Freitag, 11. September 2026

Ein langer Sommer in der Provence

Diesen Sommer waren wir in der Provence. Das klingt ja jetzt so was von banal, dass ich mich kaum traue, es hinzuschreiben. Es ist aber gar nicht so: In vielen Sommern davor waren wir entweder zeitweise irgendwo auf Achse oder wir haben mehr oder weniger durchgearbeitet. Diesmal nicht, aus vorhersehbaren und unvorhersehbaren Gründen. Zum Beispiel sind alle drei Kinder vorhersehbar nun erwachsen und drehen ihre eigenen Dinger. Zum Beispiel erwies sich unvorhersehbar ein nagelneues Fahrrad als so störrisch wie ein nagelalter Gaul und warf die beste Frau der Welt aus dem Sattel. So haben wir diesen Sommer auch ein gutes Krankenhaus (HPP in Aix-en-Provence, schleppen Sie Ihre derangierten Knochen dorthin, falls Sie sich je im Midi zerlegen.) und wundervolle Physiotherapeutinnen (in Coudoux, falls Sie sich je im Midi…) kennengelernt. Macht man ja auch nicht alle Tage.



Doch, sonst war es aber exakt so, wie der Süden sein soll: Kinder, Familie, Freunde zu Besuch, laaange Abende mit Grill und Rosé, nachmittags laaange Siesta, weil es so heiß war, dass man eh nichts anderes tun konnte, als vor sich hin zu brutzeln. Schwimmen an der Côte Bleue in einem Mittelmeer, das so türkis und klar und warm war, als wäre die Karibik an die südfranzösische Küste geschwappt. (Was für alles, was unter der Oberfläche kreucht und fleucht, leider wahnsinnigen Stress bedeutet – außer für die immer zahlreicheren invasiven Arten, die bereits aus dem Roten Meer bis in unsere Gefilden eingeschwommen sind.) Warm war auch die Ardèche, deren zweiunddreißig Kilometer lange grandiose Schlucht mit dem Kayak durchpaddelt wurde.




Wir haben eine alte Hängebrücke über der Durance gesehen und sind über den Markt von Aix-en-Provence flaniert. 



Wir haben turmhohes Eis im Le Quillé in Miramas-le-Vieux verschlungen und Crêpes im Le Repaire in Vieux Vernègues und Carpaccio in der Auberge du Vieux Village in Mallemort und unfassbar viele Gänge eines Menüs in der Abbaye de Sainte-Croix in Salon-de-Provence. Dort in Salon hat Zaz die Mauern der Burg gerockt (siehe auch hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2026/07/zaz-in-salon-de-provence.html).



Im Hôtel de Caumont in Aix hing der eine oder andere Toulouse-Lautrec an der Wand und wollte bestaunt werden. Und bei Marseille stach mitten im Sommer Odysseus in See: Ein IMAX nahe am Mittelmeer ist genau der richtige Ort, um dem bärtigen nautischen Geisterfahrer zu folgen. (Glauben Sie übrigens den Nörglern und Klageweibern nicht: Ich habe Alte Geschichte studiert und den alten Homer gelesen. Selbstverständlich hat Christopher Nolan die Vorlage nicht Vers für Vers abgefilmt, sondern frei interpretiert. Aber Homer hat ja ebenfalls frei interpretiert, schließlich sind seine Epen kein Tatsachenbericht aus der Bronzezeit.)




Mit einer Zähigkeit, mit der sie auch Nahost-Friedensverhandlungen führen könnte, hat meine Frau noch kurz vor knapp Spezialschutzbrillen organisiert. So haben wir auf der Terrasse von Freunden die Sonne über der Provence verschwinden und dann kurz vorm Horizont wieder auftauchen gesehen - und dann gleich wieder verschwinden gesehen. Außergewöhnliche Sonnenfinsternis vorm gewöhnlichen Sonnenuntergang. Dazu Apéro. So geht Astronomie.



Und mit einigen Schriftsteller-Kumpelinnen und -Kumpels haben wir in Salon auf dem nächtlichen Markt gehockt, Bücher signiert und mit Lesern gesprochen, beziehungsweise uns angebrüllt, wenn die Rockband nebenan mal wieder richtig die Saiten klingen ließ.

Jetzt ist la rentrée, ganz Frankreich muss arbeiten, geht zur Schule, tauscht Bermudashorts und T-Shirts mit lustigem Aufdruck (I am Your Father, Darth Vader) gegen zivile Uniformen, repariert Häuser, hackt Holz und was man sonst noch so macht. Und traditionellerweise entdecken alle Verlage des Landes gleichzeitig, dass die Saison ja jetzt wieder beginnt. Also erscheinen in diesen Wochen was-weiß-ich-wieviele Bücher und buhlen um was-weiß-ich-wieviele Literaturpreise. Normalerweise sieht man dabei überall im Fernsehen, der Presse, auf den Bühnen das gleiche Dutzend Nasen. Die echten Perlen muss man sich als Leser aus der Flut der übrigen Neuerscheinungen selbst heraussuchen, oder man vertraut der Buchhändlerin seines Vertrauens.

Meine Bücher, sofern sie überhaupt übersetzt werden, erschienen bislang immer außerhalb jener Springflut, wofür ich meinem Verlag Le Masque echt dankbar war. Diesmal jedoch soll der nächste Titel im Oktober herauskommen, also zum Ende der La-rentrée-Ola.

Bin ich eine von dem Dutzend Nasen? Nö. Ich glaube, ich ziehe mir schon mal einen Rettungsring an.