Mit Zaz auf einer mittelalterlichen Burg ein paar Lieder zu singen – das ist doch eine gute Art, in den Sommer zu starten. Zumindest meiner Frau und mir und ungefähr zweitausend weiteren Leuten hat’s gefallen. Es war nämlich so: Zaz, Frankreichs markanteste Stimme, trat gestern im Château de l’Emperi in Salon-de-Provence auf. Also, nicht „in der Burg“ im Sinne vom „im Rittersaal“, sondern im Sinne von Open Air: Zwischen zwei zinnenbekrönten Mauern, zwei massiven Toren, im Schatten eines gewaltigen Donjons. Das ist doch schon mal ein schöneres Setting als eine Mehrzweckhalle in Kleindingenskirchen.
Ich glaube, ich habe das schon mal irgendwo erwähnt: Das Tolle am Sommer im Midi ist, dass sich hier Stars aller Fakultäten das Mikro in die Hand geben. Hier gibt es einen richtig guten Sommer, richtig gutes Essen (der Rosé ist auch richtig gut) und richtig gute antike und mittelalterliche Trümmer, die sich zu richtig guten Bühnen umbauen lassen. Also kannst du zwischen Theater- und Klavierfestivals wählen, zwischen Rock und Rap, Literatur und Fotografie. Du kannst jeden Tag nach dem Strand eine großartige Ausstellung, ein fabelhaftes Konzert besuchen. (Eh bien, falls Du rechtzeitig Karten reserviert hast. Selbst wenn in Trumpistan Fußball gespielt wird – und das französische Team übrigens ein klein wenig besser spielt als La Mannschaft -, so sind doch praktisch alle Spektakel ausverkauft. Merke: Der kluge Fan reserviert im Winter für den Sommer.)
Zaz also. Meine Liebste und ich hatten sie vor vierzehn Jahren in Hamburg gesehen, da zündete bei ihrer Karriere gerade der Nachbrenner. Sonst muss ich nicht viel über sie sagen, oder? Zaz ist halt eine Rampensau: Stimme, Stimmung, tolle Musiker, und sie strahlt so viel positive Strahlung aus wie ein Ein-Frau-Gute-Laune-Kraftwerk. (Meine Lieblingsszene: Am Rand der Bühne stand ein wirklich, wirklich bulliger Security-Mann mit kahlrasiertem Schädel. Der hat natürlich ins Publikum geblickt, nicht zur Sängerin hin, denn man weiß ja nie. Zaz wirbelt über die Bühne, singt von Liebe und Freude – und schmatzt dem Schwarzenegger spontan einen Kuss auf die Platte. Der hätte auch nicht gedacht, dass er mal von Zaz geküsst wird, wurde dunkelrot, sah aber für den Rest des Konzerts ziemlich zufrieden drein.)

Natürlich wäre der Süden nicht der Süden, wenn alles geklappt hätte. Das Konzert wurde von 21 auf 20 Uhr vorverlegt, weil die Sängerin am nächsten Tag eine weite Fahrt zum Folgeauftrittt vor sich hatte. Das wurde zwar Wochen vorher bereits allen Ticketinhabern per Mail gemeldet, das kam in der Zeitung, im Netz, im was-weiß-ich-wo-noch, aber, hey, was interessiert das einen echten Provenzalen? Ungefähr 1950 Fans kamen pünktlich, aber 50 Nasen trudelten erst ein, als der Zaz-TGV schon richtig Fahrt aufgenommen hatte.
Außerdem war die Provence in diesem Frühsommer, ich glaube, das überrascht auch niemanden hier, schon flauschige 40 Grad warm. Doch genau am Tag des Konzerts fing der Mistral an. Die Böen haben um die Zinnen gezischt, die Riesenflagge auf dem Donjon sah aus, als würde sie gleich gen Mittelmeer davonfliegen. Zaz hatte ein Mikro und hochhausgroße Boxen. Doch wenn du im Publikum mitgesungen hast, dann hat es dir die Worte von den Lippen geweht.
Hat aber die Stimmung irgendwie noch einmal gehoben, denn wer lässt sich schon von einem bisschen Wind umblasen? In diesem Sinne: Einen schönen Sommer!
Ach, das noch: Unser erstes Zaz Konzert (auch Open Air): Hamburg – Sommer – Sturzregen. Zweites Konzert: Provence – Sommer – Mistral. Klischees sind Klischees, weil sie mehr als manchmal wahr sind.



















