts verbrennen konnten.
Die Côte Bleue ist, Nautiker und Geographen mögen mir diese gröbste Vereinfachung nachsehen, jener doppelt geschwungene, einige Dutzend Kilometer lange Küstenbogen zwischen Marseille und dem Saum der Camargue. Felsen, so rau, dass sie beim Klettern die Hände aufreißen, wachsen hier fünfzig, hundert Meter aus dem Mittelmeer, werfen sich zu Steilküsten auf, falten sich in schmalste Buchten zusammen, rollen kilometerweit landeinwärts und haben dabei die Garrigue als Kopftuch übergezogen, ein karger Stoff aus Gesträuch und ein paar zähen Pinien. Kein Boden für Getreide oder Wein, nicht einmal Olivenbäume fressen sich in diesen Grund. Kaum Trassen für Wege oder gar Straßen. Kaum ein Flecken ebenes Grundstück, auf dem man wenigstens eine Hütte errichten könnte.
So ist die Côte Bleue Jahrhunderte lang eine Art Mecklenburg-Vorpommern der Provence gewesen: karg und leer und arm und unbedeutend und ganz am Rand gelegen. Ein paar Fischer haben sich in Buchten wie der von Niolon niedergelassen, die mit flachen kleinen Booten sehr gut, sonst aber so gut wie gar nicht zu erreichen waren. Die Côte Bleue war eine Steppe, eingeklemmt zwischen Mittelmeer und Provence.
Dann kamen die Preußen.

Das heißt: die Preußen kamen nicht. Aber sie hätten kommen können. Oder sie hätten kommen können wollen. Oder statt der Preußen hätten andere kommen können wollen. Oder ... putain, die Geschichte ist kompliziert, geht aber im Prinzip so: 1871 verliert Frankreich den Krieg gegen Preußen-Deutschland. Bismarck und Wilhelm I. im Spiegelsaal zu Versailles, Katzenjammer in Paris. So eine Schlappe sollte nie, nie, nie wieder vorkommen. Die Lösung? Festungen!
Nach 1871 hat sich die Dritte Republik einen Panzer aus Bunkern und Forts umgeschnallt, moderne Burgen aus Beton und Stein, gespickt mit MG-Stellungen und großkalibrigen Kanonen, aber, wie einstens zur Ritterzeit, noch immer geschützt mit Mauern und Gräben. In Verdun, zum Beispiel, sind dann tatsächlich im nächsten Krieg beim Ringen um eben jene Festungen Zehntausende verblutet.



Aber an der Côte Bleue? Mais oui! Marseille ist eine große Stadt, ein bedeutender Hafen. Da mag ein Feind herangerauscht kommen. Aber sollte Monsieur Bismarck mit seinen Pickelhauben zukünftig über das Mittelmeer wandeln, dann aber, ja dann!, dann wird man ihn mit einem Feuerwerk empfangen...
Und so haben Pioniere, Ingenieure, Arbeiter westlich und östlich von Marseille - und auf den Inseln mitten in der Bucht auch noch dazu - im späten 19. Jahrhundert Forts auf die Felskuppen gepflanzt. Und kaum eines war so mächtig wie das hundert Meter über eben jenem verschlafenen Fischerdorf Niolon. Eine Batterie mit sechs panzerbrechenden Geschützen, Laufgräben, Munitionskammern, Schlafsäle, Küchen, türkische Toiletten und Offiziersmessen, alles wurde binnen weniger Jahre in der Garrigue errichtet, mit Granaten und Vorräten bestückt, mit Uniformierten bemannt.
Allein, welche Überraschung: Die Preußen haben bei ihren verdammten Kriegen niemals den Umweg übers Mittelmeer genommen...
Keinen Schuss hat die mit solchen unendlichen Mühen und mit wahrscheinlich beinahe unendlich viel Steuergeldern errichtete Festung von Niolon je auf einen Feind abgegeben, nicht einmal einen lächerlichen kleinen Warnschuss. Nichts, rien, es hat sich niemals ein Feind in diese Ecke verirrt.

Oder besser: Irgendwann hat sich der Feind denn doch verirrt, aber er kam leider aus einer Richtung, in die man die schweren Geschütze gar nicht hätte schwenken können. Der Feind kam nämlich vom Norden her durch die Büsche spaziert, statt in die Bucht hinein zu dampfen und sich dort gefälligst versenken zu lassen.
Im Zweiten Weltkrieg ist die Wehrmacht bekanntlich ganz konventionell über Land ins Land gekommen. (Warum gibt es in Frankreich so viele Alleen? Damit die deutschen Truppen im Schatten marschieren können.) Doch als die Stahlhelme – nach einer gewissen Schamfrist wegen des Vichy-Regimes – Südfrankreich schließlich besetzt hatten, da haben sie, jawoll, 1942ff. auf die alte und inzwischen technisch überholte Festung von Niolon einfach neue Bunker draufgesetzt. Wortwörtlich. Die Wehrmacht hat Betondächer auf das alte Fort gegossen, schwer gepanzerte Stellungen kurzerhand ein Stockwerk auf die alten Strukturen gesetzt und über die Stahlringe, auf denen sich die französischen, nun obsoleten Geschütze drehten, neue Stahlringe gelegt, in denen sich die deutschen Geschütze drehten.
Und niemals schossen.
Denn, tja, 1944 kam zwar der Feind, aber irgendwie kam er nicht übers Meer, das heißt, eigentlich kamen die Alliierten schon auch über das Mittelmeer, aber irgendwie nicht schussfertig, auf jeden Fall nicht so, dass von Niolon aus das Feuer hätte eröffnet werden können, sollen, müssen und, hach, die Geschichte ist halt kompliziert.
Seither jedenfalls erhebt sich auf einem malerischen Felsen inmitten der malerischen Garrigue hoch über der malerischen Bucht von Marseille und dem malerischen Fischerdorf Niolon eine, na ja, immerhin bemalte Kriegsruine. Für den Aufbau der Festung war Steuergeld da, für den Abbau niemals. Seit Jahrzehnten nun modert und bröckelt das Fort von Niolon vor sich hin, ein Paradies für Graffiti-Sprayer und Leute, die gerne am Lagerfeuer sitzen und Bier trinken. Eine Ruine von Größenwahn und Paranoia aus jener finsteren Epoche, wegen der man danach die Europäische Union erfunden hat. (Wird heute gerne wieder vergessen.)



Diesen Winter sind wir, eher zufällig, innerhalb von ein paar Tagen gleich zweimal dorthin gestiegen. Von Niolons Hafen geht es einen wadenbeißend steilen Weg hinauf, durch die Garrigue ist es länger und entspannter. Der Mistral hat sich so sehr ausgetobt, dass uns die Tränen kamen. Das Fort ist eingefallen, gelinde überwuchert, meistens reichlich verlassen. Kein Museum, kein Denkmal, einfach ein paar Trümmer, die in der Landschaft herumstehen. Mauer und Graben erfüllen noch immer ganz gut ihren Zweck – man kommt in den verdammten Klotz gar nicht so einfach hinein.
(Verraten Sie nicht, dass Sie es von mir haben: Es liegen, warum auch immer, ein paar verbogene, längst vergessene Absperrgitter vor dem Fort. An einer Stelle in der Marseille zugewandten Seite hat der Zahn der Zeit bereits eine Bresche in die Mauer genagt. Da legt man die Absperrgitter hochkant an und klettert über diese nicht hundertprozentig sichere, improvisierte Leiter hinein. Im Innern ist auch nichts kindergesichert: Manche Räume sind düster, andernorts sind die Böden stellenweise eingebrochen und niemand kann garantieren, dass die von der salzhaltigen Luft zerfressenen Betondecken über Ihrem Kopf ewig halten werden...)
Eine Betontreppe hat uns denn auch bis zur allerhöchsten Stellung geführt, dem deutschen Bunker auf dem französischen Bunker. Die Treppe war nach all den Jahrzehnten noch erstaunlich in Ordnung, nur leider sehr schmal und dem leider mit etwa hundert Stundenkilometer wehenden Mistral voll ausgesetzt. Und irgendwie hatten die deutschen Pioniere es seinerzeit nicht für nötig gehalten, ein Geländer an die Stufen zu schrauben. So mussten wir, um nicht in die Tiefe geblasen zu werden wie lästige Staubflocken, auf allen Vieren über die Treppe hochkriechen.




Et voilà! Irgendwann zahlt sich jede Steuerverschwendung aus, wird jede Festung zur Idylle und jeder Wahntraum zum genialen Standpunkt. Von Niolons Fort schweift der Blick des unerschrockenen Besuchers nämlich auf die Bucht, ein Blick, wie ihn früher nur ein paar Kanoniere gehabt haben: Das Meer ist so blau, dass man schreien möchte vor Glück, der Wind schickt silberne Wellen über das Wasser, der freigewaschene Himmel lässt einen wieder an Gott glauben und am Horizont leuchtet Marseille.