Mittwoch, 5. Juli 2017

Am letzten Wochenende sind Nostradamus und Katharina von Medici mit großem Gefolge bei uns durch Salon-de-Provence gezogen und unsere jüngste Tochter ist mitgegangen. So ungefähr. Seit einunddreißig Jahren zelebriert die Stadt – Achtung, Wortspiel für Französischlehrerinnen! - die Fêtes Renaissance (Klingt fast gleich wie, genau, Faites Renaissance! Nicht verstanden? Macht nix: Ich wäre mit meinem Schulfranzösisch da auch schon ausgestiegen, ich war kein Held. Die Übersetzung und Erläuterung überlasse ich jetzt den Französischlehrerinnen.)



Anno Domini Fünfzehnhundertschlagmichtot jedenfalls hat nämlich Katharina von Medici – Catherine de Médicis für ihre Untertanen -, die nahezu allmächtige und nicht total unblutlüsterne Königinmutter Renaissancefrankreichs, den dräuenden Zukunftsdeuter Michel de Nostredame (Nostradamus ist die Version für Lateinlehrer.) zwecks Konsultationen besucht. Nostradamus hat in Salon-de-Provence (damals Salon de Crau) gelebt, und Platz für den königmütterlichen Hofstaat gab's in der Stadt allemal: Kurz zuvor war zufällig gerade mal wieder eine Seuche durchgezogen, und da standen viele Häuser komfortablerweise leer.
Ich habe in meinem Leben schon das eine oder andere historische Buch gelesen, aber noch nie bin ich über einen Text gestolpert, in dem behauptet würde, dass dieser Salon-Besuch die Geschicke Europas, Frankreichs oder wenigstens der Provence grundstürzend geändert hätte.
Egal.



Seit 1986 – die Älteren unter den Lesern werden sich erinnern: um diese Zeit herum waren Nostradamus' Prophezeiungen plötzlich viel höher in den Bestsellerlisten, als es meine armen Provencekrimis je schaffen werden – seit 1986 jedenfalls begeht Salon-de-Provence jenen Besuch alljährlich im Sommer mit einem mehrtägigen Spektakel. (Der originale Katharina-Nostradamus-G2-Gipfel fand, nun bin ich doch genau, am 17. Oktober 1564 statt. Das aktuelle Fest wurde heuer vom 30. Juni bis 2. Juli zelebriert, aber, eh bien, im Oktober könnte es regnen, und wer will sein Fest schon mit Wassertropfen teilen? Irgendwann werden sie in der Provence noch Weihnachten in den Juli verlegen.)
Das Fest ging neunundzwanzig Jahre lang ungefähr so: Großbürgerliche, nicht ganz uneitle, nicht ganz unreiche Damen und Herren zwängten ihre Leiber in prachtvollste Renaissanceklamotten, dem Nostradamus-Darsteller wurde ein Rauschebart angeklebt und der Papst war auch jedes Jahr dabei, und dann sind diese überstolzen Großbürger in einem historischen Umzug am gaffenden Volk vorbei defiliert, hinauf ins alte Schloss der Stadt. Als hätte sich nichts geändert seit Fünfzehnhundertschlagmichtot.



Seit Salon-de-Provence jedoch einen neuen Bürgermeister hat, dürfen auch weniger Bemittelte mitgehen. (Nein, juchhu, kein Politiker vom Front National: Nicolas Isnard ist ganz bürgerlich bei den Gaullisten und war, echt wahr, Neunzehnhundertschlagmichtot DJ auf unserer Hochzeit.).
Also war unsere Jüngste mitsamt Freundinnen, diversen Müttern und einem tapferen Großvater dabei, als Bauersgirl verkleidet, wenn schon Dritter Stand, dann richtig Dritter Stand. Sie hatte Sonnenblumen und Lavendel in der Hand und Sonne im Herzen und war ungefähr schon Tage vorher rotgesichtig-aufgeregt.




Um einundzwanzig Uhr ging's los: Immer noch eine Katharina, füllig, streng, ganz in Schwarz gekleidet, immer noch ein bärtiger Nostradamus, immer noch ein oller Papst und immer noch wirklich, wirklich cool aussehende Renaissancehöflinge und -damen. Dahiner Ritter auf Rössern, höher als jeder SUV; Bauern auf Karren, die von Eseln gezogen wurden, die munter auf die Straßen kackten; akrobatische Fahnenschwenker aus Salons italienischer Partnerstadt Gubbio; Gestalten auf Stelzen, mit Flöten und Dudelsack, Mitglieder von Kostümgruppen, deren Mädels und Jungs sich denken: Renaissance = Mittelalter = Elben und Orks. Will sagen: grellbunt geschminkte, spitzohrige Darsteller, die so was von einundzwanzigstes Jahrhundert sind, das kann man sich gar nicht vorstellen, die aber mächtig Lärm und mächtig Spaß machen. Und, klar, fast zum Schluss: die Bäuerinnen.



Am Freitag- und am Samstagabend ist unsere Jüngste so durch Salon marschiert. Am Ende war sie ziemlich erschöpft, obwohl eigentlich gar nicht viel passiert ist. Als karnevalserprobter Ex-Rheinländer erwartet man ja instinktiv bei einem Umzug, zu dem sich erwachsene Menschen in irrsten Kostümen verkleiden, Kammelleregen und Bützchengewitter. Nichts da. Die Leute stehen am Gassenrand und bestaunen die prächtig Herausgeputzten, die winken freundlich zurück. Aber, hey, die Stimmung ist großartig: überall dröhnt mehr oder weniger mittelalterliche Musik zwischen den Gassen, in Buden kannst du allerlei Krimskrams kaufen (der Experte sagt: allerspätestes Mittelalter), und die Cafés, Bars und Restaurants sind voll, voller, Salon-de-Provence.
Kurz: Es hat mordsmäßig Spaß gemacht.



Mit dem Renaissance-Umzug beginnt traditionell hier der Kultursommer. In Arles hast Du die besten Fotografen der Welt zu Gast, in La Roque-d'Anthéron die besten Pianisten (siehe Provencebrief vom 20. August 2015; https://provencebriefe.blogspot.fr/2015/08/dienocturnes-von-chopin-klingen-gut.html), in Aix-en-Provence und Orange die tollsten Sänger und überhaupt gibt's Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen, dass einem Augen und Ohren übergehen. (Viele übrigens für lau.) Auch in Salon-de-Provence steht der Rest des Sommers keineswegs unter Kitschverdacht: Mitte Juli werden etwa famose Theatertruppen aus Paris und Grenoble moderne Stücke und Klassiker geben, mitten im Innenhof der Burg aus der Renaissance.

Ganz echt, das alles, und diesmal auch ganz authentisch.

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