Mittwoch, 1. August 2018


Was fällt einem spontan zum Begriff „Provence“ ein? Richtig: Eisenbahn. Ah ... denn doch nicht? D'accord, in der Fünf-Millionen-Einwohner Region Provence-Alpes-Côte-d'Azur verkehren tatsächlich weniger Züge, als auf meiner Spur-N-Modellbahn im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts. Da hier zudem Straßenbahnen, U-Bahnen und Busse unbekannt oder zutiefst verhasst sind und es zu steil und zu heiß ist zum ungedopten Fahrradfahren, brausen tatsächlich neunzig Prozent der Provenzalen mit Auto oder Scooter zur Arbeit oder sonstwohin. Das macht unsere engen Routes départementales zu Kriegsgebieten und die Luft ... ich schweife ab.



Also: Eisenbahnen. EINE Linie pflügt sich doch durch den Süden, die selbst Lokführern und Modelleisenbahnern gewisse Freudentränchen in die Augen treiben kann. Es ist der Regionalzug von Marseille nach Miramas entlang der Côte Bleue, etwa anderthalb Stunden Fahrt im graffittibesprühten Rumpelzug, macht etwas mehr als zehn Euro. (Für Fremde zumindest - Einheimische fahren, gefühlt, grundsätzlich schwarz.)
Die Linie wurde im 19. Jahrhundert geplant, ihr Ursprung war hirnrissig. Frankreich hatte gerade den Krieg gegen Preußen-Deutschland verloren, und irgendein Großstratege in Paris fiel auf, dass ja beim nächsten Mal die verdammten Boches Marseille angreifen könnten. Und Marseille, mon Dieu, wurde bislang nur durch eine einzige Eisenbahnlinie versorgt! Eine zweite Linie musste also her.
Nur, wo?
So viel Auswahl gab es nicht, eigentlich blieb nur, die Schienen vom Knotenpunkt Miramas westlich um den Étang de Berre herum und dann die Küste hinunter bis zur Hafenmetropole zu verlegen. Kleines Problem: Von diesen etwa sechzig Kilometern entfielen ungefähr die Hälfte auf die Côte Bleue, und auf diesem von Calanques zerfurchteten Meeressaum gab es keine, aber auch gar keine natürliche Trasse. Die Schienen mussten irgendwie in die Kalksteinfelsen hineingefräst werden.



1908 begannen etwa 5000 Männer diesen Teil der Arbeit, und er schritt schon damals so voran, wie auch heute noch alle öffentlichen Arbeiten im Süden voranschreiten: erst einmal wurde gestreikt. Dann wurde gestreikt. Und dann wurde zur Abwechslung gestreikt. (Fairerweise muss man sagen, dass Arbeitsbedingungen und -sicherheit auf dieser Strecke ein skandalträchtiges Elend waren.)
Kurz: 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, die verdammten Boches könnten sich vielleicht tatsächlich für Marseille interessieren und diese ebenso verdammte Eisenbahn war immer noch nicht fertig. Die Arbeiter wurden in die Schützengräben abkommandiert, wo dann nicht mehr gestreikt, sondern gestorben wurde. Stattdessen schufteten nun Lastenträger aus Spanien und Steinmetze aus Italien und, tja, kriegsgefangene deutsche Soldaten an Schienen und Schwellen.



Et voilà: 1915 bereits war die Linie plötzlich fertig. Und was für eine Linie... Der Bauingenieur Paul Séjourné hatte, scheiß auf den Krieg, ein durch und durch solides und, ja doch, überaus elegantes Werk in die hellen Felsen der Calanques gezwungen: dreiundzwanzig Tunnel (mit insgesamt mehr als fünf Kilometer Länge) und achtzehn Brücken, Viaducs genannt, durchmessen auf etwa halber Höhe die Steilküste. Eine Linie, als hätte Gott alle diese Felsen einmal mit sicherer Hand und Wasserwaage schnurgerade und wunderschön waagerecht angeritzt.
Diese Brücken übrigens sind die allerletzten Großbauten in Frankreich, die noch mit zurechtgehauenen Steinen gemauert worden sind, nix Beton, nix Stahl. Elegante Konstruktionen, steinerne Bogenreihen, die in anmutigen und schwindelerregend hohen Sprüngen Schluchten überwinden. Séjourné hatte sich dafür berühmte Vorbilder genommen, den antiken Pons Fabricius aus Rom etwa und den (bekanntlich nicht hundertprozentig soliden, weil inzwischen teilweise von der Rhône fortgespülten, dafür sprichwörtlichen) Pont d'Avignon (Pont Saint-Bénezet).



Heute scheppern und schaukeln TER Pendler und Badehungrige durch die Côte Bleue. (Und mehr als ein Boche ist darunter, wie gut, dass sich die Zeiten geändert haben.) Wer hinausblickt (sofern kein Sprayer gerade das Fenster zugesprüht hat), dem öffnen sich, gleich antiken Theatern am Meer, die Buchten von Méjean und La Redonne, der erhascht mit den Augen die Fischerkähne von Niolon und L'Estaque, der findet Traumvillen inmitten von Garrigue-Gestrüpp und Jachtmastenwälder in den Marinas von Sausset-les-Pins und Carry-le-Rouet. Über eine zwanzig Meter hohe und drehbare (!) Brücke rauscht der Zug und lässt den Canal de Caronte unter sich, schließlich lässt er die Tanker und Containerschiffe der Großhäfen von Fos und Port-de-Bouc links und die rot leuchtenden Salzseen zwischen Fos und Istres rechts liegen.



Und überall winzige Bahnhöfe, so total verloren und verlassen und ausgedörrt von der Sonne, dass man endlich wieder weiß, was „tiefste Provinz“ eigentlich bedeutet. Denn nur ein-, zweimal die Stunde beehrt ein TER die Linie und das auch nur so lange, wie die Sonne scheint. Bahnhöfe, so glutheiß und einsam, hier könntest du die Revolvermänner eines neuen Spaghettiwesterns dösen lassen.
Außer Saint-Charles natürlich... Der Hauptbahnhof von Marseille ist halt ein großer Bahnhof, mit TGV und Imbissen und was du willst. Aber wenn man hinaustritt, dann stellt man fest, dass man, mais oui, auf einer Terrasse steht. Auf einer Terrasse, die hoch und weit über Marseille schwebt, mit Boulevards unter dir und den alten Gassen, mit prachtvoll-schäbigen Empire-Bauten, mit der Bonne Mère, die am Hügel glänzt und, nur als Ahnung und Versprechen, dahinter das Großen Blau, das Mittelmeer. Gibt es ein schöneres Ende für eine Zugfahrt?



Donnerstag, 28. Juni 2018


Vorgestern waren die Rolling Stones in Marseille und die beste Sicht auf Mick Jagger & Co. hatte eine gelassene Möwe. Liebte der Meeresvogel Rockmusik? Berauschte er sich aus den nicht hundertprozentig legalen Duftwolken, die sich aus den Reihen der Fans in den Himmel kräuselten? Oder genoss die Möwe einfach bloß den Aufwind heißer Luft, weil sich unter ihren Schwingen 58 000 Wahnsinnige die Abwärme aus dem Körper tanzten? Jedenfalls traten die legendären englischen Altrocker am 26. Juni im legendären Neustadion der Mittelmeermetropole auf, und ganz Marseille war auf den Socken, beziehungsweise Schwingen. Es war kurz vor zweiundzwanzig Uhr, normale neunundzwanzig Grad, der Himmel jenseits des wellenförmig schwingenden Arenadachs changierte im Abenddämmer von hellblau über türkis ins ungesund Grüne, dann wurde es gelb, violett und schließlich Nacht. Und einsam, einsam über allem schwebte jene Möwe, die Keith Richards bei seinen Soli mitten auf den Kopf... hat sie aber nicht.





Die Stones hier, zum einzigen Konzert in Frankreich, meine Frau hat uns Karten besorgt, und dann geht das so in Marseille: Zwischen unserem Haus und dem Vélodrome erstreckt sich, wenn ich Google Maps glauben darf, eine Fahrstrecke von etwa 55 Kilometern. Nur ein Wahnsinniger würde mit dem Auto direkt bis vors Stadion rollen wollen – wir entscheiden uns, in La Joliette zu parken und danach quer durch die Stadt mit der Metro zu fahren. (Mais oui, Marseille hat eine U-Bahn mit, äh, ich glaube zwei Linien...) Leider sind auch andere auf diese Idee gekommen, dazu gibt's die üblichen Pendler (ist ja unter der Woche) und gerade hat sich Frankreich mit Dänemark müde duelliert und Fans strömen vom Public Viewing zurück. Alors: 50 Kilometer geht es so dahin, für die letzten fünf Kilometer in Marseille brauchen wir dann aber fast zwei Stunden. Dann die überfüllte Métro. Dann eine Security-Schranke vor dem Vélodrome. Dann noch eine. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Wir haben das Haus um 15.30 Uhr verlassen, um 20.05 Uhr waren wir im Vélodrome.
Doch, putain, was hat sich das gelohnt! Die alten Säcke sind so was von gut drauf und so lässig und machen so unfassbar tolle Musik und... d'accord, ich muss hier niemandem mehr was von den Rolling Stones erzählen, das können die Kollegen vom Feuilleton eh viel besser. Sagen wir so: 58 000 Marseiller auf einem Haufen. Manche so alt, dass du sie die Treppen auf die Ränge hochtragen musst. Andere gerade der Grundschule entwachsen. Eine Stunde, bevor irgendwer auf die Bühne tritt, machen wir schon „La Ola“, einfach so. Und als die alten Herren dann aufspielen, geht die Post ab bis Mitternacht. Unfassbar.



Apropos „alte Herren“. Mick Jagger hat dem Publikum verkündet (Mais oui, Mick parle français.), dass er 1964 zum ersten Mal in Frankreich gewesen war. Da fühlte ich mich unglaublich toll. 1964, hey, der gute Mick war in Frankreich, bevor ich auch nur geboren war! Ich bin gar nicht sooo alt. Eigentlich bin ich sogar noch jung. Ich meine, wenn einer vor meiner Geburt, okay, ja, ich sehe gerade in den Spiegel. Vergiss es.


Dann halt ne andere alte Geschichte, die möglicherweise sogar der eine oder andere Kollege aus dem Musik-Feuilleton nicht so auf Anhieb auf der Pfanne hat: Mick Jagger hat bei seinem ersten Konzert in Marseille die Fresse vollgekriegt. Echt. Also nicht absichtlich, aber, na ja, ist halt Marseille. Das ging so: Ende März 1966, die Stones treten zum ersten Mal hier auf, im Salle Vallier, einer Halle, die wirklich bescheiden ist im Vergleich zu den Arenen, die sie später füllen werden. Auf der Bühne Mick Jagger und die Band. Unten: die Fans. Dazwischen: eine Reihe Polizisten, soll ja alles seine Ordnung haben. Was für eine bescheuerte Idee. Alors, ein Fan, der sich in seiner Begeisterung nicht mehr halten kann, zerlegt seinen Stuhl (Ein Stuhl in einem Rockkonzert, noch so eine tolle Idee.) Jedenfalls hat der Typ plötzlich ein größeres zweckentfremdetes Stück Holz in der Hand und denkt sich: Merde alors, das werfe ich jetzt mal einem Flic an den Kopf. Nur ist er zu blöd oder zu kräftig oder zu besoffen, um die Polizisten zu treffen. Sein Holzbein (also das vom Stuhl) segelt hoch über die Képis der Flics hinweg – und erwischt Mick Jagger am Kopf. Volltreffer direkt rechts neben dem Auge, Platzwunde, Veilchen, der Held geht zu Boden. Das kann dir nur in Marseille passieren.



Trotzdem (oder gerade deshalb) ist er danach immer mal wieder gekommen, zuletzt war's 2003, und jetzt halt endlich wieder. Seine Show war galaktisch, auch auf dem Rückweg standen wir im Stau - und die Möwe kreist wahrscheinlich immer noch über dem Vélodrome, halb taub und total bekifft.

Dienstag, 15. Mai 2018


Es freut mich doch sehr, dass am 22. Mai Capitaine Roger Blanc zum fünften Mal auf Verbrecherjagd geht - wenn auch höchst unfreiwillig und ziemlich illegal. Denn eigentlich hat er im „Dunklen Arles“ nichts verloren, aber er muss sich halt überall eine blutige Nase holen. Arles ist eine Stadt mit mehr als 50 000 Bürgern, da ermittelt die Police nationale, und ein Gendarm darf sich im Schatten des antiken Amphitheaters gehackt legen, wenn es nach den Polizisten ginge. Aber genau deshalb trifft sich Blanc in dieser Arena zum heimlichen Rendezvous und da fällt ihm ein Toter vor die Füße und Aveline wird auch beinahe ermordet und ... na ja. Man kann sein Leben unkomplizierter leben als Roger Blanc, aber dann kommt man vielleicht nie in die Provence und lernt niemals eine so aufregende Frau kennen wie Aveline.





Blanc und Aveline jedenfalls haben plötzlich bloß ein rasend zusammenschrumpfendes Wochenende Zeit, um einen verflucht brutalen Mörder zu jagen – einen Mörder, der wiederum sie jagt. Und so liefern sie sich ein tödliches Duell zwischen dunklen Mauern und der grau-schaumigen Rhône, und über allem dräut ein regensatter Novemberhimmel. (Mais oui, Regen, November – die Provence liegt nicht in den Tropen, wir haben hier richtige Jahreszeiten und der November ist nicht gerade der Traummonat und gerade deshalb finde ich es toll, mal einen Krimi im finstersten Herbst spielen zu lassen. Ist vielleicht mein Hamburger Erbe, an der Elbe ist es ja im Juli so wie in der Provence im November.)




Arles, das findet Blanc zu seinem Leidwesen und mit schmerzendem Leib rasch heraus, ist das ideale Setting, um sich von Bösewichten fertigmachen zu lassen: labyrinthische antike Ruinen (manche auch noch, putain, tief unter der Erde und so lichtlos wie die Hölle), mysteriöse mittelalterliche Klöster wie aus einem durchgeknallten Fantasy-Epos, vergessene Friedhöfe, dunkle Passagen und stille Gassen, in denen du ganz alleine bist, wenn du stirbst.



Doch mittendrin leben hippe Fotografen und Galeristen, genialische Archäologen, angesagte Köchinnen und, eh bien, modisch perfekt ausgestattete und anabolisch perfekt gedopte Arschlöcher. Blut fließt durch die Gassen von Arles und zwar aus mehr als einem Körper. Blanc und Aveline werden zu Einbrechern und Dieben und schießen mit unregistrierten Waffen um sich und unerbittlich tickt dabei die Uhr die kostbaren Minuten weg...



Ich will ja nicht so blöd sein und ausgerechnet für mein eigenes Buch einen Spoiler liefern, doch eine winzige Ergänzung sei mir hoffentlich gestattet: Zu den Bösen gehören hier auch ein paar Nasen aus der Identitären Bewegung, die ja auch in Deutschland ihr Unwesen treibt – die aber, Gott sei's geklagt, in Südfrankreich ihren Ursprung und wohl ihre stärkste Basis hat. Im Roman sind Blanc & Co. fassungslos, dass diese Typen vollkommen unbehelligt auf Facebook und anderen Seiten hetzen können. Im echten Leben hat sich das Anfang Mai endlich, endlich geändert: Facebook hat die Seite der „Génération Identitaire“ wegen „discours incitant à la haine“ ausgeknippst. Es gibt ihn noch, den Fortschritt in dieser Welt.



Ob er jedoch Blanc und Aveline nützt? Die beiden müssen sich, ganz am Ende, in der einsamsten und finstersten Ecke von ganz Arles einem düsteren Killer stellen – in einer Ecke, die übrigens tagsüber jedermann ganz legal und ohne mörderische Drohung ebenfalls besuchen kann. Alors, nur zu: für den eigenen Showdown in Arles – vielleicht im nächsten November?



Und hier findet die geneigte Leserin, der geneigte Leser ein Interview über den Roman und Capitaine Blanc in seiner Schlechthinnigkeit:

http://www.dumont-buchverlag.de/verlag/aktuelles/detail/interview-mit-cay-rademacher/

PS: Es gibt auch ein paar schräge Stellen in Arles, an denen Aveline und Blanc vorüber eilen. Wer mag, der darf sie gerne wiederfinden, im Text oder in echt:










Freitag, 13. April 2018


Arles ist die kleinste große Stadt der Provence und die jüngste älteste Stadt obendrein. Klingt, als hätte ich in Arles zu viel Rosé getrunken? Mais non. Die Geschichte geht so: Arles ist ein Propfen auf dem Sumpf, die letzte Stadt an der Rhône, bevor sich der Fluss in der Camargue verströmt.



Auf Arelate, dem „Felsen im Sumpf“, haben schon gallo-keltische Siedler gelebt, dann Griechen und schließlich die Römer: Julius Caesar hat hier Hunderte Veteranen angesiedelt, Legionäre, die für ihn gekämpft hatten und am Ende ihrer Dienstzeit zur Belohnung Land zugeteilt bekommen haben. Die Römer haben in Arles gemacht, was sie überall gemacht haben: Amphitheater und Thermen und Foren und Tempel und was-weiß-ich-noch-alles gebaut, elegant, prachtvoll, technisch gewagt und mit einer Gewährleistungsfrist von zweitausend Jahren.



Im Mittelalter war die Gemeinde bedeutender Bischofssitz, Pilgerort – und Totenstadt. So wundertätige Heilige haben hier gewirkt, dass die Leute ihre toten Angehörigen in schwimmenden Särgen die Rhône hinunter treiben ließen, in der Hoffnung, dass eine fromme Hand sie bei Arles herausfischt und die Gebeine dort auf Les Alyscamps beerdigt. Schließlich ist dieser Friedhof mit seinen nebeneinander, aufeinander, quer-drüber-gelegten-ich-hab-jetzt-auch-keinen-Platz-mehr-Särgen zu einem Open-Air-Lagerraum der Gewesenen mutiert, an dessen Ende die Geistlichen eine riesige Kirche errichten wollten. Aber, ach, der Herr verließ die Frommen, es fehlte Kraft und wohl auch Geld und so ist dieses Gotteshaus ein Torso geblieben, ein unfertiges, zerbombt wirkendes, archaisch-wuchtiges Gebäude wie aus einem coolen Fantasyfilm.



Im 19. Jahrhundert verirrte sich schließlich noch eine ganz andere gequälte, da aber gerade noch lebende Seele nach Arles: Vincent van Gogh hat hier etliche seiner schönsten Bilder geschaffen, bevor er sich in einem kargen Zimmer in Arles sein Ohr ... wissen wir. Zu seiner Zeit war die in der Antike und im Mittelalter so bedeutende Stadt allerdings leider schon zum Provinzkaff hinunter gesunken, mit der Eisenbahn hat der Maler fünfzehn Stunden gebraucht, um von Paris bis hierhin zu gelangen.



Heute ist die Stadt, siehe oben, klein (nun ja, relativ klein, wir kommen weiter unten im Text noch einmal darauf) – einerseits. Die Altstadt ist ein Gassengewirr am Ostufer der Rhône, das auch ein fußkranker Tourist in einer halben Stunde durchmessen kann. Mit allen Vororten zusammen kommt die Gemeinde auf etwas mehr als 50 000 Einwohner. Andererseits, ah oui, andererseits wirkt Arles ungeheuer groß – weil man hier von einem Monument zum anderen stolpert und mehr davon bestaunen kann, als in den meisten Metropolen dieser Welt.



Arles war in der Antike eine richtig hippe Stadt und sogar zeitweise Hauptstadt Westroms. Hier haben Kaiser residiert, und das ist ja nicht gerade das, was so jede dahergelaufene Stadt von sich behaupten kann. Das Amphitheater ist eine Steinschüssel auf dem einzigen Hügel von Arles, kleiner als das Kolosseum in Rom, aber besser erhalten, ein graues Oval, eine Orgie geschwungener Bögen in Horizontale und Vertikale.

Das antike Theater ist ein erhabener Trümmerhaufen, man glaubt, man könnte von den obersten Rängen des Amphitheaters gleich bis hierhin springen, so nah ist das. Die Konstantinsthermen stehen am Ufer der Rhône, die Kryptoportiken sind finstere, gruselige, rätselhafte Gewölbe, die antike Baumeister aus mysteriösen Gründen in den Felsen mitten unter der Stadt getrieben haben.



Aus dem Mittelalter grüßt, zum Beispiel, die Kirche Saint-Trophime mit ihrem steinernen Riesencomic im Portal. Wer hier hindurchschreitet, der beugt sein Haupt nicht bloß vor Jesus dem Weltenrichter und diversen Heiligen, der duckt sich auch vor einem herausgemeißelten Löwen, der einen unglücklichen Mann mit der Pranke niedergeschlagen hat – und, weiter drinnen im dann doch nicht ganz so friedlichen Gotteshaus, schlendert man durch einen Kreuzgang, in dessen Kapitellen halbnackte Nixen ihr Unwesen treiben und gepanzerte Ritter, die kleine Kinder erschlagen. Und man fragt sich, was die Mönche wohl einst gedacht haben mögen, die hier singend und betend durch diese Welt aus Licht und Schatten schritten.



Ich mag an Arles, dass sie hier nicht einen goldenen Zaun um ihre Monumente schlingen, sondern einfach weitermachen wie bisher: Im Amphitheater, beispielsweise, haben sich einst zur Gaudi des Publikums Gladiatoren niedergemetzelt. Heute stechen Matadore dort Kampfstiere bei spanischen Corridas ab. (Arles gehörte mal zu Katalonien, sagt es den Separatisten dort.) Nicht, dass ich diese Stierkämpfe gut finde (die unblutigen provenzalischen schon), aber ich finde es halt bemerkenswert, dass eine Riesenschüssel aus Stein und antikem Mörtel auch nach zweitausend Jahren immer noch zum ungefähr gleichen Zweck benutzt wird. Zweitausend Jahre!

Im antiken Theater nebenan geben sie heute Open-Air-Konzerte, was, wenn man sich das genau überlegt, auch nicht so großartig anders ist als das, was sie hier zu Augustus' Zeiten dargeboten haben. Und eines der besten Hotels am Platz ist einfach in den Ruinen eines antiken Tempels hineingebaut worden, zwei glänzende Säulen stehen noch heute in jenem Mauerwerk am Empfang, wo man sich anmelden kann, und so treffen hier antiker Götterkult und Booking.com ganz zwanglos aufeinander.



Arles ist, siehe Trümmerliste oben, deshalb so was von alt – einerseits. Andererseits ist die Stadt wahnsinnig jung. Hier werden Frankreichs, ja der Welt beste angehende Fotografen an der École Nationale Supérieure de la Photographie ausgebildet. (Demnächst in einem ultramodernen Superbau fast direkt neben den steinernen Sarkophagen von Les Alyscamps.) Jeden Sommer findet hier das berühmte Fotofestival statt. Und so stolpert man in den Gassen über junge, kreative, verträumte und auf jeden Fall dezidiert unlangweilige Fotografen und über Galeristen, die Werke von Newcomern und Weltstars ausstellen.



Arles ist darüber, ein Wunder im Paris-zentrierten Frankreich, in den letzten drei Jahrzehnten zum Weimar an der Rhône geworden, zu einer kleinen Stadt im Irgendwo, die es irgendwie geschafft hat, ein Kraftwerk der Kultur zu werden. Actes Sud residiert zum Beispiel auch hier, ein Verlag, der inzwischen mehr Bücher (und mehr Nobelpreisträger) vorweisen kann als viele Häuser an der Seine. Und zu Actes Sud zählen eine wundervolle Buchhandlung, ein Kino, ein Kulturzentrum und, gewissermaßen, denn die Verleger haben sie gegründet, eine der wenigen Reformschulen im Midi. Was Wunder, dass der weibliche Part des Actes Sud besitzenden Paares schließlich doch nach Paris entfleucht ist: die Verlegerin Françoise Nyssen ist Kulturministerin unter Macron, und sie ist garantiert nicht die schlechteste Dame in der Regierung.

Ach ja, Arles als kleine-große Stadt: zur Gemeinde gehört auch ein erheblicher Teil der Camargue. Da wohnen zwar nur Flamingos und weiße Pferde, aber das macht nichts: Mit mehr als 750 Quadratkilometer ist Arles die flächenmäßig größte Stadt Frankreichs (wenn man die Überseegebiete nicht mit berücksichtigt) und damit viel, viel größer als dieses Kaff mit dem Eiffelturm...

Freitag, 16. März 2018


Man kann nicht sagen, dass sich in der Provence die Maler auf den Füßen stehen wie Pendler in der Tokioter U-Bahn. Aber hin und wieder läuft man – zum Glück – auch heute noch dem einen oder anderen Künstler über den Weg. Und ein noch größeres Glück ist es, ihnen bei der Arbeit zusehen zu dürfen und Nachhilfe im Hinsehen zu bekommen: So also fängt man die Farben und das Licht des Midi ein! (Ich habe es hin und wieder auch probiert, aber bin leider nie über das Niveau eines äußerst begrenzt talentierten Grundschülers hinausgekommen.)



Selbstverständlich verehren wir hier die lokalen Heiligen der Zunft, Giganten wie Vincent van Gogh und Paul Cézanne etwa, die, indem sie den Süden malten, gleich auch noch die Kunst revolutionierten. Aber ich will heute einmal eine ehemalige Nachbarin vorstellen, eine wundervolle Frau, die ich, da war sie schon krank, in meinen provenzalischen Anfängen noch kennenlernen durfte.
Adry Novoli stammt aus einer Familie wie aus einem Film von Pagnol: 1940, da ist der Krieg gerade verloren und die Wehrmacht hat einen erheblichen Teil Frankreichs besetzt, wird sie als Adrienne Alberici geboren, als sechstes von zehn Kindern einer italienischen Einwandererfamilie in Marseille. Sie wird Schneiderin, heiratet mit neunzehn Henri Novoli – und bildet sich, da ist sie schon beinahe dreißig Jahre alt, autodidaktisch zur Künstlerin aus. Ein Lebensweg, der selbst in diesen dürren Worten so viel Hochachtung einflößt wie die Karriere eines Astronauten.
Adry und Henri haben sich ein uraltes, tausendfach verwinkeltes Haus an der uns gegenüberliegenden Talseite gekauft und mit eigenen Händen renoviert. Dort im Atelier sind die Ölbilder und Aquarelle entstanden, mit denen Adry Novoli ab den Siebziger Jahren bekannt wurde, zuerst in der Region und später, zumindest bescheiden, im ganzen Land. Sie hat Preise bekommen, war in Galerien und Ausstellungen vertreten, zuletzt regelmäßig im Salon des Indépendants in Paris.



Sie hat gemalt, was sie gesehen hat, oft musste sie bloß vor die Tür gehen, um ihre Motive zu finden: Mandelbäume im Februar, weißrosa Schleier in einer noch winterlich braunen Welt. Zypressen neben einem Mas, wie ausgestreckte schwarzgrüne Finger, die sich neben einem steinernen Gehäuse aus dem Erdreich drängen. Boote im Hafen von La Ciotat, und Wasser und Himmel sind so hell und blau und still, dass Du die Nachmittagshitze spürst. Sie hat auch andere Sujets gemalt, Bilder aus der Bretagne oder von griechischen Inseln etwa, Porträts auch und Stilleben. (Einen sommersatten Mohnblumenstrauß von ihr haben wir meinem Bruder geschenkt.) Aber mir haben es halt die Landschaftsbilder angetan, wahrscheinlich bin ich ein rettungsloser Romantiker.
Adry Novoli ist schon 1996 gestorben, sie hat sich sieben lange Jahre tapfer gegen eine tückische Krankheit gewehrt. Ihr Witwer lebt noch heute hin und wieder im Haus, und ihr Atelier sieht aus, als sei Adry nur mal eben hinunter in ihren Garten gegangen. An den Wänden hängen einige Werke – und unter einem großen, farbbeklecksten Holztisch stehen Kisten voller Bilder, klein und groß, Landschaften und Stilleben, es müssen Dutzende Werke sein.



Noch immer gibt es hin und wieder Ausstellungen zu ihren Ehren. Adry Novolis Bilder hängen bei Sammlern der Region. Aber, mon Dieu, in ihrem Atelier schlummern noch so viele, so herrliche Werke. Manchmal, wenn Henri da ist und ich Zeit habe und ich denke, dass ich mich beherrschen kann, gehen meine Frau und ich ins Atelier und sehen uns diese Schätze an. Schätze, in der Tat... Wir fühlen uns wie Archäologen, die eine Königskammer öffnen, in die seit Generationen niemand mehr hineingesehen hat. Und noch seltener, wenn ich mich nicht beherrschen kann, dann gehe ich rüber, seufze beglückt und gönne mir nach langer Auswahl ein Bild.
Am liebsten würde ich sie alle kaufen.


P.S.: Da wir gerade über Kunst plaudern. In Roger Blancs zweitem Fall in der „Tödlichen Camargue“ spielt ein kleines Kunstmuseum in Saint-Tropez eine gewisse Rolle. Dieses Musée Maly ist herrlich exquisit und hat nur einen winzigen Nachteil: Dieses Museum gibt es gar nicht. Nope. Nada. Habe ich erfunden. Immer mal wieder haben mich Leser nach dem Museum gefragt, tja, 'tschuldigung. Jetzt bereiten sie gerade in New York die amerikanische Ausgabe der „Deadly Camargue“ vor und schon fragen mich die Lektoren, where the hell is this museum?
Um Buße zu tun für alle diese Irreführungen, hier jetzt ein kleines Museum aus Saint-Tropez. Es ist keine Villa, wie das Musée Maly, und hier hängt auch kein van Gogh. Dafür ist das Musée de l'Annonciade in einer ehemaligen Kirche direkt am famosen Yachthafen der berühmten kleinen Luxusstadt untergebracht. Der lokale Industrielle Georges Grammont hat in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts richtig, richtig feine Stücke gesammelt und danach den Bürgersinn gehabt, seine Schätze der Öffentlichkeit zu spenden: Voilà, hier hängt L'Orage von Paul Signac, mit einem Gewitterleuchten, dass Du niederknien möchtest. Ansichten von Marseille und von Sète von Albert Marquet, die eine tibetanische Ruhe ausströmen. Zwei Werke von Raoul Dufy nebeneinander, eine Orgie in Grün und Blau. Dazu schönste Stücke von Georges Seurat, Théo van Rysselberghe, Pierre Bonnard, Henri Matisse, André Derain, Georges Braque, Kees van Dongen und und und, es ist einfach eine Pracht. Alors, das ist zwar nicht mehr die Provence, sondern die Côte d'Azur, aber: Diese Kunst ist jede Grenzüberschreitung wert.

Freitag, 12. Januar 2018

Sprechen wir einmal über das zweitinteressanteste Thema der Welt nach, äh, Donald Trump: das Wetter. Wollen Sie einmal einen provenzalischen Wetterbericht lesen, obwohl Sie gerade in, sagen wir, Hamburg, Berlin, München, Köln schmachten? Wirklich. Eh bien...
5. Januar, gegen 12.00 Uhr. Sonne, wolkenloser Himmel, leichtester Südwind, achtzehn Grad Celsius im Schatten, aber hier ist weit und breit kein Schatten. Über den Wellen schwebt eine fingerdünne Dunstschicht, das Wasser kräuselt sich höchstens so hoch wie eine ungebügelte Tischdecke, ein Schwarm Gänse zieht majestätisch nordwärts durch den Zenith. Kann ich alles ganz genau beobachten.
Ich war nämlich mit meinem Sohn segeln.
Wie jedes Jahr rund um Silvester. Weil es immer so schön ist.



Wir haben an Bord Mittag gegessen, die Jacken konnten wir wirklich nicht mehr anbehalten, aber Sonnenbrillen waren praktisch und eigentlich hätte uns eine Tube Sonnencreme auch nicht geschadet. Zur selben Zeit saß meine Frau mit den Töchtern übrigens beim Essen auf der Terrasse...
Bei den Blumen und Sträuchern sprießen die ersten Triebe, das Gras schießt in die Höhe, Vögel zwischtern, klar, hey, es ist doch schon Januar!
Ein Klischee?
Nun ja. Einerseits haben wir es in der Provence amtlich: Im abgelaufenen (Rekord-)Jahr 2017 ist Marseille Frankreichs sonnigste Stadt gewesen. („Sonnig“ ist ja ein Attribut, das einem sonst nicht als allererstes zu Marseille einfällt.) Marseille hat es auf 3110 Sonnenstunden im Jahr gebracht, das sind 60 bis 70 Stunden mehr als an der Côte d'Azur oder auf Korsika. Paris hinkt mit 1629 Stunden hinterher, und will wirklich jemand wissen, wieviele es in im bretonischen Brest waren? Gut, tapfer sein: 1257 Stunden.

Andererseits haben wir hier schon im November, während Hamburger Freunde noch tapfer den üblichen Regen ignorierten, morgens die Autos freikratzen müssen. Nachts kann die wunderbare, klare provenzalische Luft nämlich schweinekalt werden. Und das ziemlich rasch.
Das ist eines der ersten Dinge, die jeder Neu-Provenzale lernt: unterschätz den Winter nicht! In der Sonne kann es tatsächlich am frühen Nachmittag bis beinahe zwanzig Grad warm sein. Aber sobald das Gestirn erschöpft hinter den Horizont fällt, rauscht das Thermometer nach unten, als wäre die Quecksilbersäule der Kopf einer Tiefenbohrung. Zehn Grad Temperaturverlust in der ersten Stunde nach Dämmerung – kein Problem. Zwanzig, fünfundzwanzig Grad Verlust bis zur Mitte der Nacht – kein Problem. In den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging es einmal von nachmittags bis nachts binnen acht Stunden um fast vierzig Grad in den Keller: zwanzig Grad, es wurde bloß das Vorzeichen vertauscht.



Seit ungefähr zwölf Wochen verfeure ich deshalb Abend für Abend ganze Wälder in unserem herrlichen Ofen. Unsere Jüngste hat Körnerkugeln für die Meisen aufgehängt, denn die haben nichts zu picken. Hungrige Wildschweine kommen abends oft und tagsüber leider manchmal auch schon bis nahe ans Haus, um Knollen und was-weiß-ich-noch aus dem Boden zu wühlen. (Meine Frau hat gestern beinahe einen Herzinfarkt erlitten, als sie sich plötzlich mittags zwischen Bäumen Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Eber wiederfand. Zum Glück war dieses Wildschwein gerade aus irgendwelchen Gründen desorientiert und ist erratisch durch die Botanik gerannt, statt zur Attacke überzugehen.)
Deshalb muss man hier zwischen Anfang November und Ende Januar die Sonne genießen, sobald sie da ist: Raus in die Wälder, Küsten, Berge, raus aufs Boot, raus auf die Terrasse, raus in die Cafés und Bistrots, raus, raus, raus! Aber vergiss bloß Mantel und Mütze nicht und immer schön in den Himmel gucken, um zu sehen, wo die Sonne gerade steht. Und immer mal wieder zwischen die Bäume linsen, um nicht über ein Wildschwein zu stolpern.
Der echte Frühling beginnt im Midi normalerweise erst irgendwann im Februar. Dann sind Pflanzen und Tiere in Feierfortpflanzungslaune und der Mensch kann sich etwas entspannter zurücklehnen: Wird schon nicht mehr frieren...
Übrigens sind mein Sohn und ich dann einen Tacken zu spät im Hafen gewesen. Es dämmerte schon, und wir haben mit steifen Fingern und eisigen Füßen die Yacht, nun ja, winterfest gemacht.


P.S.: Wir erinnern uns: 3110 Sonnenstunden 2017 in Marseille. In Hamburg waren es im gleichen Zeitraum 1450. Muss ich noch erkläreDate:Jan. 13, 2018n, warum ich ausgewandert bin? (Besten Dank, Ralph!)