Montag, 10. August 2020

Feuer an der Cote Bleue bei Méjean

 

Manchmal öffnen sich die Pforten der Hölle, und Du erkennst es zunächst nicht, weil das Inferno aussieht wie die missglückte Bemühung eines überengagierten Hobbykochs am Holzkohlegrill. So zumindest erging es neulich uns: Wir liegen in einer Bucht von Méjean an der Côte Bleue (siehe hierzu auch: https://provencebriefe.blogspot.com/2019/04/jedervernunftige-mensch-zogert.html). Ein Augusttag, eigentlich heiß, doch der Mistral tobt in Böen bis zu knapp hundert Stundenkilometern und bläst den Himmel frei. Frei?




Am Nachmittag zieht von rechts, also von Norden kommend, eine hellgraue Wolke parallel zum Horizont. Man könnte sie für eine winzige Regenfront halten oder für Dunst, der aus dem Meer aufwallt. Doch der Mistral zerzaust eigentlich Regenwolken und Dunst in, nun ja, Windeseile. Dieser Wolkenstrich jedoch bleibt einfach über dem Horizont stehen, verweht sich schon bis zu den Inseln in der Bucht von Marseille.

Das heißt: Nein, der Mistral bläst diese Wolken schon fort, doch es quellen immer neue und noch mehr neue auf... Spätestens jetzt weiß jeder Provenzale, was das bedeutet: Putain, es brennt irgendwo. Und zwar nicht zu knapp.




Wir eilen von der Bucht hoch zum Ferienhaus von Freunden. Da haben wir einen besseren Blick – und außerdem kann man von einem Haus aus leichter evakuiert werden als aus einer engen Calanque zwischen hohen Felswänden. Inzwischen ist die Rauchfahne schmutzig-braun, hunderte Meter hoch, Kilometer weit. Die Frachter und Korsikafähren auf dem Meer wirken in ihrem Schatten wie Insekten, die unter eine Decke kriechen. Die tiefstehende Sonne zaubert orangerote Schleier hinein, es wirkt, als würde es in der Wolke selbst glühen. Die ersten Hubschrauber mit Wasserladungen donnern über unsere Köpfe. Canadairs, die Bomber, die ihr Wasser im Étang de Berre aufnehmen und es dann in tonnenschweren Güssen auf die Flammen regnen lassen (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2014/04/brummendwie-eine-trage-hornisse-fliegt.html), fliegen in Formation mitten hinein in den Qualm: Träge Kamikazes, ein, zwei, fünf, sechs, schließlich acht schwarze Kreuze am Himmel, die im Tiefflug ins Inferno brummen. Man fragt sich, wie die Piloten da je lebend herauskommen sollen. Aber sie stürzen sich im viertelstündigen Takt immer und immer wieder auf die Flammen, bis es schließlich zu dunkel wird, um irgendetwas anderes zu sehen als das Feuer.




Längst checken wir im Internet: Das Feuer ist bei Martigues ausgebrochen, keiner weiß, warum – aber es hat an vier Stellen nahezu gleichzeitig begonnen. Die rote Hölle frisst sich durch Garrigue-Gestrüpp und Pinien über die kargen Hügel der Côte Bleue Richtung Sausset-les-Pins. Obwohl auch am Boden Hunderte Feuerwehrleute kämpfen, laufen die Flammen, angefacht vom Mistral, drei bis vier Kilometer näher an die Stadt heran – pro Stunde. Langsam wird es dunkel.

Die Schnellstraße durch die Côte Bleue wird von der Polizei gesperrt. Flammen überall. Ein Schnellboot der Küstenwache stampft, aus dem Hafen von Marseille kommend, durch die vom Wind aufgewühlte See, Gischt spritzt vom Bug, auf der Brücke blinkt ein winziges Blaulicht. Das Schiff ist jetzt das einzige auf etlichen Quadratkilometern Wasser, sein Blaulicht wirkt irgendwie zugleich überflüssig und heroisch. Es verschwindet schließlich, ebenfalls wie ein Kamikaze, in der inzwischen bis auf die Wellen sich herabsenkenden Rauchwand. Kurz darauf hören wir, dass die Bewohner mehrerer Fischerdörfer über See evakuiert werden, weil angeblich keine Straße mehr offen ist.

Meine Frau ruft eine Tante und einen Onkel an, beide schon über Siebzig, sie wohnen in Sausset-les-Pins. „Pas de problème, man riecht nicht mal Rauch!“

Ob sie nicht doch ihr Haus verlassen und zu ihrer Tochter oder zu uns fahren wollen, ein paar Kilometer die Küste hinunter? Noch sind von Sausset-les-Pins aus kleine Straßen Richtung Süden frei.

Wir hören schon Bomben!“, antwortet der Onkel zuversichtlich. Er glaubt, dass Militärjets Bomben abwerfen, deren Druckwellen dem Feuer die Luft wegblasen.

Tatsächlich knallt es nun immer wieder in unregelmäßigen Abständen durch die Dämmerung. Es hört sich an, als marschierte hinter den nächsten Hügeln die Wehrmacht ein. Es sind aber keine Bomben, zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Inzwischen vernichtet der Brand zwei, drei eilig geräumte Campingplätze, die im August bis zum letzten Zeltplatz voll waren. Die Menschen haben sich gerade noch gerettet, doch Wohnwagen und Campingmobile blieben – und nun explodieren Dutzende, nein Hunderte Gasflaschen und Benzintanks. Kein Feuerwehrmann wird sich mehr dort hineinwagen, sie werden die Flammen brennen lassen müssen.




Inzwischen ist es dunkel. Hinter dem Hügelkamm im Norden leuchtet und glüht es rot, als sei dort plötzlich ein Vulkan aktiv. Das wirkt wie Lava, die dort irgendwo glüht und spuckt, und der Qualm darüber sieht schweflig aus. Ein monströses Traumgebilde, das wirkt, als sei es nicht von dieser Welt, obwohl es doch gerade dabei ist, eben diese Welt zu verschlingen.

Gegen Mitternacht melden sich Onkel und Tante: Ein Feuerwehrmann ist durch die Straße ihrer Wohnsiedlung gelaufen und hat alle Menschen zur sofortigen Evakuierung aufgefordert – er hat es hinausgebrüllt, ein Mikrofon hatte er nicht. Die Hälfte der Nachbarn hat ihn gar nicht gehört. Unglaublich, was Menschen alles verschlafen können.

Onkel und Tante verlassen mit einer Tasche Kleidung und Waschsachen das Haus. Ein Polizist ruft ihnen zu, dass die Notunterkunft in einer außerhalb gelegenen Turnhalle längst überfüllt ist. (Was, wie sich später herausstellt, nicht stimmt.) Ein Feuerwehrmann warnt sie, dass auch die letzten Straßen nun gesperrt sind, sie sollen die Flucht bloß nicht auf eigene Faust unternehmen. (Was ebenfalls eine Falschinformation ist.) Die beiden fahren trotzdem mit ihrem Auto eine kleine Küstenstraße entlang – und kommen schließlich bei der Tochter unter.

Mitten in der Nacht hat der Liebe Gott ein Einsehen und dreht dem verdammten Mistral endlich den Saft ab. Keine Böen mehr, nicht einmal mehr ein Hauch. Alles ruhig. Die Chance für die Feuerwehrleute, den Brand zum Stehen zu bringen.

Am nächsten Morgen sind mehr als eintausend Hektar schwarz: Natur, Autos, Campingplätze, was du willst hat sich in Asche verwandelt, aber wenigstens ist niemand gestorben. Die Flammenwand ist vor Sausset-les-Pins gestoppt worden. Es ist gut gegangen, Onkel und Tante fahren zurück, wir besuchen sie am Tag nach dem Brand, Happy End.

Diesmal zumindest.





P.S.: Im Meer treiben noch Tage später zahllose fingernagelkleine Holzkohlestückchen in den Wellen. Sieht wirklich so aus, als hätte sich da jemand an einem gigantischen Grill versucht.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Montagne Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence

Die Montagne Sainte-Victoire ist ein Wahrzeichen der Provence. Dieser Satz klingt ja mal so elektrisierend wie aus dem alten Baedeker, und der geneigte Leser mag sich fragen: Was, putain, will der Dichter uns damit bloß sagen?



Alors: Aus gewissen ebenso unsichtbaren wie allgegenwärtigen virologischen Gründen gleichen Reisen diesen Sommer leider wieder Pilgerfahrten im guten alten Mittelalter – man weiß nicht, ob, wann und in welchem Zustand man zurückkehrt. Also bleiben viele Leute lieber daheim, was durchaus verständlich ist. Also präsentiere ich für den Sommer wenigstens ein virtuelles Reiseerlebnis, wofür Sie dann hoffentlich Verständnis haben. (Wenn nicht: einfach hier wegklicken...)

Machen wir den Baedeker zuerst, dann haben wir das schon mal hinter uns: Die Montagne Sainte-Victoire ist kein einzelner Berg, sondern ein kleines Massiv, in west-östlicher Ausdehnung achtzehn Kilometer lang und nord-südlich fünf Kilometer breit. Der höchste Punkt ist der Pic des Mouches, 1011 Meter über dem Meeresspiegel. Apropos Meer: Die Sainte-Victoire erhebt sich östlich von Aix-en-Provence, und wenn man oben steht, dann glaubt man immer, in der bläulich schimmernden Ferne das Mittelmeer zu sehen, und wenn Sie bessere Augen haben als ich (da gehört leider nicht viel zu), dann stimmt das vielleicht auch.

Paul Cézanne, dessen Atelier bei Aix-en-Provence stand, konnte das Massiv vom Fenster aus sehen. Auf zahllosen Wanderungen hat er es ins malerische Visier genommen und die Sainte-Victoire damit zu einer Ikone der modernen Kunst gemacht.

Okay, Sainte-Victoire, Aix-en-Provence, 1011 Meter, Paul Cézanne, das war unser Baedeker.

Jetzt geht’s hoch. Es führen diverse Routen auf den Rücken dieses schlafenden Riesen, in präcoronischen Zeiten wuchteten jährlich 700 000 Trekker ihre schwitzenden Leiber hinauf, man ist also eher selten allein. Wir haben uns beim letzten Mal für einen Anstieg über einen im ersten Teil geradezu autobahnartig ausgebauten Wanderweg entschieden. Vollkommen unmöglich, sich zu verlaufen, aber, mon Dieu, das Teil ist so steil, dass dir schon bald die Waden zwicken. Auf dem Rückweg knirschen dir dafür die Knie, das ähnelt eher einem Absturz als einem Abstieg.



Kurz unter dem Gipfel wanken wir an einem Priorat vorbei, einem winzigen Gotteshaus aus dem 17. Jahrhundert, das in letzter Zeit von Freiwilligen restauriert worden ist. Endlich stehen wir dann oben, von Gleitschirmfliegern umschwirrt, am Sockel des neunzehn Meter hohen Gipfelkreuzes von 1875, das... Moment. Dieses blöde Gipfelkreuz steht gar nicht auf dem Gipfel. Mais non. Das Gipfelkreuz steht auf einer fünfundsechzig Meter unterhalb des Gipfels ins blaue Nichts ragenden Felskante, die sieht nämlich, fand man zumindest 1875, malerischer aus und steht auch näher an Aix-en-Provence, so dass man es vom Boden aus besser sehen kann.




Noch so ein paar True News zur Sainte-Victoire, mit denen man sich in trauter Rosé-Runde unter Freunden als echter Provence-Kenner ausweisen kann? D'accord:

Von diesem Gipfelkreuz aus hat man einen wundervollen Ausblick auf – das Kohlekraftwerk von Gardanne bei Aix-en-Provence, eines der letzten seiner Art in ganz Frankreich. DAS steht eher selten in Reiseführern. Macht vielleicht auch nichts, es soll nämlich bald abgeschaltet werden. Es sei denn, einige Irre in Regierung und Gewerkschaften setzen sich mit ihrem Plan durch, statt Kohle hier zukünftig Bäume zu verfeuern, weil das „ökologischer“ ist.



Die Sainte-Victoire ist ein echter „Jurassic Park“, denn einige der ältesten Gesteinsschichten des Massivs stammen noch aus dem Jura.

Jeder Einheimische erzählt einem, dass der Name auf die römische Siegesgöttin Victoria zurückgeht, weil hier irgendwo im Jahre 102 v. Chr. der römische Feldherr Marius die Kimbern und Teutonen geschlagen hat. Fake! „Ventur“ ist ein Name aus der Sprache der vor-römischen, ligurischen Bevölkerung der Region, das wurde von den Römern und Latein schreibenden Chronisten des Mittelalters zu „Venturius“ gemacht und verschliff sich erst vor ein paar hundert Jahren zu „Victoire“.

Und die Montagne Sainte-Victoire ist nicht der höchste Berg der Provence und nicht einmal des Départements. Der Pic de Bertagne im nahen Massiv von Sainte-Baume beispielsweise ist einunddreißig Meter höher.

Noch.

Die Montagne Sainte-Victoire wächst nämlich dank gewaltiger tektonischer Verschiebungen tief im Erdinnern (die der Provence gelegentlich auch Erdbeben bescheren) um durchschnittlich sieben Millimeter jährlich in die Höhe.

In diesem Sinne: Schönen Sommer und kommen Sie wieder, bevor die Montagne Sainte-Victoire uns allen über den Kopf gewachsen ist!


Montag, 18. Mai 2020

Verlorenes Vernègues


In „Verlorenes Vernègues“ muss Roger Blanc nicht allein mit seinen Freuden und Feinden (und mit sich selbst) klarkommen – sondern auch mit einem Rudel Wölfe. Wölfe sind für manche Menschen archaische Todesboten aus finstersten Zeiten, für andere The World's Sexiest Vierbeiner Alive. So oder so: Sie gehören wieder zur Provence dazu wie Olivenbäume oder Lavendelsträucher oder die Flamingos der Camargue.



Das Comeback der Wölfe hat vor fast dreißig Jahren begonnen. Eigentlich waren die Tiere in Frankreich ausgerottet worden. Doch ab den 1990er-Jahren wanderten zunächst einzelne Wölfe, dann ganze Rudel von Italien aus in die französischen Alpen ein. Dort, im Nationalpark Mercantour, wurden sie nicht mehr geschossen, sie waren fruchtbar und vermehrten sich – und sie hatten Hunger. Zunächst haben sie Bergziegen und Murmeltiere gejagt und was sonst noch im Gebirge herum hüpft. Doch sehr rasch spezialisierten sich viele Wölfe auf eine sehr einfach zu erlegende und zudem sehr schmackhafte Beute: Schafe.
Schäfer sind in den Alpen, in der Provence, überhaupt in Südfrankreich ungefähr so exotisch wie Automechaniker in Baden-Württemberg: Das ist ein Beruf wie Du und ich, allein in der Région PACA (Provence-Alpes-Côte d'Azur) sind es mehr als 1500, ungefähr sechzig Jungschäfer kommen jedes Jahr hinzu, insgesamt hüten sie etwa 600 000 Schafe. Wer nicht gerade in einer Großstadt wohnt, hat Schäfer im Freundes- und Bekanntenkreis. Wir, zum Beispiel, leben nur ein paar Dutzend Meter neben einem alten Schäferpaar. Und eine Mutter aus der Schule unserer Jüngsten ist Schäferin, sie versorgt uns regelmäßig mit Lammfleisch. (Sorry, hier ist niemand Veganer.)
Aber nun gibt es den Wolf.
Zuerst waren es ein paar Dutzend Schafe im Jahr, die gerissen wurden – sicherlich weniger, als streunenden Hunden oder rasenden Autofahrern zum Opfer fielen. Inzwischen sind es allerdings mehr als 10 000 Schafe im Jahr, mindestens. Ein Wolfsangriff gilt nur als solcher, und der Schäfer wird nur dann vom Staat entschädigt, wenn im getöteten Schaf eine DNA-Probe genommen wird, die eindeutig einem Wolf zuzuordnen ist. Wird zum Beispiel ein Lamm gerissen und verschwindet für immer im Unterholz, dann taucht es in dieser blutigen Statistik nicht auf.



Durch Frankreich streifen mindestens 500 Wölfe (das sind die Schätzungen von Naturschützern), vielleicht sind es auch schon wieder 1000 Tiere (das sind die Vermutungen von Schäfern und Jägern). In der Provence sind inzwischen mehrere Rudel am Mont Ventoux und im Umland von Aix-en-Provence heimisch, Einzeltiere – vermutlich zumeist junge Rüden, die weite Wanderungen machen – sind schon neben dem Krankenhaus von Manosque und der Grundschule von Digne-les-Bains gesichtet worden, mitten in Weinstöcken, im Sumpf der Camargue und sogar direkt neben den Raffinerien von Berre. (Und das alles in Vor-Corona-Zeiten, als sich Wildtiere gemeinhin noch nicht so weit in die Wüsteneien gewagt haben, die wir Zivilisation nennen.) Und ein junger Wolf ist übrigens auch schon in den Hügeln hinter unserer Ölmühle gesichtet worden, durch die ich jeden Morgen jogge – das gibt einem ein ganz neues Laufgefühl, auch wenn ich bei meinen Touren bislang bloß Kaninchen, Eichhörnchen oder bestenfalls mal ein Wildschwein aufgescheucht habe.
Manche Schäfer verlieren bis zu einhundert Tiere im Jahr, ein ausgewachsenes Schaf hat einen Wert von etwa 200 Euro, es geht hier also auch um ganz beachtliche Summen.
Man kann sich denken, was kommt, oder?
Schäfer, die selbstverständlich auch längst im 21. Jahrhundert angekommen sind, filmen inzwischen ihre Herden nach einem Wolfsangriff und stellen die Bilder auf YouTube – nix für schwache Nerven, manche Schafherden sehen nach einem Wolfsangriff aus, als sei nachts in ihrer Mitte eine Bombe explodiert. Viele legen sich Patous zu, riesige Hütehunde, die für Menschen weitaus gefährlicher sind als Wölfe (und genehmigungspflichtig wie Kampfhunde). Andere sind bewaffnet. Und vor einiger Zeit haben sich Dutzende Bürgermeister ländlicher Gemeinden mit ihren Knarren ablichten lassen und diese Fotos auf Facebook gepostet, verbunden mit der kaum verklausulierten und total illegalen Aufforderung, demnächst diese Tiere einfach abzuknallen. Die Aktion nannte sich: „Loups – n'obligez pas les maires à faire ça.“



Die Wolfsfreunde sind kaum weniger aggressiv, nur andersrum. Als sich beispielsweise ein Bauernsohn, ein Teenager, nachts bei seiner Herde umsah, wurde er plötzlich von einem Wolfsrudel umzingelt. Es geschah ihm nichts, aber er fühlte sich bedroht. Das zumindest berichtete eine Lokalzeitung (nicht der Junge selbst) – und seither wird der arme Kerl mit Morddrohungen und Hass überzogen, nur weil er angeblich gesagt hat, dass er Angst vor Wölfen hat.



Wölfe, hysterische Menschen, Waffen... Das, finde ich, ist doch mal einen Krimi wert. Roger Blanc ermittelt also diesmal in Vieux Vernègues, einer gespenstischen Ruinenstadt (siehe hier: ) und in den antiken Ruinen von Château Bas. Eigentlich haben bloß zwei alte Schäfer ein paar Tiere an die Wölfe verloren, und das ist nun schon beinahe Routine. Doch dann werden die Menschen nervös, dann schießwütig, dann schießen sie tatsächlich – und nicht nur auf die Tiere...



Ich hoffe, Sie haben Spaß bei der Lektüre. Und seien Sie versichert: Es sind nicht die Wölfe, die hier die Killer sind.

                                                  

P.S.: „Verlorenes Vernègues“ kommt am 19. Mai 2020 heraus, geschrieben habe ich den Text im letzten Jahr. Doch als ich das Manuskript Anfang diesen Jahres mit meiner verehrten Lektorin durchgearbeitet habe, ist mir plötzlich aufgefallen, wie gespenstisch das ist: Ein archaischer Schrecken, die Menschen werden panisch, suchen Schuldige, bald herrscht Ausnahmezustand... Es muss kein zentnerschwerer Wolf sein, so etwas schafft auch ein winziges Virus.

P.P.S.: Hier gibt es noch ein Interview zum Thema:


Dienstag, 21. April 2020

Die Ruinen von Vernègues


Heute erzähle ich Ihnen was von einer Katastrophe, die ganz ohne selbstgeschneiderte Gesichtsmasken und Bundesligageisterspiele auskommt – einer gar nicht so fernen Katastrophe, die uns stattdessen verwunschene Ruinen und düstere Legenden hinterlassen hat.
Einem Erdbeben.
Erdbeben? In der Provence? Mais oui.



11. Juni 1909, 21.19 Uhr. Tief unter den Ländern des nordwestlichen Mittelmeers schiebt sich die adriatische nordwärts gegen die eurasische Platte, ein paar Millimeter jährlich, ein gewaltiger geologischer Prozess, der unter anderem die Alpen aufgeworfen hat, nichts anderes als eine Stein gewordene Knautschzone zweier Erdplatten. Dabei verhaken sich diese Platten, Spannungen bauen sich auf – bis sie sich in ruckartigem Zittern und Grollen entladen. So wie an diesem Spätfrühlingsabend, kurz nach einem Regenschauer. Stärke 6,2 auf der Richterskala werden Seismologen später feststellen, die Stöße sind von Montpellier bis Genua zu spüren.
Das Epizentrum des Bebens lag aber in der Provence. Wie schon im 16. Jahrhundert. Wie schon im 13. Jahrhundert. „Ich kam aus Saint Cannat zurück, ich hörte dreimal Lärm wie Detonationen, dann ein Grollen“, schrieb ein Augenzeuge. „Ich dachte an die schrecklichen Prophezeiungen des Nostradamus...“
1909 wurden innerhalb weniger Sekunden allein in der Provence dreitausend Gebäude zerstört oder beschädigt. In Salon-de-Provence etwa stürzten von der gewaltigen mittelalterlichen Burg im Zentrum, dem Château Empéri, ein Turm und zwanzig Meter Mauer ein, vom nahen Rathaus fiel eine Balustrade auf die Straße – und ausgerechnet das Haus des Nostradamus wurde demoliert. In Avignon steht seither der Turm des Augustinerkonvents schief, in Cornillon-Confoux stürzte das Glockengestell der tausend Jahre alten Kirche zu Boden und in Lambesc blieb die Kirchturmuhr stehen. (Weshalb wir das Beben auf die Sekunde genau bestimmen können.) Zweihundert Menschen wurden verletzt, sechsundvierzig von Trümmern erschlagen.



Das Epizentrum des Epizentrums lag – wie schon im Mittelalter – unter dem Städtchen Vernègues, etwa zehn Kilometer nordöstlich von Salon-de-Provence. Ein Dorf mit Burg und Kirche und Windmühle, auf einem beinahe vierhundert Meter hohen Bergsporn im Massif des Costes. Im 8. Jahrhundert wurde auf dem gut zu verteidigenden Hügel das „Castrum Alvernicum“ errichtet (daher der Name), das über die Jahre zu einer gewaltigen Burg ausgebaut wurde. Einer ihrer Herren – Guillaume de Damian – heiratete im 15. Jahrhundert eine De Sade, seither waren die aus Vernègues mit den Sadisten verwandt.
Das Beben von 1909 machte Vernègues den Garaus, eine Art Aleppo in der Provence, nur ohne Zutun eines blutrünstigen Diktators: Die Burg wurde regelrecht zersprengt, kaum mehr als zwei Außenmauern und Reste eines gotischen Gewölbes im Innern blieben erhalten. Die Windmühle ein paar hundert Meter weiter wirkt, als sei sie geköpft worden, es steht nur noch ein zylinderförmiger Steinstumpf. Der Kirche Saint-Jacques kamen Fassade und überhaupt die vordere Hälfte abhanden. Und von den Häusern wurde jedes einzelne zerstört – bis auf eine große, aus massigen Steinen gefügte Werkstatt am Dorfrand. Wie durch ein Wunder starben „nur“ zwei der damals dreihundert Einwohner.



Die Überlebenden flohen und bauten ihre Stadt fast hundert Meter tiefer am Hang wieder auf. Seit 1909 ist Vernègues daher eine Geisterstadt, ein von Ginster und Eichen überwuchertes Ruinenfeld, durch das Füchse und Fledermäuse streifen. Ein provenzalisches Pompeji, Betreten auf eigene Gefahr, dafür ohne Kassenhäuschen, Eintrittskarten und Schautafeln. Ein stiller, manchmal düsterer Ort, in dem es jedoch nach Thymian und Rosmarin duftet. Ein Labyrinth zwischen aufgerissenen Kellergewölben und bedrohlich instabil wirkenden Ruinen.



Seit 2011 ist die ganze Region als zone seismique deklariert, jedes neue Haus muss seither erdbebensicher gebaut werden. Aber alte Bauwerke? Tja...
Unsere Ölmühle steht gut zwanzig Kilometer von Vernègues entfernt. Die Nordwand des Gebäudes ist mehr als zwei Jahrhunderte alt, sie ist aus schweren Steinen gemauert und etwa einen Meter dick. Doch noch heute erkennt man einen Riss vom Erdboden bis fast zum Dachstuhl – ein Souvenir von 1909. Hoffen wir einfach, dass wieder einige Jahrhunderte verwehen werden, bevor sich adriatische und eurasische Platte erneut schütteln.

Dienstag, 17. März 2020

Covid-19 in der Provence


Nach den Worten von Präsident Macron gestern Abend befindet sich Frankreich im Krieg. Und seit ein paar Minuten gilt Ausgangssperre. Putain, wer hätte gedacht, dass einem so etwas mal in der Provence passieren könnte?
Damit das gleich klar ist: Zu unserer Familie zählen mehrere Ärztinnen und eine Krankenschwester, die ungefähr die Woge sehen, die da auf das Land zurollt. Niemand von uns nimmt das deshalb cool und easy, Macron hat, finde ich, gut und absolut richtig gesprochen. Das klingt für deutsche Ohren immer ein bisschen pathetisch, und die Beschwörung der Union Sacrée wie 1914 ist schon schweres rhetorisches Kaliber. Aber, hey, wenn man sich einmal die Statistiken ansieht und nachrechnet, wie viele Opfer es allein in Frankreich theoretisch geben könnte, dann ist das Gerede vom Krieg plötzlich gar kein Gerede mehr, sondern eine nüchterne Beschreibung dessen, was uns bevorstehen könnte, wenn wir nicht alle ein wenig auf uns und unsere Mitbürger aufpassen.



Also: Masken haben wir nicht, sind längst alle, brauchen wir auch glücklicherweise momentan nicht. Desinfektionslösung: zwei Fläschchen. Vorräte haben wir auf dem Land eh immer, also verzichten wir auf Hamsterkäufe. Allerdings ist uns aufgefallen, dass unserem Hund bald das Fressen ausgehen würde. Also ist meine Frau heute morgen zum Laden nach Lançon gefahren, wo es eigentlich Pferdebedarf gibt, aber auch was für Schnuffi und Mausi. Die haben dort über Nacht einen Drive-in organisiert, McDonalds für Heu und Hundefutter und die Hälfte der Kunden fährt mit Pickups und Geländewagen vor. Dann hat meine Liebste noch schnell Grundnahrungsmittel eingekauft: Baguettes bei der Boulangerie. Dann wollte sie noch tanken.
Erste Tankstelle: leer. Bei der zweiten Tankstelle füllt sie den Wagen – und direkt danach leuchtet ein rotes Warnsignal. Tanke leer. Meine Gattin hatte diese Tankstelle leergeschlürft, weitere werden sicherlich folgen. Vermutlich werden auch die Supermärkte inzwischen in Wüsteneien verwandelt worden sein. Und vermutlich wird ab Mitte dieser Woche alles wieder normal verproviantiert sein, nur wird es dann kaum noch Kunden geben, die die Sachen kaufen, denn wir müssen ja jetzt alle zu Hause bleiben.
Für Frau, Sohn und Tochter gibt’s kein Home Office, die müssen raus und arbeiten. Ich hingegen sitze sowieso immer im Home Office, das war auch in seuchenfreien Zeiten schon so. Insofern ändert sich da wenig. (Und unser Nachbar treibt wie eh und je seine Ziegen in den Wald und Scheiß auf Quarantäne.) Nur unsere Jüngste freut sich über Coronaferien, und ich habe das zweifelhafte Vergnügen, einer pubertierenden Tochter zu erklären, dass sie weiterhin pauken soll. Unterricht gibt’s per Computer, die entsprechenden Webseiten sind teils sofort aufgrund des Ansturms kollabiert. Teils wissen wir nicht, ob diese Seiten kollabieren würden, denn in unserem Tal ist die Internetverbindung so zwanzigstes Jahrhundert (Gefühlt Modemverbindung mit Telefonhörer in Muschel, erinnert sich noch jemand daran?), dass die Lektionen byteweise durch die Kupferleitungen tröpfeln.



Ansonsten? Ruhe mitten im Sturm. Meine nächsten Lesungen in Frankreich und Deutschland haben sich ins Nirwana verabschiedet. Unsere Tochter muss weder zum Tanzen, noch zum Klavierunterricht oder ins Theater gefahren werden. Meine tiefreligiöse Schwägerin muss Catho-TV sehen, denn es werden keine Messen mehr gelesen. Im Bekanntenkreis hat es leider einen (vom Virus ganz unabhängigen) Todesfall gegeben – und sie können nun wohl praktisch niemanden zur Trauerfeier kommen lassen. Meine Frau hat Bücher für die ruhigen Tage bestellt, online, denn die drei Leib-und-Magen-Buchhandlungen der Nachbarstädte sind nun bedauerlicherweise genauso dicht wie Büchereien. (Da fällt mir ein: Wir haben per Mail ein paar Mahnungen bekommen, weil gleich etliche ausgeliehene Sachen fällig sind. Wie bringen wir die bloß zurück?)
Meine Frau arbeitet in einer Behinderteneinrichtung. Da sind über Nacht die Hälfte aller Handdesinfektionsflaschen abhanden gekommen, vermutlich von einer oder mehreren Mitarbeiterinnen gestohlen. Wir haben spontan eine Whats-App-Gruppe, die eigentlich für ganz trivial-praktische Dinge eingerichtet worden war, in eine Art „Geht's-Euch-allen-gut?“-Runde verwandelt. Und wir haben ein PDF-Formular von der Seite des Innenministeriums heruntergeladen, das wir jedes Mal ausfüllen und auf Ehre signieren müssen, wenn wir fortan für Einkäufe, Arztbesuche und die zwei, drei anderen noch erlaubten Exkursionen das Haus verlassen wollen. (Hunderttausend Gendarmen und Polizisten werden die Straßen abpatrouillieren, um zu kontrollieren, dass sich die notorisch undisziplinierten Franzosen auch wirklich an das Ausgangsverbot halten. Jeder, der angehalten wird, muss so eine Erklärung vorweisen können, sonst hagelt es eine Strafe. Das ist die Theorie. Mal sehen, wie das in der Praxis funktionieren wird...)



Zum Joggen, Spazieren- und Gassigehen darf man übrigens auch noch raus, sofern man es alleine tut. Laufen ja, Fußballspielen nein. Promenade ja, Picknick nein. Draußen vom Walde komme ich her, und muss Euch sagen, es ruhet sehr: Ich bin ganz allein durch die Gegend gelaufen. Auf der Route Départementale ist kein Auto gefahren. Und obwohl wir gar nicht so weit vom Flughafen von Marseille entfernt wohnen, kreuzt kein Jet, kein Kondensstreifen mehr den Himmel.
Jetzt arbeite ich und harre der Dinge und höre von draußen die Vögel singen. Sie klingen unglaublich fröhlich – und ein ganz klein bisschen so, als lachten sie uns aus.

Kleines Update, vor allem für die Freunde in Deutschland, denen der Shutdown ja noch bevorsteht:
Tag drei der Ausgangssperre. Einer der wenigen erlaubten Gründe, um sein Haus zu verlassen: Einkaufen! Also lade ich mir von der Seite des Innenministeriums ein PDF-Formular herunter und drucke es aus, eine Art Ehrenerklärung: handschriftlich fülle ich darin Namen, Adresse, Geburtsdatum aus, kreuze an, dass ich Fressalien holen will (weitere Gründe, um das Haus zu verlassen, sind zum Beispiel Arztbesuche oder Hilfe für Familienangehörige), datiere und unterschreibe das. Jedes Mal, wenn ich das Haus in den nächsten Tagen verlassen werde, muss ich selbiges Formular neu ausdrucken und ausfüllen – schöne Sch..., wenn man vor dem Ausnahmezustand die Druckerpatronen nicht nachgefüllt hat...
Gut, mit dem Papier im Auto geht’s zum kleinen Supermarkt der kleinen Stadt nebenan. Gendarmen kontrollieren überall, mein Sohn ist gleich am ersten Tag zweimal angehalten worden. Wenn man das Formular nicht dabei hat, oder die Flics einem den vorgeblichen Grund der Fahrt nicht glauben, hagelt es 135 Euro Strafe.
Bon. Heil zum Supermarkt gekommen, Parkplatz voll wie nie, aber immerhin keine Schlange am Eingang. Die Kunden tragen Einwegplastikhandschuhe, manche auch Masken. Eine Frau hat sich aus buntem Stoff und Gummibändern von Jogginghosen einen ganz eigenwilligen Gesichtsschutz fabriziert. Niemand lacht, klar, überhaupt sagt kaum jemand ein Wort. Zwischen Regalen und Einkaufswagen schiebt man sich mehr oder weniger artistisch aneinander vorbei – ein Meter Abstand, putain! Ein älterer Herr, der mich unbedingt überholen will, hält tatsächlich vorher die Luft an, stürzt sich an mir vorbei und atmet zwei Meter weiter tief ein, als wäre er soeben aus hundert Metern aufgetaucht.
Gefühlt ist – es ist Freitagmittag – bereits die Hälfte der Regale leer, wobei sich seltsame Schlagseiten gebildet haben. Warum ist Müsli ausverkauft, Cornflakes sind es nicht? Warum sind Toastbrote fort, aber noch massig Tüten mit Milchbrötchen und anderem Gebäck da? Warum fehlen Eier, Milch und Joghurt, aber Käse (ausgerechnet Käse in Frankreich!) quillt aus dem Kühlregal? Warum fehlen Nudeln und Reis, aber Couscous wird nicht angerührt? Warum, ja doch, ist tatsächlich auch die letzte Rolle Toilettenpapier weggebeamt? (Verwechseln die Leute Corona- mit Noro-Viren?) Andererseits: Warum sind Obst und Gemüse, also genau die Sachen, die dein Immunsystem stärken, im Überfluss vorhanden? Glauben die Kunden, sie stecken sich mit Tomaten und Orangen an, mit Spaghetti aber nicht? Rätsel über Rätsel...
Kein Rätsel: Beim Drogeriebedarf ist jedes Wässerchen, das auch nur einen Hauch Alkohol enthält, fort: Anti-Pickel-Lotion, das Handwaschgel der Generation Corona.
Während man durch die Regale um Mitkunden Slalom fährt, hallen Durchsagen durch den Markt: mehr und mehr Kollegen sollen die Kassen bemannen. Zwischen diesen Ankündigungen läuft das Mantra der Regierung, eine offizielle Verlautbarung, der du nirgends mehr entkommen kannst, im Fernsehen nicht, im Internet nicht, im Radio nicht und auch nicht im Supermarkt: Hände waschen, Abstand halten...

Vor der Kasse sind mit orangefarbenem Tesaband Ein-Meter-Abstandsmarkierungen auf den Boden geklebt worden – und die Leute halten sich auch daran. (Abgesehen davon, dass jeder hoch beladene Einkaufswagen eh wie eine Barriere wirkt.) An der Kasse bedient mich ein junger Mann, in den anderen Reihen arbeiten seine Kolleginnen. Seine Stimme klingt dumpf hinter der Maske, aber er sagt jedem Kunden freundlich „Bonjour“. Wenn du Helden sehen willst, dann hier: ein Junge, der für den Mindestlohn schuftet und mit Gummihandschuhen und einem Mundschutz vom Baumarkt auf Posten bleibt, wie ein Soldat in der Schlacht.

P.S.: Diesmal gibt’s keine passenden Fotos zum Text, denn Menschen mit Gesichtsmasken und Schlangen vor Apotheken habe ich in den letzten Tagen so viele gesehen, dass es für mein Restleben reicht. Stattdessen: die Provence mal hier, mal dort. Sieht ja auch nicht schlecht aus.

Freitag, 31. Januar 2020

Patrouille de France (PAF)


Was hat ein Australischer Schäferhund mit einem Alphajet zu tun und was, putain, hat das alles mit der Provence zu schaffen? Bon: Wir möchten, dass unser junger Hund zumindest die größten Dummheiten NICHT tut. Wir möchten das gute Tier aber weder anbrüllen noch schlagen oder sonstwie malträtieren. Also sind Herrchen und Hündchen bei Vincent in die Schule gegangen, einem professionellen Hundeflüsterer, der wirklich erstaunliche Tricks drauf hat. Ein paar Stunden übten wir dabei auf einer Art verwildertem Park neben dem Ort Lançon-Provence. Und plötzlich donnerten mehrere Jets im Tiefflug über uns hinweg. Und hinweg. Und hinweg...



Die Patrouille de France (PAF) existiert seit 1953, seit 1964 starten die Flugzeuge dieser sehr besonderen Einheit der französischen Luftwaffe von der Basis Salon-de-Provence aus. Diese Basis liegt aber eigentlich zwischen Salon und Lançon, und deshalb donnern die blau-weiß-rot lackierten Alphajets vor allem so dicht über letzteres Städtchen, dass die alten Häuser mit den Dachschindeln wackeln. (Ein fiktiver Pilot der PAF war mal Protagonist in einem Roger-Blanc-Krimi: https://provencebriefe.blogspot.com/2016/05/furcapitaine-roger-blanc-konnte-der.html )
Die Flieger der PAF sind gewissermaßen weltbekannt. Man sieht sie beispielsweise an jedem 14. Juli bei der großen Parade in Paris, wenn sie mit Rauchtanks eine blau-weiß-rote Wolkenkokarde über die Champs-Élysées ziehen. (Na ja, letztens hat ein Pilot auf den Knopf der falschen Rauchbombe gedrückt und die Tricolore war nur eine Zwicolore – smoke happens.)
Das Spektakel, das Pariser und andere nur hin und wieder bestaunen können, hat man zwischen Salon und Lançon, na, ich will nicht sagen: täglich, aber doch zwischen Frühjahr und Herbst in schöner Regelmäßigkeit. Die Piloten müssen halt irgendwo üben, in der Provence herrscht gutes Wetter, und in unseren Breiten ist der Boden auch schön flach, den Tieffliegern stellen sich nur wenige Berge vor den Bug.



Meistens sind es sechs bis acht Alphajets, die in Formation Salti fliegen, oder Fächer formen, oder manchmal zeichnet ein Pilot mit einer roten Rauchfahne ein Riesenherz in den Himmel und ein Kamerad schießt als weißer Amorpfeil mitten hindurch. Romantisch und, äh, nun ja, nicht total ungefährlich. Letztes Jahr ist ein Pilot nach einer finalen Landung mit dem Schleudersitz ausgestiegen, ist zum Glück sonst nichts passiert.
Du fährst also auf irgendeiner Landstraße, du kaufst beim Bäcker ein – oder du trainierst mal eben deinen Hund. Und plötzlich donnert eine Staffel Kampfflieger über deinen breiten Scheitel und du glaubst, du kannst die Bartstoppeln der Piloten zählen.



Ist das auch laut? Hä, was haben Sie gesagt? Beschwert sich denn jemand über den Lärm? Nö. Oder zumindest beschweren sich nicht viele, im Gegenteil: Aufkleber mit dem Signet der PAF zieren fast so viele Autohecks wie Logos von Olympique de Marseille, und bei der Touristeninformation und in den Souvenirshops sind Devotionalien der PAF ein Renner. Vielleicht liegt das daran, dass Provenzalen grundsätzlich laut sind, da machen ein paar Tiefflieger mehr auch nichts mehr aus.
Oder aber: Man muss diese fliegenden Typen in ihren tollkühnen Kisten (Ah, nein, der Filmtitel war irgendwie anders....) einfach gerne haben. Es ist schon irre, was sie machen. Da bleibst du stehen und staunst. Vincent bleibt stehen und staunt. Nur die richtigen Einheimischen von Lançon kloppen einfach weiter Tennisbälle übers Netz, für die ist ein Alphajet auch nicht exotischer als eine Dohle. (Ach ja: Auch Hunde ignorieren das Spektakel übrigens komplett und profitieren davon, dass Herrchen nicht aufmerksam ist.) Nach einer Viertelstunde, spätestens, ist das alles auch wieder gegessen, denn dann geht den Flugzeugen das Kerosin aus.
Außerdem, darf man nicht vergessen, ist die PAF ja auch ein Arbeitgeber in der Region. Eine gute Freundin unserer Jüngsten ist Tochter eines Piloten, so ein Job ist hier beinahe so normal wie Bäcker oder Schäfer. Allerdings muss man mal sehen, wie lange in unseren FFF-Zeiten eine derartige Verschwendung von Kraftstoff und fröhlich-unschuldige Produktion von Unmengen CO2 noch geduldet werden...



Noch eine Anekdote, bevor der Klimawandel die Alphajets vom Himmel schießt? Der farbige Rauch, den die Jets hinter sich herziehen, kommt aus Tanks, die im Rumpf angebracht sind. In denen schwappt eine ungiftige, aber eigentlich flüssige Farbe. 1964 hatte ein blauer Tank einen Defekt: Statt hinten über die Düse trat die Farbe – fragen Sie mich nicht: wie genau – vorne im Cockpit aus. Der Pilot brachte seine Karre zwar sicher hinunter auf die Landebahn, war aber von oben bis unten blau. Seine feixenden Kameraden tauften ihn „Schtroumpf“ - in Deutschland heißen die blauen Comicfiguren „Schlumpf“. Und seither werden die jeweils drei jüngsten Piloten der PAF „Schtroumpfs“ genannt...