Donnerstag, 16. Mai 2019

Ein letzter Sommer in Méjean


Gibt es einen grausameren Tod als den mit achtzehn Jahren – genau dann, wenn man schon vom Leben geschmeckt, das Leben aber eigentlich noch nicht richtig begonnen hat? Gibt es einen grausameren Schauplatz für einen Mord als eine stille Bucht am Mittelmeer – wo doch Ozean, Fels und Licht die Ewigkeit versprechen? Genau dieses grausame Schicksal ereilt den gerade erwachsen gewordenen Michael Schiller in einer Sommernacht des Jahres 1984: Er wird in einer dunklen Bucht des entlegenen provenzalischen Fischerdorfes Méjean erschlagen.



Niemand weiß, wer den deutschen Abiturienten, der an der Côte Bleue mit fünf Freunden Urlaub macht, getötet hat. Einer der Freunde? Einer der wenigen Dorfbewohner? Niemand kennt auch nur ein mögliches Motiv für so eine unfassbare Tat.
Dreißig Jahre lang.



Doch eines Sommertages hält jeder der alten Schulfreunde von einst einen anonymen Erpresserbrief in Händen: Alle müssen nach Méjean zurückkehren, dann wird man Michaels Mörder endlich enttarnen...
Auch beim schwer kranken Commissaire Renard in Marseille geht eine anonyme Anzeige ein. Also macht er sich auf, in einem mörderisch heißen Sommer an die Côte Bleue – wo er tatsächlich auf all die Opfer, Zeugen, Mitwisser eines dreißig Jahre zurückliegenden Verbrechens trifft. Und wo sich das namenlose Schreiben, das halb Versprechen, halb Drohung ist, tatsächlich erfüllt: Renard wird Michaels Mörder gegenüberstehen.
Michael Schiller und die zwei Jungen und drei Mädchen seiner Abiturclique sind erfunden, genauso wie der Fischer, der Patron und die Kellnerin des einzigen Restaurants, wie die alten Sommergäste und die verschlossene junge Taucherin an der Côte Bleue. Doch diesen schönen, schroffen, Kräfte zehrenden Ort Méjean habe ich kennengelernt, als ich kaum älter war als Michael Schiller.



Ich habe im „Orwell-Jahr“ 1984 Abitur gemacht. Nein, ich bin nie mit einer Clique direkt nach dem Abitur gen Süden gebraust und, nein, die tragischen jungen und dann dreißig Jahre älteren Helden hier sind deshalb auch keine schlecht getarnten Abziehbilder realer alter Klassenkameraden, sondern so fiktiv, wie dieser ganze Mordfall fiktiv ist.
Aber vielleicht hätte ich 1984 mit Freunden eine Abschiedsreise machen sollen... Nach dem Abitur, da studiert man, geht in die Lehre, jobbt, macht irgendwas, bloß die Schule, dieses behütete Reservat, besucht man nicht mehr. Es geht hinaus in die freie Wildbahn – wo die unendlichen Weiten von tausend Chancen warten. Und wo die Raubtiere lauern.
Jedenfalls lernt man neue Menschen kennen, neue Orte, manchmal sogar neue Länder, und man verliert die alten Freunde aus den Augen. Wenn man sich dann doch zufällig mal wiedersieht, sind Jahre verweht. Unweigerlich kommt sie dann, die ebenso unschuldige wie potenziell verheerende Frage: „Und, was machst du so?“
Was hat man gemacht aus seinem Leben?



Diese Frage stellt sich wohl jeder nach dreißig Jahren. Und diese Frage stellen sich, sehr viel dringlicher noch, die fünf Protagonisten des Romans im Angesicht des alten Mordes: Was hast du getan?
Für mich ist „Letzter Sommer in Méjean“, der am 17. Mai 2019 erscheint, Krimi und Kammerspiel, Mörderjagd und Psychodrama zugleich. Versetze Menschen an einen wundervollen Ort und sperr ihnen den Rückweg ab: schon verwandeln sie ihn in eine Hölle, denn die Hölle bereiten wir uns selbst. Wenn dich die Sonne mürbe brennt, wenn die Tiefen des Meeres tödliche Kälte verströmen, wenn das Sägen der Zikaden so im Kopf dröhnt, dass du keinen klaren Gedanken mehr fassen kannst.
Nach und nach kocht die Hitze all die Geheimnisse aus den Menschen heraus. Aus den fünf Freunden, die nur scheinbar perfekte Leben geführt haben. Aus den Dorfbewohnern, die dreißig Jahre lang diesen verlorenen Ort nicht verlassen haben. Bis all diese verdrängten Geschichten, wenn die Hitze unerträglich geworden ist, wie eine Bombe explodiert.



„Letzter Sommer in Méjean“ ist trotz allem, natürlich, eine Hommage an meine Generation und an genau diesen Ort. Es würde mich freuen, wenn Sie mein Staunen und meine Begeisterung, meine Sympathie und meinen gelegentlichen Schrecken für diese Menschen und diesen Flecken Erde mit mir teilten.


P.S.: Capitaine Roger Blanc hat übrigens ganz und gar keine Auszeit genommen: Am 16. September 2019 erscheint sein sechster Fall: „Verhängnisvolles Calès“. Er folgt dort den Spuren eines sehr alten Toten und einer sehr jungen Entführten – während die Provence in Kälte und Weihnachten versinkt.



Freitag, 12. April 2019

Méjean


Jeder vernünftige Mensch zögert selbstverständlich, seine absoluten Lieblingsorte ins Netz zu pusten. Denn wenn der eigene Lieblingsort nicht zufällig Paris oder New York heißt, dann bedeutet ins Netz pusten automatisch: viele Leute zum eigenen Lieblingsort locken. Bis der dann so überlaufen ist, dass er plötzlich kein Lieblingsort mehr ist. Bien, ich vertraue einfach darauf, dass, erstens, Texte viel weniger populär sind als Instagram-Fotos. Wer liest das hier schon? Zweitens, falls es doch jemand liest: mein Lieblingsort ist zwischen Juni und September gesperrt. Ehrenwort. Es führt eine einzige Straße hin, und die wird im Sommer mit Schranke und schwarzgekleideten Muskelmännern eines Security-Dienstes gesperrt. Keine Gated Community, sondern aktiver Brandschutz: Die Küste ist so trocken, dass jeder Besucher mehr die Brandgefahr erhöht. Nur wer einen Anwohnerausweis an der Windschutzscheibe kleben hat, der darf passieren. Alle anderen müssen die letzten paar Kilometer zu Fuß gehen und, hey, der Weg zu meinem Lieblingsort ist WIRKLICH steil und eng und kurvenreich...
Voilà: Méjean. Das Paradies. Zumindest das Paradies für Leute, die das Mittelmeer lieben und Pinienduft und Felsen und Zikadenlärm und frische Fische (unter Wasser und auf dem Teller). Für Leute, denen für glamouröses, lärmiges Nachtleben der Vollmond über leiser Meeresbrandung reicht. Für Leute, die lieber auf Steinen als auf Krümeln liegen. (Sandstrände gibt es hier nirgends.) Für Leute, die bereit sind, eine Grand-Canyon-artige Expedition zu starten, wenn sie beim nächsten Bäcker eine Baguette kaufen wollen. Für Leute, die sich freuen, dass ein Hafen so winzig ist, dass keine Jacht der Côte d'Azur hier hineinpasst. Oder genauer: nicht einmal die Beiboote dieser Jachten passen in den Hafen von Méjean.



In die Häfen von Méjean... denn dieser winzige Ort hat gleich zwei noch winzigere Häfen, und das ist schräg und damit fängt meine Begeisterung auch schon an. Méjean ist ein Fischerdorf, zwei Motorbootstunden westlich von Marseille. Eine Bucht in den Calanques, so steil und geschwungen wie die Ränge eines antiken Theaters. Pinien, die in aberwitzigen Winkeln aus Felsspalten und Rissen wachsen. Roter Boden – rot vom zerbröselten, eisenhaltigen Sandstein, rot vom dicken Teppich vertrockneter Piniennadeln. Das Meer ist die Bühne, blau aus der Ferne, doch wenn du nahe genug bist, siehst du den felsigen, von subaquatischem Dschungel überwucherten Boden in zehn Meter Tiefe. Die Boote scheinen an ihren Ankerleinen im Wasser zu schweben wie festgebundene Luftschiffe. Winzige Fische wie Luftblasenschwärme im knöcheltiefen Wasser direkt an den Felsen, silberne Schwärme von Saupes in den tiefen Buchten, misstrauische Krabben am Ufer und tief unten die schwarzen Knollen der Seeigel, und morgens hin und wieder ein orange leuchtender Seestern.
Die beiden Häfen heißen Grand und Petit Méjean, getrennt durch eine auf der Landkarte klein wie ein Komma wirkende, aber mörderisch steile Landzunge, und ich habe auch nach dreißig Jahren nicht begriffen, was denn das Große an Grand Méjean ist. Winzig sind beide Becken, kaiummauerte Häfchen, sogar mit spielzeuggroßem Leuchtturm, gesperrt für Schiffe mit mehr als siebzig Zentimeter Tiefgang. Ein Dutzend Schlauchboote, Fischerkähne und Plastikmotorboote dümpeln in jedem Becken, dazu ein oder zwei Segler, die ihren Kiel hochziehen können. Um acht Uhr morgens gibt es frischen Fisch direkt von den Booten oder in der Baracke der Fischerkooperative neben dem Hafen.



Die Aquädukt-artigen Riesenstelzen der Küsteneisenbahn (https://provencebriefe.blogspot.com/2018/08/wasfallt-einem-spontan-zum-begriff.html) legen manchmal ein schönes Schattenmuster über den Ort. Wobei, „Ort“, na ja... Hinter den Häfen geht die Küste steil gen Himmel, und in diese Felsen haben sich zuerst Fischer und seit den Zwanziger Jahren auch ein paar Großstadtflüchtlinge aus Marseille ihre Cabanes hineingebaut, ihre Hütten. Die hatten früher weder Strom noch Wasser, wobei mit „früher“ die Zeit bis in die Siebziger Jahre gemeint ist. Inzwischen jedoch ist fast jede Cabane zu einem an den Hang geklebten Sommerhaus gemorpht worden, Terrassen überall, Gärten, in denen du dich anseilen musst, wenn du gießen willst, und manche Irre haben sich, fünfzig Meter vom Mittelmeer entfernt, ein Schwimmbad ins Terrain gebombt. (Ich meine: Wer braucht einen Pool, wenn das große Blaue direkt vor den Augen leuchtet?)
Ich habe Méjean vor dreißig Jahren dank meiner Schwiegereltern kennengelernt, die Freunde hatten, die zu den glücklichen Cabane-Eignern gehörten. Diese Cabane ist inzwischen auch ins einundzwanzigste Jahrhundert gebeamt worden. Meine Schwiegereltern leben leider nicht mehr, dafür sind von unseren Kindern inzwischen schon zwei so groß, dass sie alleine hierher fahren können. Wir sind im Januar hier und im Juli. Wir schwimmen und schnorcheln, paddeln mit dem Kayak durch die Calanques, brummen mit Freunden auf deren uraltem Fischerkahn herum, letzten Sommer segelte ich mit der aufblasbaren Jolle dieses Freundes über mediterrane Wogen. Wir wandern auf dem Sentier des Douaniers durch die Calanques. Wir beobachten die Eichhörnchen, die abends vom Pinienast auf die Pergola springen. Wir ertauben unter dem Sägen der Zikaden und haben manche schlaflose Mückennacht verbracht, wenn wir nicht rechtzeitig die Gitter vor die Fenster geschoben haben. Wir haben besorgt auf die Rauchschwaden geblickt, die eines Sommers vom Mistral bis in unsere Bucht gedrückt wurden, weil im Hinterland ein Wahnsinniger die Garrigues angesteckt hatte. Wir haben manche Nacht auf der Terrasse gesessen und die Lichtblitze des Leuchtturms von Panier gezählt, die vom Horizont genau auf das Haus geschleudert werden. Wir erinnern uns an jene Sommer, während der man sich gar keine Seeigelstacheln mehr in die Füße treten konnte, und freuen uns, dass seit letztem Jahr wieder Seeigel auf dem Grund leben. Und ich habe wie ein Bekloppter analog und digital mindestens eine Millionen Sonnenuntergänge über dem Meer fotografiert.



Méjean ist ein so schöner Ort, den darf man einfach nicht verschweigen, im Gegenteil: Ich werde ihm ein kleines Denkmal setzen, hier und jetzt und erst recht im nächsten Monat...

Donnerstag, 28. Februar 2019

Kein Anschluss in der Provence


Hier hat vielleicht nicht jeder eine lange Leitung, aber man muss lange warten auf eine Leitung. Das war doch jetzt mal ein Kalauer... Nicht verstanden? Macht nichts, ich hab's auch erst so nach und nach realisiert, als ich in die Provence gezogen bin. Die Geschichte geht nämlich so: Wir wohnen in einer ehemaligen Ölmühle aus dem 18. Jahrhundert, in einem Dorf mit vielleicht dreißig Häusern, die alle in derselben Jahrgangsstufe auf der Schule waren. Super malerisch. Super alt. Super charakterstark. Nur, hey, wer hat im 18. Jahrhundert an Stromleitungen gedacht? Ans Telefon oder Internet? An Wasser oder gar, mon Dieu, Abwasser?
Genau, und damit fängt die Sch... na, sagen wir: deshalb muss man hier lange auf eine Leitung warten.
Eigentlich habe ich gedacht, dass zwischen dem 18. und dem 21. Jahrhundert ausreichend Zeit verstrichen ist. Und außerdem ist die Provence doch nicht Nordkorea. Es sollte genügend Zeit und Low Tech vorhanden sein, um unser Haus an diverse Leitungen zu legen.



Nun ja, wir sind vernetzt, das kann man sofort sehen, wenn man an die Straße tritt. Unser Stromnetz ist nämlich von anno Dunnemals und sieht tatsächlich aus wie ein Netz: schwarze Kabel baumeln in knotigster Unordnung von Straßenmast zu Straßenmast, halbe Baumkronen schieben sich ins Gewirr und wirken wie Fische, die sich im Netz verfangen haben. Sobald der Mistral bläst, schwanken die Leitungen so stark, dass die Spatzen, die sich dort ausruhen wollen, das Kotzen kriegen. Bei uns zittern dann die Glühbirnen – oder brennen gleich durch, wir haben einen Verbrauch an den Dingern, das macht jeden Baumarktleiter glücklich. Und, klar, sobald es gewittert, können wir hier die Kerzen anmachen, dann ist nämlich Verdunkelung angesagt.
Hin und wieder rast auch mal ein übersportlicher Autofahrer auf den zweieinhalb Kilometern Route départementale zwischen unserem Weiler und der nächsten Kleinstadt gegen einen Strommast und knickt selbigen um. So richtig solide sind diese Pfosten leider auch nicht.
Vielleicht tragen sie einfach zu viel Last? Neben den Stromkabeln baumeln nämlich auch unsere kupfernen Telefonleitungen fröhlich im Wind. Und bei Mistral und Gewitter... Yupp.
Kupferleitungen? Gibt's das nicht längst in Glasfaser? Oui, oui, wir sollten seit 2017 verkabelt sein. Zweimal haben sie bereits besagte Landstraße aufgerissen, um am Rand Schächte zu verlegen. Vor unseren alten Häusern stehen auch moderne Plastikverteilerkästen. Nur: da ist nix drin. Kein Kabel. Niemand weiß, warum es nicht kommt. Niemand weiß, wann es denn kommt. Bis dahin haben wir Kupfer-Internet mit einem Datendurchsatz wie zu meiner Studienzeit in Amerika. Das, äh, war Anfang der Neunziger Jahre.



Dafür haben wir seit einigen Wochen – und nicht einmal anderthalb Jahre später, als von der Stadtverwaltung versprochen – fließend Wasser. Jo Mann, du machst den Wasserhahn auf und es fließt Wasser raus, geil nicht? Hatten wir nämlich bislang auch nicht. Bis dahin hatten wir unser Wasser aus fünfunddreißig Meter Tiefe heraufgeholt, mit einem Papier- und zwei Stofffiltern sowie einer UV-Lampe gereinigt und dann ins System eingespeist. Die Pumpe war ebenso elektrisch wie die UV-Lampe, und wenn dann mal Mistral oder Gewitter... genau.



Die Zuleitung vom Verteiler zum Haus ist ein bisschen abenteuerlich verlegt. Ich möchte jetzt noch nicht wissen, wie es wird, wenn wir wirklich mal richtigen Frost bekommen. Aber, hey, jetzt haben wir sauberes Wasser! Das schütten wir in uns hinein und dann muss es wieder heraus und dann, mais non! Abwasser haben wir nicht. Rein ja – raus nein. Kanalanschluss? Gibt es nicht. Kein Kanal im Dorf, kein Kanal in zweieinhalb oder drei Kilometer Umkreis.
Wir haben eine Sickergrube – wie alle Nachbarn. Und alle zwei Jahre kreuzt dann mal hier, mal dort der Tankwagen von SPGL auf und pumpt mit einem Rüssel leer, was leerzupumpen ist. Ich muss dann manchmal mit anpacken und, oh Mann, ich werde in meinem nächsten Leben garantiert nicht Klempner.
Wann wird's anders? Keine Ahnung. Ich könnte ja mal in der Mairie anrufen. Nur nicht mit dem Handy – wir leben nämlich in einem Tal, und da haben wir auch einen ganz, ganz miesen Handyempfang.

Freitag, 18. Januar 2019

Mistral


Wenn bei uns der Mistral so richtig wütet, dann schützen wir uns vor dem eisigen Gast, indem wir ... Kissen unter die Fensterläden stopfen. Das hat nichts damit zu tun, dass es bei starkem Wind ins Haus zieht: in unserem alten Kasten zieht es an manchen Ecken so stark, wie die Bundesbahn ihre ICEs gerne ziehen würde, wenn sie könnte. Da hilft aber auch ein Ballen Stoff nichts. Nein, wir klemmen stets ein altes Kissen außen zwischen Fensterladen und Mauer, weil der Mistral selbst am geschlossenen und verriegelten Laden so enervierend rüttelt, dass du nachts kein Auge zutun kannst. Der weiche Stoff ist so etwas wie ein Böen-Stoßdämpfer, jetzt klappert unser Laden nur noch dezent wie einstens unser Renault Espace. (Aber ja: Capitaine Blanc fährt einen uralten Espace, und zufälligerweise weiß ich genau, wie sich das anfühlt.)



Der Mistral kann im Rhône-nahen Teil der Provence zu jeder Jahreszeit Bonjour sagen. Selbst im Juli sind es im Schnitt acht Tage, allerdings meist verteilt auf die viereinhalb Wochen. Weiter östlich, in Aix-en-Provence zum Beispiel, lässt sich dieser Wind nur selten spüren. Diese Landesteile liegen zwar höher und näher an den Alpen, aber es ist halt das große Flusstal, das wie eine Düse wirkt. Je weiter entfernt von der Rhône man lebt, desto ruhiger wird es.
Wir allerdings wohnen, was das angeht, in diesem Januar genau in der Mitte der Rhône.
Putain, mehr Wind geht nicht. Sylvester verweht. Heilige Drei Könige verweht. Schulbeginn verweht. Hört das denn niemals auf? Anfangs ist es bloß so ein Gefühl, dass es eine derart ununterbrochene Beblasung noch nie zuvor gegeben hat. Inzwischen haben wir es amtlich: Bei uns, wie überall am Ufer des Étang de Berre, hat der Mistral vom 1. Januar an fünfzehn Tage lang niemals mit weniger als sechzig Stundenkilometern geblasen. Tag und Nacht, morgens und abends, Temperatur um die null Grad, Wind wie auf der Frontscheibe des Autos, und in Böen verdoppelt sich das.
Das hat es niemals zuvor gegeben, zumindest seit Météo France das Wetter aufzeichnet. Der bisherige Rekordhalter war der Januar 1965 mit zwölf Tagen nonstop.
Ist das jetzt auch der Klimawandel? Wird alles immer wärmer, obwohl sich das gerade so anfühlt, als bläst uns der Mistral in die Würm-Eiszeit zurück? Keine Ahnung. Wenn Gewitter und alle Arten sonstiger Stürme häufiger werden, warum soll dann nicht auch der Mistral Kapriolen schlagen? Zumal es im vorangegangenen Sommer gerade nicht geblasen hat. Wir erinnern uns: acht Tage Mistral ist das langjährige Mittel hier. Im Juli 2018 waren es allerdings bloß drei. Es war hier so heiß und so windstill, dass (nicht nur deswegen, aber auch) das Wasser im flachen Étang de Berre wochenlang über dreißig Grad warm war – und die Fische und Muscheln in der überwarmen, sauerstoffarmen Brühe zu Tausenden verreckt sind.
Das also ist der erste Vorteil des Dauermistral: er bläst, haben Meeresbiologen gemessen, wieder Sauerstoff in den Étang de Berre, das Gewässer wird ordentlich durchlüftet.
Zweiter Vorteil: Hundespaziergang.
Jeden Morgen schleppe ich ungefähr zu Sonnenaufgang einen noch schlaftrunkenen, halb bewusstlosen jungen Hund auf die bewaldeten Hügel hinter unserer alten Ölmühle. Und während Orson dann tut, was Hunde so tun, wenn sie endlich wach sind, explodiert über mir der Himmel. Zuerst funkeln noch die Sterne. (Mais oui, sie funkeln, die Luft muss nur klar genug sein!) Venus und Jupiter liefern sich ein lustiges Rennen an der Final Frontier und der Mond tut, was der Mond tun muss, wenn er nicht ganz untergegangen ist.



Dann ist es, als kippe Gott versehentlich einen Eimer stark verdünnter Wasserfarbe übers Firmament. Während oben noch die Sterne, genau, funkeln, leuchtet es am östlichen Horizont hinter den Scherenschnitten von Pinien und mediterranen Eichen weißbläulich, dann ein wenig rosa und orange, schließlich blau.



Ich bleib dann immer stehen, zücke mit klammen Fingern mein Handy und schieße kitschige Fotos wie ein Blöder. Zumindest so lange, bis Orson sich langweilt und mit gezielten Sprüngen gegen meine Hüfte die Bilder verwackeln lässt.



Übrigens: Es geht ein provenzalischer Mythos, dass der Mistral entweder einen Tag lang weht. Weht er jedoch mehr als einen Tag, dann weht er in einer durch drei teilbaren Zahl. Drei Tage, sechs Tage... Alles Quatsch, Aberglauben, Unsinn, Unwissenschaft, sagen die Experten von Météo France dazu. Dieselben Experten, die die Rekordzahlen aufzeichnen: zwölf Tage, fünfzehn Tage...

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Garten im Dezember


Der Dezember ist eine gute Zeit für den Garten. Wirklich, das ist jetzt sowas von unironisch, das könnte glatt von der Kanzlerin stammen. Kurz vor Weihnachten blühen hier zum Beispiel die letzten und die ersten Blumen: eine späte Rose vor der Südwand der alten Ölmühle, blaue, gelbe, rosafarbene und weiße kleine Dinger in der Garrigues, eine violette Iris, die vielleicht gedopt ist, sonst kann ich mir auch nicht erklären, warum die jetzt schon aus der Erde linst.



Im Dezember regnet es regelmäßig. Nun ja, dieses Jahr schüttet es, als liegt der Midi an der Elbe, aber selbst in normalen Jahren kommt ordentlich was runter, was sonst anderswo im Kalender hier eher selten ist. Ich habe schon ein Jahr erlebt, in dem es zwischen April und Oktober nicht ein einziges Mal geregnet hat, nichts, nada, nicht mal ein Hitzegewitter. Nur zwischen November und Januar kannst du einigermaßen sicher sein, dass deine neu gesetzten Pflanzen regelmäßig vom großen Regenmacher gewässert werden und nicht aus dem Gartenschlauch berieselt werden müssen.
Nachts friert es oft, aber nicht immer, minus zwei, drei Grad, als Autofahrer musst du deine Scheiben morgens freikratzen, aber so richtig mörderisch kalt wird es eben nicht.



Zudem fällt nur selten Schnee und wenn, dann fällt der morgens und ist nachmittags schon wieder getaut. Schweinekalt wird's nur, wenn der Mistral bläst: hundert Sachen, Nordwind, mit freundlichen Grüßen vom Gipfel des Montblanc, da freut man sich über seine Funktionskleidung vom Outdoorladen. Aber, hey, leichter Frost und böser Mistral – das ist die Kombi gegen Schädlinge, sehr öko und sehr wirksam!
Sonst ist es nämlich in der Provence – zumindest im meernahen Süden, wo wir hausen – so mild, dass immer noch Tausendfüßler, Käfer, Spinnen und was-weiß-ich-was herumbrummen. Vor allem Fliegen, mon Dieu, unser Nachbar gegenüber vom Bach hat eine Ziegenherde und die ist ein Paradies für diese Scheißdinger und die schwirren dir selbst noch um den Weihnachtsbaum. Da ist so ein bisschen Frost und Mistral nicht schlecht, dann sind die Biester endlich fort.



Und dann... ah, das Licht! Was mich früher in Hamburg regelrecht zermürbt hat, das war ja nicht der Regen oder die Kälte, das war die Düsternis. Gefühlt war es zwischen Oktober und April immer grau. Und wenn es nicht grau war, dann war es neblig. Und wenn es nicht neblig war, dann war Nacht. Hier aber hält sich selbst das Schmuddelwetter einen Tag – oder maximal zwei, aber dann wird schon die Hälfte der verwöhnten Bevölkerung depressiv – und dann, voilà, scheint wieder die Sonne. Dann hast du, mitten im Dezember, blauen Himmel von acht Uhr bis siebzehn Uhr und davor und danach einen Sonnenuntergang zum gläubig werden.


Und im Windschatten, mittags, kannst du draußen essen, in Fleecepullover und mit Sonnenbrille. Mais oui. Man muss sich halt nur darauf einstellen, dass es Tage gibt, da hast du am frühen Nachmittag zwanzig Grad, und sobald die Sonne hinter den Hügeln Feierabend gemacht hat, fällt die Quecksilbersäule in bloß zwei Stunden um eben jene zwanzig Grad.
Also kann man im Winter durchaus Pflanzen in den Garten setzen. Es ist auch eine gute Zeit, um Bäume einzugraben. Dabei wird man vom würzigen Rauch diverser Feuer umwabert, denn selbstverständlich kannst du auch nur jetzt Laub und kahle Äste verbrennen, ab März wird das zu trocken und zu waldbrandgefährlich. („Kann“ man Laub und Äste verbrennen, nicht „darf“ - eigentlich müssen wir Grünabfälle nämlich auch auf der Kippe, wie es so schön heißt, „entsorgen“. Das, hey, das ist Frankreich!, das tut natürlich kein Schwein. Und neulich waren bei einem unserer Nachbarn – einem Schafhirten seit Menschengedenken, ein Landmann wie aus dem Lehrbuch – tatsächlich zwei Gendarmen, die ihm einen ordentlichen Strafzettel verpasst haben, weil er mitten auf einer Weide ein nicht deklariertes Freudenfeuer entzündet hatte.)



Also, ich gehe nachher in den Garten, Blumenzwiebeln eingraben für's nächste Frühjahr. Und dann Kaminholz hacken für den nächsten frostkalten Abend. In diesem Sinne: Joyeux Noël!

Freitag, 23. November 2018

Ein Hauch von Revolution / Gelbwesten und Co.


Es weht ein Hauch von Revolution durchs herbstliche Frankreich. Erstaunlich genug, denn gemeinhin finden hier Revolutionen bei Sonnenschein statt, im wilden Mai Soixante-huit oder am 14. Juli, beim Urknall aller Umstürze. Denn wer friert schon gerne bei Regen hinter der Barrikade?



Diesmal ist es anders. Gilets jaunes nennt sich eine Graswurzelbewegung steuerunlustiger Wutbürger, bei Facebook und anderswo im Digitalen spontan entstanden als Protest bleifüßiger Durchschnittsfranzosen gegen ein paar zu viel Cents Steuererhöhungen auf Benzin und Diesel. Vielleicht 300 000 Demonstranten in den hier gesetzlich für jeden Chauffeur vorgeschriebenen gelben Warnwesten haben vergangenen Samstag Autobahnzufahrten, Kreisverkehre, Gewerbegebiete und Supermärkte blockiert. (Fragen Sie mich nicht, warum ausgerechnet ein Auchan belagert wird, wenn man sich über Macron aufregt...)
Unsere Kleine hatte, wie unpassend, an diesem 17. November Schulfest. Wir kurvten deshalb auf Feld-, Wald- und sonstigen Nebenstrecken um die gelben Westen herum nach Salon-de-Provence. Meine Frau hatte Angst, dass unser kleines Elektroautochen von den Demonstranten als rollende Provokation missverstanden werden könnte. Motto: „Wir scheißen auf die Benzinpreiserhöhung, mein Auto fährt mit EDF!“ Ist aber nix passiert. Nur am nächsten Tag mussten wir uns an der Péage-Station von Lançon beinahe stauen, denn die Hälfte aller Schranken war von nicht hundertprozentig friedfertigen Gilets Jaunes demoliert worden.
Inzwischen sickert die Bewegung so langsam aus. Nach sieben Tagen stehen aber immer noch mal hier, mal da gelbbewestete lebende Straßensperren herum. Zumeist sind es nun walrossschnautzbärtige, dauerwütende, morgens um halb sechs Bier trinkende Typen, ein Menschenschlag, den es so nur in Gallien gibt, Asterix in unsympathisch.
Bleibt's also so wie immer: Zuerst viel Getöse, dann macht es „Pfffft“ und nachher gehen alle wieder heim? Je ne sais pas. Denn da ist noch etwas anderes. Die Mischung macht's, und diese Mischung schmeckt nach Revolte.
Zum Beispiel in Marseille.



Da gibt's Straßen, da denkst du, du bist im Orient. Der Cours Belsunce etwa könnte sich auch durch Algier pflügen: Cafés auf dem Trottoir, winzige Läden mit buntester Brautmode, bisschen schmuddelige Häuser, viel Leben. Doch dreihundert Meter weiter erinnert die Rue d'Aubagne im Viertel Noailles, das liegt nur einen Steinwurf hinter dem touristenbeliebten Vieux Port, an eine ganz andere nahöstliche Stadt: an Aleppo heute.
Dort sind am 5. November an einem friedlichen Morgen kurz vor neun Uhr zwei mehrstöckige Mietshäuser aus dem späten 18. Jahrhundert, Nummern 63 und 65, einfach zusammengekracht. Acht Tote, Trümmer, ein drittes Haus musste von den Sicherheitskräften danach kontrolliert abgerissen werden, weil es über den Köpfen der Bergungsteams auch noch einzustürzen drohte.
Warum? Beide Häuser waren Copropriétés, jede Wohnung gehörte einem anderen Besitzer, geeint waren alle im festen Willen, für ihr Haus nichts, aber auch gar nichts zu tun. Die Klötze waren seit Jahrzehnten ungepflegt. Ein Teil des Dachs von Nummer 63 war eingestürzt, die Wände waren in beiden Bauwerken so verzogen, dass man manchmal die Wohnungstüren nicht mehr zuziehen konnte, Fliesen zersprangen auf dem sich wölbenden Fußboden, und von den Fassaden rieselten Putz und Steine. Jede Wohnung war eine Mietwohnung, gehaust haben darin Lebenskünstler, Immigranten, Studenten und ganz normale Arbeiter und Angestellte, die einfach eine innenstadtnahe Bleibe finden wollten und keine andere finden konnten. Einer, ein junger Techniker, hat, bevor er am 5. November zur Arbeit ging, gegen 8.30 Uhr seine Wohnung in der 65 mit dem Handy gefilmt, weil er sich später beim Vermieter beschweren wollte: Decken barsten, in der Außenwand klafften fingerbreite Risse, das ganze Haus rutschte schon. Er ging los zum Job – und zehn Minuten, nachdem er die schäbige Haustür hinter sich zugezogen hatte, fiel das Gebäude zu Trümmern. Hier sind einige seiner Aufnahmen:



Der eigentliche, zumindest der noch größere Skandal ist aber, dass die Nummer 63 schon seit gut zehn Jahren leer stand. Die war von Experten der Stadt Marseille als „unsicher“ eingestuft und zwangsgeräumt worden. Auch die Bewohner der Nummer 65 hatten die Stadtverwaltung mit Fotos und Demarchen bombardiert. Auch dort hatte, bereits 2015, ein Experte vor dem katastrophalen Zustand gewarnt. Nur: Geschehen war danach nichts. Die Nummer 63 verfiel einfach vor sich hin, ein paar Hausbesetzer hatten ihre Bleiben und Zigarettenschmuggler ihre Depots dort eingerichtet. In der 65 wurden die Mieter diesen Herbst einen Tag lang evakuiert, dann durften sie zurückkehren.
Alles sei sicher, nach ein paar Reparationen, wurde ihnen gesagt. Wahrscheinlich, das Gutachten dazu wird wohl noch lange erarbeitet werden müssen, ist die von der Stadtverwaltung eben nicht verwaltete 63 schließlich an diesem Novembermorgen zuerst kollabiert und hat die Mauer an Mauer gelehnte 65 mitgerissen.
Bürgermeister Jean-Claude Gaudin, seit einer Generation im Amt, ein katholischer Konservativer ganz alter Marseiller Schule, hat nach der Katastrophe kühl verkündet, dass er sich „keiner Schuld bewusst“ sei. Ach ja, und selbstverständlich kommt ein Rücktritt nicht in Frage: „Der Kapitän gibt das Ruder nicht aus der Hand, wenn ein Sturm aufzieht.“
Als sei ein seit Jahrzehnten von seiner eigenen Stadtverwaltung vernachlässigtes Haus ein genauso unabwendbares Naturereignis wie ein heraufziehender Sturm! Einer von Gaudins Beigeordneten war übrigens Besitzer einer Höllenwohnung aus der Nummer 65, ein anderer Beigeordneter hat ein verfallendes Drecksloch andernorts in Marseille vermietet, für schlappe 300 Euro im Monat.



Eigentlich, so ist danach herausgekommen, rotten nämlich in Marseille 40 000 Wohnungen vor sich hin. Nach dem Schock der Rue d'Aubagne sind allerhastigst mehr als 100 Häuser zwangsgeräumt, mehr als tausend Mieter zwangsevakuiert (und auf Stadtkosten in Hotels untergebracht) worden. Selbst einer Grundschule drohte zunächst die Schließung, weil das Dach der Pausenhalle partout auf die Kinder stürzen wollte – was, wie sich herausstellte, auch nicht erst seit gestern bekannt gewesen ist. Die Kinder gehen dort jetzt trotzdem weiter in den Unterricht. Das Gebäude ist nämlich sicher, haben Experten verkündet...
Mehr als zehntausend wütende, traurige, die Schnauze voll habende Marseiller haben ein paar Tage nach dem schwarzen 5. November demonstriert, sie sind zum schicken Rathaus gezogen, das auch kaum mehr als einen Steinwurf von den Trümmern entfernt steht. Ein Steinwurf, ja... so wütend waren die Menschen, dass sie „Gaudin, assassin!“ skandierten, und ganz friedlich blieb es auch da nicht. Und nebenbei hatten sie noch Glück: Während sie noch demonstrierten, krachte ein Balkon von einem verfallenden Bauwerk zwischen den Manifestanten auf die Straße. So symbolträchtig-passend, das hätte sich kein Regisseur ausdenken können, zum Glück gab es da nur drei Leichtverletzte.

Das ist es, was in Frankreich so brodelt: Die Leute zahlen immer mehr Steuern, auf Benzin und auf so ziemlich alles andere auch. Sie müssen immer mehr Gesetzen, Regeln, Vorschriften gehorchen. Aber sie bekommen nichts dafür. Keine zusätzlichen Lehrer in den verfallenden Schulen. Keine zusätzlichen Ärzte und Krankenschwestern in den überlasteten Krankenhäusern. Keine Gendarmen und Richter für die anarchischen Viertel. Und wenn im Herzen von Frankreichs zweitgrößter Stadt Häuser verfallen, bis sie ihre Bewohner erschlagen, dann interessiert das im Rathaus nebenan kein Schwein, und nach dem Desaster will's auch niemand gewesen sein.



Erinnern wir uns: Die Revolution von 1789, die, mit der alles begann, wurde vielleicht von hehren Idealen und großen Utopien befeuert. Aber ausgelöst worden ist sie, weil die Leute zu viele Steuern zahlten und so großen Hunger litten, dass sie auf dem Land krepierten wie die Tiere. Die Königin Marie-Antoinette kommentierte das seinerzeit mit dem Bonmot: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie halt Kuchen essen.“ Ist das nicht schlagfertig und witzig? Beinahe so schlagfertig und witzig wie Gaudins „Kapitän im Sturm“.
Hören Sie das leise Knarzen? Das kommt vom Seil, mit dem schon das Fallbeil in der Guillotine hochgezogen wird.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Wie grün ist die Provence?


Der gewöhnliche Provenzale hinterlässt in freier Wildbahn gerne Spuren – wahrscheinlich, um sein Revier zu markieren. Statt ein Hinterbein am Baum zu heben, werden an strategisch günstigen Stellen Zigarettenkippen, Flaschen, Papiertaschentücher und, vor allem, Plastikbehältnisse aller Art abgelassen. Jäger, die zur Zeit wieder auf jedes bewegliche Ziel ballern, verschönern mit ihren bunten Patronenhülsen selbstverständlich die Landschaft. (Kinder spielen gerne damit, vor allem Jungen. Manchmal verliert ein Waidmann auch mal eine scharfe Patrone...) Mountainbiker werfen die grellbunten Flaschen ihrer Dopingdrinks in sportlichem Schwung während der Schussfahrt ins Gebüsch. Picknickende Kleinfamilien hinterlassen Lichtungen in einem Zustand, wie andernorts in Europa Wiesen nach einem 50 000-Zuschauer-Open-Air-Festival aussehen. Und Bauarbeiter, oft ursprünglich osteuropäischer Abkunft, laden nach vollbrachtem Tagwerk im sanften Dämmer der untergehenden Sonne Betonschutt und Eisenschrott malerisch neben einsamen Landstraßen ab.



Es ist dabei keineswegs so, als ob es bei uns an Robin Hoods aus dem Wald und für den Wald fehlen würde: engagierte Umweltschützer kämpfen hier seit Jahren epische Schlachten für die Natur. Einer der Ihren war sogar eine Zeit lang Umweltminister, aber es ist auch kein Wunder, dass Nicolas Hulot schließlich vor kurzem aufgab, resigniert. Denn schon auf gewissermaßen nationaler Ebene genießt Ökologie nicht gerade oberste Priorität, um es mal vorsichtig zu formulieren.
Dabei wollen wir hier gar nicht jene amour fou zwischen der Grande Nation und ihren tollen Atomkraftwerken nennen, nein, das Elend fängt schon viel simpler an. Glasflaschen zum Beispiel gelten, außer für alle Arten Alkoholika, als überflüssige Aliens – vom Wasser bis zur Cola schwappt jegliches Flüssiges in Plastikflaschen. (D'accord, ein paar Bio-Säfte kriegste auch im Glas und die eckigen Tetrapacks sind ebenfalls ein Nischenprodukt.) Diese Plastikflaschen sind selbstverständlich nicht Pfand, klar. Die sollen in Öko-Containern recycelt werden, zusammen mit Blechdosen und Zeitungen. Oui, oui, bei uns kommen Plastik, Metall und Papier in dieselbe Gelbe, eine Trennung der Wertstoffe auf verschiedene Behälter wäre eine unzumutbare Einschränkung bürgerlicher Freiheiten.
Bon, alors: Diese verdammten Plastikflaschen werden hier millionenfach geleert – und es wird nur jede zweite Flasche recycelt. Im nationalen Durchschnitt. Bei uns im Süden, Département Bouches-du-Rhône, da ist es, na? Nein, noch schlimmer: jede zehnte Flasche... Eine Flasche im Container, neun Flaschen in der Natur, das ist doch mal eine Quote!
Als wir in den mittleren Zweitausender Jahren unsere Ölmühle restauriert haben, wollten wir eine Solaranlage auf dem Dach installieren. Ging nicht. Hat niemand je gemacht, keiner wollte es wagen, die Handwerker haben uns angeguckt, als wären wir bescheuert. Begründung: „Ihr Dach liegt nicht richtig zur Sonne.“ In der Provence! Mon Dieu, wir haben ungefähr einer Millionen soliden, netten, fleißigen Arbeitsmännern erklärt, dass im trüben Hamburg fußballfeldgroße Kollektoren auf Einfamilienhäusern glitzern und da soll fast direkt am Mittelmeer ... vergiss es.
Merde, ich habe mir später einen faltbaren Kollektor besorgt, eigentlich für unsere Outdoor-Touren. Irgendwann habe ich den jeden Tag bei uns auf den Tisch unter die angeblich suboptimale Sonnenstrahlung gelegt, eine große Batterie drangeflanscht und mit dem tagsüber gewonnenen Strom dann wenigstens nachts unsere Handys geladen. Die Leute sehen mich immer noch an, als wäre ich, genau.



Nun haben wir uns ein Elektroauto gekauft. Trotz diverser Abwrack- und sonstiger Prämien noch immer gesichtsverzerrend teuer, aber, hey, irgendwann muss man mal damit anfangen, oder? Ein Smart Forfour, kein Exotenauto, aber wir mussten trotzdem einige Wochen auf ihn warten. Es gab in ganz Frankreich nämlich nur gerade mal fünf auf Lager, davon, klar, kein einziges Exemplar bei uns im Süden.
Es ist ja schon ein paar Leuten vor mir aufgefallen, wie wahnsinnig geil es ist, mit einem Stromer um die Kurven zu flitzen. Dieses Autoscooter-Feeling und diese Stille und diese Beschleunigung und, okay, dafür gibt es die Kollegen der Motorpresse.
Wir rasen jedenfalls damit rum, im ersten Monat tausend Kilometer, fast täglich im Einsatz, und die Leute gucken uns an, als wären wir, na ja, genau. Du fährst zum Beispiel irgendwo hin und ansonsten ganz ernsthafte und kluge Bürger erklären dir dann mit Tremolo in der Stimme, dass so ein Elektroauto überhaupt nicht fahren kann, weil es ja immer liegenbleibt. Und du antwortest: „Aber ich bin doch soeben und vor deinen Augen mit der Karre vorgefahren!“ Und sie sehen dich an, als wärst du...



Also alles hoffnungslos?
Mais non. Frankreich ist bekanntlich das Land der unbeugsamen gallischen Dörfer. Stromer und andere Ökos bilden halt so etwas wie ein gallisches Dorf. Klein, aber Caesar kann mich mal. Eigentlich flitzen hier nämlich schon eine ganze Menge winziger Zoes rum, und futuristische i3s und die schicken Teslas vom schicken Händler aus dem schicken Aix-en-Provence. Täglich werden wir mehr. Und nicht nur in Salon-de-Provence, selbst in unserem winzigen Nachbarstädtchen haben sie inzwischen Stromparkplätze eingerichtet. Nur für uns Gallier, und den Saft aus der Ladesäule gibt's sogar gratis.
Irgendwann werden sie hier auch getrennte Container aufstellen. Irgendwann werden die Gallier die Pfandflasche erfinden. Und irgendwann finden wir auch noch jemanden, der uns einen Solarkollektor auf unser suboptimales altes Dach schraubt.