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Monat, nächster Krimi:
Roger Blancs 13. Fall „Bedrohliche Alpilles“ taucht langsam am
Horizont der Buchhandlungen auf. (mehr dazu hier: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/cay-rademacher-bedrohliche-alpilles-9783755811923-t-7791)
Doch wir
können doch jetzt schon mal einen Spaziergang durch die in
unkriminalistischen Zeiten eher unbedrohlichen Alpilles machen.
Obwohl, unbedrohlich...
Wenn
Sie zufällig das nächste Mal in Eyguières sind, dann nehmen Sie
doch die kleine Straße Montée Saint-Joseph und parken direkt hinter
dem Ortsausgang. Ein schattiger Forstweg verschwindet dort zwischen
Aleppo-Kiefern und Eichen. Manchmal biegen von ihm Pfade links und
rechts ab, gefällte Stämme
liegen als Barrieren quer darüber, an den Bäumen hängen rote
Warnschilder: Proprieté
Privée; Chasse Gardée,
was wörtlich übersetzt bedeutet Privatbesitz,
privates Jagdrevier,
aber sinngemäß eigentlich: Komm
bloß nicht näher, sonst brate ich dir einen drüber.
Irgendwo bellt ein Hund und diesem Bellen nach möchtest du auch gar
nicht näher kommen.

Der
Wanderer sieht einen verwilderten Olivenhain und Teppiche aus Iris am
Wegesrand. Mitten im Wald steht ein gemauerter Pfosten – vielleicht
einst eine Art Torpfosten, denn tief zwischen Wipfeln und Stämmen
ist ein Dach auszumachen: Ein Haus im ewigen Schatten, ausgerechnet
in der Provence, dem Land der ewigen Sonne. Nur wenige Vögel singen,
der Wald duftet nach Kiefer, doch die aufsteigende Sonne verdampft
auch diesen Duft.
Spooky?
Nur durchhalten: Nach etwa einer Viertelstunde treten Wandersfrau und
Wandersmann und Wandersdivers plötzlich in die offene, hügelige
Garrigue. Hier, am Hang der Alpilles, blühen gelb der Ginster und
violett mehr als hüfthohe Eselsdisteln, deren Stängel so
dornengespickt sind wie die Krone des Gekreuzigten.
Und
nun wechseln wir das Genre, von Grusel zu Mittelalter – oder, ganz
nach Geschmack, Fantasy. Auf dem schmalen Grat einer langgestreckten
Bergkuppe steht der
Castellas de Roquemartine: Eine Kirche und ein verfallenes Gebäude
zur Linken, ein trutziger
Wachturm tiefer rechts, auf dem Scheitelpunkt die vielleicht wildeste
Burg der Provence. Ein eckiger, sicher noch zwanzig, dreißig Meter
hoher Turm dominiert die äußerste Klippe, fensterlos und mächtig,
daneben ragt ein Steingebilde auf, so schmal und gebogen wie ein
Riesenmesser – unmöglich zu sagen, was es einst war: Reste eines
weiteren Turms? Ein Gewölbe?

Geht
man um die Burg herum, sieht man, dass der Turm sehr breit und
möglicherweise Teil eines Pallas
war: eines eckigen Palastes. Eine Mauerecke ist eingestürzt, im
verwüsteten Innern ragt noch ein gotischer Bogen auf, der seit fast
tausend Jahren die steinerne Plattform des Turms trägt. Am Berghang
hält sich ein Fragment
der Burgmauer tapfer aufrecht, zwanzig oder mehr Meter lang,
zinnenbekrönt; doch geht man weiter, sieht man die Mauer von der
Seite – da wirkt sie so schmal wie eine Filmkulisse, so, als könnte
sie beim
nächsten
Mistral umgeblasen werden.
Überhaupt,
der seltsame Wind hier: Wolken fliegen rasch durch den Himmel,
angetrieben von irgendeinem Höhenwind, der am Boden, wo ab etwa zehn
Uhr morgens die Zikaden anfangen zu sägen, in der Hitze nicht zu
spüren ist. Liegt die Ruine im prallen Sonnenlicht, leuchtet sie
hellgelb; zieht eine Wolke vorüber, wird sie grau und scheint zu
schrumpfen.
Ein
Castrum
de Roca Martina
wurde urkundlich erstmals um 1096 erwähnt, bis ins 15. Jahrhundert
hinein wurde die Festung ständig erweitert, am Ende war’s beinahe
ein Wehrdorf mit Wind- und Wassermühle, Ställen, einem Taubenschlag
– und einer Kirche.
Saint-Sauver
erwies sich allerdings als verfluchtes Gotteshaus. Schon im
Mittelalter stürzte es mehrmals ein, obwohl es auf solidem Fels
steht. Die Außenwände wurden nachträglich mit Stützbögen
versehen und krachten
trotzdem wieder zusammen, bis in den 1950er Jahren auch der zäheste
Gläubige und fleißigste Steinmetz kapitulierte und man
das Dachgewölbe komplett kollabieren ließ. Nur in einer kleinen
Seitenkapelle hat es
sich
erhalten
und zwei spätmittelalterliche Fresken mehr schlecht als recht
geschützt. Eine Wand ist dort weiß gestrichen und mit braunem
Rahmen versehen, eine steinerne Leinwand, darauf der gekreuzigte
Jesus, unter dem Kreuz Maria und Johannes und ein kleiner Mann mit
Tonsur; über dem Kreuz Mond und Sonne; alles sehr verblasst, das
einst intensive Blau und Grün in drei Schattierungen nur noch
erahnbar.
Der
Mann mit Tonsur war sicher ein Geistlicher, doch niemand weiß, wer
er war. Der Stifter dieses Bildes? Oder … ein Toter? Solche Fresken
waren in der Provence früher oft als Grabschmuck gedacht, die
Gebeine des Verstorbenen lagen im Kirchenboden unterhalb des
Wandbildes. Nur: Im Castellas de Roquemartine und seiner verfluchten
Kirche ist bis heute kein Toter gefunden worden…
Eigentlich
ein guter Ort für einen Krimi, oder nicht? Warten wir es ab.
P.S.:
Vom Castellas de Roquemartine geht der Blick weit über ein Tal bis
zum Tour Les Opies (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2026/01/les-opies-in-den-alpilles.html) auf einem anderen Berg. Beides
ist Privatbesitz und gehört einem (sehr netten) adeligen Ehepaar.
Rolls-Royce-Sammeln ist so was von vorgestern, Kunst ist so was von
gestern. Der Adelige von Welt sammelt heute Berggipfel mit Ruinen
obendrauf.