Mittwoch, 17. Mai 2017

Capitaine Roger Blanc löst seinen vierten Fall: Sein Job führt ihn an die „Gefährliche Côte Bleue“, die ihm anfangs geradezu beunruhigend ruhig erscheint – und wo er am Ende beinahe sein nasses Grab findet. Der Flic aus dem Norden und sein Kollege Marius Tonon sollen eigentlich bloß auf ein Schiff der Regierung aufpassen, das Froschmänner zu einem geheimen Einsatz auf das Mittelmeer bringt. Es ist Oktober, die Luft schmeckt nach Pinien, im klaren Wasser glitzern seltsame Fische und das Leben ist schön. Doch plötzlich treibt ein unbekannter Taucher in den Wellen, eine Harpune steckt in seinem Kopf...



Voilà, die Côte Bleue ist, jetzt mal extrem unseemännisch formuliert, die Küste links und rechts vom Städtchen Sausset-les-Pins, auf halber Strecke zwischen Camargue und Marseille. Ehrlich gesagt wusste ich lange nicht, ob ich eine Leiche ausgerechnet dort an Capitaine Blanc vorbeitreiben lassen will. Denn einerseits ist dieser von kleinen, steilen Felsbuchten zerfurchte, von Pinien bekrönte, tiefmeerblauumspülte Saum der Provence eine fantastisch schöne Ecke auf dem Globus. Andererseits ist dieser von kleinen, steilen Felsbuchten zerfurchte, von Pinien bekrönte, tiefmeerblauumspülte Saum der Provence eine fantastisch schöne Ecke auf dem Globus.
Kein Tippfehler – sondern mein Autoren-Dilemma.



Ich war vor achtundzwanzig Jahren das erste Mal in den Calanques, so heißen die karstigen Buchten hier, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Berühmter als die Calanques der Côte Bleue sind übrigens die Calanques östlich von Marseille, vom gleichnamigen Nationalpark, der bei Cassis beginnt und sich ein gutes Stück weit Richtung Côte d'Azur hinüberwölbt.
Seither sind wir ständig an der Côte Bleue. In Sommern, in denen es nachts um ein Uhr noch einunddreißig Grad heiß ist, in denen tagsüber gefühlt eine Millionen Zikaden zwischen Piniennadeln sägen und du am Tag und in der Nacht vor Hitze und Lärm kein Auge zumachen kannst. Im Winter, wenn sich der Nachmittag des 1. Januar so licht und mild anfühlt wie ein Frühsommertag und tatsächlich einige Unerschrockene ins Meer springen. Oder, zum Beispiel, im Oktober, wenn selbst empfindsamere Naturen noch durchs badewannenwarme Wasser plantschen und die Temperaturen der Luft bei kreislaufunanstrengenden Mittzwanzigergraden liegen.
Das aber war genau mein Dilemma: Einerseits ist die Côte Bleue ein großartiges Setting, um Capitaine Blanc Verbrecher jagen zu lassen. Andererseits, nun ja, schreit der kleine Egoist in mir: „Kein Wort über die Côte Bleue! Mach diese Küste nicht bekannt! Lass sie im Windschatten der allgemeinen Aufmerksamkeit!“ Am Ende fand ich diesen Kosmos aus Felsen und Meer aber doch einfach zu schön – und zu bedroht, leider. Also musste mein interner Egoist tapfer sein, und ich habe Capitaine Blanc auf eine lange Reise durch Licht und Finsternis geschickt.



Denn es geht um Wracktaucher, die antike Schätze aus dem Meer holen, die sie gar nicht einmal anrühren dürften. Um Fischer, die für ihre Existenz kämpfen. Um Politiker, die absurd hohe Hoffnungen in die, doch, doch, Olympischen Spiele setzen, deren Wettkämpfe hier stattfinden sollen. Und es geht um einen alten, schrecklichen und unfassbarerweise immer noch aktuellen und sehr, sehr realen Skandal. D'accord, keine Spoiler hier und also nichts mehr zum Inhalt.

Roger Blanc entdeckt, das darf ich denn doch verraten, die Côte Bleue an eben einem spätsommerlichen Oktobertag und er verliebt sich sofort in sie, ohne dass er sich das zugeben will. Er riskiert seinen Hals oder zumindest seinen Mageninhalt auf den achterbahnähnlichen Serpentinen, den beinahe einzigen nicht-maritimen Zufahrtswegen zu diesem Paradies. Er lernt Mangetout schmecken. (Was das ist? Kann man googeln oder selber angeln oder an der Côte Bleue in einem bestimmten Restaurant im Dutzend verschlingen.) Und er stolpert in einem Hafen zufällig über ein winziges, halb abgewracktes und mehr oder weniger kapitänloses Segelboot, das nur ein Wahnsinniger kaufen würde. Eh bien, le Capitaine Roger Blanc...
Mit diesem Seelenverkäufer verlassen Blanc und Tonon den sicheren Hafen zu einem Duell auf Leben und Tod vor der provenzalischen Küste, während ein apokalyptisches Gewitter heranrollt. Die Calanque des Roches Sanglantes wird zur Arena für diesen Showdown – und DIESE Calanque findet niemand auf Google Maps. Der Name ist erfunden, um über eine ganz bestimmte Stelle dieser tollen Küste denn doch den Schleier der Diskretion zu ziehen.

Am Ende ist der lange mediterrane Sommer vorüber. Und Roger Blanc fängt im heraufziehenden Herbst mit etwas an, das auch die Pflanzen im heraufziehenden Herbst hier tun: Er schlägt, endlich, Wurzeln in der Provence.

Das ist ja auch schon anderen vor ihm so ergangen. In diesem Sinne...







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