Donnerstag, 27. April 2017

In der Provence sind auch einige richtig häßliche Flecken verborgen. Die kann man weitläufig meiden – oder man verliebt sich in sie. Der Étang de Berre, zum Beispiel, ist so ein häßlicher Fleck. Und ich, zum Beispiel, bin einer von den Typen, die diesen häßlichen Flecken trotzdem fantastisch finden.



Der Étang de Berre zwischen Marseille und der Camargue ist der größte Brackwassersee Europas. „Brackwasser“, das klingt schon mal scheiße. Tatsächlich ist das ein See, oder eine geschützte Bucht oder was auch immer, gespeist vom Mittelmeer sowie von der Durance, dem zweitgrößten Fluss Südfrankreichs (und von einigen Bächen dazu). Von Nord nach Süd ist der Étang ungefähr zwanzig Kilometer lang, die West-Ost-Ausdehnung beträgt gut sechzehn Kilometer, fast überall ist er zwischen zwei und sechs Meter tief – eine ziemlich große, ziemlich flache Scheibe Wasser also.
Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Étang de Berre ein in der Alten Welt wohl einzigartiges Biotop, eine Art freiere Variante der Camargue: mehr Wasser, mehr Luft, noch mehr Licht. An die feuchte Umgebung hatten sich zahllose Fische, Muscheln und Vögel angepasst. Flamingos segelten über den Spiegel der Wellen. Schilfgürtel säumten die Ufer, so dass man kaum sagen mochte, wo das Land aufhörte und das Wasser begann. Ein paar pinienbekrönte Hügelketten, kaum eine Kuppe höher als einhundert Meter, schützten diese Welt vor den ärgsten Exzessen des Mistral. Der Meereszugang bei Martiuges wiederum war so eng, dass sich auch Wellen und andere Unbilden des Ozeans hier nur in homöopathischen Größen bemerkbar machten.



Dann wurde der Étang de Berre geopfert, sehenden Auges und kalten Herzens.

Planer der Regierung – in Frankreich ist die Regierung traditionell der wichtigste Player in der dann doch nicht ganz so freien Marktwirtschaft – haben das Biotop, zumindest dessen südliche Hälfte, in den sechziger und siebziger Jahren gnadenlos umgepflügt. Bei Marignane wurde, zum Beispiel, der Flughafen Marseille-Provence wortwörtlich ins flache Wasser hineingesetzt. Nebenan wuchsen die Werkshallen von Airbus Helicopter hoch (Ex-Eurocopter), dem größten Hubschrauberhersteller der Welt. Um Berre, La Fare und Martigues legte sich ein, wortwörtlich, erstickender Ring ultrahäßlicher und teilweise ultragefährlicher Raffinerien. Und zwischen Flughafen und Industrien breitete sich eine Gewerbesteppe aus Tankstellen, ramschigen Baumärkten und drittklassigen Diskotheken aus.
Folge: Die Luft war zum Kotzen, das Wasser auch und in Reiseführern wurde der Étang de Berre entweder ignoriert oder ähnlich freundlich beschrieben wie Seveso und Bophal.

Die nördliche Hälfte jedoch ist nie angetastet worden. Hier ist der Étang eine Welt der unterarmgroßen Fische geblieben, die, warum auch immer, aus dem Wasser springen und sich klatschend zurückfallen lassen. Eine Welt, in der Miesmuscheln wuchern, in der drei, vier Meter hohe Schilfwälder rauschen und Pinien duften, in der Schwäne und Enten brüten und in der die Menschen bloß bescheidene Plätze einnehmen: Miramas-le-Vieux etwa ist eine mittelalterliche Ruinenstadt, die von einigen Restaurantbetreibern, Galeristen und einem genialen Eiscafé erobert worden ist. Neben Istres hängen versteckte Villen an der steilen Küste, als wäre das die Côte d'Azur vor der Erfindung des Massentourismus. Und Saint Chamas ist ein sympathisch-schredderiger Fischerort geblieben, in dessen kleinem Yachthafen ein schredderiger Segler dümpelt – mit dem ich gerne in, nun ja, hohe See steche.



Seit ungefähr zwanzig Jahren kämpfen Naturschützer und Lokalpolitiker zäh um diese 15500 Hektar malträtiertes Feuchtbiotop. Und langsam, ganz langsam, scheinen sie diesen Kampf tatsächlich zu gewinnen. Ihre besten Verbündeten sind ... Wirtschaftskrise und Olympia.
In der Wirtschaftskrise seit 2007ff. sind beispielsweise die Raffinerien implodiert. Ungefähr die Hälfte hat schon dichtgemacht, oft sind Tanks und Rohrleitungen und der ganze Schmu bereits restlos demontiert worden.
Und zugleich bewirbt sich Paris als Austragungsort für die Olympischen Spiele. Sollte die Kapitale tatsächlich den Zuschlag erhalten – dann wird der Étang de Berre Olympiarevier, für manche Segler und Ruderer und andere Wassersportler nämlich. Und nun pumpen Planer in Paris, die einst diese Welt zerlegten, Geld und Knowhow hinein, um sie wieder zusammenzuflicken.
Inzwischen ist das Wasser im Étang de Berre unfassbarerweise schon wieder sauberer als vor vielen Badestränden des Mittelmeeres. Es ist ein Riesenspaß, mit meinem Seelenverkäufer bis in Sicht- und Duftweite einiger Pinien zu segeln, dort den Anker zu werfen und in die Wellen zu springen. Es ist ein Riesenspaß, in Miramas-le-Vieux ein Rieseneis zu schlabbern und dabei der Sonne über der silbrigen Seescheibe beim Untergehen zuzusehen. Es ist ein Riesenspaß, am Samstagmorgen über den Markt von Saint Chamas zu schlendern, wo ich von eingelegten gewürzten Oliven bis zu antiquarischen Krimis fast den ganzen Grundbedarf meines Metabolismus decken kann.




Und, hey, es ist ein Riesenspaß, im Boot ganz still über den Étang de Berre zu gleiten und plötzlich schießen einige lachsfarbene Pfeile über deinen Kopf dahin: Flamingos, die wieder in eleganter Formation über die Welle fliegen, als hätte sie hier nie irgendetwas gestört.


P.S.: Inzwischen hat das Internationale Olympische Komitee Paris den Zuschlag gegeben! Und Los Angeles auch! Äh, tja, jetzt muss sich bloß noch entscheiden, ob der Étang de Berre in sieben oder in elf Jahren Segler, Surfer und Ruderer auf seinen sanften Wellen trägt. Tragen wird er sie...
http://www.lemonde.fr/sport/article/2017/07/12/jo-2024-paris-et-los-angeles-vont-devoir-s-entendre_5159451_3242.html

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