Donnerstag, 2. Juli 2026

Zaz in Salon-de-Provence

Mit Zaz auf einer mittelalterlichen Burg ein paar Lieder zu singen – das ist doch eine gute Art, in den Sommer zu starten. Zumindest meiner Frau und mir und ungefähr zweitausend weiteren Leuten hat’s gefallen. Es war nämlich so: Zaz, Frankreichs markanteste Stimme, trat gestern im Château de l’Emperi in Salon-de-Provence auf. Also, nicht „in der Burg“ im Sinne vom „im Rittersaal“, sondern im Sinne von Open Air: Zwischen zwei zinnenbekrönten Mauern, zwei massiven Toren, im Schatten eines gewaltigen Donjons. Das ist doch schon mal ein schöneres Setting als eine Mehrzweckhalle in Kleindingenskirchen.







Ich glaube, ich habe das schon mal irgendwo erwähnt: Das Tolle am Sommer im Midi ist, dass sich hier Stars aller Fakultäten das Mikro in die Hand geben. Hier gibt es einen richtig guten Sommer, richtig gutes Essen (der Rosé ist auch richtig gut) und richtig gute antike und mittelalterliche Trümmer, die sich zu richtig guten Bühnen umbauen lassen. Also kannst du zwischen Theater- und Klavierfestivals wählen, zwischen Rock und Rap, Literatur und Fotografie. Du kannst jeden Tag nach dem Strand eine großartige Ausstellung, ein fabelhaftes Konzert besuchen. (Eh bien, falls Du rechtzeitig Karten reserviert hast. Selbst wenn in Trumpistan Fußball gespielt wird – und das französische Team übrigens ein klein wenig besser spielt als La Mannschaft -, so sind doch praktisch alle Spektakel ausverkauft. Merke: Der kluge Fan reserviert im Winter für den Sommer.)




Zaz also. Meine Liebste und ich hatten sie vor vierzehn Jahren in Hamburg gesehen, da zündete bei ihrer Karriere gerade der Nachbrenner. Sonst muss ich nicht viel über sie sagen, oder? Zaz ist halt eine Rampensau: Stimme, Stimmung, tolle Musiker, und sie strahlt so viel positive Strahlung aus wie ein Ein-Frau-Gute-Laune-Kraftwerk. (Meine Lieblingsszene: Am Rand der Bühne stand ein wirklich, wirklich bulliger Security-Mann mit kahlrasiertem Schädel. Der hat natürlich ins Publikum geblickt, nicht zur Sängerin hin, denn man weiß ja nie. Zaz wirbelt über die Bühne, singt von Liebe und Freude – und schmatzt dem Schwarzenegger spontan einen Kuss auf die Platte. Der hätte auch nicht gedacht, dass er mal von Zaz geküsst wird, wurde dunkelrot, sah aber für den Rest des Konzerts ziemlich zufrieden drein.)




Natürlich wäre der Süden nicht der Süden, wenn alles geklappt hätte. Das Konzert wurde von 21 auf 20 Uhr vorverlegt, weil die Sängerin am nächsten Tag eine weite Fahrt zum Folgeauftrittt vor sich hatte. Das wurde zwar Wochen vorher bereits allen Ticketinhabern per Mail gemeldet, das kam in der Zeitung, im Netz, im was-weiß-ich-wo-noch, aber, hey, was interessiert das einen echten Provenzalen? Ungefähr 1950 Fans kamen pünktlich, aber 50 Nasen trudelten erst ein, als der Zaz-TGV schon richtig Fahrt aufgenommen hatte.

Außerdem war die Provence in diesem Frühsommer, ich glaube, das überrascht auch niemanden hier, schon flauschige 40 Grad warm. Doch genau am Tag des Konzerts fing der Mistral an. Die Böen haben um die Zinnen gezischt, die Riesenflagge auf dem Donjon sah aus, als würde sie gleich gen Mittelmeer davonfliegen. Zaz hatte ein Mikro und hochhausgroße Boxen. Doch wenn du im Publikum mitgesungen hast, dann hat es dir die Worte von den Lippen geweht.

Hat aber die Stimmung irgendwie noch einmal gehoben, denn wer lässt sich schon von einem bisschen Wind umblasen? In diesem Sinne: Einen schönen Sommer!





Ach, das noch: Unser erstes Zaz Konzert (auch Open Air): Hamburg – Sommer – Sturzregen. Zweites Konzert: Provence – Sommer – Mistral. Klischees sind Klischees, weil sie mehr als manchmal wahr sind.

Donnerstag, 7. Mai 2026

"Bedrohliche Alpilles", der 13. Fall für Capitaine Roger Blanc

Der Himmel leuchtet, als hätte ihn der große Meister mit nur leicht wasserverdünnter Aquarellfarbe gemalt. Morgensonne scheint durch das Holzfenster der Schreibstube unterm Dach der alten Ölmühle, über den Dachschindeln ziehen ein paar Mauersegler halsbrecherische und ein Turmfalke majestätisch perfekte Kreise.



Sieht fantastisch aus. Allerdings bedeuten klare Luft, helles Licht und kreisende Vögel, dass gerade vor meinem Fenster Hunderte Bienen, Fliegen, Mücken, Eidechsen und Mäuse um ihr Leben fürchten müssen. Tja, so kann Schönheit täuschen.

Sein 13. Fall führt Roger Blanc ab dem 12. Mai in die „Bedrohlichen Alpilles“, und die sehen auch super aus. (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2026/01/les-opies-in-den-alpilles.html) Zumindest, so lange man nicht zu genau hinguckt: Ein weites Tal, eine uralte Ruine, zwei felsige Bergrücken, zwei kleine Städte, Dutzende Olivenbäume, Hunderte Weinstöcke… 





Doch wenn man genauer hinguckt, mitten im weiten Tal: neun Patronenhülsen, ein demoliertes Auto, ein Fahrrad, drei Tote, ein traumatisiertes Mädchen. Tja, so kann Schönheit täuschen.

Blanc hat einen neuen Job bekommen. (https://provencebriefe.blogspot.com/2025/11/zwolf-provence-krimis-mit-roger-blanc.html) Er ermittelt weiterhin mit Fabienne und Marius, doch sind zwei junge, reichlich selbstbewusste Gendarmen hinzugekommen. Der erste Fall des neuen Teams ist ein Cold Case und, wie sie ein pensionierter Kollege warnt, der „beschissendste Fall Frankreichs“: Mitten in den scheinbar so idyllischen Alpilles und mitten im Hochsommer sind eine in die Provence ausgewanderte Familie und ein harmloser Radfahrer Opfer eines Mordanschlags geworden.

Ein kaltblütig geplanter Hinterhalt oder ein zufälliges Massaker? Ging es um Rache, Geld, Drogen, Neid, Rivalitäten, Eifersucht… Nichts, nichts, nichts haben Blancs Vorgänger trotz Jahre langer Mühen herausgefunden, es gibt keinen Verdächtigen, kein Motiv, keine einzige brauchbare Spur.

Blancs Leute sind zunächst genauso ratlos wie die alten Flics. Doch dann stoßen sie auf erste Indizien, seltsame Aussagen, bizarre Zufälle, beunruhigende Geheimnisse. Und bald haben sie mehr Verdächtige, als sie sich das je haben vorstellen können. Nur: Wie kann man einen Mörder überführen, viele Jahre nach der Tat?

Indem man ihm schließlich eine Falle stellt…





Ich habe mich von einem echten Cold Case aus Frankreichs überreicher Kriminalgeschichte inspirieren lassen. Ein Mehrfachmord an einem anderen Ort, in einem anderen Jahr, doch an einer Familie sowie einem in der einsamen Natur zufällig oder auch nicht zufällig vorbeikommenden Radfahrer. Angesichts von so viel Gewalt mag es zynisch klingen zu gestehen, dass es mir außerordentlich viel Vergnügen bereitet hat. Aber, ja doch, ich hatte großen Spaß, mit den Alpilles eine der schönsten Ecken der Provence zu beschreiben. (https://provencebriefe.blogspot.com/2026/04/der-castellas-de-roquemartine-und-die.html) Und es war, formulieren wir es so: eine intellektuelle wie emotionale Herausforderung, ein Mysterium, das in der Realität leider bislang nicht und vielleicht nie gelöst ist, wenigstens in der Literatur zu erhellen.

Denn selbstverständlich klären Blanc und seine Mitstreiter den Fall auf – allerdings, siehe oben, ganz anders, als sie sich das vorgestellt haben. Immerhin ist die Provence nach diesen Ermittlungen wieder ein schöner Ort.

Zumindest bis zum nächsten Verbrechen.






Weitere Informationen zum Buch gibt es hier: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/cay-rademacher-bedrohliche-alpilles-9783755811923-t-7791

Montag, 13. April 2026

Der Castellas de Roquemartine und die verfluchte Kirche

Nächsten Monat, nächster Krimi: Roger Blancs 13. Fall „Bedrohliche Alpilles“ taucht langsam am Horizont der Buchhandlungen auf. (mehr dazu hier: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/cay-rademacher-bedrohliche-alpilles-9783755811923-t-7791)




Doch wir können doch jetzt schon mal einen Spaziergang durch die in unkriminalistischen Zeiten eher unbedrohlichen Alpilles machen. Obwohl, unbedrohlich...

Wenn Sie zufällig das nächste Mal in Eyguières sind, dann nehmen Sie doch die kleine Straße Montée Saint-Joseph und parken direkt hinter dem Ortsausgang. Ein schattiger Forstweg verschwindet dort zwischen Aleppo-Kiefern und Eichen. Manchmal biegen von ihm Pfade links und rechts ab, gefällte Stämme liegen als Barrieren quer darüber, an den Bäumen hängen rote Warnschilder: Proprieté Privée; Chasse Gardée, was wörtlich übersetzt bedeutet Privatbesitz, privates Jagdrevier, aber sinngemäß eigentlich: Komm bloß nicht näher, sonst brate ich dir einen drüber. Irgendwo bellt ein Hund und diesem Bellen nach möchtest du auch gar nicht näher kommen.



Der Wanderer sieht einen verwilderten Olivenhain und Teppiche aus Iris am Wegesrand. Mitten im Wald steht ein gemauerter Pfosten – vielleicht einst eine Art Torpfosten, denn tief zwischen Wipfeln und Stämmen ist ein Dach auszumachen: Ein Haus im ewigen Schatten, ausgerechnet in der Provence, dem Land der ewigen Sonne. Nur wenige Vögel singen, der Wald duftet nach Kiefer, doch die aufsteigende Sonne verdampft auch diesen Duft.

Spooky? Nur durchhalten: Nach etwa einer Viertelstunde treten Wandersfrau und Wandersmann und Wandersdivers plötzlich in die offene, hügelige Garrigue. Hier, am Hang der Alpilles, blühen gelb der Ginster und violett mehr als hüfthohe Eselsdisteln, deren Stängel so dornengespickt sind wie die Krone des Gekreuzigten.

Und nun wechseln wir das Genre, von Grusel zu Mittelalter – oder, ganz nach Geschmack, Fantasy. Auf dem schmalen Grat einer langgestreckten Bergkuppe steht der Castellas de Roquemartine: Eine Kirche und ein verfallenes Gebäude zur Linken, ein trutziger Wachturm tiefer rechts, auf dem Scheitelpunkt die vielleicht wildeste Burg der Provence. Ein eckiger, sicher noch zwanzig, dreißig Meter hoher Turm dominiert die äußerste Klippe, fensterlos und mächtig, daneben ragt ein Steingebilde auf, so schmal und gebogen wie ein Riesenmesser – unmöglich zu sagen, was es einst war: Reste eines weiteren Turms? Ein Gewölbe?



Geht man um die Burg herum, sieht man, dass der Turm sehr breit und möglicherweise Teil eines Pallas war: eines eckigen Palastes. Eine Mauerecke ist eingestürzt, im verwüsteten Innern ragt noch ein gotischer Bogen auf, der seit fast tausend Jahren die steinerne Plattform des Turms trägt. Am Berghang hält sich ein Fragment der Burgmauer tapfer aufrecht, zwanzig oder mehr Meter lang, zinnenbekrönt; doch geht man weiter, sieht man die Mauer von der Seite – da wirkt sie so schmal wie eine Filmkulisse, so, als könnte sie beim nächsten Mistral umgeblasen werden.

Überhaupt, der seltsame Wind hier: Wolken fliegen rasch durch den Himmel, angetrieben von irgendeinem Höhenwind, der am Boden, wo ab etwa zehn Uhr morgens die Zikaden anfangen zu sägen, in der Hitze nicht zu spüren ist. Liegt die Ruine im prallen Sonnenlicht, leuchtet sie hellgelb; zieht eine Wolke vorüber, wird sie grau und scheint zu schrumpfen.




Ein Castrum de Roca Martina wurde urkundlich erstmals um 1096 erwähnt, bis ins 15. Jahrhundert hinein wurde die Festung ständig erweitert, am Ende war’s beinahe ein Wehrdorf mit Wind- und Wassermühle, Ställen, einem Taubenschlag – und einer Kirche.

Saint-Sauver erwies sich allerdings als verfluchtes Gotteshaus. Schon im Mittelalter stürzte es mehrmals ein, obwohl es auf solidem Fels steht. Die Außenwände wurden nachträglich mit Stützbögen versehen und krachten trotzdem wieder zusammen, bis in den 1950er Jahren auch der zäheste Gläubige und fleißigste Steinmetz kapitulierte und man das Dachgewölbe komplett kollabieren ließ. Nur in einer kleinen Seitenkapelle hat es sich erhalten und zwei spätmittelalterliche Fresken mehr schlecht als recht geschützt. Eine Wand ist dort weiß gestrichen und mit braunem Rahmen versehen, eine steinerne Leinwand, darauf der gekreuzigte Jesus, unter dem Kreuz Maria und Johannes und ein kleiner Mann mit Tonsur; über dem Kreuz Mond und Sonne; alles sehr verblasst, das einst intensive Blau und Grün in drei Schattierungen nur noch erahnbar.

Der Mann mit Tonsur war sicher ein Geistlicher, doch niemand weiß, wer er war. Der Stifter dieses Bildes? Oder … ein Toter? Solche Fresken waren in der Provence früher oft als Grabschmuck gedacht, die Gebeine des Verstorbenen lagen im Kirchenboden unterhalb des Wandbildes. Nur: Im Castellas de Roquemartine und seiner verfluchten Kirche ist bis heute kein Toter gefunden worden…

Eigentlich ein guter Ort für einen Krimi, oder nicht? Warten wir es ab.


P.S.: Vom Castellas de Roquemartine geht der Blick weit über ein Tal bis zum Tour Les Opies (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2026/01/les-opies-in-den-alpilles.html) auf einem anderen Berg. Beides ist Privatbesitz und gehört einem (sehr netten) adeligen Ehepaar. Rolls-Royce-Sammeln ist so was von vorgestern, Kunst ist so was von gestern. Der Adelige von Welt sammelt heute Berggipfel mit Ruinen obendrauf.

Freitag, 20. März 2026

Dampfer, Kreuzfahrtschiffe, Containerriesen und der Hafen von Marseille

Über den Hafen von Marseille habe ich schon mal geschrieben (hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2023/10/marseille-vieux-port-et-la-traversee.html). Doch da ging es vor allem um den Vieux Port und die wie es dazu kam, dass vor vielen, vielen Jahren ein paar Griechen Marseille und also auch seinen Hafen gegründet haben. Neulich habe ich mit der schönsten Französin überhaupt eine Kreuzfahrt gemacht, ich meine, hey, wenn direkt vor deiner Nase Dampfer ablegen, dann willst du halt irgendwann mal mitfahren. Unser Pott war unfassbar groß und so dekadent, wie es sich für ein richtiges Kreuzfahrtschiff gehört. Sagen wir so: Du konntest nirgendwo alleine übers Deck spazieren, ein ganz klein bisschen schlechtes Gewissen hatte ich auch, aber schön war’s doch.



Schön war’s, siehe oben, schon beim Aus- und Tage später Einlaufen, denn da sahen wir den Hafen so, wie man ihn sonst eher selten sieht: Vom Meer aus, beziehungsweise mittendrin.


Da dampft eine altehrwürdige Fähre nach Algerien an dir vorbei und hinter ihr glänzt golden die Jungfrau Maria vom Turm der Kirche Notre-Dame de la Garde.




Da liegen luxuriöse Passagierschiffe im Trockendock und fast direkt dahinter ragen die Wohntürme der weniger schicken Viertel auf.




Da werden Containerschiffe vor dem MARSEILLE-Schriftzug beladen, der mal für eine Netflix-Werbeaktion auf die Hügel gebaut worden ist und den die Stadt, ähnlich wie Hollywood, wo das Original ja auch mal sein Leben als schnöde Reklame begann, inzwischen stolz als Markenzeichen trägt.




Da steht am Kai der Maghreb- und Korsika-Fähren noch ein alter Schuppen, dessen zartrosa eingefärbte Stirnseite mit dem verblassten Schriftzug Bienvenue à Marseille geschmückt ist.




Da rauscht ein winziges Lotsenboot durchs Hafenbecken, während darüber Möwen auf Amphetaminen die Luftschlacht von England nachspielen.

Klar, ich weiß schon: Dreck. Die Schornsteine all der Dickschiffe ragen praktisch vor den Balkons der Häuser auf, und Kreuzfahrtschiffe gehen schon mal gar nicht. (Seltsam: Die Containerschiffe, die all die Billigwaren von Scheiß & Terror aus China zu uns karren, sind noch viel größer, fahren viel längere Strecken und, hey, das, was bei denen aus dem Schornstein quillt, ist in vielen Fällen deutlich öliger.)

Also baut man Schiffe mit besseren und sauberen Motoren. Und man legt armdicke Stromleitungen in die Häfen, damit die Pötte wenigstens dort nicht länger ihre Maschinen laufen lassen müssen, sondern sich mit Plug & Play ins Stromnetz klinken. Da Fracht- wie Passagierschiffe oft jedoch zwanzig, dreißig, vierzig Jahre über die sieben Weltmeere schippern, bis sie in einem der sieben Weltmeere untergehen (oder abgewrackt werden), kann es noch ziemlich lange dauern, bis unsere Häfen wirklich sauber und modern sind.

Seltsamerweise war es genau das, was mir im Hafen von Marseille so gefallen hat. Die Daten kenne ich: Letztes Jahr wurden fast anderthalb Millionen Container umgeschlagen, 74 Millionen Tonnen Fracht aus- oder eingeladen, es wurden 4,1 Millionen Passagiere abgefertigt – fünfmal so viele Menschen, wie die Stadt Einwohner hat. Doch hinter den Zahlen verbergen sich Dreck, Schmutz und, tja, echte Arbeit. Seeleute auf den Schiffen. Docker in den Containerterminals. Lotsen. Schlepper. Leute, die vor den Fähren Autos abfertigen und an Parkplätzen die Zufahrt sichern. Keine KI wird die schweren Festmacherleinen von den Pollern lösen. Kein Roboter wird auf den Gastankern Leitungen bereitlegen. (Ja, die Kreuzfahrtschiffe fahren nicht zur Tankstelle, die Tankstelle fährt zum Kreuzfahrtschiff – während der Hafenliegezeit gehen Flüssiggastanker längsseits und pumpen die Tanks voll. Flüssiggas verbrennt übrigens sauberer als das, was aus Ihrem und meinem Diesel so durch den Auspuff wabert.)





Etwa 41.500 Jobs hängen direkt oder indirekt (denken Sie an all die Taxi- und Busfahrer, die zum Beispiel Passagiere an die Kais bringen) in Marseille am Hafen. Der Hafen war in der Antike der Grund dafür, warum diese Stadt überhaupt entstanden ist. Und noch heute ist er, irgendwie, die Seele und der Motor der Metropole. Ohne Hafen wäre Marseille nichts. Na gut, nein, Marseille wäre ohne seinen Hafen eine schöne Stadt am Mittelmeer, wie zum Beispiel Cannes: Schick, edel, sauber, superteuer.

Aber wer will schon in Cannes leben?



Montag, 9. Februar 2026

Holzfäller im provenzalischen Dschungel

In der Provence werden Lavendel und Wein, Oliven und Mandeln geerntet. Wir ernten Holz. Wann sollte man das erklären, wenn nicht jetzt, in diesem langen Winter, der es sich so verdammt ungemütlich bei uns eingerichtet hat? (Oui, sogar bei uns im Süden. Obwohl wir natürlich auf hohem Niveau jammern. Eine Streusalzdebatte müssen wir hier zum Beispiel eher nicht führen.)




Also, Holz: Uns gehört hinten raus ein Streifen Land, der rein betriebswirtschaftlich gesehen rein gar nichts wert ist. Kein Bauland, kein landwirtschaftlich nutzbares Terrain. Einfach ein Bach wie Du & Ich, der ungeregelt vor sich hin fließt. Daneben ein schmaler Streifen, der ein-, zweimal jährlich von eben jenem Bach überflutet und ansonsten von Brombeeren und anderem Gestrüpp überwuchert wird. Dahinter eine mehr oder weniger steile Felswand, in der sich irgendwie Fichten, Micocouliers und vor allem mediterrane Eichen festkrallen. Also alles super und ein Reservat für Wildschweine und Füchse, für Enten, Reiher, Bisamratten und Hund und Herrchen, die durchs Unterholz joggen.

In diesem Urwald ist der Mistral der beste Holzfäller. Wenn er bläst, dann wirft er mal hier, mal dort einen Baum um – meistens einen, der schon längst in die Ewigen Baumgründe eingegangen ist und halt irgendwann umfällt, wie eine Leiche so umfällt. Wir haben einen schönen Ofen in unserer alten Ölmühle, der mit Holz schön heizt, also … eh voilà! Bloß: Wie kommt das Holz vom provenzalischen Dschungel in den Ofen?




Zum Glück kennen wir inzwischen Holzfäller, ich meine: richtige Holzfäller, Profis, die so etwas jeden Tag machen. Zwei bärtige Kerle, die einen Tag lang mit der guten lauten Stiehl durch den Wald pflügen wie zwei Taliban auf Steroiden. Und schon ist das Bruchholz sauber zersägt und ordentlich aufgestapelt und die beiden Taliban verlassen zufrieden das Schlachtfeld.

Allerdings liegt das schön gestapelte Holz noch immer in unserem Dschungel...



Keine Straße, nicht einmal ein guter Weg – also kauft sich Yours Waldmeister im Internet einen richtig soliden englischen Handkarren. Die Gärtner Seiner Majestät sind die besten in diesem Teil der Galaxie, ihre Gartengeräte fallen entsprechend solide aus. Seither gehen Hund und Herrchen und Handkarren in den Wald und kommen als Hund und Herrchen und Handkarren und Holz wieder. Was bei uns in einem Winter vom Mistral gefällt wird, wiegt sicherlich einige Tonnen. Ich kann zwischen fünfzig und hundert Kilogramm auf den Karren legen, weil ich ihn zwischendurch hügelan ziehen muss, bei mehr als hundert Kilöchen geht das ganz schön in die Oberschenkel. Hund, Herrchen und Handkarren stehen also noch etliche Waldspaziergänge bevor.




Anschließend werden die dicksten Stämme noch mit der Axt zerhackt. Tipp vom Profi: Polieren Sie Ihre Kreditkarte und kaufen Sie gleich ein schweres Modell mit Karbonstiel; geht durch das Holz wie Butter und die Erschütterungen werden nur gedämpft in Schulter und Co. weitergeleitet.

Am Ende hat man super viel Holz. Man schwitzt super viel. Und man stellt fest: Mir ist so warm, ich brauche jetzt gar keinen Ofen mehr.

Freitag, 9. Januar 2026

Les Opies in den Alpilles

 Quer durch die halbe Provence führt ein schroffer, schöner, wilder Gebirgszug, der Alpilles heißt, was „kleine Alpen“ bedeutet. (Und geologisch gesehen der Wahrheit sogar irgendwie nahe kommt.) Zu den Alpilles zählt ein besonders schroffer, besonders schöner, besonders wilder Bergrücken, der Les Opies heißt. Das bedeutet angeblich auf Provenzalisch „kleine Alpilles“. Les Opies sind also die „Kleinen Kleinen Alpen“. Doch diese „Kleine Kleinen Alpen“ sind mit ihren beinahe fünfhundert Metern über Mittelmeerniveau der höchste Berg der „Kleinen Alpen“. Tja, wie Namen täuschen können.




Jedenfalls wollten wir mit Freunden kurz nach Silvester dort hoch, um die Aussicht zu genießen und um für unsere kulinarischen Sünden während der Feiertage zu büßen. Ich war zuvor schon auf zwei unterschiedlichen Routen da oben und kann Euch sagen: Auf den letzten Metern wird das zu einer verdammten Kletterei. Zwar nicht Freeclimbing an der Fassade eines Wolkenkratzers, aber es schadet nichts, wenn man ein bisschen Kraft in den Armen hat, um sich über diese verdammten Klippen hochzuziehen.



Mit den Freunden wollten wir einen anderen Weg ausprobieren – angeblich der einzige, auf dem du auch als Zwei- und nicht nur als Vierbeiner auf den Gipfel kommst. Wie sich herausstellt, stimmt das auch: Wir steigen sportlich, doch wie es sich für Homo Sapiens gehört: ausschließlich auf unseren Plattfüßen durch Wälder niedriger Eichen und Buchen, vorbei an Wacholderbüschen und zähen Blumen, die ihre Blüten bereits in die Januarluft halten. (Für welche Insekten denn bloß?) Felsen leuchten, Steine knirschen unter den Sohlen, alles super.

Eh bien, beinahe super.

Was ich nicht bedacht habe: Diese einzige gangbare Route führt über die Nordseite des Bergmassivs – und liegt damit die ganze Zeit im Schatten eben jener Les Opies, die wir hinaufklettern. Es bläst ein strammer Wind, es ist schweinekalt, doch der Himmel ist klar, überall badet die Provence im Sonnenlicht – nur nicht dort, wo wir sind. Wir wandern und wandern durch das finstere Tal, so wie in irgendeinem Psalm. Immerhin kommt man so nicht ins Schwitzen.



Oben dann die Belohnung: Da steht ein viereckiger Turm, von dem aus der Blick gefühlt gen Unendlichkeit geht. Den Turm haben Bürger aus Aureille vor mehr als hundert Jahren errichtet, damit Wächter von dort rechtzeitig Wald- und Buschfeuer melden konnten. Später hat ihn die Wehrmacht übernommen und nach Feinden Ausschau gehalten, die aber dann auf einem ganz anderen Weg in die Provence einmarschiert sind. Jetzt braucht niemand mehr das Ding, das in Würde vor sich hin verfällt. Das Mittelmeer liegt von hier oben unter silbrigem Dunst, in der Ferne durchstoßen Sainte-Victoire, Mont Ventoux und, ja doch, schneeglänzende Alpengipfel wie steinerne Haifischflossen das Wolkenmeer, und die Welt ist wieder schön.

Wir sind nicht allein, eine Wandergruppe sammelt sich im Windschatten der Ruine. Wie sich herausstellt, werden sie von einem sehr netten Ehepaar angeführt, freundliche Worte, uralter Adel und, wie sich ebenfalls herausstellt, zufälligerweise die Besitzer von allem. Große Überraschung. Ich hätte ja gedacht, Les Opies gehört dem Staat, dem Naturpark Alpilles oder der nächstgelegenen Stadt (entweder Eyguieres oder Aureille). Nö, das ist hier so was wie ein Garten, nur in Gigantisch und ohne Jägerzaun: hier darf jeder wandern.



Zufälligerweise möchte der Turmherr an genau diesem Tag wissen, wie breit und hoch sein Turm eigentlich ist. Zufälligerweise hat aber niemand auf dem Gipfel an ein Maßband gedacht. Was nun? Wir sind mit unserem treuen Hund hochgedackelt. Der Vierbeiner wird jetzt freigelassen, seine zwei Meter lange (So meine ich mich zu erinnern, waren doch zwei Meter, oder?), na, jedenfalls seine Leine dient Monsieur de Von und Zu und mir als Maßband. Wir schätzen mit Leinenhilfe die Breite auf 4,90 Meter, für die Höhe muss Augenmaß reichen: fünf bis sechs Meter. Doch, hey, unser Freund hat ein neues iPhone mit praktischer Maßfunktion. Er filmt den Kasten mit dem Handy, und das Ding sagt dir die Größe. Resultat: Breite 4,80 Meter, Höhe fünf Meter.

So schlecht war die Leine also nicht.

Runter war dann übrigens schneller, aber schwieriger als rauf. Auf dem steilen Weg, im Schatten und im schwindenden Tageslicht, musst du höllisch aufpassen, dass du nicht irgendwo einen Abgang machst. Aber wie dieser Text beweist: Wir sind heil unten angekommen, mit Hund und Maßleine.

Freitag, 5. Dezember 2025

Das Gespenst von Salon, Almanach 3, und wie Salon-de-Provence zu seinem Namen kam

Wahrscheinlich können Sie manchmal abends auch nicht einschlafen, weil Sie sich fragen: Wie kommt Salon-de-Provence zu seinem Namen? Genau. Ich meine, hey, „de-Provence“ erklärt sich von selbst. Aber Salon? Klingt nach biedermeierlichem Wohnzimmer, zweite Hälfte neunzehntes Jahrhundert. Oder nach einer Trinkhalle im Wilden Westen, der auf dem Rückflug über dem Atlantik ein „o“ abhanden gekommen ist. Nice try.




Ich hatte deshalb auch sehr viele schlaflose Nächte, doch eines Tages wurde ich mehr oder weniger gezwungen, mich auf die Suche nach dem Ursprung des Salons zu machen. Nach angemessener Recherche stelle ich fest: Genaues weiß man nicht, aber dies ist die plausibelste Theorie:

Spätestens im dritten vorchristlichen Jahrhundert vereinten sich in der heutigen Provence mehrere Gruppen, Stämme, was auch immer zu einer Konföderation, deren Angehörige von mehr oder weniger zeitgenössischen römischen Chronisten Salluvii genannt wurden, französisch heute: Les Salyens. Sie könnten Kelten gewesen sein, oder aber Ligurer, also einer noch älteren Volksgruppe entstammen. Mehr wird man vielleicht nie wissen, denn von ihnen hat sich keine Inschrift, keine Schriftrolle, überhaupt kein Text erhalten, und auch sonst ziemlich wenig.

Die Salluvii haben in einem Gebiet ungefähr zwischen dem Étang de Berre und Aix-en-Provence gesiedelt, ihre „Hauptstadt“ war vermutlich Entremont bei eben jenem Aix-en-Provence. Die ganze Region war und ist das Hinterland von Marseille, und Marseille war und ist in diesem Hinterland nicht hundertprozentig populär. Damals hieß es noch Massalia und war eine von Griechen gegründete und besiedelte Stadt. Im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung schlugen sich Salluvii und Marseiller Hellenen die Köpfe ein, keiner weiß genau, warum. Dabei kam den Marseillern allerdings die fatale Idee, Rom um Hilfe zu bitten. Die Republik schickte nur zu gerne Legionen, die in vermutlich mehreren Feldzügen bis spätestens zum Jahr 90 vor Christus die Salluvii platt machten. Danach folgte römische Routine: Massaker, Massenversklavung, und wer danach noch stand, der wurde assimiliert. Die Kultur der Salluvii verschwand für immer und mit ihr die Siedlungen.

Und eine dieser seit mehr als zweitausend Jahren aufgegebenen Siedlungen – hier kriege ich die Kurve zu meinem Einstieg – versteckt sich auf einem Gipfel im Massif (oui, wird so geschrieben) des Costes bei Salon und hieß in der Antike … Salounet (oder Selounet). Voilà! Salounet, Salon, ist doch ganz einfach.



Ich bin zur Abbeye de Sainte-Croix im Massif (ja doch!) des Costes hochgepilgert. Das war einst ein Kloster, ist heute ein schickes Hotel und tolles Restaurant, und wenn man um die Anlage herum geht, steht man nach einem Spaziergang durch die Garrigue plötzlich vor Mauern, die in Bergklippen hineingezwungen wurden. Eine Festung? Ein Vorratsspeicher? Beides? (Schließlich müssen Nahrungsmittel gut geschützt werden.) Mysterium… Jedenfalls sind das die letzten Ruinen von Salounet und damit, symbolisch gesprochen, die Grundsteine für Salon. Und außerdem ist das ein toller Ort, wunderbare Aussicht, leichte Wanderung, trotzdem ganz versteckt, oft ist man hier allein mit den Gespenstern der Salluvii.



Warum Gespenster? Tja, weil wir für Salons neuesten literarischen Almanach (mehr dazu hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2024/12/lalmanach-ii-kurzgeschichten-aus-salon.html) Kurzgeschichten rund um Salons Geschichte schreiben wollten. Da fiel mir natürlich sofort Nostradamus ein, the one and only Salonais mit Weltruhm, aber manchen geschätzten Kolleginnen und Kollegen ist der alte Sternendeuter auch in den Sinn gekommen, und außerdem haben sie schneller als ich den Finger gehoben. Also habe ich mir gedacht: Fangen wir halt bei den Anfängen an, du recherchierst ein bisschen und, hoppla, plötzlich stolperst du über die längst vergessenen Kelten, die vielleicht Ligurer waren. Und wenn diese Salluvii schon mysteriös sind, dann kann ich ja gleich eine Gespenstergeschichte darüber schreiben, muss ja nicht immer Krimi sein.

So geht Geschichte, so gehen Geschichten.

Der neue Almanach 3 ist übrigens bereits erschienen, den kann man in Salon kaufen, und von den zehn schönen Geschichten heißt die meine La Gardienne und die Helden sind ein melancholischer Archäologe und eine durchsichtige junge Frau.