Mittwoch, 15. Februar 2023

Seyne les Alpes und Fort Dormillouse in den Alpes-de-Haute-Provence

 An einem Ende fällt die Provence ins Mittelmeer, am anderen Ende geht es hinauf in die Alpen. Flamingos in der Camargue, Rosé, Lavendel und Oliven gehören genauso zum Midi wie einige wuchtige Drei- und Zweieinhalbtausender, ungezähmte Gebirgsbäche und unlilafarbene Kühe auf sattgrünen Almen. Wenn Gattin und Kids Ski fahren wollen (sofern der Klimawandel das noch zulässt, was immer seltener der Fall ist und vermutlich ist es bald ganz damit vorbei) oder wenn wir mitten im Hochsommer erträglichere Tagestemperaturen und kühlere Nächte suchen, dann fahren wir in die Nähe von Seyne les Alpes, Département Alpes-de-Haute-Provence.





Wir wohnen da in einem Kuhdorf (das darf man wörtlich nehmen) und klettern, zur nicht ganz ungeteilten Freude unserer jüngsten Tochter, traditionell zum Fort Dormillouse hoch. Das ist eine alte Festung auf dem letzten Gipfel der Chaîne de la Blanche, einer gewaltigen Felsenmauer zwischen den Tälern von Ubaye (Rafting im letzten ungezähmten Alpenbach, sehr zu empfehlen!) und der Blanche (Wanderwege und im Winter gibt’s eine komplett vereiste und geländerlose Brücke, echt spannend!), die zwischen 1884 und 1886 errichtet wurde. Damals meinte der französische Generalstab nämlich, sich, genau, gegen Italien verteidigen zu müssen. Also errichteten bedauernswerte Soldaten mal hier, mal dort auf Alpengipfeln massige Festungen und bestückten sie mit massigen Kanonen.

Dormillouse thront auf 2505 Meter Höhe. Der Weg hinauf war so schmal, die Serpentinen waren so eng, dass die bedauernswerten Pferde, die eben jene Kanonen gen Gipfel zerren mussten, vor jeder Serpentine abgeschirrt und am gegenüberliegenden Ende der Riesenknarre neu angeschirrt werden mussten, denn man konnte die Geschütze auf der engen Strecke nicht wenden.





Und oben angekommen gab es, eh bien, nichts zu tun und nichts zu schießen. „Dormillouse“ kommt von la Dormeuse, „die Schläferin“, womit, genau, die Murmeltiere bezeichnet werden, die hier leben und, genau, meistens pennen, was das Murmeltier hält.

Die Soldaten sollen sich dort oben so sehr gelangweilt haben, dass sie die Mademoiselles der Umgebung zu Bällen auf der Festung eingeladen haben – die Damen wurden angeblich auf Maultieren nach oben gekarrt, anstrengend ist der Weg nämlich schon.

1928 wurden die letzten Posten abgezogen, seither verfiel das Fort. Italien hat dann tatsächlich Frankreich überfallen, 1940, als die Wehrmacht das Land niederwarf, hat sich Mussolini seinen Teil Südfrankreichs sichern wollen. Da war Fort Dormillouse bereits leer und nutzlos, so etwas nennt man wohl schlechtes Timing.

Jedenfalls kam erst 2002 neues Leben in die alten Kasematten. Seither ist das Gemäuer eine Art Schutzhütte für Wanderer. Und im Sommer macht hier ein Imbiss auf, Baguettes und Getränke kommen einmal täglich nicht mehr mit dem Maultier hoch, sondern auf einem geländegängigen Pickup.





Wir sind gerne oben, weil wir von den ruinierten Wänden einen Fallschirmspringer-ähnlichen Blick auf Berggipfel haben, so wild, als kämen sie direkt aus einem Roman von Tolkien. Auf den unfassbar blauen Lac de Serre-Ponçon.





Und, wenn man sich an einer Stelle über den Rand beugt, auch auf die kleinen Lacs de Col Bas, deren Wasser aufgrund bestimmter botanischer Gegebenheiten so schwarz ist wie das Universum. Dazu umschwirren uns moderne Rieseninsekten: Gleitschirmflieger und Segelflugzeuge, die über unseren Köpfen, aber in den Tälern auch unter unseren Fußsohlen hin und her flitzen. (Segelflugzeuge zischen übrigens ganz schön laut durch die Luft.) Ein irrer Anblick, und dann ist auch unsere pubertierende Tochter wieder versöhnt.









P.S.: Apropos altes Kriegsgerät, das hat jetzt nichts mit der Provence zu tun. „Drei Tage im September“ gibt es nun (endlich!) als Taschenbuch. Die ziemlich verrückte, ziemlich tragische und ziemlich vergessene Geschichte der Athenia, des letzten britischen Schiffes, das vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges England verließ – und die das erste Schiff war, das in eben jenem Krieg von einem U-Boot versenkt wurde, bis zur letzten Koje belegt mit Flüchtlingen, Geschäftsreisenden und ganz normalen Touristen...

Mehr Infos gibt es hier: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/tb-rademacher-drei-tage-im-september-9783832166656/

Mittwoch, 25. Januar 2023

Carro und La Couronne, zwei Perlen am Großen Blau

 

Es ist noch immer frisch in der Provence, und in Deutschland und anderen skandinavischen Ländern soll sogar Schnee gefallen sein, habe ich gehört. Da wärme ich mich gerne digital an Bildern, die auf meiner Festplatte schlummern – zum Beispiel an Fotos, die ich in einem anderen Februar geschossen habe und die mir deshalb Vorfreude auf den nächsten Februar machen, zumindest jedoch Hoffnung.

Alors, Carro und La Couronne. Das sind zwei Orte am Mittelmeer, gehören beide zur Stadt Martigues, und obwohl sie nur ein paar Schritte auseinander liegen, könnten sie verschiedener kaum sein. La Couronne, das ist vor allem Strand und Strand und nochmal Strand. So ziemlich ganz Frankreich kennt diesen Flecken und halb Frankreich war schon mal hier. Denn seit dem Neolithikum wird in La Couronne „Camping Paradis“ gedreht, das ist so etwas wie die selige alte „Lindenstraße“, nur auf einem Campingplatz am Mittelmeer. Eine Serie aus der gruseligen alten Zeit, als Macher und Publikum noch nicht an komplexere Handlungsstränge mit Neflix-Genen gewöhnt waren.





Das ist natürlich nicht hundertprozentig fair: La Couronne ist so schön, dass auch nennenswerte Kinofilme an seinen Gestaden abgedreht wurden, Lino Ventura und Jean-Paul Belmondo waren hier, Jeanne Moreau, Sandrine Bonnaire oder Audrey Fleurot. Eigentlich wird hier immer irgendwo gedreht, eines der größten Kino- und Fernsehstudios Frankreichs steht nebenan in Martigues.

D'accord, hinterm Strand blickt zudem noch die alte Kapelle Sainte-Croix aufs Meer und, ja doch, der Strand ist wirklich schön. Wenn man einen Platz findet...

Carro hingegen ist ein Fischerdorf und gefühlt am Ende der Welt: Dreißig Boote im Wasser, das so durchsichtig ist wie Luft. Ein Fischmarkt direkt hinterm Pier. Einige rein nützliche, entschieden un-ästhetische Versorgungsanlagen. Eine Handvoll hüttenkleiner Fischerhäuser hinter der Hafenpromenade. Zwei, drei richtig tolle Restaurants ohne jedes Geschnösel.





Klingt super? Geht noch weiter: Da oft der Wind pfeift, werden hier das ganze Jahr über Windsurfer high vor Glück und lahm in den Armen. Neulich, na gut, schon eine Zeit her, musste ein Surfer von der Küstenwache gerettet werden, weil seine Arme so lahm geworden waren, dass er sein Segel nicht mehr halten und er nur noch auf seinem Brett liegen konnte. (Ach ja: Hier dümpeln auch zwei Boote der Küstenwache, Carro ist die älteste Station im ganzen Mittelmeer, gibt’s seit 1868. Die Boote und Stationen werden von Freiwilligen bemannt, und für jeden, der hier schon mal rumgesegelt ist, sind sie die Helden der Côte Bleue.)

Spaziert ein bis hierher verirrter Reisender, den Hafen im Rücken, die Küste entlang Richtung La Couronne, stolpert er (das darf man im schlimmsten Fall wörtlich nehmen) in aufgegebene Steinbrüche. Aus den Felsen wurden bis ins vorletzte Jahrhundert hinein Steine für die Bürgerhäuser von Marseille gesägt. Und manchmal, wenn bei einem dieser alten, schönen Klötze eine stilechte und denkmalpflegerisch abgesegnete Renovierung ansteht, wird immer noch der eine oder andere Block aus der Küste gesäbelt. Meistens aber sind diese aufgegebenen Steinbrüche leer. Mich erinnern sie an Ruinen einer untergegangenen Zivilisation (was sie irgendwie ja auch sind) und Risse und Spalten bilden felsige Rahmen für wundersame Ausblicke auf das Meer.





Apropos Meer: Noch ein Stück weiter ragt stolz der Leuchtturm von La Couronne ins Große Blau. Er funktioniert noch heute tadellos und hat zwei Aufgaben. Erstens weist er nachts den Profiskippern und Hobbykapitänen gleichermaßen den Weg und warnt sie vor der recht tückischen Landzunge von La Couronne.





Und zweitens erweckt er am Rand der Provence plötzlich die Illusion von Neuengland. Ehrlich, ein weiß-roter Leuchtturm, Felsen, ein blauer Ozean, man wäre nicht überrascht, wenn hier jeden Moment John Irving und Stephen King diskutierend um die Ecke kämen. Tun sie leider nicht, am Ende ist es bloß der Autor dieser Zeilen, tja.

Montag, 12. Dezember 2022

Kalter, aber klagloser Winter in der Provence

Winter im Süden, letzte Nacht fiel das Thermoter auf unter -3 Grad Celsius, und neben ein paar anderen Dingen ist auch im nuklearen Frankreich das Heizen ziemlich teuer geworden, weil ein Irrer im Kreml sitzt. (Und, seien wir ehrlich, weil wir anderen Irren seit Jahren energiemäßig über unsere Verhältnisse gelebt haben.) Eh bien, wer will, der kann jeden Abend in den Nachrichten ein paar Millionen Menschen sehen, die wirklich Grund zur Klage haben, ich will mich nicht beklagen, sondern dies:





Da ist zum Beispiel unser Sohn, der in einem kleinen Apartment bei uns um die Ecke wohnt. In einem alten provenzalischen Städtchen, in einem alten provenzalischen Haus, direkt unter dem provenzalischen Dach, dass provenzalisch isoliert ist, also gar nicht. Die großen, einglasigen Fenster haben ein Spaltmaß, du wunderst dich, dass die Tauben nicht von draußen durchschlüpfen können. Mit anderen Worten, die Bude wird schweinekalt.

Da es aber ein altes Haus ist, steht vor der nördlichen, dem Mistral zugekehrten Außenwand ein alter Kamin, den irgendjemand irgendwann mal verstopft hat. Da könnte man einen modernen Ofen einsetzen, mit Holz heizen und, tja, wenn es denn Ofen lieferbar gäbe. Gibt's natürlich nicht. Mais oui, dann auf einmal doch, jemand hat genau das Modell bestellt, das wir haben wollen, es aber nicht genommen... Also haben pater filiusque (sorry, Latein passt nun mal zur Weihnachtszeit) den neuen Ofen drei Stockwerke die alte Treppe hochgeschleppt, weil die Handwerker wiederum keine Termine frei hatten. Das Teil wog zum Glück im niedrigen dreistelligen Kilogrammbereich und ließ sich danach widerstandslos installieren. Anschließend gab's im Kamin selbst neue Rohre, eine Kappe, Isolierung, alles nach Norm (der Junior ist vom Fach) – et voilà, Kaminfeuer statt Netflix in der Bude, und da wird einem warm ums Herz und an den Füßen!

Da ist zum Beispiel das Familienessen in Vieux Vernègues – mehr zum Ort gibt's hier: Vernègues). Wir ergattern den letzten freien Tisch im Le Repaire, essen köstliche und beinahe zur Region passende Crêpes, direkt vor einem Ofen vom gleichen altehrwürdigen Hersteller wie der im Apartement des Sohnes, nur gefühlt zehnmal so groß. Anschließend wandern wir durch die Ruinen, der Hügel des Örtchens ist etwa dreihundert Meter hoch, der Mistral pfeift uns die Socken von den Füßen. Aber, hey, der Himmel ist wie blaues Porzellan, und der Blick reicht von schneebedeckten Alpengipfeln bis zum Mittelmeer.





Da ist zum Beispiel der nette Chirurg, der mir am Ohr herumschnippelt. Eine Nacht bin ich sein Gast im Krankenhaus von Avignon. Macht nichts, sagt der Doktor, sehen Sie am nächsten Morgen einfach aus dem Fenster. D'accord, ich habe ein Pflaster auf dem Ohr und gleiche damit ungefähr dem ollen van Gogh auf seinem Selbstporträt, nachdem der sich in Arles entohrt hatte. (mehr zum ollen Maler hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2015/05/dienatur-hier-ist-auerordentlich.html) Aber in der Morgendämmerung blicke ich, wie ärztlich verschrieben, aus dem Fenster, und siehe, der Mont Ventoux leuchtet am Horizont, eine riesige Haiflosse mit einer Spitze aus Schnee. In diesem Moment hätte ich auch gerne gemalt wie der olle Vincent, aber da ich farbtechnisch ein Stümper bin, musste es das Handy tun. Tat's auch.



Also: Der Winter ist kalt, es gibt ein paar Schwierigkeiten, aber es könnte auch viel schlimmer sein. Irgendwo stolpert man immer über Schönheit. In diesem Sinne...

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Cosquer-Méditerranée in Marseille

Mitten in Marseille, in prominentester Lage, findet man einen Pinguin. Pinguin? Das klingt wie eine Ente. (Für die Nach-Boomer: „Ente“ bedeutete unter Medienmenschen einst das, was man heute, je nach persönlichem Standpunkt, entweder „Fake News“ oder „engagierten Journalismus“ nennt.) Alors, Pinguin am Mittelmeer...





Die Geschichte beginnt eigentlich vor ein paar Tausend Jahren, aber sagen wir der Einfachheit halber, sie beginnt 1985. Zu dieser Zeit fährt der Profi-Taucher Henri Cosquer oft alleine mit seinem hölzernen Boot, das ausgerechnet den Namen Cro Magnon trägt, die Calanques entlang und taucht mal hier, mal dort an der felsigen Küste. Bei einem Abstieg fällt ihm eine Öffnung im Gestein auf, siebenunddreißig Meter unterhalb des Wasserspiegels, nicht größer als eine Hundehütte, sehr dunkel – und dahinter scheint es weiter und weiter zu gehen. Cosquer taucht immer wieder hinab, nimmt Freunde mit, wagt sich tiefer ins Gestein.

Der Gang ist Dutzende Meter lang, steigt an, ist klaustrophobisch eng und höllisch gefährlich. Schlamm bedeckt den Boden, eine falsche Bewegung mit der Taucherflosse oder der Hand, und schon schwebt so viel Erde im Wasser, dass selbst mit der stärksten Lampe nichts mehr zu sehen ist. Doch Cosquer und seine Freunde arbeiten sich unermüdlich vor – und 1991, sechs Jahre nach der Entdeckung der winzigen Öffnung, sind sie den Gang so tief hinein und dabei so weit hinaufgeschwommen, dass sie, mitten in den Klippen, wieder über das Meeresniveau gelangt sind.

Eine Fabelwelt.

Plötzlich finden sie sich in einer luftgefüllten Höhle, keine unterirdische Kathedrale, doch an manchen Stellen immerhin so hoch, dass sie stehen können. Stalagmiten und Stalaktiten überall, Salz auf dem Stein, der unter den Taschenlampen glitzert, als wäre alles mit Diamantenstaub überzogen.

Erst beim zweiten, dritten Besuch richtet einer der Mit-Taucher, Yann Gogan, seine Lampe zufällig auf eine Stelle der Höhlenwand – und sieht eine Hand... Beziehungsweise deren Abdruck. Irgendwann hat ein namenloser Künstler seine Hand auf den Stein gelegt und dunkle Farbe in den Mund genommen und sie über dieselbe gesprüht. So ist der Negativabdruck seiner Hand zurückgeblieben und hat die Jahrtausende überdauert. Weiter wandert die Lampe, und was dann folgt, lässt sich vielleicht nur mit der Öffnung des Grabes von Tutanchamun vergleichen. Schätze überall, zumindest an der Wand. Zeichnungen von Wildpferden, Büffeln, Hirschen...

Cosquer und seine Begleiter haben eine der spektakulärsten Steinzeithöhlen aller Zeiten entdeckt, ein Lascaux mitten in den Klippen, mit einem tückischen Zugang verborgen im Meer. Sie sagen … nun ja, fast nichts. Zumindest nichts zu Wissenschaftlern oder Behördenvertretern. Unter den Tauchern spricht sich die Entdeckung allerdings rasch herum, Gerüchte, Gemurmel.

Noch 1991 wollen drei Taucher aus Grenoble die schnell sagenumwehte Höhle erkunden. Aber die Männer verirren sich rettungslos im Gang und ersticken. Erst da meldet Cosquer seinen Fund der Regierung.





Der Rest ist eine andere, neue Geschichte: Die Höhle wird von Wissenschaftlern erkundet und dokumentiert. Den Zugang sichert ein Metallgitter – damit die Steinzeitkunst nicht beschädigt wird und damit sich nicht noch einmal allzu wagemutige Taucher hier für immer verirren. Schließlich wird die komplette Höhle vom ersten Stalagmiten bis zur letzten Ritzzeichnung nachgebaut. Den Nachbau kann jedermann sehen, ohne dabei sein Leben zu riskieren. (Beinahe jedermann: Rollstuhlfahrer zum Beispiel haben leider keine Chance, den Parcours zurückzulegen.) Die neue Cosquer-Höhle hat in der Villa Méditerranée Platz gefunden, einem ebenso spektakulären wie leider jahrelang nutzlosen Kulturbau neben dem Vieux Port, der Kathedrale von Marseille und dem tollen Museum MUCEM. (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2015/06/einehundertdreiig-meter-lange.html)

Der Nachbau, nun Cosquer-Méditerranée genannt, wurde am 4. Juni 2022 eröffnet. Der Präsident wäre gerne gekommen, hatte aber irgendwie bedauerlicherweise noch nie Zeit dafür – anders als 365 000 Menschen, die allein in den ersten fünf Monaten hineingeströmt sind. Hier kann jede Besucherin, jeder Besucher auf ziemlich spektakuläre Art (ich will nichts spoilern und verbiete mir Details) die bis zu 33 000 Jahre alten Tierdarstellungen, Hände, seltsamen Ritzzeichnungen unserer Ahnen studieren.

Zu diesen Zeichnungen, genau, gehört auch ein niedlicher kleiner Pinguin, total einmalig unter den Höhlendarstellungen der Alten Welt. Doch wie konnten Steinzeitmenschen in Europa einen Pinguin porträtieren, wenn diese Vögel doch rund um die Antarktis leben? Manche Wissenschaftler wollten die Höhle deshalb 1991 für eine Art Riesenente, pardon: Riesenfake halten, für das Werk von ein paar tauschenden Scherzbolden, die einen Watschelfüßler zwischen Lascaux-Kopien geschmuggelt haben.

Die Wahrheit ist prosaischer, sie steht im Museum selbst, das heftig mit dem süßen „Pinguin“ wirbt, verschämt im Kleingedruckten von Katalog und Schautafel: Es ist gar kein Pinguin, sondern ein … Alk. Das sind Vögel gewesen, die auf der Nordhalbkugel lebten und ihren südlichen Vettern recht ähnlich sahen, auch wenn sie nicht direkt mit ihnen verwandt waren. Wahrscheinlich haben während der Eiszeit, als es selbst an der provenzalischen Küste schweinekalt war, Alks auf den Felsen gebrütet, auf denen heute Marseille steht. Und das Traurige ist: Alks haben noch Jahrtausende, nachdem das Eis verschwand, das Wasser stieg und die Cosquer-Höhle versenkte, an den Gestaden von Nordsee und Atlantik weitergelebt. Sie wurden erst im 19. Jahrhundert ausgerottet.





Also: Wenn Sie sich beeilen, sind Sie schneller als Präsident Macron in Marseille und tauchen nicht nur virtuell, sondern gewissermaßen sogar körperlich in die Wunderkammer unserer Ahnen ein. Sie werden einen Pinguin sehen, der eigentlich ein armer Alk ist, Pferde in Rußschwarz und Büffel, deren Leiber sich den Rundungen des Felsens anpassen, rätselhafte Hände und kaum zu entwirrende Ritzzeichnungen. Und von Henri Cosquer werden Sie dort alles hören und sehen (sogar sein schön restauriertes Boot Cro Magnon). Er ist berühmt geworden mit seiner Höhle und, dank der Verwertung der Bildrechte, vermutlich auch nicht ganz arm. Nur an seine Mit-Taucher und Mit-Entdecker hat leider niemand gedacht.

Deshalb hier Ehre, wem Ehre gebührt: Die beiden Frauen und Männer, die mit Cosquer gemeinsam das Abenteuer wagten und sogar vor ihm die Höhlenkunst entdeckten, sind: Cendrine Cosquer (die Nichte des Berühmten), Yann Gogan, Pascale Oriol, Marc van Espen. Voilà, bewundern wir sie alle für ihren Mut und ihr Können und seien wir dankbar, dass sie rechtzeitig tauchten – der steigende Meeresspiegel wird nämlich die echte Cosquer-Höhle mitsamt ihren Zeichnungen irgendwann endgültig verschlingen.

Montag, 8. August 2022

Die Passage nach Maskat

Marseille ist, was ja leider manchmal vergessen wird, seit schlappen zweieinhalb Jahrtausenden einer der schönsten und größten Häfen des Mittelmeers. Das war in der Antike schon so, das ist heute noch so – und das war auch in einer Epoche so, die zumindest ich als irgendwie „goldenes Zeitalter“ im Kopf habe: die Zwanziger Jahre. (Die des letzten Jahrhunderts. Für unsere Zwanziger Jahre fallen mir ganz andere Adjektive ein als ausgerechnet „golden“.) Also, die Jahre 1920ff waren erstaunlich modern, ziemlich irre, sie endeten tragisch und irgendwie umweht sie bis heute ein romantischer Hauch. Jazz-Age, Roaring Twenties, Les Années folles.

Eigentlich ein gutes Romanthema.


Es hat allerdings ein Weilchen und ein paar Tausend Kilometer Umweg gedauert, bis ich auf diesen Trichter gekommen bin. Vor ein paar Jahren habe ich, man traut sich ja kaum, das so zu nennen, nun ja: auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Eigentlich habe ich auf der Mein Schiff 1 (Dem alten Dampfer dieses Namens, es gibt, glaube ich, inzwischen einen neuen.) ein paar Vorträge für die Passagiere gehalten, das war's schon mit der Arbeit. Dafür schipperten wir von der Türkei via Ägypten bis nach Maskat und Dubai. Genau: Ägypten... Suezkanal.... Deshalb habe ich das Angebot damals angenommen, wann bekommt man sonst noch mal die Chance, mit einem Ozeanliner diese legendäre Passage zu machen? Mit einem Schiff quer durch die Wüste, das ist auch bei Temperaturen über 30 Grad Celsius schon sehr, sehr cool.



Maskat im Sultanat Oman erwies sich dann ebenfalls als kleine Offenbarung: Eine schöne, glücklich unrestaurierte, sehr lebendige orientalische Stadt. Kurz: Die ganze Reise war selbstverständlich 21. Jahrhundert, aber irgendwie fühlten sich manche Tage an wie Agatha Christie.

Super, mache ich einen Roman draus. Ein Krimi auf dem Kreuzfahrtschiff? Es kam mir keine richtige Idee, ich wollte meinem zeitweiligen Arbeitgeber/Gastgeber auch keine blutige Geschichte andichten und, sorry liebe Reederei, Mein Schiff 1 ist ein ziemlich genialer Name für einen aktuellen Vergnügungsdampfer, aber das klingt leider deutlich weniger mythisch als, sagen wir: Titanic oder Mauretania.

Also historisch, Back to the Future of the Jazz Age und, hey, ich habe Marseille direkt vor der Nase, und hier herrschen immer années folles! In den Zwanziger Jahren waren die Luxusdampfer der hiesigen Reederei Messageries Maritimes die Königinnen von Mittelmeer, Rotem Meer, Indischen Ozean, Pazifik. Von der Provence aus ging es mit ihnen, unter anderem, in die Levante, nach Arabien, Afrika, Indochina, Japan, Tahiti... Die 1925 in Dienst gestellte Champollion zum Beispiel war in der Ersten Klasse so luxuriös ausgestaltet wie das (ja ebenfalls gerade erst in den Zwanziger Jahren sensationell entdeckte) Grab des Tutanchamun. Statuen, Fresken, Hieroglyphen überall, und in das Rauchglas der Restaurantfenster waren Lotusblüten eingraviert, dem Pharao hätte es an Bord sicher gefallen.

Die Champollion ist irgendwann vor Beirut gesunken. Von der einstigen Pracht zeugen nur noch ein paar Augenzeugenberichte und Fotos – bei meinen Recherchen bin ich zum Beispiel auf diese Postkarte gestoßen, die ein Passagier kurz vor der Abfahrt aus Marseille an einen namentlich nicht genannten Copain, einen Freund geschrieben hat.





Auf diese Champollion habe ich ziemlich erfundene, teilweise erfundene und ganz und gar echte historische Gestalten zur „Passage nach Maskat“ eingeladen: Einen Fotografen, der an den berühmtesten Lichtbildner der Weimarer Republik erinnert, eine kokain- und skandalsüchtige Nackttänzerin aus Berlin, eine traurige junge Französin, eine fröhliche ältere Engländerin, einen etwas zu optimistischen amerikanischen Ingenieur, einen italienischen Anwalt mit zweifelhaften Referenzen sowie eine Handvoll ziemlich mieser Typen. Voilà: Im Herbst 1929, die Welt ist im Champagner- und im Börsenrausch und jedermann verschließt die Augen vor der aufziehenden Gewitterfront der Dreißiger Jahre, geht diese bunte und alles andere als sündenfreie Gesellschaft an Bord der Champollion und reist quer durch die Meere bis nach Maskat. In Ägypten steigt man auf die Pyramiden (das war damals noch erlaubt, und Beduinen haben beim mühseligen Hochklettern geholfen) und besucht Howard Carter im Grab von Tutanchamun (ja, der hat auch 1929 dort gearbeitet) und, natürlich, man bewundert den Suezkanal. Alles könnte so schön sein – wenn nicht eine Reisende der Ersten Klasse spurlos verschwinden würde. Eine Dame, von der anschließend die allermeisten Mitpassagiere und Seeleute unerschütterlich behaupten, dass sie nie auf der Champollion gewesen ist...




Alors, das ist nicht Roger Blanc, und das ist auch nicht die Provence von heute. Es würde mich aber trotzdem freuen, wenn ich die eine oder andere Leserin, den einen oder anderen Leser dazu überreden könnte, an Bord der Champollion zu kommen und die Passage nach Maskat zu genießen.


P.S.: Der Historische Kriminalroman erscheint am 16. August. Mehr Informationen zum Buch gibt es wie immer beim Verlag DuMont:

https://www.dumont-buchverlag.de/buch/rademacher-passage-nach-maskat-9783832181970/



P.P.S.: Chère amies, cher amis, bientôt nous pouvons embarquer pour un voyage (historique) entre Marseille et Mascate. Bienvenue à bord du Champollion...


https://www.editions-jclattes.fr/livre/la-traversee-vers-mascate-9782702451212/

Donnerstag, 30. Juni 2022

Steht ein Pferd im Kanal

Neulich stand bei uns ein Pferd im Kanal und wir standen alle ziemlich dumm drum herum. Die Geschichte geht so: Wir wohnen in einer alten Ölmühle, unter dem Gebäude verlief einst ein Kanal, der die Mühlsteine antrieb. Der ist seit Jahrzehnten verfallen, aber weiter hinten auf dem Land, mitten im Wald, existieren noch seine letzten zwei-, dreihundert Meter, bis er in einen Bach mündet. Eine aus alten Steinen gemauerte, vielleicht vier Meter breite und tief ins Gelände geschnittene Wasserrinne. Eh bien, Wasser ist zumindest auch drin. Eigentlich ist es eine von ich-weiß-nicht-welchen-Wasserpflanzen grünlich schimmernde Suppe, ungefähr einen Meter tief, darunter mindestens ein weiterer Meter weicher Schlamm, mittendrin im Trüben umgestürzte Bäume und ein paar unerschütterliche Aale und ungefähr eine Millionen Mückenlarven.

Unsere Nichte hat ein paar Pferde und Ponys. Die traben an diesem Kanal vorbei, wenn sie vom Stall zur Weide gehen. Ihr größtes Pferd, Lilly, ist trächtig. Und Lilly stand eines Abends bis zum Bauch im Kanal und kam nicht wieder heraus.

War schon das zweite Mal.





Als Lilly das erste Mal trächtig war, fanden wir sie ebenfalls im Kanal wieder. Keine Ahnung, wie sie da hineingekommen ist (War wohl kein Absturz, verletzt war sie nicht.), keine Ahnung, warum das ausgerechnet während ihrer Schwangerschaften passierte, muss ein Frauending sein. Jedenfalls konnte der Gaul die steilen Flanken des Kanals nicht erklimmen, ja konnte sich im Kanal selbst kaum bewegen, weil all die im grünen Wasser steckenden Stämme, Äste, Zweige, Ranken ihre Fesseln fesselten.

Aufregung, Feuerwehr, der zukünftige Mann unserer Nichte – ein Mann, der seine Frau sehr liebt, denn er zögerte nicht – stürzte sich halbnackt ins Trübe, um Lilly zu beruhigen. Unsere Nichte kam bald darauf, sie stürzte hinterher. Wir hatten einen Freund unseres Sohnes zum Abendessen da, aber, klar, wir stürzten, nun, wenigstens bis zum Kanalrand.

Die Feuerwehrleute kamen rasch, mit Jeep und Löschzug, doch ohne Kran. Lilly wiegt eine halbe Tonne oder etwas mehr. Was tun?

Zum Glück wohnt bei uns im Dorf jener Bauunternehmer, der uns einen erheblichen Teil des alten Gemäuers renoviert hat (und der, ohne dass er es weiß, das Vorbild für Monsieur Fuligni in den Capitaine-Blanc-Romanen ist). Ein Anruf, er kam innerhalb von zehn Minuten an. Mit einem Gerät, das den politisch heute wahrscheinlich extrem unkorrekten Herstellernamen „Manitou“ trägt, einer Art mobilem Kran und Bagger und ungefähr so groß wie ein Dinosaurier.

D'accord, Manitou, Feuerwehrleute, Pferd. Was fehlt? Ein Geschirr, um das Tier an die Greifhaken Manitous zu hängen. Unser Bauunternehmer hat zwar solide Seile, mit denen man sogar abgeschossene russische Panzer aus dem Donbass zerren könnte, doch die sind so schmal, dass sie den Körper unserer nicht leichtgewichtigen Lilly gefährlich einschnüren könnten. Die Feuerwehr hat ein spezielles Bergegeschirr für Pferde, Kühe und alles, was riesig ist und vier Beine hat.

Das liegt im Depot nahe bei Marseille.





Also warten wir. Unsere Nichte und ihr Zukünftiger und ihre Schwester und ein pferdekundiger Nachbar beruhigen Lilly, bugsieren sie ein paar Zentimeter näher unter Manitous langen Schatten, versuchen sogar, einen unter Wasser steckenden und besonders störenden Stamm durchzusägen, vergebens. Es dunkelt. Die Mücken veranstalten ein ganz großes Festessen, wir sind alle eingeladen. Der Weg aus Marseille ist sehr, sehr lang.

Endlich sind die Feuerwehrleute da. Inzwischen stehen bei uns am Kanal so viele Uniformierte, das man viellleicht schon von einem „Großaufgebot“ sprechen könnte. Das Geschirr wird aus seiner Transporttasche geholt, auf dem Boden ausgebreitet und... äh, wie geht das noch mal? Keiner unserer Feuerwehrleute hat bislang ein Tier damit geborgen und, klar, wir haben erst recht keine Ahnung. Ist diese Schlinge nun für den Hals? Oder soll da eher der Schweif durchgesteckkt werden? Ehrlich, solche Fragen haben wir uns gestellt. Keiner kannte eine Antwort, beziehungsweise, hey, wir sind in Südfrankreich, jeder hatte eine Antwort, die er laut und selbstbewusst verkündete. Waren leider alles unterschiedliche Antworten.

„Wir sehen im Internet nach, da gibt es eine Bedienungsanleitung“, verkündet der Feuerwehrhauptmann. Er weiß noch nicht, dass wir in diesem beschissenen Tal keinen Handyempfang haben. Also verteilen sich ein paar Leute weitläufig in der Landschaft und suchen eine Position, von der aus sie endlich einen Strich auf ihrer Netzanzeige erhaschen.

Alors, irgenndwann hängt das Geschirr doch in der richtigen Position am riesigen Manitou. Unser Nachbar setzt das Gerät in Bewegung. Unsere Nichte und ihr Liebster ziehen, beinahe tauchend, das Geschirr unter Lillys Leib hindurch. (Der Zukünftige schluckt dabei eine ordentliche Ladung Schweißwasser.)

Dann röhrt der Motor, Lilly guckt ergeben – und ein Pferd, das alle Viere hängen lässt, schwebt langsam aus dem Kanal, dem sicheren Erdboden entgegen. Lilly ist verschlammt, doch fit. Fit genug jedenfalls, dass sie bei ihrer nächsten Schwangerschaft garantiert wieder in den Kanal steigen wird.





Es ist beinahe Mitternacht, als wir erschöpft, verschwitzt und mückenzerstochen, zum erkalteten Abendessen zurückkehren. „Bei euch ist immer was los“, sagt der Freund unseres Sohnes. Ich will gerne glauben, dass er das bewundernd meinte. Aber eigentlich klang er ein ganz klein wenig fassungslos.

Oh well, in diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen, ereignisreichen Sommer. Und halten Sie sich bitte von Kanälen fern.

Freitag, 13. Mai 2022

Geheimnisvolle Garrigue, Capitaine Roger Blancs neunter Fall

 Voilà, die „Geheimnisvolle Garrigue“ ist da! Capitaine Roger Blanc ermittelt in seinem neunten Fall, will sagen, er ist seit neun Monaten in der Provence, will sagen: es ist jetzt März im Midi.





März … da war doch was? Genau: Corona et Confinement. (So heißt das hier, was am anderen Rheinufer auf gut Hochdeutsch Lockdown genannt wurde, war aber viel strenger, dazu gleich mehr.) Das ist nun wirklich nicht zynisch gemeint, doch diese verdammte Seuche musste ich einfach, nein zweifach aufgreifen. Erstens bin ich ja auch Journalist und kann so ein Ereignis nicht ignorieren. Zweitens bin ich Krimi-Autor und, nun ja, wenn man das ganze Land einsperrt, dann ist das schon ein reichlich herausforderndes Setting für eben einen Krimi...





Die Provence war im März 2020 vielleicht so schön wie seit Menschengedenken nicht mehr. Der blaue Himmel, die magischen Farben, die waren wie immer präsent – nur diesmal ohne irgendeinen einzigen Kondensstreifen am Himmel und ohne Abgasschwaden der Rush Hour. Es war, nun, nicht unfassbar still, es war musikalisch: Kein scheppernder Renaultdiesel, kein drei Quadratkilometer gleichzeitig beschallendes, röhrend frisiertes Zweirad, ich habe stattdessen Singvögel jubilieren gehört, von deren Existenz ich bis dahin nichts ahnte, und selbst eine homöopathisch leichte Brise hat die Wipfel von Pinien und Eichen vernehmlich rauschen lassen. Sogar der Meteorologengott hat mitgespielt: Es war sonnig, schon Mitte März frühsommerlich warm, aber nicht zu trocken, die Natur hat in wenigen Wochen Terrain zurückerobert, das ihr über Generationen von uns Menschen entrissen worden ist. Im Étang de Berre beispielsweise staksten Flamingos herum, die aus der Camargue herübergeflogen waren, sie stolzierten durchs flache Wasser bis direkt neben der Startbahn des Flughafens von Marignane, denn, eben, da startete überhaupt nichts mehr.

Eine Idylle war das trotzdem nicht, wie könnte es auch eine gewesen sein: In den Krankenhäusern haben die Menschen um ihr Leben gekämpft (und weit mehr als in Deutschland haben diesen Kampf verloren), anderen hat die Seuche zwar nicht ihre Gesundheit, aber ihren Beruf und ihre Existenz ruiniert. Und Präsident Macron hat dem Virus den „Krieg“ erklärt (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2020/03/nachden-worten-von-prasident-macron.html).

Das bedeutete: Polizei- und Gendarmeriekontrollen überall, sogar Überwachung mit Drohnen, saftige Strafen bei Missachtung der Ausgangssperre (bis hin zum Gefängnis) – und bei uns patrouillierten sogar schwer bewaffnete Fremdenlegionäre durch die Landschaft, denn deren Hauptquartier liegt in Aubagne, neben Marseille. (Interessantes Gedankenspiel: Ein paar Coronaleugner, die sich zum „Spaziergang“ verabredet haben, laufen einem Trupp Fremdenlegionäre in die Arme...)

Capitaine Blanc und seine Kollegen Marius und Fabienne jedenfalls verwandeln sich in diesem März von Gendarmen vorübergehend in Besatzungssoldaten, die eine Ausgangssperre durchsetzen: Sie verteilen an jeden einen PV (ein Strafmandat von mindestens 135 Euro), der ohne Sondererlaubnis seine Nase vor die Haustür schiebt. Und: Sie hassen diesen Job (wie die meisten ihrer echten Kollegen auch), weil sie nicht länger Mörder und Dealer jagen, sondern Rentner und Obdachlose stellen oder einfach Typen, die so schusselig sind, das Formular mit ihrer Sondererlaubnis zu Hause vergessen zu haben.





Glück im Unglück, gewissermaßen, dass Blanc und seine Leute denn doch einen echten Verbrecher jagen müssen, und was für einen: Ausgerechnet am Tunnel du Rove (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2022/04/tunnel-du-rove-bei-marignane-jules-verne.html), einem der gruseligsten Orte in der ganzen Provence, verschwindet ausgerechnet eine junge Frau, und die einzige Spur, die sie zurücklässt, erinnert fatalerweise ausgerechnet an eine niemals aufgeklärte Verbrechensserie, die das Land schon vor Jahren einmal erschüttert hat.

Blanc stellt sich, einerseits, ganz klassische Fragen, wie bei jeder Ermittlung: Wer ist das Opfer? Was ist geschehen? Wer könnte ein Motiv haben, der Frau etwas anzutun? Schlägt der Täter von einst wieder zu oder ist dies das Werk eines Nachahmers? Andererseits stellt er sich Fragen, die er sich nie zuvor stellen musste: Was hat eine junge Frau mitten während einer Pandemie ausgerechnet am verlorenen Tunnel du Rove zu suchen? Und vor allem: Wer kann überhaupt ein Verbrechen begehen, wenn doch fast die gesamte Bevölkerung eingesperrt ist und alle Orte von Polizei, Gendarmerie und Armee bewacht werden?





Blanc, Fabienne und Marius machen sich also auf in jene seltsam verzauberte, seltsam unheimliche Provence: farbenfroh, jubilierend, warm, unfassbar menschenleer. Das heißt: Nach und nach finden sie heraus, dass sie in dieser scheinbaren Idylle doch nicht so alleine sind, wie sie dachten...

Das Buch gibt es ab dem 17. Mai in der guten, alten Papierform. (Greifen Sie zu, so lange es noch Papier gibt!) Oder in guten, neuen E-Book-Formaten. (Greifen Sie zu, so lange es noch Halbleiter gibt!) Oder demnächst auch wieder als Hörbuch. (Hören Sie zu, so lange … d'accord, das ist echt nicht mehr lustig.) Jedenfalls: Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn Sie, geimpft, genesen, getestet oder nix von allem, mit Roger Blanc durch eine Provence streifen, wie es sie nie zuvor gegeben hat.


P.S.: Eine schöne Besprechung (mit bestem Dank an den Rhein!) gibt es im Bücheratlas: 

https://buecheratlas.com/2022/05/17/lockdown-laetitia-und-linke-schuhe-cay-rademachers-neuer-provence-krimi-geheimnisvolle-garrigue/