Freitag, 15. September 2023

Tour d'Horloge in Salon-de-Provence

Die Tour d'Horloge in Salon-de-Provence ist ganz sicher nicht das berühmteste Monument im Midi, doch ich finde diesen Uhrenturm richtig sympathisch. Das liegt gar nicht mal so sehr daran, was gebaut worden ist, also an seinem Äußeren, sondern eher, wie er gebaut worden ist, also an seiner Geschichte. (Klar, ich habe, erstens, in fernen vergangenen Zeiten noch fernere vergangene Zeiten studiert und bin, zweitens, auch schon mal mediterraner Bauherr gewesen, da freut man sich immer, wenn man was lernen kann.)





Also: Kurz vor dem Jahr 1600 beschließt der Rat der Stadt Salon, dass man eines der überflüssig gewordenen mittelalterlichen Festungstore durch einen Uhrenturm ersetzen soll, damit fürdahin alle Bürger wissen, wie spät es ist. Das ist auch eine Form vom Abschied aus dem Mittelalter und der Ankunft in der Moderne: Jeder muss jetzt pünktlich sein. Das ist ein öffentliches Bauvorhaben und, die Berliner unter uns kennen das, bei öffentlichen Bauvorhaben geht es Schlag auf Schlag: Schon gut ein Vierteljahrhundert nach dem Beschluss wird bereits der Grundstein gelegt. Der Baumeister Joseph Portau und die Maurer Sautel, Père et Fils, machen sich 1626 an die Arbeit, zwischendurch verklagt der eine den anderen oder den Stadtrat, aber 1630 ist der Turm fertig.

Oder, halt, doch nicht...

Die öffentlichen Bauherren, die Berliner unter uns kennen das, haben second thoughts. Zwei Etagen sind nicht genug für einen Turm, wer hätte das gedacht, es müssen, genau, drei Etagen sein! Leider, die Lauterbachs unter uns kennen das, kommt dann ein Virus dazwischen. Die Pest geht um, und von den damals gut dreitausend Bürgern Salons ist plötzlich die Hälfte tot. (Es lohnt sich, über solche Seuchen nachzudenken, bevor man mal wieder über Corona und Coronamaßnahmen weint.) Jedenfalls dauert es noch bis 1664, dann aber haben Salons Überlebende die dritte Etage endlich errichtet.





Ein Uhrmacher aus Lançon setzt ein Uhrwerk ein, das nicht allein die Zeit, sondern auch die Mondphasen anzeigt. Drei Glocken, insgesamt schlappe zweieinhalb Tonnen Bronze, werden mit der Mechanik gekoppelt und melden auch akustisch, wem welche Stunde geschlagen hat. Was ich übrigens genial finde: Man hat gerade diese Stelle der alten Stadtmauer als Platz des Uhrenturms gewählt, weil sie in der Hauptwindrichtung steht. So weht das Glockengeläut besonders oft und besonders laut über die Dächer, auf dass niemand mehr sagen kann, er wüsste nicht, wie spät es ist, Zeitdruck made im 17. Jahrhundert.

Nun, der Turm wirkt wie ein mittelalterlicher Donjon, nein, halt, wie ein Renaissancebauwerk, nein, halt, wie ein italienischer Campanile, nein, halt, manche Flaneure erinnert er sogar an eine chinesische Pagode, aber, hey, er tut seine Pflicht. Das Uhrwerk erwies sich als so solide, dass man bislang ungefähr einmal pro Jahrhundert neue Zahnräder und was man sonst so braucht einbauen muss, es läuft zuverlässiger als ein Renault und ist wartungsfreundlicher als ein iPhone. Als 1909 die Erde in der Provence bebte, blieb der Turm unerschütterlich stehen, das Uhrwerk allerdings auch: Es zeigte zehn nach neun Uhr abends an, den exakten Zeitpunkt des seismischen Ereignisses. Dann wurde die Mechanik wieder repariert und, tja, die Uhr läuft und läuft.





Was mich aber - d'accord, nicht als Historiker, wohl aber als Bauherren - vor Bewunderung wirklich auf die Knie sinken lässt, sind die Gesamtkosten für alles: für über sechs Jahrzehnte gestreckte Maurerarbeiten, drei Bronzeglocken, eine eisernen Spitze und eine hochkomplexe mechanische Uhr waren 11.161 Livres fällig.

Das entspricht nach heutigem Umrechnungskurs ungefähr 335.000 Euro.

Eh bien, unsere modernen Bauten schaffen wir nur noch mit ein paar Nullen bei den Kosten mehr, aber dafür halten sie dann auch ein paar Nullen bei den Jahren weniger lang.

Donnerstag, 13. Juli 2023

Verwunschene Kapellen und andere sommerliche Zufallsfunde in der Provence

Zufallsfunde sind die schönsten Funde – doch es passiert einem auch nicht alle Tage, dass man zufällig gleich über eine ganze Kirche stolpert, die sich im Wald verlaufen hat. Beziehungsweise eine halbe Kirche, die sich... Also, die Geschichte geht so:

Bei Recherchen für „Stille Sainte-Victoire“, meinen zehnten Krimi mit Capitaine Roger Blanc (mehr dazu hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2023/05/stille-sainte-victoire-roger-blancs.html), haben meine Frau und ich eines Tages Kurs auf ein Hochplateau bei Velaux genommen. Dort werden seit einigen Jahren ziemlich spektakuläre Dinosaurierfossilien entdeckt. Dafür steigen wir im Schatten von Aleppo-Kiefern einen nicht markierten Forstweg durch einen kleine Wald den Hang hinauf – und stehen plötzlich vor einer winzigen Kapelle.





Zwischen den Stämmen ragt ein kleines, ganz gut getarntes Gotteshaus auf: Die schmucklosen Außenmauern, formulieren wir es freundlich, ockerbraun verputzt, das Dach bekrönt von einem bescheidenen Glockengestell. (Das heißt, eigentlich wird das Dach von einem Micocoulier bekrönt, der aus selbigem herauswächst. Hier ist auf jeden Fall schon sehr, sehr lange kein Dachdecker mehr tätig gewesen.) Der Teilzeit-Architekturexperte in mir schätzt anhand von Form und Größe, dass die Kapelle zwischen einhundert und zweihundert Jahre alt ist. Also, für unsere in Epochen denkende Südregion, ein eher neuer Schuppen.

Nur: Von wem ist dieses Kirchlein erbaut worden? Und wozu?

Weit und breit wohnen weder Lebende in einem Ort, noch Tote auf einem Friedhof. Keine bedeutendere Straße ist in der Nähe, jeder mir bekannte Pilgerweg schlägt einen großen Bogen um diesen Flecken Erde. Genau genommen schlägt so ziemlich jeder Weg einen Bogen, denn außer dem Pfad der Förster und Waldarbeiter gibt es hier keine Schneise im Grün. Die Kapelle steht einsam im Wald, und niemand weiß warum.

Niemand kennt auch ihren Namen. Keine Inschrift am Giebel über dem Eingangsportal, keine Heiligenstatue, kein Heiligenbild. Eh bien, Bild... Der Innenraum, ich will nicht sagen: leuchtet, doch schimmert blau, rot, gelb, eigentlich in allen schönen Farben. Ein Abglanz alter Fresken, mit denen die Kapelle einst vollständig ausgemalt gewesen sein muss, ein buntes Schmuckkästchen Gottes. Heute noch, eben, schimmert es hier und dort, und ich fühle mich zwar nicht wie Howard Carter im Grab des Tutanchamun, aber doch wie ein Entdecker, der dem Abendglanz einer uralten Zivilisation bestaunt.





Dabei ist es doch bloß ein namenloses Kapellchen.

Davor steht ein schmuckloser Sockel, von dem aus vielleicht einst die so schmerzlich vermisste Heiligenfigur (Oder die Mutter Gottes? Oder ein Kreuz?) in den Himmel oder auf den verirrten Pilger blickte. Diesen Sockel verziert eine moderne, hingesprayte … Zielscheibe. Die Hand, die diese deformierte Zielscheibe malte, war so unsicher, dass ich mir lieber keine Waffe in selbiger Hand vorstellen möchte. Andererseits: Im Sockel stecken keine Einschüsse, wenn also nicht mit einer Knarre, womit hat der unbekannte Freischütz dann auf dieses Ding geballert? Pfeile mit Gummispitzen? Wasserpistolen? (Aber hier fließt weit und breit kein Bach, kein Tümpel ruhet still im Wald.) Paintball? (Ohne einen einzigen Fleck zu hinterlassen?)





Rätsel über Rätsel...

Die Provence hat circa drei Jahrtausende Kultur auf ihren Hügeln. Entdeckungen wie diese Kapelle sind selten, aber so selten denn wieder doch nicht. Von antiken Siedlungen bis zu eingestürzten modernen Tunneln darf sich so ziemlich jeder Liebhaber der letzten paar abendländischen Großepochen auf unverhoffte Zufallsfunde freuen. Sie sind spannend, schön, manchmal gruselig, gar gefährlich zu besichtigen, verwunschen, anstrengend, bescheiden, was du willst – sie geben mehr Fragen auf, als Antworten zu geben.

Alles also ziemlich coole Orte für einen Krimi.



Apropos Krimi, aber doch was ganz anderes: Am 18. Juli 2023 erscheint die Taschenbuchausgabe von „Die Passage nach Maskat“. (mehr dazu hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2022/08/die-passage-nach-maskat.html) Klein, handlich, also ich würde damit in Urlaub fahren, wenn ich nicht schon wüsste, um was es geht...






In diesem Sinne einen schönen Sommer!

Montag, 15. Mai 2023

Stille Sainte-Victoire, Roger Blancs zehnter Fall

Was hat die Provence berühmt gemacht? Lavendel? Oliven? Rosé? Eh bien, es sind die, genau, Dinosaurier. Es war nämlich vor langer, langer Zeit, da war der Midi der Jurassic Park von dem, was mal der Kontinent Europa werden sollte. Das wussten Sie nicht? Das wusste Capitaine Roger Blanc auch nicht. Aber jetzt, in seinem zehnten Fall, lernt er es und ist ziemlich erstaunt darüber. Sie können, wenn Sie Blanc & Co. gewogen sind, diese Ermittlungen vom 17. Mai an verfolgen.





Die Geschichte geht so: Die Sainte-Victoire ist der Hausberg Südfrankreichs. (siehe auch hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2020/07/montagne-sainte-victoire-bei-aix-en.html) Die tausend Meter hohe Felswand liegt direkt hinter Aix-en-Provence und scheint sich jedesmal verwandelt zu haben, wenn man ihr nahekommt. Mal wirkt die Sainte-Victoire wie eine Pyramide, die aus der Garrigue wächst, mal wie eine gigantische steinerne Klinge, die eine hügelige Landschaft zerteilt, mal wie ein Alpengipfel, der sich hierhin verirrt hat und geblieben ist, weil es so schön ist. Zu jeder Jahreszeit, zu jeder Tageszeit, zu jeder Stunde, gefühlt zu jeder Minute ändert sich die Farbe des Felsens: grau, gelb, ocker, rosa, orange, blau, der Gipfel ist die größte Leinwand im Umkreis von mindestens hundert Kilometern. Kein Wunder, dass Paul Cézanne die letzten Jahre seines langen Lebens in Aix-en-Provence und Le Tholonet verbracht hat, um diesen Berg immer und immer wieder zu malen, er konnte sich nicht sattsehen, er konnte sich nicht sattmalen.




Als Capitaine Roger Blanc und seine Freunde und Kollegen zur Sainte-Victoire gerufen werden, geht es allerdings nicht um Cézanne, sondern um Staudämme und knappes Wasser (zu Wasser, Dämmen und dem Vater von Zola: https://provencebriefe.blogspot.com/2023/04/lac-zola-der-sainte-victoire-bei-aix-en.html), um anarchische Trekker und Gleitschirmpiloten, die um das Gipfelkreuz schwirren wie bunte Rieseninsekten und dabei zufällig Augenzeugen eines Verbrechens werden.






Und es geht eben auch und vor allem um Dinosaurier. Seit dem 19. Jahrhundert ist ausgerechnet die Sainte-Victoire, gemeinsam mit den benachbarten Regionen um das Städtchen Velaux und entlang des Baches Arc, ein Eldorado der Paläontologen. Das, was heute ein Postkartenberg ist, war vor einigen Dutzend Millionen Jahren nämlich ein Sumpf. Und in dem stapften, selbst der Laie ahnt es bei diesem Namen: gewaltige Titanosaurier herum, die vom furchterregenden Arcovenator gejagt wurden, das ist die Marseiller Ausgabe vom T-Rex. Dazu finden Knochenjäger auch, zum Beispiel, seltsame Flugsaurier, in Herden grasende Pflanzenfresser, Riesenkrokodile und so viele versteinerte Eier, dass man in der Provence das größte Saurieromelette der Geschichte braten könnte.

Capitaine Roger Blanc erfährt nur zu rasch, dass Paläontologen zwar seriöse Wissenschaftler sind, aber eben auch Gelehrte mit einem manchmal unguten Sportsgeist. Sie liefern sich einen Wettlauf: Wer hat den Größten, den Spektakulärsten, den Schönsten? Dinosaurier, natürlich. Wer eine neue Art findet, darf sie beschreiben und benennen und macht sich in Knochenjägerkreisen unsterblich. Und wer bereits bekannte Skelette freilegt, darf sie, das ist ganz legal, meistbietend verkaufen. Dabei kann so ein oller Dino schnell mal mehr einbringen als eine Ladung Kokain. Und wo es um Millionensummen geht, ist die Gier nicht weit, denn die menschliche Gier ist größer als der größte Titanosaurier. Und wo die Gier groß ist, fließt irgendwann Blut...


Alle diese Fossilienfundstellen liegen mitten in der Natur versteckt, im Schatten der Sainte-Victoire und doch nahezu unbekannt – allein schon, um Plünderer abzuhalten. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Capitaine Roger Blanc in diese verborgene Welt der Knochenjäger folgen und dabei die Sainte-Victoire mit neuen Augen sehen, so malerisch wie der geniale Cézanne, aber eben doch ganz anders.






P.S.: Das ist Roger Blancs zehnter Fall und damit für uns alle so etwas wie ein kleines Jubiläum. Um das zu feiern, gehe ich auf eine bescheidene Tour – mehr dazu gibt es hier:

https://www.dumont-buchverlag.de/verlag/aktuelles/detail/cay-rademacher-auf-lesereise/

Zehn Fälle, das bedeutet für Roger Blanc, dass er jetzt zehn Monate in der Provence ist, denn jeder Fall findet im folgenden Monat statt. Für uns Nicht-Romanfiguren hingegegen sind mal eben zehn Jahre verweht. Was den nettten, wenn auch etwas irritierenden Effekt hat, dass unser Gendarm in zehn Monaten Provence die Ereignisse der letzten zehn Jahre miterlebt hat. Mir macht das immer noch viel Spaß, ich freue mich, sic Deus lo vult, schon auf die nächsten zehn Monate, die zehn Jahre werden...

Montag, 24. April 2023

Lac Zola an der Sainte-Victoire bei Aix-en-Provence

Émile Zola ist ein Säulenheiliger der französischen Literatur, und gemeinsam mit seinem alten Kumpel Paul Cézanne formt er das Doppelgestirn von Aix-en-Provence, denn die beiden Großgenies sind ja, unter anderem, hier zur Schule getigert. Es ist aber sein Vater François Zola, dessen Werk jeder Besucher heute noch mit Augen, Ohren, Händen, sogar der Nase, wenn man aufmerksam genug schnuppert, bewundern kann. Ein Werk zudem, das mindestens so aktuell ist wie die Romane seines Filius, denn Zola Senior kümmerte sich ums Wasser, und das wird ja bekanntlich knapp.

Und so war das auch schon vor zweihundert Jahren, und das war DIE Chance für den Alten.





François Zola wird in Venedig geboren, ein ehemaliger Offizier, ausgebildeter Ingenieur, Doktor der Mathematik, ein Mann, der sich erst, aber das ahnt er da noch nicht, in der späten Blüte seiner Jahre in Aix-en-Provence niederlässt. Die Stadt ist weniger groß als heute und weniger malerisch, um es mal vorsichtig zu formulieren. 1835 und dann gleich noch mal 1837 bricht hier das große Sterben und das große Scheißen aus, denn die Cholera geht um. Der Erreger ist damals noch nicht bekannt, doch den Stadtvätern ist schon klar, dass – endlich – frisches, sauberes Wasser in den Ort fließen muss, damit das Elend sich nicht länger wiederholt. Aber wie?

François Zola hat die Idee: Stauen wir einen Bach im Vallée de Vauvernargues auf, einem Tal am Hang der Sainte-Victoire, des Hausbergs von Aix-en-Provence. Ein Stausee wäre ein großes, vor allem ganzjährig nutzbares Wasserreservoir. Über einen Kanal könnte man das kostbare Nass auch im trockenen Sommer bis nach Aix-en-Provence leiten.

Gesagt, getan und … eh bien, gesagt ja, getan nein, denn die französische Bürokratie hat im 19. Jahrhundert dasselbe Niveau wie im 21. Jahrhundert: Bedenken, Schlampereien, Verzögerungen, Schlafmützigkeit, Kompetenzgerangel, schiere Unfähigkeit. Es dauert (zum Glück für alle Beteiligten cholerafreie) zehn Jahre, bis, endlich, 1847 Zolas Grundstein gesetzt wird – und das darf man wörtlich nehmen.

Denn der Ingenieur plant einen gemauerten Staudamm, mehr als siebenunddreißig Meter hoch, oben noch sechs Meter breit. Um dem Druck der Wassermassen besser standhalten zu können, ist er zur Seeseite hin bogenförmig geschwungen. Es wird der größte Staudamm seiner Zeit und ein Prototyp aller modernen (allerdings aus Beton gefertigten) derartigen Barrieren.





Wie schade, dass Zola Senior das nicht mehr erlebt. Der Ingenieur, späte Blüte, tja, stirbt noch im ersten Jahr der Bauarbeiten an einer Lungenentzündung. Die Nachfolger werkeln nach seinen Plänen weiter, wenn auch der Umfang des Sees kleiner ausgeführt wird als vom Meister geplant. Am Ende werden zweieinhalb Millionen Kubikmeter Wasser aufgestaut und über einen Kanal beinahe acht Kilometer weit in die Stadt geleitet – wo das Wasser unter anderem aus dem prachtvollen, 1860 eingeweihten Brunnen an der Rotonde sprudelt, den Einheimische wie Touristen noch heute bewundern. (Und wo man das Wasser sehen und fühlen und rauschen hören und, ja doch, riechen kann, denn Süßwasser duftet.)

Zolas Kanal brachte bis in die 1970er-Jahre Wasser nach Aix. Dann wurde höher am Berg der deutlich größere Stausee von Bimont geschaffen. Heute ist der See an der Barrage Zola eher ein langgestreckter Tümpel, das Reservoir dient nun als Notaufnahmebecken für den Fall extremer Regenfälle, wenn die so heftig ausfallen sollten, dass der Lac de Bimont alleine die Wassermassen nicht mehr aufnehmen könnte.

Wer sich hierher verirrt – es sind recht wenige Wanderer -, steht in einem vergessenen Tal, auf dessen Grund der Rest-See cézannemäßig grün schimmert. Das Wasser selbst ist klar, doch wächst auf dem Boden irgendeine Pflanze, deren farbsatte Brillanz das ganze Gewässer tunkt. Der Staudamm ist von Zeiten und Feuchtigkeit geschwärzt, doch noch immer makellos gemauert. Wer darüber flaniert, wähnt sich beinahe auf dem Wall einer alten Burg, die durch irgendeinen magischen Trick ins Tal versenkt wurde. Und über den Hügeln leuchtet die graue Pyramide der Sainte-Victoire in jeder Tagesstunde irgendwie doch in einer anderen Farbe, und man versteht, warum Zola Juniors Jugendfreund Cézanne nach vielen Wanderjahren an diesen Ort zurückgekehrt ist.





Apropos Zola Junior: Émile Zola und seine verwitwete Mutter blieben nach dem unerwarteten Tod von François Zola erst einmal mittellos zurück. Frisches Wasser: ja. Frisches Geld: nein. Zum Glück konnte der Sohn ganz ordentlich schreiben.

Montag, 20. März 2023

Streiks, trockene Tankstellen und Hundehalter in Badelatschen

Manchmal fragen mich Freunde, wie das ist, in einem Land zu leben, in dem die Arbeitswoche aus zwei Tagen Wochenende und fünf Tagen Streik besteht. (In welchem anderen Land auf der Welt demonstrieren Siebzehnjährige nicht wegen Klimawandel, MeToo, Black Lives Matter oder was auch immer, sondern weil das Renteneintrittsalter um 24 Monate erhöht wird? In welchem anderen Land werden diese 24 Monate von führenden Oppositionspolitikerinnen und Gewerkschaftern als „brutal“ und „gewalttätig“ geschmäht, so, als sei Rente mit 64 ungefähr dasselbe wie Krieg in der Ukraine?)

Bien, also Streik. Streik in den Raffinerien, also kein Benzin mehr an der Tankstelle. Super, wir haben ein Elektroauto. Hat aber nur eine begrenzte Reichweite und vier Plätze. Am Wochenende muss ich die Austauschpartnerin unserer Tochter und mehrere Schülerinnen am TGV-Bahnhof von Aix-en-Provence abholen – wir sollen fünf Leute in der Karre sein und die Fahrt ist zudem ziemlich weit. Wir haben genau dafür auch einen Minivan, sieben Plätze, Diesel, so was von solide – und leider praktisch leergefahren, als CGT & Co. mit brennenden Reifen die Raffinerien blockieren. Wie hole ich die Kids nun ab? (Busfahrer streiken vermutlich auch, und wenn sie nicht streiken: Ihre Busse fahren ebenfalls mit Diesel und, tja, siehe oben.)

Alle Tanken in zwanzig Kilometer Umkreis sind seit letztem Wochenende leer, Putin würde sich in die Hosen machen vor Lachen. Frankreich kriegst du ganz ohne Krieg trocken. Na, jedenfalls muss ich unsere Tochter heute kurz ins Nachbardorf fahren, dafür reicht es noch, ich rolle zufällig am Supermarkt vorbei – und da steht ein Tanklastwagen an der Tankstelle!





Mit quietschenden Reifen hin, andere Autofahrer auch, wie ein Haufen Fliegen auf einen Haufen … genau. Na, jedenfalls stehen wir hinter dem Tankwagen, der Fahrer schließt oberschenkeldicke Schläuche an. Ein Heiliger! Wie lange dauert es, eine Tankstelle zu betanken? Eine gute halbe Stunde, danke, ich bin jetzt im Bilde.

Hinter uns wird die Schlange der Fliegen, äh Autofahrer lang und länger, raus auf die Zufahrtsstraße, schließlich raus auf den Kreisel, wo der Durchgangsverkehr nicht mehr weiterkommt. Gehupe, Gedröhne von Lastwagen, wenig nette Worte aus heruntergekurbelten Seitenfenstern, die übliche Folklore. Zwei engagierte Mitarbeiterinnen stürzen aus dem Supermarkt und versuchen, das Chaos irgendwie zu regeln. Dann kommen die Flics. Erst ein Streifenwagen, dann zwei, dann drei. Irgendwie wird zwar die Warteschlange immer länger, trotzdem passt der Durchgangsverkehr auf einmal durch den Kreisverkehr und ein paar Uniformen beruhigen auch sonst die Gemüter.

Während ich warte und fasziniert zusehe, was ein Tankwagenfahrer mit Tankschläuchen so alles macht (Er haut zum Beispiel mit einem Eisengerät auf die metallenen Endstücke und löst so irgendwelche Adapter oder was weiß ich.), geht ein Mann mit einem Hund spazieren. Typ: tiefentspannter Rentner, fröhlich, mit Tennissocken in Badelatschen. Flüchtig frage ich mich, wo dieser Mann wohl herkommt? Wer treibt seinen Köter in Adiletten auf einem Supermarktparkplatz zum Gassi? Wo, verdammt, ist überhaupt das nächste Haus hier?

Irgendwann endlich donnert der Tankwagen leer und glücklich davon. Diesel! Denkste. Der Rentnertyp mit dem Gassihund ist der, sorry, Klischees sind halt manchmal doch wahr, Mercedesfahrer, der direkt hinter dem Tankwagen wartete. Also, statt dass der Mercedes jetzt zur Zapfsäule rollt, muss erst der Rentner hinein. Nein, ach, zuerst der Hund, dann das Herrchen. Dann fährt der Typ zehn Meter bis zur Säule und, nein, merde, der Tankverschluss seiner Karre ist ja auf der anderen Autoseite, das ist ihm die letzte halbe Stunde gar nicht aufgefallen. So wird das nichts, der Schlauch der Zapfsäule ist nicht lang genug. Also noch mal rückwärts näher an die Säule ranfahren und rangieren. Dann steigt er aus und … und … und sieht einen Bekannten, irgendwo weit hinten in der Warteschlange. Der Bekannte steigt auch aus dem Wagen. „Salut!“ und großes Palaver.

Der Mann ist so tiefentspannt, der ahnt nicht einmal, dass hinter ihm hundert Leute in ihren Autos sitzen und kurz davor sind, ihn skrupellos niederzufahren. Mord wabert durch die Luft, und zum Glück sind sechs Flics da, die einem Hund und seinem Herrchen das Leben retten.

Endlich ist der blöde Daimler voll, und dann der Peugeot, und dann der Fiat 500 (Nur 28 Liter zeigt das Display der Zapfsäule, ich könnte die Fahrerin küssen, gelobt seien Kleinwagen, da bleibt für uns andere mehr übrig.) Endlich fließt der stinkende Saft auch in meine Karre. Das reicht für die nächsten tausend Kilometer.

Und bis zum nächsten Streik, nach dem nächsten Wochenende.

Freitag, 17. März 2023

Mond und Sterne über der Provence

 "Der Weltraum, unendliche Weiten...“ Bei wem es jetzt klingelt, der gehört wahrscheinlich der männlichen Boomer-Hälfte an. Für alle anderen: It‘s Captain Kirk and Mister Spock, Honey! Aber was haben Star Trek und die Provence gemeinsam? Antwort: Den Blick auf die Sterne.





Fast jeden Abend, wenn ich aus dem Haus trete und den Kopf in den Nacken lege, fühle ich mich wie auf der Brücke der Enterprise: Du siehst Sterne und noch mehr Sterne und noch mehr Sterne. D‘accord, wer bis in die südliche Hemisphäre reist und dort an einem luftklaren Ort, beispielsweise Neuseeland, nach oben schaut, dem bietet sich ein noch schöneres Gestirnspektakel dar, aber, hey, für die Nordäquatorianer ist die Provence schon nicht schlecht. Weil das so ist, hat mir die Familie bereits vor einiger Zeit ein Teleskop geschenkt. Nicht, dass ich mich dabei sonderlich geschickt anstelle. Um Sternbilder zu identifizieren, benutze ich eine App auf dem Handy. Und mit dem Teleskop schaffe ich es so gerade, den Mond problemlos anzuvisieren. Aber wenn ich ihn dann mit dem Handy durchs Teleskop fotografieren will, stelle ich mich deutlich blöder an als ein Beduine auf dem Sinai. (Ungelogen: Ein Beduine hat mir dort mal gezeigt, wie man so etwas richtig macht.) Mein astronomisches Wissen ähnelt also alles in allem einem Schwarzen Loch: Ich sauge alles ein, aber es kommt verdammt wenig wieder heraus. Eh bien, ich finde Sterne trotzdem schön.

Neulich ist mir das wieder mal aufgefallen. Da wollte ich eigentlich bloß im ersten Stock die Fensterläden schließen, sehe zufällig dicht über die Baumwipfel und Hausdächer auf der anderen Talseite – und, wow, da glitzern zwei gar nicht so kleine weiße Lichtpunkte über Firsten und Zypressenwipfeln. Venus und Jupiter zogen, ein recht rares Himmelsphänomen, einträchtig, wenn auch unterschiedlich schnell, quer durchs Firmament.





Und sonst: der Gürtel des Jägers glänzt wirklich wie ein Disco-Gürtel aus den Siebzigern. Der Mond legt sich gerne eine Halo um und strahlt wie eine kleine Sonne, trotzdem kannst du mit den bloßen Augen auf seinen Meeren Schiffchen fahren. Oder er leuchtet gruselig als Blutmond. Und manchmal huscht ein Komet vorbei oder vielleicht auch bloß ein schnöder Satellit.





Jean-Pierre Luminet (passender Name, klingt nach Licht) hat ein Buch geschrieben (das meine Liebste entdeckt und mir geschenkt hat), über die Sterne, die van Gogh gemalt hat: Les Nuits Étoilées de Vincent van Gogh. Der geniale Niederländer hat nämlich auch nachts gearbeitet, in einem Dämmerlicht, in dem er grüne, rote, blaue Farben aus seinen Tuben kaum noch unterscheiden konnte. Für seine Nachtbilder verwendete er so gut wie kein Schwarz, sie sind blau, grün, gelb, was du willst, aber für van Gogh war die Nacht bunt.





Gelehrte können bei seinen Werken, zum Beispiel dem berühmten „Sternenhimmel über der Rhône“, inzwischen sehr genau feststellen, wo der Maler seine Staffelei aufgestellt hat - in diesem Beispiel an einer Stelle bei einer Biegung am östlichen Ufer des Flusses in Arles. Zudem sind seine Bilder oft auf den Tag genau zu datieren, da der Meister sie in seinen zahlreichen Briefen an seinen Bruder oder andere Adressaten erwähnt. Seit einiger Zeit rekonstruieren Astronomen deshalb mit Hilfe eines Programms nun genau, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit welche Sternbilder im Sichtfeld van Goghs geleuchtet haben.

Und siehe: Die übergroßen, wild leuchtenden Sterne in van Goghs Himmel sind keineswegs Ausgeburten einer irren Phantasie, sondern ziemlich präzise Wiedergaben des aktuellen Himmels in genau jener Nacht, in der er malte.

Realistisch ist das aber trotzdem nicht. Beim „Sternenhimmel über der Rhône“ hat van Gogh beispielsweise Arles und den Fluss so gemalt, wie sie südlich seiner Position am Ufer vor ihm lagen. Der sich darüber wölbende Nachthimmel zeigt jedoch die Sterne in nördlicher Sichtrichtung! Vermutlich, weil in jener bestimmten Nacht die im Norden leuchtenden Konstellationen spektakulärer waren als die „echten“, die er gerade über Arles beobachten konnte.

Natürlich darf man sagen, es ist doch egal, welche Sterne der irre Holländer in welcher Nacht gepinselt hat, das schreibt die Kunstgeschichte ja nicht fundamental um. Aber ich finde es einfach toll. Um Mister Spock zu zitieren: „Faszinierend!“



Weiterführende Literatur (diesen Begriff wollte ich schon ewig mal im Blog verwenden):

Jean-Pierre Luminet: Les Nuits Étoilées de Vincent van Gogh, Paris 2023 (Editions Seghers)

Mittwoch, 15. Februar 2023

Seyne les Alpes und Fort Dormillouse in den Alpes-de-Haute-Provence

 An einem Ende fällt die Provence ins Mittelmeer, am anderen Ende geht es hinauf in die Alpen. Flamingos in der Camargue, Rosé, Lavendel und Oliven gehören genauso zum Midi wie einige wuchtige Drei- und Zweieinhalbtausender, ungezähmte Gebirgsbäche und unlilafarbene Kühe auf sattgrünen Almen. Wenn Gattin und Kids Ski fahren wollen (sofern der Klimawandel das noch zulässt, was immer seltener der Fall ist und vermutlich ist es bald ganz damit vorbei) oder wenn wir mitten im Hochsommer erträglichere Tagestemperaturen und kühlere Nächte suchen, dann fahren wir in die Nähe von Seyne les Alpes, Département Alpes-de-Haute-Provence.





Wir wohnen da in einem Kuhdorf (das darf man wörtlich nehmen) und klettern, zur nicht ganz ungeteilten Freude unserer jüngsten Tochter, traditionell zum Fort Dormillouse hoch. Das ist eine alte Festung auf dem letzten Gipfel der Chaîne de la Blanche, einer gewaltigen Felsenmauer zwischen den Tälern von Ubaye (Rafting im letzten ungezähmten Alpenbach, sehr zu empfehlen!) und der Blanche (Wanderwege und im Winter gibt’s eine komplett vereiste und geländerlose Brücke, echt spannend!), die zwischen 1884 und 1886 errichtet wurde. Damals meinte der französische Generalstab nämlich, sich, genau, gegen Italien verteidigen zu müssen. Also errichteten bedauernswerte Soldaten mal hier, mal dort auf Alpengipfeln massige Festungen und bestückten sie mit massigen Kanonen.

Dormillouse thront auf 2505 Meter Höhe. Der Weg hinauf war so schmal, die Serpentinen waren so eng, dass die bedauernswerten Pferde, die eben jene Kanonen gen Gipfel zerren mussten, vor jeder Serpentine abgeschirrt und am gegenüberliegenden Ende der Riesenknarre neu angeschirrt werden mussten, denn man konnte die Geschütze auf der engen Strecke nicht wenden.





Und oben angekommen gab es, eh bien, nichts zu tun und nichts zu schießen. „Dormillouse“ kommt von la Dormeuse, „die Schläferin“, womit, genau, die Murmeltiere bezeichnet werden, die hier leben und, genau, meistens pennen, was das Murmeltier hält.

Die Soldaten sollen sich dort oben so sehr gelangweilt haben, dass sie die Mademoiselles der Umgebung zu Bällen auf der Festung eingeladen haben – die Damen wurden angeblich auf Maultieren nach oben gekarrt, anstrengend ist der Weg nämlich schon.

1928 wurden die letzten Posten abgezogen, seither verfiel das Fort. Italien hat dann tatsächlich Frankreich überfallen, 1940, als die Wehrmacht das Land niederwarf, hat sich Mussolini seinen Teil Südfrankreichs sichern wollen. Da war Fort Dormillouse bereits leer und nutzlos, so etwas nennt man wohl schlechtes Timing.

Jedenfalls kam erst 2002 neues Leben in die alten Kasematten. Seither ist das Gemäuer eine Art Schutzhütte für Wanderer. Und im Sommer macht hier ein Imbiss auf, Baguettes und Getränke kommen einmal täglich nicht mehr mit dem Maultier hoch, sondern auf einem geländegängigen Pickup.





Wir sind gerne oben, weil wir von den ruinierten Wänden einen Fallschirmspringer-ähnlichen Blick auf Berggipfel haben, so wild, als kämen sie direkt aus einem Roman von Tolkien. Auf den unfassbar blauen Lac de Serre-Ponçon.





Und, wenn man sich an einer Stelle über den Rand beugt, auch auf die kleinen Lacs de Col Bas, deren Wasser aufgrund bestimmter botanischer Gegebenheiten so schwarz ist wie das Universum. Dazu umschwirren uns moderne Rieseninsekten: Gleitschirmflieger und Segelflugzeuge, die über unseren Köpfen, aber in den Tälern auch unter unseren Fußsohlen hin und her flitzen. (Segelflugzeuge zischen übrigens ganz schön laut durch die Luft.) Ein irrer Anblick, und dann ist auch unsere pubertierende Tochter wieder versöhnt.









P.S.: Apropos altes Kriegsgerät, das hat jetzt nichts mit der Provence zu tun. „Drei Tage im September“ gibt es nun (endlich!) als Taschenbuch. Die ziemlich verrückte, ziemlich tragische und ziemlich vergessene Geschichte der Athenia, des letzten britischen Schiffes, das vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges England verließ – und die das erste Schiff war, das in eben jenem Krieg von einem U-Boot versenkt wurde, bis zur letzten Koje belegt mit Flüchtlingen, Geschäftsreisenden und ganz normalen Touristen...

Mehr Infos gibt es hier: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/tb-rademacher-drei-tage-im-september-9783832166656/