Mittwoch, 12. Mai 2021

Schweigendes Les Baux, Capitaine Roger Blancs achter Fall

 Capitaine Roger Blanc ist ein erfundener Ermittler, aber seine Fälle sind echt. D'accord, zumindest ein bisschen echt. Ich mag es, wenn er und seine Kollegen Fabienne und Marius Verbrecher jagen, die es tatsächlich gibt. Will sagen: Es ist doch immer wieder schön, wenn man sich von einer realen Untat inspirieren lassen kann.





Roger Blanc und seine Gendarmen werden in „Schweigendes Les Baux“ also zu jenem extrem wilden, romantischen und bekannten Ort in der Provence gerufen. (Mehr zu Les Baux gibt es hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2021/04/les-baux.html) Dort ist ein Mann umgebracht worden, nur scheinbar ein Tourist unter den vielen Touristen hier.





Jedenfalls hat sein Mord offenbar etwas mit einem Verbrechen zu tun, das Frankreich einige Jahre zuvor erschüttert hat. Und dieses Verbrechen hat ein reales Vorbild: Xavier Dupont de Ligonnès (Googelt ihn ruhig, wenn ihr die grausigen Einzelheiten wissen wollt.) löschte 2011 seine gesamte Familie offenbar mit eisigem Herzen und glasklarem Verstand aus und organisierte seine Flucht. Seit April 2011 jedenfalls ist er unauffindbar. Seine letzten Spuren, ein banaler Hotelaufenthalt und eine lächerlich geringe Summe, die er an einem Geldautomaten abhob, führen …, genau, in die Provence. Es sind inzwischen fast tausend Hinweise eingegangen, ich-weiß-nicht-wieviele Gendarmen und Polizisten suchen ihn, haben dafür schon Wälder umgepflügt und ein Kloster gestürmt. Rien. Der Mörder ist fort, als schmorte er bereits in der Hölle. (Auf der Suche nach dem Phantom haben Beamte in der Provence übrigens über die Jahre tatsächlich zwei Skelette gefunden – es sind aber nicht die Gebeine des Täters, sondern die von, tja, von wem auch immer.)

Blanc stolpert also eher zufällig über ein Dupont-de-Ligonnès-ähnliches Verbrechen. Ein Familienkiller, der in der Provence untertaucht und seit Jahren von jedem Radarschirm verschwunden ist. Doch nach und nach erwacht in Blanc der Verdacht, dass der Mörder hier ist, irgendwo in Les Baux...

Es ist aber nicht alles finster. Provence im Februar, das bedeutet: der Frühling ist da! Und Frühling in der Provence bedeutet: die Mandeln blühen! Seit viereinhalb Jahrtausenden (!) werden Mandeln im Midi gepflanzt, gehegt, geerntet. Das heißt, beinahe nicht mehr. Bis in die 1950er-Jahre war Aix-en-Provence gewissermaßen das Zentrum des Mandelhandels. Dann waren die Kalifornier die Chinesen der Fünfziger Jahre: Sie haben einfach billiger produziert und den Markt aufgerollt. Jahre lang standen in der Provence nur noch ein paar einsame Bäume herum, eher als nostalgischer Zierrat, der Mandelbaum blüht wahnsinnig toll, wahnsinnig rosa und halt wahnsinnig früh: Er ist das Zeichen, dass das Leben nach dem Winter wieder erwacht.





Erst seit wenigen Jahren (und mit unfreundlicher Nachhilfe der Trockenheiten und Waldbrände, die Kalifornien verheeren) lohnt sich der Mandelanbau im Midi wieder. Allerdings kostet es einen hoffnungsfrohen Bauern bis zu 25 000 Euro, einen Hektar mit Mandelbäumen zu bepflanzen (die auch nur alle zwei Jahre Früchte tragen), und um profitabel zu sein, muss man mindestens 25 Hektar haben. Mais oui, bei Mandeln geht es um viel Geld. Und Geld ist immer ein gutes Mordmotiv...





Geld war vielen Künstlern schade egal. Van Gogh & Co. haben Mandelblüten als Zeichen der Jugend und der Jungfräulichkeit verherrlicht. Im „Schweigenden Les Baux“ spielt deshalb auch ein Mandelbild meiner früheren und leider viel zu früh verstorbenen Nachbarin Adry Novoli eine nicht unerhebliche Rolle – ohne ihr Bild hätte es weder Mord noch Ermittlungen gegeben. Mehr zu Adry Novoli habe ich hier aufgeschrieben: https://provencebriefe.blogspot.com/2018/03/mankann-nicht-sagen-dass-sich-in-der.html

Ein grausiges neues Verbrechen, ein grausiges altes Verbrechen, Mandeln, eine Malerin, Les Baux und die Provence... Ich hoffe wirklich, dass Ihnen diese Mischung Lust macht. Lust auf einen Krimi. Lust auf Südfrankreich. Lust auf eine Reise in die Ferne. Wir können jetzt alle endlich wieder einen Ortswechsel brauchen, nicht wahr?



Ach ja: Und in der Liebe trifft Roger Blanc endlich einmal keine blöde Entscheidung...

Freitag, 9. April 2021

Les Baux

 

Bei uns um die Ecke steht eine Burg herum, die auch J. R. R. Tolkien gefallen hätte. Zumindest würde Les Baux ziemlich gut in die Terre du Milieu (mais oui, übersetzt es ruhig...) passen. Im relativ unfinsteren Mittelalter ließ sich eine örtliche Nobelfamilie auf dem letzten Felssporn der Alpilles vor Crau, Camargue und Mittelmeer eine Festung errichten. Baou ist Provenzalisch und bedeutet eben dies: „Felssporn“.





Die Herrn von Les Baux waren zeittypische adelige Schläger, Räuber, Vergewaltiger mit etwas mehr als dem bauartbedingten blaublütigen Stich ins Größenwahnsinnige. Aus Gründen, die nur der liebe Gott allein kennt, hielten sie sich nämlich für Nachfahren von Balthasar, einem der Heiligen Drei Könige. Der, so machte die hiesige Sippe jedermann weis, folgte einst dem Stern von Bethlehem nicht bloß bis zu Jesus, Maria, Josef und der Krippe, sondern bestieg danach den nächsten Flieger und landete, eh bien, genau in der Provence an eben jenem Felssporn. Weshalb es der vielgezackte Stern von Bethlehem ins Wappen von Les Baux schaffte und noch heute auf Flaggen, Museumsbroschüren, Souvenirladenschildern leuchtet. Raimund von Turenne war der berühmteste Schläger von Les Baux, der waghahlsigste Gast war jedoch Peire Vidal.

Der gute Peire wurde um 1175 geboren (im Mittelalter wurden Geburtsdaten oft nur ungefähr, Todesdaten jedoch tagesgenau überliefert) und war ein früher Popstar. Er zählte zum fahrenden Volk der Troubadoure. Diese Sänger waren in Les Baux gerne gesehen, die Burg war ein Zentrum der südfranzösischen Troubadour-Kultur. Die Burgleute ließen sich von den Sängern unterhalten, allerdings fasste Peire den Begriff „Unterhaltung“ etwas zu großzügig auf: Er wurde im Bett der Burgherrin Azalais erwischt und musste Hals über Kopf fliehen, um selbige nicht zu verlieren. (Hals und Kopf, nicht Azalais.)

Die Burg wurde im 11. und 12. Jahrhundert, man kann es kaum anders formulieren, aus dem Berg herausgemeißelt: Wuchtige graue Mauern scheinen aus dem Felsen selbst zu wachsen. Wer durch die Gemäuer streift, erkennt erst oft bei genauem Hinsehen, wo natürliches in Menschenwerk übergeht. Zum Beispiel setzt sich eine Höhle als Gewölbe fort, ein Felsgrat wird zur Mauer, eine Spalte zum Gang – ganz große Steinmetzkunst, nur möchte ich das im Winter nicht heizen wollen.

Später wurde die Burg von ein paar Kriegen, vor allem aber vom Zahn der Zeit zerlegt. Heute ist es eine Ruine, die wirkt, als hätte hier mal eine Herde Orks so richtig die Sau rausgelassen. Die ganze Burg ist gespalten und, wenn man vom Eingang her auf das Plateau tritt, dann ist die linke Hälfte einfach fort: Da ist Luft und sonst nichts. Rechts hingegen werfen sich Mauern und Gewölbe auf und noch mehr Mauern und Gewölbe und noch mehr. Die Ruine ist aus der Ebene schon aus einigen Kilometern Entfernung zu erkennen, so wuchtig beherrscht sie noch immer den Berg. Und ist man erst einmal da, steht man staunend vor und in dem Gewirr zernarbter, rätselhafter, halb verfallener Räume.





Die Anlage ist ein Museum. Heute wird jeder Stein gestriegelt, die Verwalter haben es irgendwie hingekriegt, auf dem nackten Felsboden Lavendelgärten anzulegen, sie veranstalten gelegentlich (also dann, wenn mal kein Virus um die Welt tobt) nicht ganz und gar kitschfreie Mittelalterfeste. Und sie haben einige Belagerungsmaschinen des Mittelalters nachgebaut. Etwa einen gigantischen schwarzen Trébuchet, eine mordsmäßig beeindruckende Steinschleuder, die man auch in Mittelerde … ja, ja, ich höre damit auf. Jedenfalls lernt man viel, wenn man durch die Burg geht. Wenn man nicht zu wackelig auf den Füße ist, lohnt sich der Aufstieg auf die Tour Sarrasine, so ungefähr der höchste noch einigermaßen erhaltene Turm der Festung. Die von Regenfluten und Tausenden Fußspuren ausgetretenen Treppenstufen sind halsbrecherisch (und das ist mal keine Metapher), aber der Ausblick von oben über die Crau ist adelig. Eine weite Ebene in bläulichem Dämmer, der Kragen der Alpilles und in der Ferne ahnt man das Mittelmeer.

Meine Lieblingsstelle ist allerdings ein Tor knapp unterhalb der Tour Sarrasine. Eigentlich ein Burgtor wie du und ich, allerdings fällt das dahinterliegende Vallon d'Entreconque ziemlich steil in die Tiefe. Putain, warum hat man ausgerechnet hier ein Tor hineingebaut, wo man doch kaum den Weg hochkommt? Antwort: Das Tor ist gar kein Tor. Feinde sollten dieses Tor berennen. Und sie sollten es erstürmen. Denn dahinter … lauerte eine Falle. Ein Labyrinth aus Mauern und Bastionen ohne jeden Zugang zur eigentlichen Burg. Angreifer sollten hier hineingelockt werden, damit die Verteidiger sie anschließend aus sicherer Position von oben meucheln konnten. Keine Ahnung, ob der Trick je funktioniert hat, aber ein bisschen pervers ist er schon. Ich stelle mir jedenfalls vor, dass der gute Peire Vidal aus Azalais' Bett bis in dieses Labyrinth gesprungen und von dort aus dem gehörnten Balthasar-Nachfahren entkommen ist. Das wäre irgendwie gerecht.

Aber wann ist Geschichte schon mal gerecht?




Bei Les Baux öffnet sich übrigens das "Höllental" bis zu den "Steinbrüchen des Lichts". Was das ist, steht hier:

https://provencebriefe.blogspot.com/2016/02/dieholle-liegt-unter-den-ruinen-von-les.html


Und versteckt oberhalb der Burg liegt eine noch viel ältere Ruine:

https://provencebriefe.blogspot.com/2019/11/dieserbrief-beginnt-wie-der-vortrag.html

P.S.: Die Corona-Berichte aus Frankreich klingen in deutschen Medien ja manchmal so, als wären wir das Herz der Finsternis und hier würde gerade Ebola wüten. Alors, ganz so schlimm ist es nicht. Seit dieser Woche dürfen alle Menschen ab 55 geimpft werden, womit auch meine Frau und ich dran waren. Das ging problemlos, die Helfer im Impfzentrum waren unglaublich freundlich, und wenn sie das Tempo so durchhalten, sind im Frühsommer alle Süd-, West-, Nord- und Ostfranzosen immun. (Falls keine Mutante sich, beziehungsweise uns totlacht, klar.) Und das klingt doch so, als könnte man Les Baux & Co. bald wieder besuchen!



Dienstag, 16. Februar 2021

Mimose blüht, der Frühling kommt (zu früh)

 Die Mimose ist das sprichwörtliche Weichei unter den Pflanzen, aber der Ruf der Hypersensibilität ist vollkommen unfair. Bei uns steht seit wenigen Jahren jedenfalls eine, die nicht wächst, sondern wuchert – und das, obwohl sie mehr oder weniger ungeschützt vom Mistral umtost wird. Im Winter haben wir Nachtfrost, manchmal kübelt es vom Himmel. Im Sommer brennt die Sonne, gerne ist es mehr als vierzig Grad heiß, und es regnet so selten, wie Trump die Wahrheit sagt. Eh bien, je m'en fiche, dem Baum ist das auch total egal, Du kannst ihm beim Größerwerden zusehen, ist wie bei den Kindern.




Dieses Jahr allerdings, und obwohl wir für provenzalische Verhältnisse einen harten Winter hatten, blüht dieses Teil seit, ungelogen, Mitte Januar vor sich hin. Januar! Vom Hügel gegenüber sieht es aus, als wäre ein riesiger Farbklecks aus dem Himmel vor das Haus geklatscht.

Das ist nur der spektakulärste Frühstarter am Ort. Auf der Wiese leuchten eine Millionen Gänseblümchen. (Oui, in der Provence wächst nicht nur Lavendel, es geht auch zu wie bei Müllers hinter der Terrasse: Gänseblümchen, Löwenzahn, haben wir alles.) Schräg unter den Zypressen stecken wilde Veilchen vorsichtig die violetten Köpfe aus dem Sand. Und im Wald hinter der alten Ölmühle blüht bereits der Rosmarin.



Klimawandel? Tja, what else, Baby? Irgendwie drängt sich alles immer früher ins Freie. Die Kirschen sind gefühlt schon im April reif, der Wein wird im August gelesen, im Oktober fallen einem die Oliven in die Hände. Alles einen Monat früher, als es im Baedeker geschrieben steht.

Die dazugehörenden Insekten schwirren auch schon rum, Fliegen, Marienkäfer; sobald ein bisschen Sonne scheint, tanzen die Mücken über dem Bach. Und heute morgen bin ich beim Joggen mit der Stirn ins erste quer durch die Zweige gespannte Spinnennetz gelaufen. (D'accord, ich weiß: Spinnen sind keine Insekten, aber Ihr wisst, was ich meine.)

Apropos Insekten: Den Luftraum über der Provence durchkreuzen inzwischen asiatische Hornissen, irgendwelche ebenfalls ursprünglich in Covidistan beheimatete und eklig stinkende Wanzen, sowie Tigermücken, die Tropenkrankheiten übertragen können.

Im Meer, sagen Biologen und Taucher, schwimmen seit einigen Jahren Fische und anderes Getier aus den Tropen. Manches ist im Ballastwasser der Schiffe gereist. Andere Wesen sind einfach durch den Suezkanal gepaddelt, weil das Mittelmeer jetzt so hot ist, wie das Rote Meer vor der Klimakrise mal war.




Ob ich das alles gut finden soll? Ich meine, hey, ich mag es, wenn im Januar ein Baum blüht! Und doch: Irgendwie beunruhigt mich es auch. Noch ein paar Jahre, und ich jogge hier an Zebras und Hyänen vorbei...

Freitag, 15. Januar 2021

Schnee und Viren in der Provence

 

Im Weihnachtskrimi „Stille Nacht in der Provence“ habe ich sinngemäß geschrieben, dass es bei uns eigentlich nie schneit – et voilà, kaum kommt der Januar, schon schneit es im Midi...








Wir wachen auf, und alles liegt unter einer feinen weißen Decke. Schnee klebt auf den Buckeln und Vorsprüngen der alten Steinmauern, liegt als Decke über Tisch, Stühlen, Liegestühlen, begräbt die Wiese, glitzert im Bambus am Ufer der Touloubre. Der Himmel ist grau, man sieht kaum ein paar Meter weit, so dicht tanzen die Flocken in der Luft – und so wild, dass ich glauben möchte, sie fallen gar nicht zu Boden, sondern machen Kapriolen in der Luft wie besoffene Kunstflugpiloten.








Über dem Bach steht feiner Nebel. Hier ist es wohl nur etwa 0 Grad kalt, der Schnee klebt wie eine schwere Decke auf der Natur. Als ich mit dem positiv verwunderten (Positiv? Darf man das noch im positiven Sinne meinen?) Hund hinaus gehe, klebt Schnee an seinen Pfoten, an seiner Schnauze, überall. Nur ein paar Dutzend Meter weiter geht es die Hügel hoch. Hier knirscht der Schnee unter den Sohlen, mit jedem Höhenmeter fällt das Quecksilber um ein paar Millimeter.

Ansonsten: Stille.








Kein Auto auf irgendeiner Route Départementale, denn außer Yours Truly mit seinen althamburger Traumata hat hier niemand Winterreifen aufgezogen. Kein Fahrradfahrer. Kein Wanderer. Kein Jogger. Kein Jäger, gepriesen sei Petrus für jede Flocke, die er aus dem Kissen schüttelt! (Ach nee, das war Frau Holle.)

Apropos Jäger: Im Schnee fühlt man sich wieder so wie in den Tagen der Ausgangssperre. Eigentlich besser, nämlich gleicher. Wir haben das in Frankreich nun schon zweimal hinter uns und vielleicht steht uns der nächste Massenhausarrest bald bevor. (Geimpft wird hier viel weniger als in Deutschland, was unter anderem daran liegt, dass die Bürokraten in Paris wie immer alle Franzosen im Allgemeinen und Ärzte wie Krankenschwestern im Besonderen für doof halten und deshalb einen detaillierten Erlass veröffentlicht haben, wie zu impfen sei. Diese Anleitung war leider grotesk falsch, so wurde vorgeschrieben, die Impfspritze in einem spitzen (statt rechten) Winkel anzusetzen und nur dicht unter die Haut zu führen, statt tief in den Muskel. Was insofern egal war, als mit den Impfdosen falsche Spritzen geliefert wurden, mit viel zu kurzen Nadeln. Man könnte denken, im Gesundheitsministerium hatte niemand Zeit, sich auf die bevorstehende Impfkampagne vorzubereiten.)

Eh bien, Schnee ist gerechter als Ausgangssperre, weil er der große Gleichmacher ist. In der echten Ausgangssperre zum Beispiel durfte unsere damals zwölfjährige, kerngesunde Tochter nicht in den Wald (Ansteckungsgefahr, klar). Ein fünfundsiebzigjähriger, übergewichtiger, an Diabetes und Lungenkrankheiten leidender Mann durfte aber sehr wohl dort hinein – sofern er Jäger war und eine Knarre bei sich trug. Damit hat er wahrscheinlich die Viren abgeschossen, so dass Covid ihn nicht erwischte, denn für Waidmänner galt die Ausgangssperre auf einmal nicht mehr. Man hat hier Märkte auf Parkplätzen vor Supermärkten dichtgemacht, aber die Supermärkte dahinter offengelassen. Die Buchläden waren geschlossen, da nicht essenziell – aber Lottoannahmestellen waren offen, da essenziell, jo nich! Du durftest (und darfst immer noch) nicht trotz Maske, Sicherheitsabstand und was-weiß-ich ins Theater oder Kino, aber als ich mit dem TGV von Brüssel nach Aix-en-Provence gefahren bin, saß ich fünfeinhalb Stunden lang Schulter an Schulter mit meinem Sitznachbarn in einem bis auf den letzten Sitz ausgebuchten Waggon.

Dass wir uns nicht missverstehen: Meine Frau ist Krankenschwester, eine Tochter studiert Medizin, in der erweiterten Familie sind leider schon ein paar Leute an Covid gestorben. Ich habe inzwischen sieben Tests hinter mir (meine Nase und die Wattestäbchen sind per „Du“), trage Maske, bis ich mit beschlagener Brille blind durch die Gegend stolpere, bin sehr für Impfungen und harte Maßnahmen – aber ich lasse mich ungern vera... Genau. Die Seuchenpolitik ist manchmal grotesk widersinnig, weil sie eher das Resultat ganz gewöhnlicher Lobbyarbeit ist als vernünftige medizinische Vorsorge. (Jäger haben eine bessere Lobby als Kinder, zum Beispiel, Lotto bringt dem Staat mehr Einnahmen als Bücher, wobei das noch zu beweisen wäre.)

Wo war ich? Schnee. Alors, für ein paar Stunden waren wir wieder alle gleich, jeder in seinen vier Wänden, die Welt war friedlich. Inzwischen ist die weiße Pracht wieder weggetaut, vorgestern haben wir den ersten Kaffee des Jahres draußen getrunken. Dick eingepackt, im Windschatten einer Mauer (der Mistral blies), aber immerhin.

Vielleicht wird 2021 ja doch noch alles gut.

Freitag, 4. Dezember 2020

Miramas-le-Vieux / Nach der Krise, Covid oder was auch immer

Während des Dezembers im Allgemeinen und kurz vor Weihnachten im Besonderen möchte man ja gerne Besinnliches schreiben, und ganz dumm sollte es auch nicht sein. Ich hatte da schon ein, zwei Ideen sowie eine dezidierte Nicht-Idee: Ich wollte mich nicht noch einmal über meinen Weihnachtskrimi „Stille Nacht in der Provence“ auslassen, denn das hatte ich ja schon zu nicht hundertprozentig passender Zeit getan. (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2020/09/stille-nacht-in-der-provence-miramas-le.html) Jetzt muss ich aber doch, wenn schon nicht über den Roman, so doch aber über den Ort desselben ein paar Worte verlieren: Miramas-le-Vieux.







Der Anlass ist dieses Ding mit C, das uns in Deutschland wie Frankreich und überall sonst zum Hals, aus der Lunge, den Geschmacksnerven und wo auch immer raushängt. Neben der einen oder anderen Frage, die man auch gerne beantwortet hätte, will man dabei ja immer wissen: Was kommt danach? Wie kommen wir aus der Krise wieder raus? Die Provence ist seit, na, seien wir großzügig, beinahe dreitausend Jahren ein Kulturland und hat ihren Teil an Katastrophen hinter sich: Kriege (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2015/11/vorhundert-jahren-ist-der-tod-in-die.html), Erdbeben (https://provencebriefe.blogspot.com/2020/04/heuteerzahle-ich-ihnen-was-von-einer.html), die Pest und die Cholera... You name it, we got it.

Und plötzlich sind wir bei Miramas-le-Vieux.

Orte wie dieser sind nämlich Relikte einer profunden Krise und Zeugnisse dafür, wie und wann man wieder da herauskommt. Diese Krise hatte wenig mit Viren und Masken („Mund-Nasen-Schutz“ heißt das in Bundesrepublikanien, kann mir mal jemand erklären, was an dem Wort „Maske“ so verkehrt ist?), na, jedenfalls, damit hatte es nichts zu tun, eher mit der Dampfmaschine und der Guillotine. Mit dem 18. Jahrhundert nämlich begann die Industrialisierung ebenso wie die Explosion persönlicher Freiheit. Ein Bauer, beispielsweise, konnte plötzlich in der Fabrik arbeiten und war auch rechtlich nicht mehr an seine Scholle gebunden, kurz: er konnte verschwinden und sich niederlassen, wo er wollte.

Die Folge war, dass viele mittelalterlich geprägte Städtchen der Provence auf einmal so aussahen, als hätte dort jemand den Lockdown angeordnet: Es war niemand mehr zu sehen. Es war nämlich niemand mehr da. D'accord, zumindest waren immer weniger Leute da.

Diese Ortschaften lagen nämlich immer auf den Kuppen der kleineren und manchmal gar nicht so kleinen Berge des Midi. Nicht, weil es malerisch war, sondern weil sich ein Gipfel leichter verteidigen ließ als eine Ebene. Als Frankreich nun moderner wurde, verschwanden die marodierenden Söldner- oder Religionskriegsarmeen. Als der Druck von außen weg war – und als man auch nicht mehr an den Boden und einen Lehnsherrn gebunden war – stellten die Menschen fest, dass es teuer und unpraktisch ist, eine Fabrik auf einem Berg zu errichten. Dass die mittelalterlichen Häuser eng und dunkel waren. Dass es schweineteuer war, Wasser- und Kanalleitungen durch die Berge zu fräsen. Dass enge, steile Gassen gut sind für die Wadenmuskeln, aber schlecht für Kutschen, ganz schlecht für die Eisenbahn und von den Autos wollen wir gar nicht sprechen.

Also zogen die Menschen fort.

Nach der Französischen Revolution, als in Frankreich wie in ganz Europa die Bevölkerungsexplosion so richtig in Gang kam, wuchs nicht etwa die Einwohnerzahl vieler provenzalischer Städte – sie fiel, manchmal auf Null.

Wie in Miramas-le-Vieux.





Der Ort liegt nah am Mittelmeer, aber nicht ganz an dessen Ufer. Er thront auf einem Hügel, es gibt also keinen Hafen. Dafür wurde irgendwann in der Nähe die Eisenbahn gebaut – aber kein Ingenieur war so bekloppt, die Schienen auf den Gipfel zu verlegen, man fuhr lieber drumherum. Die Einwohner ließen also um 1850 ihre eh zu kleinen, zu unbequemen, zu unsauberen Häuser zurück und bauten sich große, bequeme, saubere Häuser neben der Eisenbahn. Miramas wurde praktisch ein zweites Mal gegründet. (Ist übrigens heute fast zwanzigmal so bevölkerungsreich wie früher, aber nicht unbedingt ein Kurort.)

Für die paar Frauen und Männer, die in Miramas und Dutzenden anderen provenzalischen Städten auf den Hügeln zurückblieben, war es, als hätten sich Pest, Cholera und Covid ihre Nachbarn geholt: Viele Häuser standen leer und verfielen, Kirchen und Burgen gleich mit, die Geschäfte machten dicht, und kein Politiker interessierte sich noch einen feuchten Schmutz für das, was da oben passierte. Nicht Lockdown light, das war Lockdown heavy.

Am Ende kam die Rettung aus der Krise ganz ungeplant und von Fremden. Touristen, ob nun aus Paris oder Lille, Deutschland oder England, fanden Orte, in denen seit hundert Jahren keine neue Mauer mehr hochgezogen worden war, auf einmal „authentisch“ und „pittoresk“. Die Nachteile von gestern mutierten zu den Vorteilen von heute. Das enge Haus verwandelte sich in ein gemütliches Feriendomizil, die steile Gasse wurde zur fantastischen Aussicht, das „leider nicht autogerecht“ war plötzlich ein „zum Glück autofrei“.

Die Postkarten-Provence entstand wortwörtlich aus den Ruinen der vergessenen Provence. Es zogen immer mehr Menschen, auch Einheimische, zurück auf die Hügel, damit wurden dann auch moderne Installation geschaffen, und heute leben in den Dörfern mehr Bürger als im Mittelalter und das Internet ist auch schneller als zur Zeit der Kapetinger. (Außer bei uns, aber unsere Ölmühle liegt ja auch in einem Tal, das so vergessen ist, dass hier noch Dinosaurier durch das Unter- und Oberholz brechen.) Krise, welche Krise? Die Immobilienpreise sind längst in die solide europäische Oberklasse entschwebt.

Miramas-le-Vieux ist einer der wenigen Orte, an denen sich dieses „Auferstanden aus Ruinen“ noch live miterleben lässt, denn kaum ein Ort war so lange verlassen und vergessen wie dieser. Hier ist vielleicht erst die Hälfte der Häuser schick restauriert worden, die andere Hälfte schlummert noch immer den Schlaf des Verfalls. (Mit einer gewissen Erfahrung hier wage ich die Warnung an Enthusiasten: Es wird auch nicht billig, diese Jahrhunderte alten Steinhaufen zu renovieren...)





Man sieht: Du kommst aus der Krise heraus, aber die Rettung kommt vielleicht von unerwarteter Seite und es mag hundert Jahre dauern, bis du damit halb fertig bist. Das neu implantierte Herz von Miramas-le-Vieux, das diesem Ort überhaupt erst wieder Leben schenkte, waren übrigens einige fantastische Eiscafés und Restaurants. Die hat jetzt die neue Krise schwer getroffen... Mal sehen, wie dieser Ort in Zukunft aussieht. Andererseits: Irgendwer wird hier schon irgendeine Idee haben, und vielleicht wird Miramas-le-Vieux am Ende schöner und lebenswerter sein als je zuvor und ganz anders, als man sich das in der Krisenzeit ausgemalt hat. Wäre beispielsweise ein netter Platz fürs Homeoffice, oder?

In diesem Sinne: Frohe Festtage und bleiben Sie gesund!


Freitag, 6. November 2020

Olivenernte im November

 November ist Erntezeit, da sind die Früchtchen endlich reif – zumindest die Oliven. Die wechseln gerade chamäleonartig von grün zu schwarz. Oder eher hin zu glänzend lila und, nun ja, welche Überraschung, dunkel-oliv. Sind sie noch grün, so sind sie gewissermaßen frühreif, man kann sie durchaus ernten und, zum Beispiel, einlegen. Je dunkler sie dann werden, desto reifer sind sie.





In der Nachbarschaft haben Bauern und Privatleute wunderbare Haine angelegt, wo Dutzende, manchmal Hunderte Bäume ihre knorrigen Kronen in nur zwei, drei Meter Höhe (da kann man sie gut abernten) über den sauber geharkten, rötlich-krümeligen Boden wölben. Erntehelfer – mais oui, oft aus dem Maghreb oder Osteuropa und scheiß auf das Coronavirus – legen große, kreisrunde Kunststoffnetze um jeden Baum aus. Mit langstieligen Harken kratzen und schütteln sie die Oliven von den Zweigen, sie fallen auf das Netz und werden am Ende einfach eingetütet, indem man das Netz zusammenzieht. Jeder Baum trägt Hunderte Früchte – allerdings nur jedes zweite Jahr. Pro Hain kommen da trotzdem schnell ganze Lastwagenladungen voll Oliven zusammen.

Bei uns hat vor einigen Jahren ein Pilz alle Platanen in die Ewigen Platanengründe geschickt. (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2014/10/imherbst-fallen-anderswo-die-blatter.html) Seither haben wir Zypressen und, eben, Olivenbäume gepflanzt, die passen eh besser in die Provence. Für uns lohnen sich weder Bodennetze noch marokkanische Erntehelfer. Wir haben unsere Mini-Ernte an einem Novembernachmittag eingebracht. Anfangs war es hell und sonnig, am Ende musste ich im Dämmerlicht nach den Dingern tasten, und frisch wurde es auch.

Viele Oliven konnte ich mit ausgestrecktem Arm pflücken. (Okay, ich bin ein bisschen über einsneunzig groß, das hilft.) Für den ziemlich üppigen Rest haben wir dann die Leiter genommen und sind, nun ja, irgendwie quer und längs durch die überraschend dicht zugewucherten Kronen getaucht, um an die Oliven zu kommen. So ein Olivenbaum ist am Stamm und den großen Ästen übrigens knorrig und hart, doch die Zweige, an denen seine Früchte wachsen, sind erstaunlich biegsam.





Die meisten Bäume waren dieses Jahr in ihrer fruchtfreien Phase: viele Blätter, no dope. Einer konnte sich nicht so richtig entscheiden, dem wuchsen ein paar Knollen hier und da. Eigentlich haben nur zwei Bäume unsere Ernte gerissen. Einer ist noch ziemlich jung und schlank, die Krone wirkt irgendwie zerzaust. Wenn man so Stunde um Stunde Oliven pflückt, entwickelt man irgendwann ein persönliches Verhältnis zum Baum. Ich habe ihn den „trächtigen Alphonse“ getauft. Oui, l'olivier ist maskulin, außerdem sind es ja doch ziemlich faltenreiche Bäume, die lassen wir mal lieber männlich. Alphonse sah von unten eher jämmerlich aus, der Kerl hatte sogar weniger Blätter als die anderen Bäume. Keine Ahnung, wie er es geschafft hat, seine Oliven so gut zu tarnen. Als ich jedenfalls erst einmal mit der Leiter in der Krone stand, hatte ich ganz schön was zu tun.







Sein Kollege, dem ich den Namen „noch trächtigerer Daudet“ gegeben habe, ist hingegen ein Baum, wie er sein soll: Zwei knarzige Stämme, die aus demselben Wurzelstock gewachsen sind, darüber eine dichte Krone, so groß wie ein Atompilz. Hier hatten wir nicht ganz schön, sondern sogar ordentlich was zu tun.

Eh bien, ordentlich... Also, bei Dunkelheit hatten wir eine Obstkiste voll zusammen, vielleicht fünf, sechs, sieben Kilo, ich weiß es noch nicht, am Ende war ich zu erschöpft und durchgefroren, um die Ernte zu wiegen.

Das holen wir aber morgen nach: Wir bringen unseren stolzen Ertrag ins Nachbardorf (dem Vorbild der Kleinstadt, in der Capitaine Roger Blancs Gendarmerie-Station steht) zu einer Kooperative. Dort geben Profis ihre Lastwagenladungen und Amateure wie wir ihre Kisten ab, alles kommt in die Ölmühle – und am Ende, vermutlich irgendwann im Dezember (bei der Seuche ist kein Termin mehr sicher) erhalten wir gemäß unserer abgelieferten Menge das frisch gepresste Olivenöl der Saison. Bei unserer Ernte, schätze ich, werden wir etwa einen Liter heimtragen dürfen, vielleicht etwas mehr. Gar nicht so schlecht für den trächtigen Alphonse und den noch trächtigeren Daudet, und mal sehen, was die Kollegen im nächsten November auf die Reihe kriegen.


Nach der Kooperative: ein Nachmittag Arbeit, zwei Bäume, fünf Kilogramm Oliven - da ist noch Luft nach oben... 


Freitag, 18. September 2020

Stille Nacht in der Provence / Miramas-le-Vieux

 Man traut sich ja kaum, das im September und bei dreißig Grad und Sonnenschein hinzuschreiben, aber: mein Weihnachtskrimi „Stille Nacht in der Provence“ erscheint. Ich bin nicht etwa festtäglich hoch organisiert und überpünktlich, im Gegenteil, die Geschenke, zum Beispiel, besorge ich eigentlich immer auf den hinterletzten Drücker. Doch die Kollegen im Verlag wissen, dass die Gesetze des Buchmarkts denen der Quantenphysik ähneln und also zu früh eigentlich genau richtig und genau richtig bereits zu spät ist.





Eh bien: Miramas-le-Vieux. Da spielt sich das weihnachtliche und doch ziemlich unheilige Kammerspiel ab, in das die deutschen Reisenden Nicola und Andreas zufällig und ganz gegen ihren Willen hineingeraten. Dieser Ort tief im Süden des Südens ist ein Nachzügler, ist so, wie die Provence vor fünfzig, hundert Jahren fast überall mal gewesen ist – nämlich halb vergessen und verfallen.





Miramas-le-Vieux, das ist eine Burg aus dem zwölften Jahrhundert, die auf einem Felssporn thront. Unter dem Schutz ihrer staudammähnlichen Mauern siedelten sich im fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert Bürger und Bauern an, indem sie mehr oder weniger große Häuser an die steilen Flanken des Hügels klebten. Dazwischen winden sich mehr oder weniger steile Gassen, und da, wo es gar zu steil wird, führen halt Treppen nach oben. Die längste und steilste ist die Escaliers des Soupirs, und wer diese „Seufzertreppe“ einmal erstiegen hat, der weiß, warum sie so heißt.





Wie haben die Provenzalen solche Orte vor hundertfünfzig Jahren gesehen? Die Burg: zugig und nutzlos. Die Häuser: eng und kalt. Die Gassen: unpraktisch und unbequem. Es wäre teuer gewesen, Wasser- und Abwasserleitungen den Berg hinauf und wieder hinunter zu führen, und später hatte auch niemand Lust, Strom- oder Telefonkabel über die Seufzertreppe zu schleppen.

Also: Bude dicht und der Letzte knipst das Licht aus, wenn es denn hier Licht gegeben hätte, das man hätte ausknipsen können, putain.

Um 1850 gaben die Bürger ihre Stadt nach und nach auf und siedelten in der Ebene an, wo sie ein neues Miramas gründeten. Dort war es platt, die Eisenbahn wurde gerade verlegt und brachte Geld und die Große Welt, und später gab es auch massig Platz für Parkplätze und Einkaufszentren. (Wie der Village de Marques, das kitschigste Shoppingareal in diesem Teil der Galaxis, wo man bis zum Covid-Killer Passagiere der in Marseille festmachenden Kreuzfahrtdampfer hingekarrt hat, um ihnen mal die Provence zu zeigen...)

Miramas-le-Vieux wurde eigentlich zu Miramas-le-Vide, das Städtchen leerte sich, bis nur noch jene Arten von Tieren durch die verfallenden Mauern strichen, vor denen sich selbst Tierschützer schütteln.





So ging das eigentlich überall in der Provence zu: oben auf dem Hügel war unmodern und unbequem, gebaut wurde unten im Tal oder man zog gleich ganz fort. Erst nach 1950 und, seien wir ehrlich, zu einem erheblichen Teil von Nicht-Provenzalen, wurde die Schönheit mittelalterlicher Städtchen wiederentdeckt. Sie wurden restauriert, renoviert, herausgeputzt. Heute schmücken sie Cover, Poster, Bildbände und ganz besonders schmücken sie die Bankkonten jener Makler, die mit den nun perfekten Preziosen Geschäfte machen.

Diese Begeisterung für das Gute, Wahre, Schöne ist allerdings, warum auch immer, Jahre lang an Miramas-le-Vieux vorbeigerauscht. Der Ort schlummerte weiter seinen ruinösen Schlaf, und ab und zu fiel mal wieder ein Stein aus irgendeiner Mauer.





Das hat sich erst vor gar nicht so langer Zeit schüchtern geändert. Seither zogen hier ein paar Lebenskünstler ein – und vor allem ein paar Köche und Eismacher allererster Sahne. „Le Quillè“ ist wohl der berühmteste Glacier, die berühmteste Eisdiele im ganzen Département. Was heißt schon „Diele“: Eine Terrasse zwischen den alten Burgmauern, von der aus man einen fantastischen Blick auf die Provence und beinahe bis auf das Mittelmeer hätte, wenn nicht, tja, wenn nicht die Gläser, in denen sie einem hier ihre Kreationen servieren, so unfassbar groß sind, dass du gar nicht mehr drüber gucken kannst.





Das gute Essen hat die Leute wieder nach Miramas-le-Vieux gelockt, nicht die guten Steine. Doch diese Leute haben sich, als sie denn erst einmal da waren, gedacht: eigentlich doch ganz nett hier...

Nicola und Andreas gehören zu diesen Besuchern, die sich verwundert umsehen und feststellen: Hier ist ja noch nicht alles renoviert. Miramas-le-Vieux ist dort, wo der Rest der Provence vor einem halben Jahrhundert schon war. Manche Häuser sind bereits wahnsinnig gut restauriert worden, andere wirken jedoch noch immer so verlassen und schroff, als hätten sie gerade einen Krieg hinter sich. Häuser, die wachgeküsst werden wollen!





Das denken Nicola und Andreas auch, und sie freuen sich auf wunderschöne Weihnachtstage in der alten Stadt, aber dann taucht leider ein Toter auf und, schlimmer noch, der Tote verschwindet gleich wieder. Aber das ist eine andere Geschichte, eine Weihnachtsgeschichte halt.

In diesem Sinne: Genießen Sie den Indian Summer, aber es schadet ja nichts, schon mal leise an den Heiligen Abend zu denken...