November, Demos, Überflutungen… Das ist doch mal eine gute Zeit, um an die Ketzer in der Provence zu erinnern. D’accord, der Süden hat jede Menge Kirchen, Klöster, Heilige hervorgebracht und gleich drei Marien, die nach der Kreuzigung von Golgatha direkt bis an den Strand der Camargue gesegelt sind. (Genau: Die Marien von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer!) Aber so total hingebungsvoll linientreu waren sie halt nicht alle: die Unheiligen des Midi.
Ich musste neulich daran denken, als ich drei wundervolle Lesungen in der Schweiz hatte. (Besten Dank an Orell Füssli, und wenn Sie zufällig mal in Bern sind, dann gönnen Sie sich ein Essen im Kornhauskeller.) Da habe ich aus einem Buch vorgetragen, das überhaupt erst in den nächsten Tagen erscheinen wird: Verbrechen aus der Geschichte. Das ist eine Sammlung von historischen Rekonstruktionen, die ich über die Jahre für Geo, Geo-Epoche oder Geo-Special geschrieben habe. True Crime aus der Geschichte, vom Mord im Harem des Pharaos bis zu einem Mafia-Bankier, dessen kometenhafte Karriere in einer Galgenschlinge unter der finstersten Londoner Brücke endete.
Eh bien, einer dieser Artikel beschreibt, wie im 14. Jahrhundert ein Inquisitor in ein entlegenes Dorf in den Pyrenäen einfällt und praktisch alle Einwohner vor sein schreckliches Gericht zerrt. Scheiterhaufen, Folter, Kerker, Denunziationen, es war eine All-Inclusive-Inquisition, von der wir heute noch so viel wissen, weil sich die Dokumente erhalten haben. Bruder Inquisitor nämlich hat es später bis zum Papst in Avignon gebracht, weshalb sein Archiv bis heute sorgfältig aufbewahrt wird.
Die katholische Kirche hat in jenen Jahrzehnten in Südwestfrankreich die häretische Sekte der Katharer verfolgt und schließlich in einem überzeugenden Beispiel christlicher Nächstenliebe mit Mann & Frau & Kind & fast allen ihren Ketzerschriften ausgelöscht.
In der Provence war es eher die Sekte der Waldenser oder Albigenser, die mit der Richtlinienkompetenz des Heiligen Vaters nicht so richtig einverstanden war. Auch hier gab es daraufhin das All-Inclusive-Programm, aber vollständig erwischt hat man diese Typen nie: Manche der letzten Häretiker des Midi konvertierten zu den ersten Hugenotten, den französischen Protestanten. Ein weiteres All-Inclusive-Programm folgte, diesmal vor allem veranstaltet vom französischen König, ganze Städte wurden niedergebrannt, aber, putain, die Hugenotten sind immer noch da!
Wer mit offenen Augen durch die Provence schweift, entdeckt hier und dort noch heute Relikte des Rebellentums.
In den Grotten von Calès beispielsweise haben sie sich einst verschanzt: Pittoreske, manche an einen Totenschädel erinnernde Höhlen in einem vulkankraterähnlichen Talkessel bei Lamanon. Da haben sie sich versteckt und, als königliche Truppen sie endlich fanden, richtig heftig gekämpft. Das gab es schon mal hier im Blog:
https://provencebriefe.blogspot.com/2019/08/manchmalerlebt-man-hier-sachen-die.html
und in einem Roger-Blanc-Krimi:
https://provencebriefe.blogspot.com/2019/09/dasleben-so-sagt-man-schreibt-die.html
aber die Grotten waren danach Jahre lang nicht zugänglich, weil das Gestein so mürbe war, dass nach Unwettern hausgroße Felsen zu Boden donnerten. Jetzt sind die Grotten aber wieder zugänglich. (Sofern die monsunartigen Regenfälle der letzten Wochen nicht schon wieder einen wässrigen Strich durch diese Rechnung gezogen haben.)
Und in Les Baux steht eine Ruine, über deren leerem Fensterkreuz ein stolzer Spruch in Stein gemeißelt ist: POST TENEBRAS LUX – Aus der Dunkelheit ans Licht.
Ein stolzes Motto eines stolzen Hugenotten, der sich in dieser Bergfestung stolz und wohnlich eingerichtet hatte. Praktisch alle anderen Häuser im Ort sind heute übrigens renoviert und beherbergen Restaurants und Souvenirshops und Restaurants und Souvenirshops… Nur dieses Haus ist bis heute Ruine geblieben.
Hugenotten sind zäh. In Frankreich gehört inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung gar keiner Religionsgemeinschaft mehr an (was den Job des Inquisitors nun deutlich erschwert), weniger als ein Drittel sind zumindest formal noch Katholiken, ein Zehntel sind Muslime – und die Häretiker mit dem ‚H‘ stellen schätzungsweise noch 0,5 Prozent: Wenn 200 Franzosen durch die Fußgängerzone laufen, versteckt sich ein Hugenotte unter ihnen.
In manchen Dörfern der Cevennen, also bei uns um die Ecke, dürfen sie jedoch immer noch auf ihren Grundstücken beerdigt werden. Früher wurde Selbstmördern und Hugenotten nämlich das Begräbnis in der geweihten Erde eines katholischen Friedhofs versagt. Mein Schwager ruht in einem solchen Grab. Und obwohl das ja nun überhaupt nicht mein Verdienst ist: Es fühlt sich gut an, einen Ketzer in der Familie zu haben.
P.S.: Meine Frau, die sich in diesen wie in vielen anderen Dingen besser auskennt als ich, sagt übrigens zu Verbrechen aus der Geschichte: „Das ist ein ideales Weihnachtsgeschenk für Männer.“ Das lasse ich jetzt mal so stehen...




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