Mittwoch, 20. November 2019


Dieser Brief beginnt wie der Vortrag eines Studienrats und endet wie Indiana Jones. Zumindest ungefähr. Also der Beginn: Die Provence ist eine uralte Kulturlandschaft, und das hört sich ja in der Tat erst einmal nach uraltem Reiseführer an. Tatsächlich jedoch bedeutet das: hier kannst Du noch zu Indiana Jones werden.
In den meisten Regionen Europas ist jedes mittelalterliche oder gar antike Monument ein Denkmal, ein Museum, jedenfalls baut man einen goldenen Zaun darum und hängt eine Hinweistafel davor. Sehr schön, manchmal fotogen und gelegentlich sogar unterhaltsam – aber, hey, damit steht der alte Plunder auch in Google Maps und jeder Vollpfosten kann's finden. Doch im Midi bauten Ligurer, Griechen, Römer, Gallier und Co. schon vor drei Jahrtausenden Städte und Tempel in die Landschaft und haben es danach nie wieder bleiben lassen. Später haben Mönche Klöster in Einöden gegründet, Ritter Burgen auf Hügel gepflanzt und brave Bauern nach Sarazenenüberfällen oder Pestzügen Kapellen und Kreuze gespendet. Mit anderen Worten: Ruinen stehen hier überall.



Unmöglich, heute alle diese Schätze zu erhalten – zumal, trotz aller modernen Besiedlung, sich viele Relikte immer noch in der Wildnis verbergen.
Wie das Oppidum des Bringasses.
Den Namen kannst Du Provenzalen um die Ohren hauen, die meisten haben ihn noch nie gehört, geschweige denn, dass sie je dort gewesen wären. Dabei liegt diese Ruine nur ein paar Dutzend Meter Luftlinie neben einer der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Südfrankreich: der Burg von Les Baux.
Oppidum“ ist ein römischer Begriff, der in diesem Zusammenhang hier meint: „Stadt eines nicht-römischen Volkes“. Die Bringassen sind ein ligurischer Stamm, den der antike Chronist Diodor von Sizilien erwähnt: Ur-Provenzalen, die vielleicht schon in der Bronze-, spätestens jedoch in der Eisenzeit am Westrand der Alpilles siedelten, Gräber in den Felsen schlugen – und eben mindestens eine befestigte Stadt auf einem Bergrücken anlegten. (Noch im Namen „Les Baux“ schwingt übrigens der Name jener Ur-Provenzalen mit.)
Das Oppidum des Bringasses ist mit klugem Blick gewählt worden: Von dieser Anhöhe schweift nämlich eben jener kluge Blick weit über die Ebene der Crau, über die fruchtbaren Täler unterhalb der Alpilles, an klaren Tagen sogar bis ans Mittelmeer. Ein idealer Wachtposten und Rückzugsort. Wenn sich Feinde nähern, sieht man sie schon auf viele Kilometer und hat Zeit, sich oben zu verschanzen. Diese Festung müssen Angreifer erst einmal erstürmen.



Wenn sie diesen Ort denn überhaupt finden.
Denn selbst heute führt nur ein einziger, versteckter Pfad hinauf. Bei Les Baux ist das Val d'enfer, das „Höllental“, eine tiefe Kerbe im Gebirge. (siehe auch hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2016/02/dieholle-liegt-unter-den-ruinen-von-les.html) In deren Felswänden klafft irgendwo rechts ein Riss, eigentlich eine Spalte, von der man denken würde, dass sie nirgendwohin führt. Doch man muss sich nur über rutschiges Gestein, Dornenbüsche und wie Barrikaden umgestürzte Baumstämme kämpfen, dann steht man im Wald, der die Hügelrücken überwölbt. Die Kletterei ist vielleicht drei Minuten anstrengend, danach geht’s zwischen Eichen und Pinien eigentlich ziemlich einfach weiter. Ein Pfad. Gestrüpp. Wipfel. Du siehst nichts – bis Du wortwörtlich direkt vor den Ruinen stehst: ein in den nackten Felsen gehauener Graben, wie eine Zugbrücke führt eine Rampe hinüber, dahinter ragt eine Mauer aus sorgfältig geschichteten Steinen auf, an manchen Stellen noch zwei Meter hoch und Dutzende Meter lang.
Dahinter: ein magischer Ort. Der Boden ist blanker, grauer Fels, fast wie poliert, nach dem Regen schimmern hier Pfützen wie Silber im Licht. Das Oppidum des Bringasses ist von der Grundfläche her vielleicht so groß wie eine mittelalterliche Burg, allseits ummauert, still. Wenige Trümmerreste liegen im Innern, an der dem Eingang gegenüberliegenden Seite haben antike Steinmetze Treppenstufen in den Fels geschlagen. Sie führen auf einen natürlichen Balkon hoch – und dort weitet sich der Blick nicht allein über Ebenen und hin bis zum Horizont.



Sogar das weltberühmte Les Baux liegt einem zu Füßen. So hast Du die Burg noch nie gesehen. Die alten Ligurer nämlich hatten sich für ihr Festung einen höheren Bergrücken ausgesucht als die mittelalterlichen Adeligen von Les Baux. Ihr Oppidum überragt die Burg um etliche Dutzend Meter.
Im Frühlicht schwimmen die Alpilles wie in bläulichem Dunst. Im Tal werfen die Wipfel der Olivenhaine Wellen. Laubfeuer kräuseln sich in den Himmel, graue Schleier, die von den niedrig über das Mittelmeer heranziehenden Wolken aufgesogen werden. Unter den uralten Mauern rauscht der Wind im Laub. Irgendwo schlägt ein Vogel wütend Alarm.



D'accord, das ist weder Troja noch der Heilige Gral, und ich bin nicht Indiana Jones, aber trotzdem: Wann hat man schon mal die Antike ganz für sich allein?

Freitag, 13. September 2019


Das Leben, so sagt man, schreibt die schönsten Geschichten. Es schreibt aber auch die schrecklichsten. Eine solche Geschichte erlebt Capitaine Roger Blanc im „Verhängnisvollen Calès“, seinem sechsten Fall.





Blanc ist inzwischen ein halbes Jahr in der Provence. Es ist Dezember, Weihnachten droht am Horizont, sein Privatleben liegt wie immer in Trümmern, der Kamin in seiner alten Ölmühle leider auch, und auf den Straßen liegt doch tatsächlich Schnee. Aber es ist nicht die ungewohnte Kälte von außen, die ihn frösteln lässt: zwei Fälle müssen Blanc und seine Kollegen Marius und Fabienne lösen, einen alten Mord und eine dramatisch aktuelle Entführung.
In den geheimnisvollen Höhlen von Calès (Den Ort stelle ich hier vor: https://provencebriefe.blogspot.com/2019/08/manchmalerlebt-man-hier-sachen-die.html) findet eine Archäologin ein Skelett, das nicht so uralt ist wie gedacht, denn mitten in der Stirn gähnt das Einschussloch einer Pistolenkugel.





Und während einer Hochzeitsfeier auf einer mondänen Burg verschwindet kurz darauf ein neunjähriges Mädchen. Die Medien berichten, Journalisten fallen ins verschlafene Gadet ein, ganz Frankreich ist schockiert: Einer der mehr als zweihundert Gäste muss die Kleine entführt haben – aber wer hat es getan? Und wo hat er sie versteckt? Während Marius und die anderen Gendarmen rasch glauben, den Täter verhaftet zu haben, und alle Reporter schon über das Monster schreiben, kommt Blanc ein schrecklicher Verdacht: Was ist, wen alles ganz anders ist? Und hat womöglich der Tote von Calès etwas mit dem vermissten Mädchen zu tun?





Ein Kind verschwindet mitten während einer Hochzeitsfeier, einer der Gäste ist es gewesen, die ganze Nation erschaudert und verfolgt via Internet, Zeitung und Fernsehen jede Volte der Ermittlungen – genau das ist, siehe oben, eine jener finsteren Geschichten, die das Leben schrieb. Das Verbrechen entspringt nämlich nicht meiner perversen Phantasie, sondern hat sich, leider, tatsächlich so ähnlich in Frankreich zugetragen: Da entführte ein Hochzeitsgast eine ebenfalls auf der Feier eingeladene Neunjährige (das schreckliche Motiv dafür mag sich jeder selbst ausmalen) und kehrt anschließend auf das Fest zurück, als sei nichts gewesen. Die Flics ahnen rasch: einer muss es gewesen sein. Doch als die Polizei den Verbrecher tatsächlich überführt, tut sich ein Abgrund auf...
Am Ende müssen Blanc und seine Gendarmen doch einen ganz anderen Fall lösen als ihre Kollegen in der echten Welt, denn ich habe mir die Freiheit genommen, den weiteren Verlauf der Ermittlungen neu zu erfinden. Die Flics im Roman müssen tief in die Vergangenheit eintauchen – eine Vergangenheit, in der sich die dramatischen Weltläufte mit den schmutzigen intimen Geheimnissen einer Familie vermengen, bis daraus ein tödlicher Hass entstanden ist, der über Generationen hinweg tötet. Im Schloss von La Barben, in den Grotten von Calès, im verschlafenen, scheinbar so malerischen Städtchen Lamanon.





Diesmal hat Blanc drei Helfer, mit denen er nie gerechnet hätte: Einen riesigen Hund, der eines Tages vor seiner alten Ölmühle liegt und einfach nicht mehr fortgehen mag. Einen Jugendlichen, den die ganze Welt als Dorftrottel verachtet, der jedoch mehr gesehen und gehört hat als die, die ihn verspotten. Und – Blancs Tochter Astrid, die junge Pariserin, die sich ausgerechnet mitten während der dramatischen Ermittlungen zu einem spontanen Weihnachtsurlaub bei ihrem Papa entscheidet.
Blanc lernt dabei die Provence von ihrer allerkältesten Seite kennen – und, hoffentlich, die Leserinnen und Leser mit ihm. Doch keine Sorge: Anders als im echten Leben, so ist Blancs Fall am Weihnachtstag gelöst. Einem Tag, an dem sich schließlich sehr, sehr seltsame Familien zusammenfinden...


Mehr Informationen zum Buch gibt es übrigens hier:

Montag, 12. August 2019


Manchmal erlebt man hier Sachen, die eigentlich nur den Helden in mehr oder weniger schrägen Science-Fiction-Filmen widerfahren: Du wanderst nichts Böses ahnend irgendwo herum – und, zack!, plötzlich stehst du in einer anderen Welt. Du bist unwissentlich durch ein Wurmloch gefallen und stehst in einem parallelen Universum, oder in der Vergangenheit, oder in der Zukunft, oder in allem zugleich.



Ich bin mit der Familie, ist schon etwas her, eines Wintertags durch die Hügel bei Lamanon gelaufen. Lamanon ist ein provenzalisches Städtchen im sympathisch halbrestaurierten Zustand: Kirche, Mairie, Lavoir, ein schönes Bistrot, ein paar alte Häuser, null Aussicht – die Siedlung thront nicht auf einem Hügel, sondern versteckt sich in einem Tal. Größter Stolz von Lamanon, so las und dachte ich, ist der „Gigant der Provence“, der Methusalem der südfranzösischen Platanen, dessen Äste so weit sind wie ein Hallendach und sich altersschwer bis auf den Boden senken.
Dann gehen wir an der Kirche vorbei einen Forstweg in den Wald, der die Hügel nördlich und westlich des verschlafenen Ortes bedeckt: Eichen, Pinien, das übliche Gestrüpp. Hundert oder vielleicht zweihundert Meter geht es nach oben, du biegst um einen nackten Fels - und, zack, auf einmal stehen wir in einem anderen Universum. Nun ja, zumindest stehen wir in der Deko eines ziemlich aufwändig gemachten Fantasy-Films.
Die Grotten von Calès.



Vor dem erstaunten Wanderer ruht still und leer ein mindestens fünfzig Meter tiefes, zweihundert Meter durchmessenden, annähernd kreisförmiges Tal. Eine Riesendelle zwischen Eichen und Hügeln, die aussieht, als sei sie einst ein Vulkankrater gewesen, den sich die Natur nun langsam zurückholt. Das Licht im Talgrund ist aquariumartig, irgendwie zugleich glänzend und diffus, gefiltert von den Wipfeln der Eichen, die oben hart am Kraterrand wachsen. Der Felsen ist gelb und grau und mürbe wie altes Gebäck. Wiesen bedecken den Stein als zerschlissene Decke. Kein Windhauch, kein knackender Ast, kein Vogelzwitschern, es ist so still, als wärst du tausend Meter unter Wasser.
Aber überall starren dich Augen an.
D'accord, keine Augen – Grotten. Die steilen Wände des Talkessels sind von Höhlen zergraben, als wäre das hier ein ins Gigantische gewucherter Insektenbau: runde Löcher, viereckige Portale, torgroße Öffnungen. Manche Höhlen verlieren sich in der Schwärze, andere sind so klein, dass die Sonnenstrahlen bis in deren hintersten Winkel leuchten. Zwischen manchen runden Höhleneingängen ist nur ein schmaler Steinsteg stehengeblieben – sie gleichen frappierend den Augen eines riesenhaften Totenschädels. Und weil das Sonnenlicht durch irgendeinen optischen Trick irgendwo gespiegelt wird, wirken diese verdammten Dinger auch noch, als leuchteten sie aus ihrem Innern heraus! Zwei Augen, die dich ohne je zu blinzeln mustern, wohin auch immer du durch dieses verwunschene Tal gehst.



Wer genauer hinguckt, erkennt in den Fels geschlagene Treppenstufen. Unterarmgroße Löcher, in denen wohl einst hölzerne Leitern oder Vordächer steckten. Künstlich aufgeschichtete Mauern auf einem Plateau, gleicher Stein, gleiche Farbe, als wären die Mauern aus dem Felsen hinausgewuchert. Die wuchtigen Reste einer alten Burg. Ruinen zweier Kapellen. Und jenseits der Grotten, schon wieder gut versteckt im Wald, eine nahezu fensterlose, abweisende Kirche: Saint-Denis de Calès.
Die Grotten von Calès, von denen man im winterlichen Abenddämmer glauben möchte, dass sie auch in Mordor auf allzu neugierige Besucher lauern könnten, sind in Wahrheit Menschenwerk. Das unzugängliche Tal war vom Mittelalter an ein idealer Steinbruch. 58 Höhlen hackten, gruben, sägten die Provenzalen hier über Jahrhunderte in den relativ weichen Stein, um mit ihrer Beute Burgen, Kirchen, Bauernhäuser zu errichten. Dann allerdings, als diese Höhlen erst einmal gegraben worden waren, fiel den Einheimischen irgendwann auf, was für ein wahnsinniges Versteck Calès war: Ein Krater mitten im Wald, auch dann noch unsichtbar, wenn du zehn Meter an ihm vorbeiläufst. Und wer das Tal doch entdeckt, der kann nur durch zwei schmale Felsenrisse eindringen – Risse, die mit ein paar Steinwällen und einem Haufen Bewaffneter gegen jede Übermacht gut zu verteidigen waren.
Zu einer Zeit, als Kolumbus Amerika entdeckte und Leonardo da Vincis Glanz die Renaissance überstrahlte, haben in Calès schätzungsweise zweihundert Menschen den zivilisatorischen Salto rückwärts ins Paläolithikum gemacht und sind wieder zu Höhlenbewohnern geworden. Ein Paralleluniversum, fürwahr.



Generationenlang haben hier, von den Wirren und Kriegen der Zeit übersehen, Menschen ausgeharrt, wenn es draußen zu brutal herging. Erst die Religionskriege des späten sechzehnten Jahrhunderts machten der Höhlen-WG den Garaus. Hugenotten hatten sich hier versteckt – doch die angreifenden Katholiken kamen diesmal mit Kanonen, und gegen diese Feuerwaffen halfen dann auch keine Grotten und Felsenrisse mehr...
Seither ist Calès ein magischer, stiller, irgendwie gruseliger Ort – und leider auch nicht ganz ungefährlich. Denn dieser Talkessel, dieses einmalige Werk aus Natur und menschlicher Tat, zerfrisst sich langsam selbst. Der Stein ist zu fragil. Pinien zwingen weit gefächerte Wurzeln in schmale Risse, dann dringt Wasser ein, im Winter sinkt die Temperatur auf dem Hügel unter den Gefrierpunkt... Schließlich donnern Felsen vom Talrand oder aus der mürben Wand zu Boden. Manchmal regnet es bloß Steinchen, ab und zu mal kommt ein Brocken herunter, so groß wie ein Haus. Zerfetzte Eichen und aufgerissene Wiesen markieren die Spuren der letzten Abgänge. Ob Steinchenregen oder Felssturz, eines ist ihnen gemeinsam: es gibt kein Warnzeichen. Kein Zittern im Boden vorher, kein Rumpeln, kein verdächtiges Knacken. Urplötzlich können zwei, drei, zehn, dreißig Tonnen zu Tal donnern, und wehe dem, der dann gerade unten steht!



Seit dem 20. März 2017 ist deshalb der Besuch der Grotten von Calès offiziell verboten. Tja. Der Weg den Wald hoch ist offen, es gibt keine Sperre, kein Schloss, keine Alarmanlage, und meistens ist auch niemand zu sehen. Wer will, kann immer noch in diesen Kessel eintauchen. Auf eigene Gefahr.
Aber betreten wir nicht jedes Paralleluniversum auf eigene Gefahr?

Mittwoch, 3. Juli 2019


Unsere Gartenpforte gehört jetzt zur Kaste der Unberührbaren – das schmiedeeiserne Ding nämlich wird tagsüber so verdammt heiß, dass du es nicht mehr anfassen kannst. Das gilt auch für, ausgerechnet, unseren Sonnenschirmständer, den wir in einem Anfall von Wahnsinn in schwarz eloxierter Ausführung gekauft haben. Schwarz, Sonne, Scheiße, muss ich mehr sagen?



Wir haben eine Wetterstation von Météo France, die eigentlich ganz gut ist. (Außer, dass sie für den nächsten Tag grundsätzlich Regen prognostiziert, wahrscheinlich ist dieser Teil der Anlage noch auf Hamburg eingestellt...) Météo France jedenfalls hat Freitag letzter Woche unter der schattigen Pergola vierundvierzig Grad gemessen, auf dem Weg zum Haus waren's in der Sonne achtundvierzig, und nachdem man das Auto in der Stadt so richtig schön stundenlang auf dem Parkplatz gegart hat, wagte sich dessen Außentemperaturanzeige nahe an die sechzig Grad heran. Und da war noch Juni, merde, dieser Sommer fängt gerade erst an...
Hitzewelle heißt in Frankreich wunderschön la canicule – kommt von canicula, lateinisch „kleiner Hund“ - der den Griechen und uns Heutigen als Sirius bekannte Stern im Sternbild Kleiner Hund, der im Juli und August durch einen astronomischen Zufall direkt neben der Sonne aufgeht. Die Alten glaubten, dass dieser Himmelszwerg unsere Lichtquelle derart zusätzlich befeuert, dass die Sonne sich zu Höchsthitze aufschwingt, heißt ja auch bei uns „Hundstage“. Bitte nicht lachen über diesen Aberglauben: Wir haben zweitausend Jahre Fortschrittsvorsprung vor den Römern, aber trotzdem soll es ja heute Leute geben, die den Klimawandel für einen Mythos halten. So viel zum Thema Mensch und Hitze und Wissenschaft in der Geschichte.
Also, Hitze... Unsere besagte Wetterstation hat auch noch um acht Uhr abends vierzig Grad angezeigt. Was tun, wenn man selbst einen Sonnenschirm nur mit Handschuhen anfassen kann? Zunächst mal: Gar nicht unter den Sonnenschirm gehen. Einfach im Haus bleiben. Besagte abergläubische Vorfahren (wenn auch aus einem ganz anderen Jahrhundert) haben unseren alte Kasten nämlich mit dicken Steinmauern hochgezogen. Die halten kühl! Ganz ohne Klimaanlage, man muss nur geschickt lüften. D'accord, nach einer Woche canicule haben wir am frühen Nachmittag auch achtundzwanzig Grad im Erdgeschoss. Unterm Dach messe ich lieber gar nicht. Da habe ich nämlich meine Schreibstube, und zum Glück habe ich einen neuen Computer ohne Lüfter, der würde sonst da oben winseln, bis mir die Ohren klingeln. (Vermutlich wird mein ultramoderner Rechner dank ohne Lüfter demnächst vorwarnungslos an einem Hitzeschlag verrecken. Irgendetwas ist immer.)
Wir sind jetzt Kaltduscher. Wir saufen Wasser wie die Pferde. Wir trinken heißen Tee und Kaffee – wirklich, machen die Araber schon ewig, und die kennen sich mit Wüstenhitze deutlich besser aus als wir. Wir essen tonnenweise sonnensüßes Obst und frischen Salat und sonst nur wenig. Und unser Hund verwandelt sich in einen See-Hund. Eigentlich in einen Bach-Hund, er springt bei jedem Spaziergang in die Touloubre und schwimmt schlabbernd im Wasser.



Was bei uns im Garten wächst, muss täglich geflutet werden, und seltsamerweise haben wir Bäume und Oleander, die bei dieser Glut nicht etwa welken, sondern wachsen wie irre. Wir haben asiatische Hornissen, die alles attackieren, was fliegt – die gehen wahrscheinlich sogar auf die Jets vom Flughafen Marignane los. Wir haben tropische Tigermücken, die auch tagsüber stechen und grässliches tropisches Fieber übertragen – die aber so unbeweglich sind, dass du sie selbst mit hitzegelähmter Hand locker in die Ewigen Jagdgründe befördern kannst.
Apropos Ewige Jagdgründe: Neulich kreuzte ich im Wald hinterm Haus den Weg einer mindestens anderthalb Meter langen Schlange. Ich dachte, dass ist eine einheimische und mithin harmlose Art. Aber als ich näherkam, spannte sie sich und zischte böse. Ich habe es dann doch nicht ausprobiert, ob sie wirklich einheimisch und harmlos ist.
Autofahren ist auch super. Wir haben einen Elektrowagen, einen eSmart Forfour. Den bekommst du als Neuwagen in Frankreich in schwarz oder gar nicht. Ungelogen, wir wollten weiß, aber hatten keine Wahl. Normalerweise cruist man mit offenen Fenstern durch die Gegend. Jetzt aber musst du in der kleinen Kiste die Klimaanlage anwerfen – und dann schwitzt der Fahrer nicht vor Glut, sondern vor Reichweitenangst. Diese Klimaanlage frisst dir so was von Strom aus der Batterie, da würden einem die Tränen kommen, wenn man denn noch Flüssigkeit im Körper hätte.
Wenn wir dann also mit dem eSmart nach Salon-de-Provence fahren, fühlen wir uns wie Brötchen, die in den Ofen geschoben werden. Städtische Angestellte haben auf Plätzen und Straßen mobile Sprinkleranlagen aufgestellt, die Asphalt und Gehwegplatten besprühen. (Auf der zentralen Place Morgan standen früher viele schattige Laubengänge. Dann haben sie die Fläche schick und leider schattenlos saniert. Jetzt wachsen da einige bleistiftdünne Jungplatanen, die unseren Enkeln wieder Schatten spenden werden – vorausgesetzt, der von dem einen oder anderen ignorierte Klimawandel wird diese Bäumchen nicht unterwegs in verdorrte Skelette verwandeln.) Die Schwimmbäder in Salon-de-Provence verlangen keinen Eintritt mehr und sind bis in die Nacht geöffnet. Die klimaanlagengekühlten Aufenthaltsräume von Seniorenheimen stehen nun allen älteren Mitbürgern offen, damit auch die, die in überhitzten Wohnungen leben, sich runterkühlen können. Freiwillige verteilen Wasser und achten darauf, dass die ganz Jungen und ganz Alten ausreichend trinken. Das traditionelle Renaissancefest (Was das ist, steht hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2017/07/amletzten-wochenende-sind-nostradamus.html) wurde vorsorglich abgesagt.
Das ist jetzt ein Kalauer aus der zweituntersten Schublade, stimmt aber: die Leute gehen mit der Hitze ziemlich cool um.



Denn, immerhin, wir haben in der Region noch keinen einzigen Hitzetoten. 2003 war das anders, da starben die Leute (nicht nur in Frankreich) wie die Fliegen. Inzwischen hat selbst die kleinste Gemeinde Notfallpläne, und das Gesundheitsministerium schaltet Fernsehspots und Anzeigenseiten, mit denen es die Leute zum Trinken und zum Sonnenschutz auffordert. Züge und Flugzeuge verkehren regelmäßig. Unsere Straßen werden weder weich noch rissig. Wer arbeiten muss, der arbeitet auch, selbst mittags im Freien. Und auf ihre letzten Schultage haben viele Kinder gar nicht oder nur wenig hitzefrei bekommen. Es soll Länder geben, da kommen die Menschen mit einer Hitzewelle nicht so gut klar.
Hört sich das an wie Jammern auf hohem Niveau? Aber nein! Ich liebe die Hitze, ehrlich. Wenn ich am frühen Morgen durch die Hügel jogge, ist es noch frisch, doch man ahnt schon, was kommen wird – und dieses klimatische Anfeuern macht die Zikaden wahnsinnig, die wie besessen sägen. Und die kommende Hitze dampft Pinienduft aus den Bäumen, dass ich mit jedem Atemzug schwindelig werde vor Glück. Und um Mitternacht geht es ganz dekadent in den Pool. Da treibe ich im lauen Wasser, und über mir funkeln die Sterne, als wär's tatsächlich der Saharahimmel...
In diesem Sinne: einen schönen Sommer!



Donnerstag, 16. Mai 2019


Gibt es einen grausameren Tod als den mit achtzehn Jahren – genau dann, wenn man schon vom Leben geschmeckt, das Leben aber eigentlich noch nicht richtig begonnen hat? Gibt es einen grausameren Schauplatz für einen Mord als eine stille Bucht am Mittelmeer – wo doch Ozean, Fels und Licht die Ewigkeit versprechen? Genau dieses grausame Schicksal ereilt den gerade erwachsen gewordenen Michael Schiller in einer Sommernacht des Jahres 1984: Er wird in einer dunklen Bucht des entlegenen provenzalischen Fischerdorfes Méjean erschlagen.



Niemand weiß, wer den deutschen Abiturienten, der an der Côte Bleue mit fünf Freunden Urlaub macht, getötet hat. Einer der Freunde? Einer der wenigen Dorfbewohner? Niemand kennt auch nur ein mögliches Motiv für so eine unfassbare Tat.
Dreißig Jahre lang.



Doch eines Sommertages hält jeder der alten Schulfreunde von einst einen anonymen Erpresserbrief in Händen: Alle müssen nach Méjean zurückkehren, dann wird man Michaels Mörder endlich enttarnen...
Auch beim schwer kranken Commissaire Renard in Marseille geht eine anonyme Anzeige ein. Also macht er sich auf, in einem mörderisch heißen Sommer an die Côte Bleue – wo er tatsächlich auf all die Opfer, Zeugen, Mitwisser eines dreißig Jahre zurückliegenden Verbrechens trifft. Und wo sich das namenlose Schreiben, das halb Versprechen, halb Drohung ist, tatsächlich erfüllt: Renard wird Michaels Mörder gegenüberstehen.
Michael Schiller und die zwei Jungen und drei Mädchen seiner Abiturclique sind erfunden, genauso wie der Fischer, der Patron und die Kellnerin des einzigen Restaurants, wie die alten Sommergäste und die verschlossene junge Taucherin an der Côte Bleue. Doch diesen schönen, schroffen, Kräfte zehrenden Ort Méjean habe ich kennengelernt, als ich kaum älter war als Michael Schiller.



Ich habe im „Orwell-Jahr“ 1984 Abitur gemacht. Nein, ich bin nie mit einer Clique direkt nach dem Abitur gen Süden gebraust und, nein, die tragischen jungen und dann dreißig Jahre älteren Helden hier sind deshalb auch keine schlecht getarnten Abziehbilder realer alter Klassenkameraden, sondern so fiktiv, wie dieser ganze Mordfall fiktiv ist.
Aber vielleicht hätte ich 1984 mit Freunden eine Abschiedsreise machen sollen... Nach dem Abitur, da studiert man, geht in die Lehre, jobbt, macht irgendwas, bloß die Schule, dieses behütete Reservat, besucht man nicht mehr. Es geht hinaus in die freie Wildbahn – wo die unendlichen Weiten von tausend Chancen warten. Und wo die Raubtiere lauern.
Jedenfalls lernt man neue Menschen kennen, neue Orte, manchmal sogar neue Länder, und man verliert die alten Freunde aus den Augen. Wenn man sich dann doch zufällig mal wiedersieht, sind Jahre verweht. Unweigerlich kommt sie dann, die ebenso unschuldige wie potenziell verheerende Frage: „Und, was machst du so?“
Was hat man gemacht aus seinem Leben?



Diese Frage stellt sich wohl jeder nach dreißig Jahren. Und diese Frage stellen sich, sehr viel dringlicher noch, die fünf Protagonisten des Romans im Angesicht des alten Mordes: Was hast du getan?
Für mich ist „Letzter Sommer in Méjean“, der am 17. Mai 2019 erscheint, Krimi und Kammerspiel, Mörderjagd und Psychodrama zugleich. Versetze Menschen an einen wundervollen Ort und sperr ihnen den Rückweg ab: schon verwandeln sie ihn in eine Hölle, denn die Hölle bereiten wir uns selbst. Wenn dich die Sonne mürbe brennt, wenn die Tiefen des Meeres tödliche Kälte verströmen, wenn das Sägen der Zikaden so im Kopf dröhnt, dass du keinen klaren Gedanken mehr fassen kannst.
Nach und nach kocht die Hitze all die Geheimnisse aus den Menschen heraus. Aus den fünf Freunden, die nur scheinbar perfekte Leben geführt haben. Aus den Dorfbewohnern, die dreißig Jahre lang diesen verlorenen Ort nicht verlassen haben. Bis all diese verdrängten Geschichten, wenn die Hitze unerträglich geworden ist, wie eine Bombe explodiert.



Letzter Sommer in Méjean“ ist trotz allem, natürlich, eine Hommage an meine Generation und an genau diesen Ort. Es würde mich freuen, wenn Sie mein Staunen und meine Begeisterung, meine Sympathie und meinen gelegentlichen Schrecken für diese Menschen und diesen Flecken Erde mit mir teilten.


P.S.: Capitaine Roger Blanc hat übrigens ganz und gar keine Auszeit genommen: Am 16. September 2019 erscheint sein sechster Fall: „Verhängnisvolles Calès“. Er folgt dort den Spuren eines sehr alten Toten und einer sehr jungen Entführten – während die Provence in Kälte und Weihnachten versinkt.



Freitag, 12. April 2019


Jeder vernünftige Mensch zögert selbstverständlich, seine absoluten Lieblingsorte ins Netz zu pusten. Denn wenn der eigene Lieblingsort nicht zufällig Paris oder New York heißt, dann bedeutet ins Netz pusten automatisch: viele Leute zum eigenen Lieblingsort locken. Bis der dann so überlaufen ist, dass er plötzlich kein Lieblingsort mehr ist. Bien, ich vertraue einfach darauf, dass, erstens, Texte viel weniger populär sind als Instagram-Fotos. Wer liest das hier schon? Zweitens, falls es doch jemand liest: mein Lieblingsort ist zwischen Juni und September gesperrt. Ehrenwort. Es führt eine einzige Straße hin, und die wird im Sommer mit Schranke und schwarzgekleideten Muskelmännern eines Security-Dienstes gesperrt. Keine Gated Community, sondern aktiver Brandschutz: Die Küste ist so trocken, dass jeder Besucher mehr die Brandgefahr erhöht. Nur wer einen Anwohnerausweis an der Windschutzscheibe kleben hat, der darf passieren. Alle anderen müssen die letzten paar Kilometer zu Fuß gehen und, hey, der Weg zu meinem Lieblingsort ist WIRKLICH steil und eng und kurvenreich...
Voilà: Méjean. Das Paradies. Zumindest das Paradies für Leute, die das Mittelmeer lieben und Pinienduft und Felsen und Zikadenlärm und frische Fische (unter Wasser und auf dem Teller). Für Leute, denen für glamouröses, lärmiges Nachtleben der Vollmond über leiser Meeresbrandung reicht. Für Leute, die lieber auf Steinen als auf Krümeln liegen. (Sandstrände gibt es hier nirgends.) Für Leute, die bereit sind, eine Grand-Canyon-artige Expedition zu starten, wenn sie beim nächsten Bäcker eine Baguette kaufen wollen. Für Leute, die sich freuen, dass ein Hafen so winzig ist, dass keine Jacht der Côte d'Azur hier hineinpasst. Oder genauer: nicht einmal die Beiboote dieser Jachten passen in den Hafen von Méjean.



In die Häfen von Méjean... denn dieser winzige Ort hat gleich zwei noch winzigere Häfen, und das ist schräg und damit fängt meine Begeisterung auch schon an. Méjean ist ein Fischerdorf, zwei Motorbootstunden westlich von Marseille. Eine Bucht in den Calanques, so steil und geschwungen wie die Ränge eines antiken Theaters. Pinien, die in aberwitzigen Winkeln aus Felsspalten und Rissen wachsen. Roter Boden – rot vom zerbröselten, eisenhaltigen Sandstein, rot vom dicken Teppich vertrockneter Piniennadeln. Das Meer ist die Bühne, blau aus der Ferne, doch wenn du nahe genug bist, siehst du den felsigen, von subaquatischem Dschungel überwucherten Boden in zehn Meter Tiefe. Die Boote scheinen an ihren Ankerleinen im Wasser zu schweben wie festgebundene Luftschiffe. Winzige Fische wie Luftblasenschwärme im knöcheltiefen Wasser direkt an den Felsen, silberne Schwärme von Saupes in den tiefen Buchten, misstrauische Krabben am Ufer und tief unten die schwarzen Knollen der Seeigel, und morgens hin und wieder ein orange leuchtender Seestern.
Die beiden Häfen heißen Grand und Petit Méjean, getrennt durch eine auf der Landkarte klein wie ein Komma wirkende, aber mörderisch steile Landzunge, und ich habe auch nach dreißig Jahren nicht begriffen, was denn das Große an Grand Méjean ist. Winzig sind beide Becken, kaiummauerte Häfchen, sogar mit spielzeuggroßem Leuchtturm, gesperrt für Schiffe mit mehr als siebzig Zentimeter Tiefgang. Ein Dutzend Schlauchboote, Fischerkähne und Plastikmotorboote dümpeln in jedem Becken, dazu ein oder zwei Segler, die ihren Kiel hochziehen können. Um acht Uhr morgens gibt es frischen Fisch direkt von den Booten oder in der Baracke der Fischerkooperative neben dem Hafen.



Die Aquädukt-artigen Riesenstelzen der Küsteneisenbahn (https://provencebriefe.blogspot.com/2018/08/wasfallt-einem-spontan-zum-begriff.html) legen manchmal ein schönes Schattenmuster über den Ort. Wobei, „Ort“, na ja... Hinter den Häfen geht die Küste steil gen Himmel, und in diese Felsen haben sich zuerst Fischer und seit den Zwanziger Jahren auch ein paar Großstadtflüchtlinge aus Marseille ihre Cabanes hineingebaut, ihre Hütten. Die hatten früher weder Strom noch Wasser, wobei mit „früher“ die Zeit bis in die Siebziger Jahre gemeint ist. Inzwischen jedoch ist fast jede Cabane zu einem an den Hang geklebten Sommerhaus gemorpht worden, Terrassen überall, Gärten, in denen du dich anseilen musst, wenn du gießen willst, und manche Irre haben sich, fünfzig Meter vom Mittelmeer entfernt, ein Schwimmbad ins Terrain gebombt. (Ich meine: Wer braucht einen Pool, wenn das große Blaue direkt vor den Augen leuchtet?)
Ich habe Méjean vor dreißig Jahren dank meiner Schwiegereltern kennengelernt, die Freunde hatten, die zu den glücklichen Cabane-Eignern gehörten. Diese Cabane ist inzwischen auch ins einundzwanzigste Jahrhundert gebeamt worden. Meine Schwiegereltern leben leider nicht mehr, dafür sind von unseren Kindern inzwischen schon zwei so groß, dass sie alleine hierher fahren können. Wir sind im Januar hier und im Juli. Wir schwimmen und schnorcheln, paddeln mit dem Kayak durch die Calanques, brummen mit Freunden auf deren uraltem Fischerkahn herum, letzten Sommer segelte ich mit der aufblasbaren Jolle dieses Freundes über mediterrane Wogen. Wir wandern auf dem Sentier des Douaniers durch die Calanques. Wir beobachten die Eichhörnchen, die abends vom Pinienast auf die Pergola springen. Wir ertauben unter dem Sägen der Zikaden und haben manche schlaflose Mückennacht verbracht, wenn wir nicht rechtzeitig die Gitter vor die Fenster geschoben haben. Wir haben besorgt auf die Rauchschwaden geblickt, die eines Sommers vom Mistral bis in unsere Bucht gedrückt wurden, weil im Hinterland ein Wahnsinniger die Garrigues angesteckt hatte. Wir haben manche Nacht auf der Terrasse gesessen und die Lichtblitze des Leuchtturms von Panier gezählt, die vom Horizont genau auf das Haus geschleudert werden. Wir erinnern uns an jene Sommer, während der man sich gar keine Seeigelstacheln mehr in die Füße treten konnte, und freuen uns, dass seit letztem Jahr wieder Seeigel auf dem Grund leben. Und ich habe wie ein Bekloppter analog und digital mindestens eine Millionen Sonnenuntergänge über dem Meer fotografiert.



Méjean ist ein so schöner Ort, den darf man einfach nicht verschweigen, im Gegenteil: Ich werde ihm ein kleines Denkmal setzen, hier und jetzt und erst recht im nächsten Monat...

Donnerstag, 28. Februar 2019


Hier hat vielleicht nicht jeder eine lange Leitung, aber man muss lange warten auf eine Leitung. Das war doch jetzt mal ein Kalauer... Nicht verstanden? Macht nichts, ich hab's auch erst so nach und nach realisiert, als ich in die Provence gezogen bin. Die Geschichte geht nämlich so: Wir wohnen in einer ehemaligen Ölmühle aus dem 18. Jahrhundert, in einem Dorf mit vielleicht dreißig Häusern, die alle in derselben Jahrgangsstufe auf der Schule waren. Super malerisch. Super alt. Super charakterstark. Nur, hey, wer hat im 18. Jahrhundert an Stromleitungen gedacht? Ans Telefon oder Internet? An Wasser oder gar, mon Dieu, Abwasser?
Genau, und damit fängt die Sch... na, sagen wir: deshalb muss man hier lange auf eine Leitung warten.
Eigentlich habe ich gedacht, dass zwischen dem 18. und dem 21. Jahrhundert ausreichend Zeit verstrichen ist. Und außerdem ist die Provence doch nicht Nordkorea. Es sollte genügend Zeit und Low Tech vorhanden sein, um unser Haus an diverse Leitungen zu legen.



Nun ja, wir sind vernetzt, das kann man sofort sehen, wenn man an die Straße tritt. Unser Stromnetz ist nämlich von anno Dunnemals und sieht tatsächlich aus wie ein Netz: schwarze Kabel baumeln in knotigster Unordnung von Straßenmast zu Straßenmast, halbe Baumkronen schieben sich ins Gewirr und wirken wie Fische, die sich im Netz verfangen haben. Sobald der Mistral bläst, schwanken die Leitungen so stark, dass die Spatzen, die sich dort ausruhen wollen, das Kotzen kriegen. Bei uns zittern dann die Glühbirnen – oder brennen gleich durch, wir haben einen Verbrauch an den Dingern, das macht jeden Baumarktleiter glücklich. Und, klar, sobald es gewittert, können wir hier die Kerzen anmachen, dann ist nämlich Verdunkelung angesagt.
Hin und wieder rast auch mal ein übersportlicher Autofahrer auf den zweieinhalb Kilometern Route départementale zwischen unserem Weiler und der nächsten Kleinstadt gegen einen Strommast und knickt selbigen um. So richtig solide sind diese Pfosten leider auch nicht.
Vielleicht tragen sie einfach zu viel Last? Neben den Stromkabeln baumeln nämlich auch unsere kupfernen Telefonleitungen fröhlich im Wind. Und bei Mistral und Gewitter... Yupp.
Kupferleitungen? Gibt's das nicht längst in Glasfaser? Oui, oui, wir sollten seit 2017 verkabelt sein. Zweimal haben sie bereits besagte Landstraße aufgerissen, um am Rand Schächte zu verlegen. Vor unseren alten Häusern stehen auch moderne Plastikverteilerkästen. Nur: da ist nix drin. Kein Kabel. Niemand weiß, warum es nicht kommt. Niemand weiß, wann es denn kommt. Bis dahin haben wir Kupfer-Internet mit einem Datendurchsatz wie zu meiner Studienzeit in Amerika. Das, äh, war Anfang der Neunziger Jahre.



Dafür haben wir seit einigen Wochen – und nicht einmal anderthalb Jahre später, als von der Stadtverwaltung versprochen – fließend Wasser. Jo Mann, du machst den Wasserhahn auf und es fließt Wasser raus, geil nicht? Hatten wir nämlich bislang auch nicht. Bis dahin hatten wir unser Wasser aus fünfunddreißig Meter Tiefe heraufgeholt, mit einem Papier- und zwei Stofffiltern sowie einer UV-Lampe gereinigt und dann ins System eingespeist. Die Pumpe war ebenso elektrisch wie die UV-Lampe, und wenn dann mal Mistral oder Gewitter... genau.



Die Zuleitung vom Verteiler zum Haus ist ein bisschen abenteuerlich verlegt. Ich möchte jetzt noch nicht wissen, wie es wird, wenn wir wirklich mal richtigen Frost bekommen. Aber, hey, jetzt haben wir sauberes Wasser! Das schütten wir in uns hinein und dann muss es wieder heraus und dann, mais non! Abwasser haben wir nicht. Rein ja – raus nein. Kanalanschluss? Gibt es nicht. Kein Kanal im Dorf, kein Kanal in zweieinhalb oder drei Kilometer Umkreis.
Wir haben eine Sickergrube – wie alle Nachbarn. Und alle zwei Jahre kreuzt dann mal hier, mal dort der Tankwagen von SPGL auf und pumpt mit einem Rüssel leer, was leerzupumpen ist. Ich muss dann manchmal mit anpacken und, oh Mann, ich werde in meinem nächsten Leben garantiert nicht Klempner.
Wann wird's anders? Keine Ahnung. Ich könnte ja mal in der Mairie anrufen. Nur nicht mit dem Handy – wir leben nämlich in einem Tal, und da haben wir auch einen ganz, ganz miesen Handyempfang.