Mittwoch, 19. Oktober 2022

Cosquer-Méditerranée in Marseille

Mitten in Marseille, in prominentester Lage, findet man einen Pinguin. Pinguin? Das klingt wie eine Ente. (Für die Nach-Boomer: „Ente“ bedeutete unter Medienmenschen einst das, was man heute, je nach persönlichem Standpunkt, entweder „Fake News“ oder „engagierten Journalismus“ nennt.) Alors, Pinguin am Mittelmeer...





Die Geschichte beginnt eigentlich vor ein paar Tausend Jahren, aber sagen wir der Einfachheit halber, sie beginnt 1985. Zu dieser Zeit fährt der Profi-Taucher Henri Cosquer oft alleine mit seinem hölzernen Boot, das ausgerechnet den Namen Cro Magnon trägt, die Calanques entlang und taucht mal hier, mal dort an der felsigen Küste. Bei einem Abstieg fällt ihm eine Öffnung im Gestein auf, siebenunddreißig Meter unterhalb des Wasserspiegels, nicht größer als eine Hundehütte, sehr dunkel – und dahinter scheint es weiter und weiter zu gehen. Cosquer taucht immer wieder hinab, nimmt Freunde mit, wagt sich tiefer ins Gestein.

Der Gang ist Dutzende Meter lang, steigt an, ist klaustrophobisch eng und höllisch gefährlich. Schlamm bedeckt den Boden, eine falsche Bewegung mit der Taucherflosse oder der Hand, und schon schwebt so viel Erde im Wasser, dass selbst mit der stärksten Lampe nichts mehr zu sehen ist. Doch Cosquer und seine Freunde arbeiten sich unermüdlich vor – und 1991, sechs Jahre nach der Entdeckung der winzigen Öffnung, sind sie den Gang so tief hinein und dabei so weit hinaufgeschwommen, dass sie, mitten in den Klippen, wieder über das Meeresniveau gelangt sind.

Eine Fabelwelt.

Plötzlich finden sie sich in einer luftgefüllten Höhle, keine unterirdische Kathedrale, doch an manchen Stellen immerhin so hoch, dass sie stehen können. Stalagmiten und Stalaktiten überall, Salz auf dem Stein, der unter den Taschenlampen glitzert, als wäre alles mit Diamantenstaub überzogen.

Erst beim zweiten, dritten Besuch richtet einer der Mit-Taucher, Yann Gogan, seine Lampe zufällig auf eine Stelle der Höhlenwand – und sieht eine Hand... Beziehungsweise deren Abdruck. Irgendwann hat ein namenloser Künstler seine Hand auf den Stein gelegt und dunkle Farbe in den Mund genommen und sie über dieselbe gesprüht. So ist der Negativabdruck seiner Hand zurückgeblieben und hat die Jahrtausende überdauert. Weiter wandert die Lampe, und was dann folgt, lässt sich vielleicht nur mit der Öffnung des Grabes von Tutanchamun vergleichen. Schätze überall, zumindest an der Wand. Zeichnungen von Wildpferden, Büffeln, Hirschen...

Cosquer und seine Begleiter haben eine der spektakulärsten Steinzeithöhlen aller Zeiten entdeckt, ein Lascaux mitten in den Klippen, mit einem tückischen Zugang verborgen im Meer. Sie sagen … nun ja, fast nichts. Zumindest nichts zu Wissenschaftlern oder Behördenvertretern. Unter den Tauchern spricht sich die Entdeckung allerdings rasch herum, Gerüchte, Gemurmel.

Noch 1991 wollen drei Taucher aus Grenoble die schnell sagenumwehte Höhle erkunden. Aber die Männer verirren sich rettungslos im Gang und ersticken. Erst da meldet Cosquer seinen Fund der Regierung.





Der Rest ist eine andere, neue Geschichte: Die Höhle wird von Wissenschaftlern erkundet und dokumentiert. Den Zugang sichert ein Metallgitter – damit die Steinzeitkunst nicht beschädigt wird und damit sich nicht noch einmal allzu wagemutige Taucher hier für immer verirren. Schließlich wird die komplette Höhle vom ersten Stalagmiten bis zur letzten Ritzzeichnung nachgebaut. Den Nachbau kann jedermann sehen, ohne dabei sein Leben zu riskieren. (Beinahe jedermann: Rollstuhlfahrer zum Beispiel haben leider keine Chance, den Parcours zurückzulegen.) Die neue Cosquer-Höhle hat in der Villa Méditerranée Platz gefunden, einem ebenso spektakulären wie leider jahrelang nutzlosen Kulturbau neben dem Vieux Port, der Kathedrale von Marseille und dem tollen Museum MUCEM. (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2015/06/einehundertdreiig-meter-lange.html)

Der Nachbau, nun Cosquer-Méditerranée genannt, wurde am 4. Juni 2022 eröffnet. Der Präsident wäre gerne gekommen, hatte aber irgendwie bedauerlicherweise noch nie Zeit dafür – anders als 365 000 Menschen, die allein in den ersten fünf Monaten hineingeströmt sind. Hier kann jede Besucherin, jeder Besucher auf ziemlich spektakuläre Art (ich will nichts spoilern und verbiete mir Details) die bis zu 33 000 Jahre alten Tierdarstellungen, Hände, seltsamen Ritzzeichnungen unserer Ahnen studieren.

Zu diesen Zeichnungen, genau, gehört auch ein niedlicher kleiner Pinguin, total einmalig unter den Höhlendarstellungen der Alten Welt. Doch wie konnten Steinzeitmenschen in Europa einen Pinguin porträtieren, wenn diese Vögel doch rund um die Antarktis leben? Manche Wissenschaftler wollten die Höhle deshalb 1991 für eine Art Riesenente, pardon: Riesenfake halten, für das Werk von ein paar tauschenden Scherzbolden, die einen Watschelfüßler zwischen Lascaux-Kopien geschmuggelt haben.

Die Wahrheit ist prosaischer, sie steht im Museum selbst, das heftig mit dem süßen „Pinguin“ wirbt, verschämt im Kleingedruckten von Katalog und Schautafel: Es ist gar kein Pinguin, sondern ein … Alk. Das sind Vögel gewesen, die auf der Nordhalbkugel lebten und ihren südlichen Vettern recht ähnlich sahen, auch wenn sie nicht direkt mit ihnen verwandt waren. Wahrscheinlich haben während der Eiszeit, als es selbst an der provenzalischen Küste schweinekalt war, Alks auf den Felsen gebrütet, auf denen heute Marseille steht. Und das Traurige ist: Alks haben noch Jahrtausende, nachdem das Eis verschwand, das Wasser stieg und die Cosquer-Höhle versenkte, an den Gestaden von Nordsee und Atlantik weitergelebt. Sie wurden erst im 19. Jahrhundert ausgerottet.





Also: Wenn Sie sich beeilen, sind Sie schneller als Präsident Macron in Marseille und tauchen nicht nur virtuell, sondern gewissermaßen sogar körperlich in die Wunderkammer unserer Ahnen ein. Sie werden einen Pinguin sehen, der eigentlich ein armer Alk ist, Pferde in Rußschwarz und Büffel, deren Leiber sich den Rundungen des Felsens anpassen, rätselhafte Hände und kaum zu entwirrende Ritzzeichnungen. Und von Henri Cosquer werden Sie dort alles hören und sehen (sogar sein schön restauriertes Boot Cro Magnon). Er ist berühmt geworden mit seiner Höhle und, dank der Verwertung der Bildrechte, vermutlich auch nicht ganz arm. Nur an seine Mit-Taucher und Mit-Entdecker hat leider niemand gedacht.

Deshalb hier Ehre, wem Ehre gebührt: Die beiden Frauen und Männer, die mit Cosquer gemeinsam das Abenteuer wagten und sogar vor ihm die Höhlenkunst entdeckten, sind: Cendrine Cosquer (die Nichte des Berühmten), Yann Gogan, Pascale Oriol, Marc van Espen. Voilà, bewundern wir sie alle für ihren Mut und ihr Können und seien wir dankbar, dass sie rechtzeitig tauchten – der steigende Meeresspiegel wird nämlich die echte Cosquer-Höhle mitsamt ihren Zeichnungen irgendwann endgültig verschlingen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen