Montag, 8. August 2022

Die Passage nach Maskat

Marseille ist, was ja leider manchmal vergessen wird, seit schlappen zweieinhalb Jahrtausenden einer der schönsten und größten Häfen des Mittelmeers. Das war in der Antike schon so, das ist heute noch so – und das war auch in einer Epoche so, die zumindest ich als irgendwie „goldenes Zeitalter“ im Kopf habe: die Zwanziger Jahre. (Die des letzten Jahrhunderts. Für unsere Zwanziger Jahre fallen mir ganz andere Adjektive ein als ausgerechnet „golden“.) Also, die Jahre 1920ff waren erstaunlich modern, ziemlich irre, sie endeten tragisch und irgendwie umweht sie bis heute ein romantischer Hauch. Jazz-Age, Roaring Twenties, Les Années folles.

Eigentlich ein gutes Romanthema.


Es hat allerdings ein Weilchen und ein paar Tausend Kilometer Umweg gedauert, bis ich auf diesen Trichter gekommen bin. Vor ein paar Jahren habe ich, man traut sich ja kaum, das so zu nennen, nun ja: auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Eigentlich habe ich auf der Mein Schiff 1 (Dem alten Dampfer dieses Namens, es gibt, glaube ich, inzwischen einen neuen.) ein paar Vorträge für die Passagiere gehalten, das war's schon mit der Arbeit. Dafür schipperten wir von der Türkei via Ägypten bis nach Maskat und Dubai. Genau: Ägypten... Suezkanal.... Deshalb habe ich das Angebot damals angenommen, wann bekommt man sonst noch mal die Chance, mit einem Ozeanliner diese legendäre Passage zu machen? Mit einem Schiff quer durch die Wüste, das ist auch bei Temperaturen über 30 Grad Celsius schon sehr, sehr cool.



Maskat im Sultanat Oman erwies sich dann ebenfalls als kleine Offenbarung: Eine schöne, glücklich unrestaurierte, sehr lebendige orientalische Stadt. Kurz: Die ganze Reise war selbstverständlich 21. Jahrhundert, aber irgendwie fühlten sich manche Tage an wie Agatha Christie.

Super, mache ich einen Roman draus. Ein Krimi auf dem Kreuzfahrtschiff? Es kam mir keine richtige Idee, ich wollte meinem zeitweiligen Arbeitgeber/Gastgeber auch keine blutige Geschichte andichten und, sorry liebe Reederei, Mein Schiff 1 ist ein ziemlich genialer Name für einen aktuellen Vergnügungsdampfer, aber das klingt leider deutlich weniger mythisch als, sagen wir: Titanic oder Mauretania.

Also historisch, Back to the Future of the Jazz Age und, hey, ich habe Marseille direkt vor der Nase, und hier herrschen immer années folles! In den Zwanziger Jahren waren die Luxusdampfer der hiesigen Reederei Messageries Maritimes die Königinnen von Mittelmeer, Rotem Meer, Indischen Ozean, Pazifik. Von der Provence aus ging es mit ihnen, unter anderem, in die Levante, nach Arabien, Afrika, Indochina, Japan, Tahiti... Die 1925 in Dienst gestellte Champollion zum Beispiel war in der Ersten Klasse so luxuriös ausgestaltet wie das (ja ebenfalls gerade erst in den Zwanziger Jahren sensationell entdeckte) Grab des Tutanchamun. Statuen, Fresken, Hieroglyphen überall, und in das Rauchglas der Restaurantfenster waren Lotusblüten eingraviert, dem Pharao hätte es an Bord sicher gefallen.

Die Champollion ist irgendwann vor Beirut gesunken. Von der einstigen Pracht zeugen nur noch ein paar Augenzeugenberichte und Fotos – bei meinen Recherchen bin ich zum Beispiel auf diese Postkarte gestoßen, die ein Passagier kurz vor der Abfahrt aus Marseille an einen namentlich nicht genannten Copain, einen Freund geschrieben hat.





Auf diese Champollion habe ich ziemlich erfundene, teilweise erfundene und ganz und gar echte historische Gestalten zur „Passage nach Maskat“ eingeladen: Einen Fotografen, der an den berühmtesten Lichtbildner der Weimarer Republik erinnert, eine kokain- und skandalsüchtige Nackttänzerin aus Berlin, eine traurige junge Französin, eine fröhliche ältere Engländerin, einen etwas zu optimistischen amerikanischen Ingenieur, einen italienischen Anwalt mit zweifelhaften Referenzen sowie eine Handvoll ziemlich mieser Typen. Voilà: Im Herbst 1929, die Welt ist im Champagner- und im Börsenrausch und jedermann verschließt die Augen vor der aufziehenden Gewitterfront der Dreißiger Jahre, geht diese bunte und alles andere als sündenfreie Gesellschaft an Bord der Champollion und reist quer durch die Meere bis nach Maskat. In Ägypten steigt man auf die Pyramiden (das war damals noch erlaubt, und Beduinen haben beim mühseligen Hochklettern geholfen) und besucht Howard Carter im Grab von Tutanchamun (ja, der hat auch 1929 dort gearbeitet) und, natürlich, man bewundert den Suezkanal. Alles könnte so schön sein – wenn nicht eine Reisende der Ersten Klasse spurlos verschwinden würde. Eine Dame, von der anschließend die allermeisten Mitpassagiere und Seeleute unerschütterlich behaupten, dass sie nie auf der Champollion gewesen ist...




Alors, das ist nicht Roger Blanc, und das ist auch nicht die Provence von heute. Es würde mich aber trotzdem freuen, wenn ich die eine oder andere Leserin, den einen oder anderen Leser dazu überreden könnte, an Bord der Champollion zu kommen und die Passage nach Maskat zu genießen.


P.S.: Der Historische Kriminalroman erscheint am 16. August. Mehr Informationen zum Buch gibt es wie immer beim Verlag DuMont:

https://www.dumont-buchverlag.de/buch/rademacher-passage-nach-maskat-9783832181970/

Donnerstag, 30. Juni 2022

Steht ein Pferd im Kanal

Neulich stand bei uns ein Pferd im Kanal und wir standen alle ziemlich dumm drum herum. Die Geschichte geht so: Wir wohnen in einer alten Ölmühle, unter dem Gebäude verlief einst ein Kanal, der die Mühlsteine antrieb. Der ist seit Jahrzehnten verfallen, aber weiter hinten auf dem Land, mitten im Wald, existieren noch seine letzten zwei-, dreihundert Meter, bis er in einen Bach mündet. Eine aus alten Steinen gemauerte, vielleicht vier Meter breite und tief ins Gelände geschnittene Wasserrinne. Eh bien, Wasser ist zumindest auch drin. Eigentlich ist es eine von ich-weiß-nicht-welchen-Wasserpflanzen grünlich schimmernde Suppe, ungefähr einen Meter tief, darunter mindestens ein weiterer Meter weicher Schlamm, mittendrin im Trüben umgestürzte Bäume und ein paar unerschütterliche Aale und ungefähr eine Millionen Mückenlarven.

Unsere Nichte hat ein paar Pferde und Ponys. Die traben an diesem Kanal vorbei, wenn sie vom Stall zur Weide gehen. Ihr größtes Pferd, Lilly, ist trächtig. Und Lilly stand eines Abends bis zum Bauch im Kanal und kam nicht wieder heraus.

War schon das zweite Mal.





Als Lilly das erste Mal trächtig war, fanden wir sie ebenfalls im Kanal wieder. Keine Ahnung, wie sie da hineingekommen ist (War wohl kein Absturz, verletzt war sie nicht.), keine Ahnung, warum das ausgerechnet während ihrer Schwangerschaften passierte, muss ein Frauending sein. Jedenfalls konnte der Gaul die steilen Flanken des Kanals nicht erklimmen, ja konnte sich im Kanal selbst kaum bewegen, weil all die im grünen Wasser steckenden Stämme, Äste, Zweige, Ranken ihre Fesseln fesselten.

Aufregung, Feuerwehr, der zukünftige Mann unserer Nichte – ein Mann, der seine Frau sehr liebt, denn er zögerte nicht – stürzte sich halbnackt ins Trübe, um Lilly zu beruhigen. Unsere Nichte kam bald darauf, sie stürzte hinterher. Wir hatten einen Freund unseres Sohnes zum Abendessen da, aber, klar, wir stürzten, nun, wenigstens bis zum Kanalrand.

Die Feuerwehrleute kamen rasch, mit Jeep und Löschzug, doch ohne Kran. Lilly wiegt eine halbe Tonne oder etwas mehr. Was tun?

Zum Glück wohnt bei uns im Dorf jener Bauunternehmer, der uns einen erheblichen Teil des alten Gemäuers renoviert hat (und der, ohne dass er es weiß, das Vorbild für Monsieur Fuligni in den Capitaine-Blanc-Romanen ist). Ein Anruf, er kam innerhalb von zehn Minuten an. Mit einem Gerät, das den politisch heute wahrscheinlich extrem unkorrekten Herstellernamen „Manitou“ trägt, einer Art mobilem Kran und Bagger und ungefähr so groß wie ein Dinosaurier.

D'accord, Manitou, Feuerwehrleute, Pferd. Was fehlt? Ein Geschirr, um das Tier an die Greifhaken Manitous zu hängen. Unser Bauunternehmer hat zwar solide Seile, mit denen man sogar abgeschossene russische Panzer aus dem Donbass zerren könnte, doch die sind so schmal, dass sie den Körper unserer nicht leichtgewichtigen Lilly gefährlich einschnüren könnten. Die Feuerwehr hat ein spezielles Bergegeschirr für Pferde, Kühe und alles, was riesig ist und vier Beine hat.

Das liegt im Depot nahe bei Marseille.





Also warten wir. Unsere Nichte und ihr Zukünftiger und ihre Schwester und ein pferdekundiger Nachbar beruhigen Lilly, bugsieren sie ein paar Zentimeter näher unter Manitous langen Schatten, versuchen sogar, einen unter Wasser steckenden und besonders störenden Stamm durchzusägen, vergebens. Es dunkelt. Die Mücken veranstalten ein ganz großes Festessen, wir sind alle eingeladen. Der Weg aus Marseille ist sehr, sehr lang.

Endlich sind die Feuerwehrleute da. Inzwischen stehen bei uns am Kanal so viele Uniformierte, das man viellleicht schon von einem „Großaufgebot“ sprechen könnte. Das Geschirr wird aus seiner Transporttasche geholt, auf dem Boden ausgebreitet und... äh, wie geht das noch mal? Keiner unserer Feuerwehrleute hat bislang ein Tier damit geborgen und, klar, wir haben erst recht keine Ahnung. Ist diese Schlinge nun für den Hals? Oder soll da eher der Schweif durchgesteckkt werden? Ehrlich, solche Fragen haben wir uns gestellt. Keiner kannte eine Antwort, beziehungsweise, hey, wir sind in Südfrankreich, jeder hatte eine Antwort, die er laut und selbstbewusst verkündete. Waren leider alles unterschiedliche Antworten.

Wir sehen im Internet nach, da gibt es eine Bedienungsanleitung“, verkündet der Feuerwehrhauptmann. Er weiß noch nicht, dass wir in diesem beschissenen Tal keinen Handyempfang haben. Also verteilen sich ein paar Leute weitläufig in der Landschaft und suchen eine Position, von der aus sie endlich einen Strich auf ihrer Netzanzeige erhaschen.

Alors, irgenndwann hängt das Geschirr doch in der richtigen Position am riesigen Manitou. Unser Nachbar setzt das Gerät in Bewegung. Unsere Nichte und ihr Liebster ziehen, beinahe tauchend, das Geschirr unter Lillys Leib hindurch. (Der Zukünftige schluckt dabei eine ordentliche Ladung Schweißwasser.)

Dann röhrt der Motor, Lilly guckt ergeben – und ein Pferd, das alle Viere hängen lässt, schwebt langsam aus dem Kanal, dem sicheren Erdboden entgegen. Lilly ist verschlammt, doch fit. Fit genug jedenfalls, dass sie bei ihrer nächsten Schwangerschaft garantiert wieder in den Kanal steigen wird.





Es ist beinahe Mitternacht, als wir erschöpft, verschwitzt und mückenzerstochen, zum erkalteten Abendessen zurückkehren. „Bei euch ist immer was los“, sagt der Freund unseres Sohnes. Ich will gerne glauben, dass er das bewundernd meinte. Aber eigentlich klang er ein ganz klein wenig fassungslos.

Oh well, in diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen, ereignisreichen Sommer. Und halten Sie sich bitte von Kanälen fern.

Freitag, 13. Mai 2022

Geheimnisvolle Garrigue, Capitaine Roger Blancs neunter Fall

 Voilà, die „Geheimnisvolle Garrigue“ ist da! Capitaine Roger Blanc ermittelt in seinem neunten Fall, will sagen, er ist seit neun Monaten in der Provence, will sagen: es ist jetzt März im Midi.





März … da war doch was? Genau: Corona et Confinement. (So heißt das hier, was am anderen Rheinufer auf gut Hochdeutsch Lockdown genannt wurde, war aber viel strenger, dazu gleich mehr.) Das ist nun wirklich nicht zynisch gemeint, doch diese verdammte Seuche musste ich einfach, nein zweifach aufgreifen. Erstens bin ich ja auch Journalist und kann so ein Ereignis nicht ignorieren. Zweitens bin ich Krimi-Autor und, nun ja, wenn man das ganze Land einsperrt, dann ist das schon ein reichlich herausforderndes Setting für eben einen Krimi...





Die Provence war im März 2020 vielleicht so schön wie seit Menschengedenken nicht mehr. Der blaue Himmel, die magischen Farben, die waren wie immer präsent – nur diesmal ohne irgendeinen einzigen Kondensstreifen am Himmel und ohne Abgasschwaden der Rush Hour. Es war, nun, nicht unfassbar still, es war musikalisch: Kein scheppernder Renaultdiesel, kein drei Quadratkilometer gleichzeitig beschallendes, röhrend frisiertes Zweirad, ich habe stattdessen Singvögel jubilieren gehört, von deren Existenz ich bis dahin nichts ahnte, und selbst eine homöopathisch leichte Brise hat die Wipfel von Pinien und Eichen vernehmlich rauschen lassen. Sogar der Meteorologengott hat mitgespielt: Es war sonnig, schon Mitte März frühsommerlich warm, aber nicht zu trocken, die Natur hat in wenigen Wochen Terrain zurückerobert, das ihr über Generationen von uns Menschen entrissen worden ist. Im Étang de Berre beispielsweise staksten Flamingos herum, die aus der Camargue herübergeflogen waren, sie stolzierten durchs flache Wasser bis direkt neben der Startbahn des Flughafens von Marignane, denn, eben, da startete überhaupt nichts mehr.

Eine Idylle war das trotzdem nicht, wie könnte es auch eine gewesen sein: In den Krankenhäusern haben die Menschen um ihr Leben gekämpft (und weit mehr als in Deutschland haben diesen Kampf verloren), anderen hat die Seuche zwar nicht ihre Gesundheit, aber ihren Beruf und ihre Existenz ruiniert. Und Präsident Macron hat dem Virus den „Krieg“ erklärt (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2020/03/nachden-worten-von-prasident-macron.html).

Das bedeutete: Polizei- und Gendarmeriekontrollen überall, sogar Überwachung mit Drohnen, saftige Strafen bei Missachtung der Ausgangssperre (bis hin zum Gefängnis) – und bei uns patrouillierten sogar schwer bewaffnete Fremdenlegionäre durch die Landschaft, denn deren Hauptquartier liegt in Aubagne, neben Marseille. (Interessantes Gedankenspiel: Ein paar Coronaleugner, die sich zum „Spaziergang“ verabredet haben, laufen einem Trupp Fremdenlegionäre in die Arme...)

Capitaine Blanc und seine Kollegen Marius und Fabienne jedenfalls verwandeln sich in diesem März von Gendarmen vorübergehend in Besatzungssoldaten, die eine Ausgangssperre durchsetzen: Sie verteilen an jeden einen PV (ein Strafmandat von mindestens 135 Euro), der ohne Sondererlaubnis seine Nase vor die Haustür schiebt. Und: Sie hassen diesen Job (wie die meisten ihrer echten Kollegen auch), weil sie nicht länger Mörder und Dealer jagen, sondern Rentner und Obdachlose stellen oder einfach Typen, die so schusselig sind, das Formular mit ihrer Sondererlaubnis zu Hause vergessen zu haben.





Glück im Unglück, gewissermaßen, dass Blanc und seine Leute denn doch einen echten Verbrecher jagen müssen, und was für einen: Ausgerechnet am Tunnel du Rove (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2022/04/tunnel-du-rove-bei-marignane-jules-verne.html), einem der gruseligsten Orte in der ganzen Provence, verschwindet ausgerechnet eine junge Frau, und die einzige Spur, die sie zurücklässt, erinnert fatalerweise ausgerechnet an eine niemals aufgeklärte Verbrechensserie, die das Land schon vor Jahren einmal erschüttert hat.

Blanc stellt sich, einerseits, ganz klassische Fragen, wie bei jeder Ermittlung: Wer ist das Opfer? Was ist geschehen? Wer könnte ein Motiv haben, der Frau etwas anzutun? Schlägt der Täter von einst wieder zu oder ist dies das Werk eines Nachahmers? Andererseits stellt er sich Fragen, die er sich nie zuvor stellen musste: Was hat eine junge Frau mitten während einer Pandemie ausgerechnet am verlorenen Tunnel du Rove zu suchen? Und vor allem: Wer kann überhaupt ein Verbrechen begehen, wenn doch fast die gesamte Bevölkerung eingesperrt ist und alle Orte von Polizei, Gendarmerie und Armee bewacht werden?





Blanc, Fabienne und Marius machen sich also auf in jene seltsam verzauberte, seltsam unheimliche Provence: farbenfroh, jubilierend, warm, unfassbar menschenleer. Das heißt: Nach und nach finden sie heraus, dass sie in dieser scheinbaren Idylle doch nicht so alleine sind, wie sie dachten...

Das Buch gibt es ab dem 17. Mai in der guten, alten Papierform. (Greifen Sie zu, so lange es noch Papier gibt!) Oder in guten, neuen E-Book-Formaten. (Greifen Sie zu, so lange es noch Halbleiter gibt!) Oder demnächst auch wieder als Hörbuch. (Hören Sie zu, so lange … d'accord, das ist echt nicht mehr lustig.) Jedenfalls: Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn Sie, geimpft, genesen, getestet oder nix von allem, mit Roger Blanc durch eine Provence streifen, wie es sie nie zuvor gegeben hat.


P.S.: Eine schöne Besprechung (mit bestem Dank an den Rhein!) gibt es im Bücheratlas: 

https://buecheratlas.com/2022/05/17/lockdown-laetitia-und-linke-schuhe-cay-rademachers-neuer-provence-krimi-geheimnisvolle-garrigue/

Freitag, 1. April 2022

Tunnel du Rove bei Marignane / Jules Verne

 Wenn man seit dem einen oder anderen Jahr in der Provence lebt, wird einem irgendwann erstaunt klar: Du lebst im Land von Jules Verne! Selbstverständlich stehen überall antike und mittelalterliche Monumente in der Gegend herum, und etliche Neuzugänge sind auch nicht von schlechten Bauherrn. Doch wenn man sich etwas genauer umsieht, dann stolpert man mal hier, mal dort über Relikte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die ziemlich schräg sind, technisch anspruchsvoll, ästhetisch gelungen und manchmal auch bloß schlicht wahnsinnig. Kurz: Stein und Stahl gewordene Bauten aus der Epoche von Jules Verne. Zeugnisse einer naiv optimistischen und beinahe schreckenerregend tatkräftigen Epoche, in der ein paar Visionäre geglaubt haben, sie könnten mit Dampfkraft, Elektrizität und überhaupt mit Technik die Welt durchmessen – und dann wurden diese Visionen einfach gebaut.

Die Eisenbahn an der Côte Bleue habe ich ja schon mal beschrieben: unfassbare Steinbögen, die Schienen quer durch eine Steilküste tragen. (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2018/08/wasfallt-einem-spontan-zum-begriff.html)





Aber bei uns im Süden findet sich zum Beispiel auch der Tunnel du Rove, der seinerzeit größte Unterwassertunnel der Welt: mehr als sieben Kilometer lang, mit zweiundzwanzig Meter weiten Bögen, über fünfzehn Meter hoch, vier Meter Wassertiefe. Er führt bei Marignane am Étang de Berre, nah beim modernen Flughafen Marseille-Provence, in die Berge der Chaîne de l'Estaque – und kommt am Mittelmeer bei eben jenem Marseiller Viertel namens Estaque wieder heraus.

Der Tunnel war genau so ein Jules-Verne-mäßiges Projekt. Frachtschiffe fuhren die Rhône hinunter, bis sie via Port de Bouc und einen Kanal in den Étang de Berre gelangten. Problem: Die Frachtkähne sollten eigentlich nach Marseille. Dafür mussten sie lange ihre letzte Etappe vom Étang de Berre bis zur Hafenmetropole über das Mittelmeer zurücklegen. Allerdings stürmt es auf dem Meer heftiger als auf Binnengewässern, auch sind die Wellen höher. Also haben sich irgendwann ein paar Ingenieure gedacht: Zwischen Étang de Berre und Marseille liegt doch eigentlich nur ein Gebirge. Warum sollen die empfindlichen Kähne übers Meer schippern, wenn man doch einen Tunnel durch diese blöden Felsen bohren kann?

Gesagt, getan: Im März 1911 hackten und sprengten sich vor allem italienische, spanische und portugiesische Arbeiter durch den Stein. Ab 1914 sollten dann auch deutsche und österreichische Kriegsgefangene mittun. 2,3 Millionen Tonnen Abraum mussten über die Jahre abtransportiert werden, nachdem man sie zuvor mit 1300 Tonnen Dynamit mehr oder weniger zerlegt hatte. Die Steine hätte man mit einer normalen Dampflokomotive niemals fortschaffen können, denn für ihren Betrieb gab es im Tunnel nicht genug Sauerstoff – also wurde aus Amerika eine Speziallokomotive eingeführt, die mit Pressluft aus riesigen Zylindern beatmet wurde. Trotz aller viktorianischen High Tech sind Dutzende, vielleicht Hunderte Arbeiter hier gestorben, niemand hat sie gezählt, die meisten Gebeine liegen vermutlich noch heute im schlammigen Kanalgrund.





1926 war der Tunnel fertig. Er war so groß, dass sich zwei Frachtschiffe mit je bis zu anderthalbtausend Tonnen Zuladung unter Tage entgegenkommen konnten, ohne diese sehr spezielle Wasserstraße zu blockieren. Bis zu 300 000 Tonnen Fracht wurden fortan Jahr für Jahr durch den Tunnel du Rove transportiert, noch 1962 passierten ihn etwa dreitausend Schiffe.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juni 1963, in einem nun leider Un-Jules-Verne-mäßigen Zeitalter, stürzten allerdings Tausende Tonnen Gestein etwa einen Kilometer nach der Einfahrt bei Marignane durch das Gewölbe, auf dem Berg weit oberhalb des Tunnels senkte sich ein fünfzehn Meter tiefer und fünfzig mal dreißig Meter weiter Krater. Seither ist der Tunnel du Rove der Hades der Provence: Ein Fluss, der in die Unterwelt führt, dann allerdings in tiefster Schwärze vor einer gewaltigen Felsbarriere endet, eine Industrieruine, ein Monument aus im doppelten Wortsinne versunkener Zeit.

Umweltschützer kämpfen seit Jahren dafür, den Tunnel wieder zu öffnen, damit sauerstoffreiches, frisches Meerwasser in den Étang de Berre strömen kann, doch was die Vorväter einfach machten, das schafft heute niemand mehr: Paris hat keinen Plan, kein Geld, keine Energie, keinen Willen, wohl schlicht keinen Bock, das Ding wieder zu öffnen.

Der Tunnel du Rove ist deshalb heute ein beinahe unsichtbarer und reichlich vergessener Einschnitt in einem Villenviertel von Marignane. Verirrt man sich hierher, sieht man zuerst bloß einen verwilderten Grünstreifen, Gräser hoch wie Weizen, Disteln, Ginster. Plötzlich senkt sich eine Böschung wohl fünfzig oder mehr Meter steil nach unten, Kiefern, Wacholder, Büschel mit hohem Bambus krallen sich irgendwie in den Hang, daneben ein Warnschild mit rotem Text: „Danger! Access Interdit – Risque du Chute“





Zuerst erblickt man einen Kanal, das Wasser ist beinahe wellenlos und so grün, als wäre hier Aquarellfarbe in die künstliche Schlucht gekippt worden. Der Kanal führt auf ein Portal wie auf einen Eisenbahntunnel zu, ein gewaltiger Bogen in einem grün überwuchertem Felshang, mit wuchtigen, eckigen An- und Vorbauten zu beiden Seiten. Das Gewölbe ist aus kopfgroßen grauen Steinen gemauert, die Grünspan überzogen hat. Im Innern sind die Steine von Feuchtigkeit schwarz und stellenweise schon versintert. Fingerdünne, hellbraune Stalagmiten haben vom Gewölbe aus ihre Jahrhunderte währende Reise Richtung Boden aufgenommen. Der Tunnel verliert sich nach wenigen Dutzend Metern in vollständiger Schwärze. Auf dem zernarbten Beton der Treidlergänge zu beiden Seiten des Kanals zerfrisst der Rost Festmacherringe und Poller. An einigen Stellen hat herabtropfendes Wasser winzige Sinterhügel gebildet, die im Licht der Taschenlampe gelblich glänzen wie zerlaufener Käse. Der schwere Duft von Süßwasser liegt in der Luft. Es ist kühl und feucht hier - und sehr still. Das sanfte, unaufhörliche Plätschern der Tropfen ist der einzige Laut in dieser vergessenen Welt.

Der Tunnel du Rove steht vermutlich in keinem Reiseführer, und es stimmt ja auch: Es ist verboten und gefährlich, hier hineinzugehen. Aber, hey, verrückt ist es schon. Zwar nicht 20 000 Meilen unter den Meeren, doch immerhin ein paar Meter unter der Chaîne de l'Estaque.

Jules Verne jedenfalls hätte das gefallen.



P.S.: Capitaine Roger Blanc est arrivé en France, enfin! Voilà "Le Mistral Meurtrier". Vive Le Masque, Vive La France!

Freitag, 11. März 2022

Nimes, Musée de la Romanité und anderer alter Krempel

Sprechen wir doch mal über Nîmes. Immer wenn ich das tue, kommt nicht so häufig vor, holt irgendjemand irgendwo tief Luft, verzieht das Gesicht zur überlegen lächelnden Grimasse und... Genau, ist mir auch klar: Nîmes liegt nicht in der Provence, sondern im Département Gard, Région Languedoc-Roussillon, also gewissermaßen auf der Schäl Sick der Rhône. Aber was den alten Römern egal war, kann mir auch egal sein, ich bin gerne da.





Neulich haben wir uns zum Beispiel mit Freunden das neue – beinahe neue, doch gewisse virale Ereignisse haben frühere Besuchstermine versenkt – Musée de la Romanité besucht. Gar nicht so leicht zu übersetzen, ich würde es mit „Museum der römischen Zivilisation“ versuchen. „Romanité“ klingt wahrscheinlich irgendwie woker als die gute alte „Antiquité“, die, wiewohl weiblichen Geschlechts, vermutlich inzwischen als Erfindung alter weißer Männer gilt. (Und ist übrigens irreführend: Neben den Römern geht’s hier auch um Steinzeit, Kelten, Mittelalter, frühe Neuzeit... Inklusion geht anders, oh well.)

https://museedelaromanite.fr/de/

 Na, jedenfalls ist dieses Museum ein Klotz direkt neben dem berühmten Amphitheater der Stadt. Das Gebäude ist mit einer Metallfassade verkleidet, die wirkt wie eine Plastikplane vor einem Baugerüst, die sich der Mistral mal so richtig zur Brust genommen hat. Man muss ja nicht die Antike, pardon: Romanité kopieren, wenn man in Nîmes einen Neubau hinsetzt, aber muss es denn gleich so schräg sein? Eins ist sicher: Der Architekt ist nicht der Typ, der diese Fassade von außen regelmäßig von Taubendreck und Dieselruß befreien muss.





Innen ist es aber toll, wirklich: klar, hell, sehr gut gegliedert, fein präsentiert, informativ. In Nîmes und Umgebung sind über die Jahre schöne Mosaiken, Statuen überhaupt altes Zeugs ausgegraben worden, bei dem ein Ant.... Romanité-Nerd wie ich leuchtende Kinderaugen kriegt. (Und fotografieren darf man auch!)

Und das Beste zum Schluss, ganz oben nämlich: Ein irgendwie-Zen-mäßiger Dachgarten mit Blick auf die Arena und die ganze Stadt. Und mittendrin ein Restaurant mit eben jenem Blick: La Table du 2. (Der Name erklärt sich, wenn man da ist, versprochen.)

http://latabledu2.com/





Neben dem Amphitheater erhebt sich übrigens der imposante Justizpalast, der in einem weniger woken Jahrhundert gnadenlos der Antike nachempfunden worden war: ein Tempel der Gerechtigkeit, und wehe, du kommst hier nicht als Priester rein, sondern als Opfertier! (Siehe Bild außen versus Bild innen aus einer Zelle, in der Angeklagte auf den Prozess warten müssen.)








Ich habe hier schon ein, zwei Verhandlungen verfolgt, Mord, Vergewaltigung, solche Sachen – ist für einen Krimi-Autoren echt lehrreich, und wenn so eine Verhandlung vorüber ist, dann beschleicht einen das Gefühl, dass die Amerikaner doch recht haben. Die Welt ist schlecht, die Mitmenschen sind mies, es ist besser, man bewaffnet sich. (Tief durchatmen, Gesicht verziehen? War ein Scherz, mon Dieu.)

Die Gassen der Altstadt hinter Amphitheater und Justizpalast sind wundervoll und stecken voller Details. Keine Angst, die werde ich nicht alle nennen, die stehen eh in jedem Reiseführer oder bei Google. Nur das: Ich habe hier einen Kebab-Imbiss mit einem Namen gefunden, bei dem man einfach untergehen muss:




Und ich habe gelernt, dass der Ausdruck „die Fresse polieren“ auch niedlich sein kann. Auf einem Brunnen flätzt sich ein Krokodil (das Wappentier von Nîmes), dessen, nun ja, Schnauzenspitze von liebevollen Händen wie Gold poliert worden ist.

Das ist doch mal Tierliebe.




Donnerstag, 27. Januar 2022

Cote Bleue im Januar

Januar – Zeit, ans Meer zu gehen. Irgendwie, keiner von uns kann mehr sagen, wann und warum genau, ist es zur Familientradition geworden, dass wir an einem Wochenende im Januar an der Côte Bleue entlangwandern. (Mehr zur „Blauen Küste“ steht hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2017/05/capitaineroger-blanc-lost-seinen.html) Dieses Jahr waren wir für unsere Verhältnisse spät dran, nämlich erst in der zweiten Monatshälfte. Außerdem ausflüglerten wir in verminderter Zahl, weil ein gewisses Virus zwei traditionelle Mitwanderer, beziehungsweise -wanderinnen so unglaublich positiv gestimmt hat, dass sie isoliert in den eigenen vier Wänden hocken und Puzzle zusammensetzen mussten.





Alors, Côte Bleue... Pinien und steile Felsen, Sonnenlicht wie gelbe Seide und das Große Blau bis zum Horizont. Du atmest freier, sobald du da bist, und hältst die Existenz Gottes doch für möglich. Das Fischerdorf Méjean (https://provencebriefe.blogspot.com/2019/04/jedervernunftige-mensch-zogert.html) liegt so reglos da wie ein Höhlenbär im Januar, das Restaurant „Le Mangetout“ ist geschlossen, ein handschriftlich verfasster Zettel im Fenster informiert, dass man irgendwann im April wieder öffnen werde. Und auf der Terrasse, die sommers Dutzende schlemmerfreudige Gäste aufnimmt, steht seltsamerweise eine blaue Tischtennisplatte. Wer spielt Pingpong und warum ausgerechnet hier? Mysterium.





Wir nehmen den Sentier des Douaniers, den die Zöllner einst mit ihren Stiefeln in den Stein getreten haben, als sie die unzugängliche Küste auf der Jagd nach Schmugglern abpatrouillierten. (Und vermutlich sind die Schmuggler auf dem Pfad entlanggeschlichen, sobald die Zöllner wieder fort waren.) Wir grüßen alte Freunde, zum Beispiel jene Pinie, die sich über dem Meer in eine Felsspalte gekrallt hat und deren Stamm so verdreht wirkt, als machte sie gerade einen doppelten Rittberger und habe vergessen, dass da noch irgendwo Wurzeln im Boden stecken.





Alles wie gehabt also? Nicht ganz. Denn andererseits, hey, müssen wir uns immer wieder mal in die Büsche schlagen. Der Weg ist nämlich oft so schmal, dass man entgegenkommenden Wanderern ausweichen muss (oder sie uns freundlicherweise vorbei lassen). Früher, ist eigentlich erst ein Jahr her, hatte man diese Route im Januar mehr oder weniger für sich. Ich will nicht sagen, dass es nun die Hohe Straße während des Winterschlussverkaufs ist, aber wir haben doch niemals zuvor so viele Leute gesehen wie diesmal. Liegt vielleicht auch an Corona: Jeder will raus, bei jeder Gelegenheit.

Auch auf dem Meer ankern gleich mehrere Yachten, deren Crews dem Mistral getrotzt haben. Einmal wuselt sogar ein ganzes Rudel von winzigen Laserjollen vorbei. Entweder fahren die eine Regatta, oder das ist der Ausritt einer Segelschule. So oder so: Das gab's früher auch nicht im Januar.





Wie immer klettern wir schließlich aus der Steilküste einen beinahe halsbrecherischen Pfad zur Calanque de l'Érevine hinunter, einer kleinen Bucht im Nirgendwo mit einer Insel davor, die aussieht wie ein steinernes Rennboot. Hier verbirgt sich der einzige, nun ja, Strand in ein paar Kilometer Umkreis: Ein Kiesstreifen, vielleicht hundert Meter lang und zwanzig breit, die Steine sind von zahllosen geduldigen Wellen glattgeschliffen worden. Das Wasser über dem ziemlich beeindruckend in die Tiefe abrauschenden Strand schimmert türkis wie aus der Karibikwerbung. In den Höhlen der dahinter aufragenden Steilküste ruhen sich manchmal Möwen aus, die so groß sind wie Flugsaurier. Und ab und zu kommen mit der Eisenbahn (https://provencebriefe.blogspot.com/2018/08/wasfallt-einem-spontan-zum-begriff.html) ein paar Typen aus den etwas heftigeren Vierteln von Marseille an, um hier Shisha und noch ganz anderes Zeug zu rauchen.

Diesmal nicht.

Ich fasse es nicht: Der Strand ist voll wie während der Sommerferien. Überall Picknick, nasse Hunde, knutschende Pärchen und, ungelogen, Badende. Wir zählen nach und nach etwa ein halbes Dutzend Leute, Männer wie Frauen, Alte wie Junge, die wie im Juli in Bikini oder Shorts gelassen über den Kies und dann ebenso gelassen ins Meer gehen. Kein Durchatmen, kein „Brrrrrr!“, kein rasches Unter- und dann erleichtertes Auftuchen und nix wie raus. Nö, die stiefeln da einfach rein und brustschwimmen los. Ein älterer Mann macht sich sogar gleich auf zur Insel. Niemand wirkt auf uns wie ein wodka- und eisgestärkter Russe, das sind alles ganz normale Südländer.

Unsere Jüngste steckt den Fuß ins Wasser und sagt: „Nächstes Mal nehmen wir auch unsere Badesachen mit!“ Tatsächlich ist das Wasser gefühlt ungefähr so warm wie die Luft in dieser windgeschützten Bucht. Alle Schwimmer, die wir fragen, versichern uns, dass es deshalb überhaupt keinen Unterschied macht, ob man nun drinnen oder draußen ist vom Mittelmeer. Eine zufällig vorbeischauende Strömung aus wärmeren Gefilden? Klimawandel? You name it.

Erst, als es zurückgeht, verrät die frühe Dämmerung, dass es doch noch nicht Sommer ist. Die Kälte reibt auf der Haut, der Sentier des Douaniers gehört uns endlich allein, und das Meer leuchtet wie eine Millionen Tonnen flüssiges Gold. Nächstes Jahr wandern wir wieder.

Und nehmen Badehosen mit.

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Die Frauen der Provence

Irgendwann kommt für jeden Mann der Tag, an dem er etwas über provenzalische Frauen schreiben muss. Voilà, dieser Tag ist heute. Nein, kein Satz über Cagole und Arlésienne - außer dem, dass sie Klischees sind und, wie jedes Klischee, dass es sie natürlich in echt gibt. Sprechen wir doch beispielsweise lieber über...

die Postbotin, die uns die Zeitung und hin und wieder gute alte analoge Briefe in den Kasten steckt. Sie hat mir vor ein paar Tagen den Wandkalender angeboten, mit dem die Postbeamten alljährlich Geld sammeln. Ich habe, wie immer, einen gekauft und einen Schein gezückt. Da sieht sie mich spöttisch an und sagt: „Das sind ja nur die Druckkosten!“

Eh bien, also habe ich einen Schein mehr draufgelegt. Wir lachen.





die Blumenhändlerin im Nachbardorf, bei der ich gestern Rosen gekauft habe.

Rosen? Ich gebe Ihnen noch die Karte Je t'aime dazu.“

Très bien.“

Kostet 15.000 Euro.“

Der ganze Laden lacht über mein Gesicht.

die Angestellte im Geschäft für Bürobedarf, wo ich meinen Terminkalender erstehe. (Für die Jüngeren: Das ist im Prinzip ein Ding wie eine App, nur mit Papier und Stift und dafür ohne Akkuprobleme.) Trotz der verdammten Maske erkennt sie mich und hat sich auch den Namen gemerkt. „Sie kaufen hier viel zu oft ein!“ Wir lachen.

meine Bankberaterin, die mich ungefragt anruft, wenn mal wieder zu viel oder zu wenig Geld auf dem Girokonto herumliegt (Gründe siehe oben) und sie mich vor Strafgebühren ihrer eigenen Bank bewahren will. Das ist praktisch immer eine Folge meiner Schlafmützigkeit in finanziellen Dingen, aber sie sagt dazu freundlicherweise bloß: „Ich mache Ihnen einen Vorschlag.“ Und sie lacht.

der Zahnärztin, die trotz Weihnachts- und Coronastress einen Termin für mich freischaufelt, als mir eine Plombe herausgefallen ist. Wegen der C-Sache ist die Praxis geschlossen, jeder Patient muss pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt auf dem Bürgersteig warten und wird dann direkt in den Behandlungsraum geführt, nix Wartesaal. Nachmittags hat die Ärztin nicht einmal eine Sprechstundenhilfe, sie managt das alles ganz allein. In diesem Jahr haben rund um Salon-de-Provence sieben oder acht Praxen dichtgemacht, weil ältere Zahnärzte keine Nachfolger finden (warum auch immer), also wird sie nun überrannt. Bei all dem Druck hat sie auch noch ein schlechtes Gewissen mir gegenüber, weil sie glaubt, dass es ihre Plombe ist, die sich gelöst hat.

Also muss absuderweise der Patient die Ärztin beruhigen: Das war ein uraltes Ding, lange vor ihrer Zeit eingesetzt, und, es ist geradezu peinlich, das zu gestehen, es hat beim Spaghettiessen den Geist aufgegeben. Da hat sie, genau, gelacht.







Als ich, ohne Loch und dafür immer noch heiter, wieder auf der Straße stand, hat der Mistral so geweht, dass seine eisigen Nadeln durch die Kleidung bis auf die Haut stachen. Die Fassaden waren grau. Irgendwo stank es nach Abgasen. Die Leute hatten Krägen, Mützen, Masken vor den Gesichtern und rannten über den Asphalt, als suchten sie Deckung. Und doch war das nicht das Frankreich, das man in den Abendnachrichten sieht. Das ist das Frankreich der freundlichen, klugen, gewissenhaften, aufmerksamen, unbesiegbar fröhlichen Frauen. Und ich habe das Glück, dass ich hier leben darf.

Wenn also jetzt die heiße Phase der kalten Tage beginnt und ich mich im Trubel fühlen werde wie der letzte Passagier der Titanic, der gleich ins Eiswasser springen muss, dann nehme ich mir nicht den Weihnachtsmann zum Vorbild oder das liebe Christkind. Dann denke ich, zum Beispiel, einfach an meine Postbotin.

In diesem Sinne...