Freitag, 8. April 2016

Irgendwo in der Provence steht eine mittelalterliche Kapelle, deren Inneres mit antiken Amphoren vollgestellt ist. Das ist kein besonderer Kirchenschmuck und keine mediterran-katholische Besonderheit. Kein geschickt platzierter Spot leuchtet die zweitausend Jahre alten Tonkrüge aus, kein für fünfzig Cent zu erwerbendes Faltblatt würdigt diese Altertümer. Das unauffällige Gotteshaus ist vielmehr eine unauffällige ... Rumpelkammer. Stadtkämmerer und Archäologen haben in das vergessene Kirchlein einfach alle Schätze hineingestopft, die sie aus dem Boden gebuddelt haben, ohne zu wissen, wo sie diese verwitterten Dinge sonst hätten abstellen können.


In Hamburg habe ich etliche Jahre gewohnt und dabei mitbekommen, wie Spezialisten mitten in der Innenstadt mit einem Riesenaufwand eine bloß kaum mehr als tausend Jahre alte Ruine gesucht und, nun ja, leider nicht wirklich gefunden haben. Und jetzt lebe ich in der Nachbarschaft von einem Kaff, das in zwei- und zweieinhalbtausend Jahre alten Antiken erstickt und sich nicht anders zu helfen weiß, als sie hinter einem morschen Riegel zu verstecken. Das ist der Unterschied zwischen keiner Kulturlandschaft und einer Kulturlandschaft.
Die Geschichte der überschüssigen Amphoren geht ungefähr so:


Lançon bedeutet „Lan“ - „Felsen“ im „çon“ - „Sumpf“. Die Stadt gehörte im Mittelalter mal den Herren von Les Baux und ist tatsächlich ein „Felsen im Sumpf“ gewesen: Eine Kalksteinklippe inmitten einer feuchten Niederung nahe am Mittelmeer und am Étang de Berre. Dieses Tiefland ist seit dem 18. Jahrhundert durch Kanäle entwässert worden, heute formen dort Olivenhaine und Weizenfelder ein agrarisches Muster der Üppigkeit. Auf dem Felsen thront eine Burg wie eine fette Torte, darunter ducken (Ja, ducken! Man muss einmal durch diese zusammengequetschten Gassen geschlichen sein.) sich Häuser und Kirche, eingeschnürt von einer Stadtmauer, die einstmals eindeutig nicht errichtet worden ist, um malerisch auszusehen. Inzwischen metastieren Einfamilienhäuser vom Hang in die Ebene, manche sind moderne Öko-Villen wie in Freiburgs grünsten Vierteln. Lançon hat in den letzten Jahren seine Einwohnerzahl glatt verdoppelt und leistet sich alles, was dazugehört: riesige Sportanlagen, zwei Supermärkte, eine eigene Gendarmerie-Station und demnächst auch ein Lycée. So weit, so normal.


Zu Lançon gehört jedoch auch ein riesiges, nahezu menschenleeres Terrain: Ein Ozean aus Kalksteinfelsen, dessen karge Wogen bis beinahe zum Mittelmeer branden. Dieses Hügelland liegt einige Kilometer vom Felssporn mit der Burg entfernt, auf dem Boden gedeihen nicht einmal Olivenbäume. Nur die zähe Garrigue hält sich dort, legt einen Teppich aus verkrüppelten Bäumen, Dornengewächs, Sträuchern, Gräsern, Wildkräutern, Disteln über den grauweißen Stein. Im Sommer zirpen die Zikaden, Eidechsen huschen in Spalten, das nahezu schattenlose Land heizt sich auf wie eine Kochplatte.
Kein Wunder, dass es hier gelegentlich brennt...


Vor etwa fünfzehn Jahren hat ein Feuer einige Hektar Garrigue von den Felsen rasiert, bevor es von den Pompiers eingedämmt werden konnte. Unmittelbar danach ist ein Heimatforscher durch die verkohlte Landschaft gegangen. Der Mann wusste genau: Ist das zähe Grünzeug fort, dann siehst du Dinge, die du sonst nie sehen würdest.
Und tatsächlich: Auf Coudouneu, einer jener Hügelwellen – einer schroffen Klippe, von der aus der Blick weit bis zum Étang de Berre schweift – lagen plötzlich Mauern frei, manche waren noch zweieinhalb Meter hoch.
Und zweieinhalb Jahrtausende alt.
Die Archäologen, die hinzugerufen wurden, sehen in der Anlage heute einen großen, wahrscheinlich befestigten Getreidespeicher. Wahrscheinlich war es sowohl Fluchtburg als auch Vorratslager einer irgendwo (aber wo?) in der Nähe liegenden kelto-ligurischen Siedlung. Auf der Nordseite, wo einst eine Mauer den Zugang versperrte, wölbt sich der Felsen recht sanft und gleichmäßig aus dem hügeligen Gewoge. Nach Süden, zum Étang de Berre hin, klafft eine tückische Lücke. Der Felsen sieht aus, als hätte dort ein monströser Darth Vader mit seinem Laserschwert eine lotrechte, vielleicht zehn, fünfzehn Meter tiefe Schneise hineingehauen. Aus größerer Entfernung mag man glauben, dass man auch von Süden her über einen begehbaren Anstieg bis zur Kuppe gelangen könnte, doch kurz vor dem Ziel, zack!, klafft ein nahezu unüberbrückbarer Abgrund.
Die perfekte Verteidigungsstellung: Fernsicht, steiler Zugang, natürlicher Burggraben. Unsere frühen Provenzalen werden sich wohl und sicher gefühlt haben. Sicher genug, um neben Getreide, Oliven und Wein auch noch ganz andere Dinge hier hoch zu schleppen.


In den zuerst vom Feuer und anschließend von Archäologenpinseln freigelegten Ruinen sind nämlich auch, genau, antike griechische Tonwaren gefunden worden. Fragmente einer wunderbar bemalten attischen Schale etwa und, klar, Amphoren, viele Amphoren. Die Kelto-Ligurer haben offenbar mit ihren Nachbarn gehandelt, den Griechen aus Marseille. Das antike Massalia war von hier aus für einen geübten Fußgänger (oder ein Maultier oder einen Ochsenkarren, sofern die Wege schon gut genug dafür waren) in höchstens zwei Tagen erreichbar. Ein Frachtsegler mag über den Étang de Berre und entlang der Côte Bleue ähnlich lange unterwegs gewesen sein, bis er in den heutigen Vieux Port einlaufen konnte.
Stellen wir uns vor, dass die Urbevölkerung von Lançon Oliven oder Wein oder Getreide oder Sklaven in die zivilisierte Metropole geliefert hat und dafür mit Hellas-Hightech bezahlt worden ist: Schalen und Becher und Geschirr. (Die Amphoren waren die Container der Antike, in denen sind landwirtschaftliche Erzeugnisse transportiert und gelagert worden, die kamen eh.) Oder vielleicht waren die ersten Bürger von Lançon ja auch, gemäß einer anderen uralten hiesigen Tradition, Kriminelle, die geklaut haben, was sie kriegen konnten. So oder so: Antike Kunst gelangte auf den sicheren Felssporn im Nirgendwo.
Irgendwann jedoch wurde der befestigte Hügel aufgegeben, irgendwann wurden Getreidekörner und griechische Scherben vergessen, irgendwann kam die Garrigue, irgendwann kam das Feuer und irgendwann kamen die Forscher.
Die bemalten Fragmente, die sie dann aus dem Boden geholt haben, sind winzig, die Amphoren jedoch sind riesig. Was tun? Klar, man könnte ein Museum bauen. Das aber kostet Geld. Klar, man könnte die Antiken an eines der bestehenden Museen weitergeben. Man könnte doch, nach zweieinhalb Jahrtausenden, die Schätze gewissermaßen nach Marseille zurückführen, wo sie einst vielleicht hergekommen sind, um... Putain! Marseille? Bist du irre? Wer schenkt der Racaille aus Marseille auch nur eine einzige, verdammte Scherbe?
Alors: Die kleinen, tollen Schätze stehen heute in staubüberkrusteten Vitrinen in einem nicht einmal mannshohen Kellergewölbe in einem Nebengebäude der Mairie von Lançon. Sie können mir folgen? Wegbeschreibung und Schlüssel zum Keller gibt es beim Rathaus.
Vielleicht.


Und die Amphoren, tja, die hat man in eine Kapelle gesperrt, für deren Restaurierung man ebenfalls kein Geld ausgeben will. Ein mittelalterlicher Lagerraum für antikes Gerümpel. Einem Ex-Hamburger, der aus seiner Stadt weder mittelalterliche Lagerräume noch antikes Gerümpel kennt, kommen die Tränen.

Ach so: Die Mauern von Coudouneu erheben sich bloß ein paar Hundert Meter neben einer vielbefahrenen Route départementale. Man erkennt sie jedoch erst, wenn man beinahe vor ihnen steht. Noch. Denn die Garrigue wächst wieder, das zähe Grünzeugs wird die alten Brandnarben bald endgültig überwuchert haben und die zweieinhalb Jahrtausende alte Ruine gleich mit.



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