Montag, 29. Februar 2016

Die Hölle liegt unter den Ruinen von Les Baux, sie leuchtet in allen Farben des Himmels und sie heißt Carrières de Lumières - „Steinbruch des Lichts“.


Diese Hölle ist vor vierzig Jahren geschaffen worden, und ihre Geschichte geht so:


Les Baux ist eine Burg auf einem der letzten Felssporne der Alpilles: Eine wilde, wüste, majestätische Festung, die im Mittelalter die weite Ebene am Saum des Berglandes beherrschte. Die Herrn von Baux riefen hier einst zum Sängerwettstreit, ihr Gemäuer hallte von den Liedern der Troubadours wider. Heute wirkt die mistralumtoste Ruine so wild-perfekt wie ein Feen-Schloss aus einem teuer produzierten Fantasy-Film. Die Mauern wachsen scheinbar übergangslos aus dem schrundigen Felsgrund in die Höhe. Kein Wunder auch, denn sie sind aus dem gleichen Stein geschnitten.


Val d'Enfer heißt die Schlucht, das „Höllental“, in der vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert für die Burg und für Kirchen und Häuser von Baux-de-Provence Kalksteinblöcke herausgehauen, später herausgesägt worden sind. Immer tiefer haben sich die Menschen dabei in den Berg gehackt und geschnitten, und kein Granit hat je ihre Eisen gesplittert, sondern am Ende der schnöde Mammon. Irgendwann war's zu teuer, hier weitere Steine zu gewinnen. Der Mensch ging – und die Höhle blieb.
Denn über die Jahrhunderte haben die Bergleute dabei bis zu neun Meter hohe, kathedralengroße, eckige Höhlen unter die Burg von Les Baux getrieben. Als hätten sich, Achtung, Fantasy-Flash!, Tolkiens Zwerge hier einmal so richtig verausgaben dürfen: Ein Zugang, als hätte ein Unsterblicher mit seiner Axt den Fels gespalten. Dahinter stockdüstere, eckige, wuchtige, majestätische Felshallen. Wände, wie mit Thors Hammer geschlagen. Böden wie vernarbter Stein. Decken im Dunkel über dem Kopf. Tempel eines archaischen Götterkultes, die in einen Berg hineingezwungen worden sind.
Verlassen und vergessen.
Bis 1959 Jean Cocteau die Hallen für sich entdeckte – und dort viele Szenen seines Films Le Testament d'Orphée drehte. Und danach: verlassen und vergessen.
Bis 1975 der Journalist Albert Plécy den aufgegebenen Steinbruch sah und eine geniale Vision hatte: Hier soll man Kunst zeigen! Nein, keine Originale in einer schaudrig-modrige Eventhalle. Sondern, nun ja, Dias...


Klingt wie Opas Urlaubsfotoabend mit Toast Hawaii und Fanta? Plécy sah Anderes. Die eckigen Wände aus hellem Kalkstein sind ideale Projektionsflächen, und die Böden auch, und die Decken auch. Überall in diesem lichtabgeschlossenen Geviert ließ er projizierte Bilder aufleuchten: Skizzen alter Meister, so groß wie ein Bus. Ölporträts, die eine Hauswand ausfüllen könnten.
Hunderte Besucher kamen, um in den perfekt dunklen Höhlen die riesenhaften, leuchteten Bilder zu bestaunen. Es kamen Tausende. Zehntausende. Irgendwann aber kam der Bürgermeister von Baux-de-Provence und entzog Plécys Firma die Lizenz, denn der Steinbruch gehört der Gemeinde. Das Spektakel wurde, gegen gutes Geld vermutlich, einem anderen privaten Betreiber verpachtet. Seither streiten sich Plécys Leute und die wackeren Magistrate von Baux in einer der Troubadoure würdigen juristischen Schlacht um Ruf und Entschädigung. Ich bin kein Anwalt und insofern nicht kompetent genug, um sicher sagen zu können, ob das Duell immer noch vor dem höchsten französischen Gericht ausgefochten wird (eine Zeit lang war es jedenfalls so), oder ob es wieder an untere Instanzen rücküberwisen wurde, oder ob wir es nicht irgendwann noch am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder in der Vollversammlung der Vereinten Nationen bewundern werden. Wie es aussieht, wird uns dieser Rechtsstreit alle überdauern.


Total egal.
Denn auch die neuen Betreiber von Culturespaces verstehen ihr Licht-Handwerk. Inzwischen sind es einhundert High-Tech-Projektoren und Musik aus einem Ich-weiß-nicht-was-für-ein-Dolby-Sound-Gerät, die den alten Steinbruch in einen Farben- und Ton-Ozean verwandeln, in eine Orgie der Sinne, einen Zauberreigen, ein tanzendes virtuelles Museum. Klingt immer noch nach Dia-Abend?
Hingehen! Wir haben letztes Jahr Michel-Ange, Léonard de Vinci, Raphaël. Les Géants de la Renaissance gesehen. Leonardos Notizen tanzten in ihrer spiegelschriftigen Rätselhaftigkeit unter unseren Füßen, auf den Wänden fuhren Michelangelos Verdammte zur Hölle... Im Jahr davor war es Klimt et Vienne: Der tausendmal zur Lieblichkeit sattgesehene Jugendstil gewinnt seine archaische Wucht zurück, wenn er den ganzen Raum umhüllt und selbst die Luft plötzlich golden schimmert.


Klingt immer noch wie Kitsch? Na schön. Großer Kitsch. Staunenerregend. Überraschend. Kunstkino. (Apropos Kino: Die herrlichen Schwarzweißszenen von Cocteaus Film kann man in einer Nebenhöhle ebenfalls bestaunen.) Jedes Jahr glänzt ein neues Werk in Tolkiens Zwergenhöhle unter der Burg. Ab dem 4. März 2016 sind es die Bilder von Chagall. Wir werden da sein, wir werden staunen – und wir werden Pullover mitnehmen, selbst mitten im Sommer. Die Hölle unter Les Baux ist nämlich immer und für alle Zeiten kalt.



P.S.: Wer Lust darauf hat, das oder sonst irgendein Ziel in der Provence nachzureisen und dazu noch Blogs mag, der sollte sich die inzwischen enzyklopädischen Einträge von Manfred Hammes ansehen: lustaufprovence.blogspot.fr/

P.P.S.: Wir waren da, im März, der Mistral hat uns kaltgeküsst: Chagall in Größe XXL - besonders schön dann, wenn seine Mosaiken sich scheinbar Steinchen für Steinchen zu imposanter Größe ausformen!

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