Freitag, 16. März 2018

Adry Novoli, die Malerin der Provence


Man kann nicht sagen, dass sich in der Provence die Maler auf den Füßen stehen wie Pendler in der Tokioter U-Bahn. Aber hin und wieder läuft man – zum Glück – auch heute noch dem einen oder anderen Künstler über den Weg. Und ein noch größeres Glück ist es, ihnen bei der Arbeit zusehen zu dürfen und Nachhilfe im Hinsehen zu bekommen: So also fängt man die Farben und das Licht des Midi ein! (Ich habe es hin und wieder auch probiert, aber bin leider nie über das Niveau eines äußerst begrenzt talentierten Grundschülers hinausgekommen.)



Selbstverständlich verehren wir hier die lokalen Heiligen der Zunft, Giganten wie Vincent van Gogh und Paul Cézanne etwa, die, indem sie den Süden malten, gleich auch noch die Kunst revolutionierten. Aber ich will heute einmal eine ehemalige Nachbarin vorstellen, eine wundervolle Frau, die ich, da war sie schon krank, in meinen provenzalischen Anfängen noch kennenlernen durfte.
Adry Novoli stammt aus einer Familie wie aus einem Film von Pagnol: 1940, da ist der Krieg gerade verloren und die Wehrmacht hat einen erheblichen Teil Frankreichs besetzt, wird sie als Adrienne Alberici geboren, als sechstes von zehn Kindern einer italienischen Einwandererfamilie in Marseille. Sie wird Schneiderin, heiratet mit neunzehn Henri Novoli – und bildet sich, da ist sie schon beinahe dreißig Jahre alt, autodidaktisch zur Künstlerin aus. Ein Lebensweg, der selbst in diesen dürren Worten so viel Hochachtung einflößt wie die Karriere eines Astronauten.
Adry und Henri haben sich ein uraltes, tausendfach verwinkeltes Haus an der uns gegenüberliegenden Talseite gekauft und mit eigenen Händen renoviert. Dort im Atelier sind die Ölbilder und Aquarelle entstanden, mit denen Adry Novoli ab den Siebziger Jahren bekannt wurde, zuerst in der Region und später, zumindest bescheiden, im ganzen Land. Sie hat Preise bekommen, war in Galerien und Ausstellungen vertreten, zuletzt regelmäßig im Salon des Indépendants in Paris.



Sie hat gemalt, was sie gesehen hat, oft musste sie bloß vor die Tür gehen, um ihre Motive zu finden: Mandelbäume im Februar, weißrosa Schleier in einer noch winterlich braunen Welt. Zypressen neben einem Mas, wie ausgestreckte schwarzgrüne Finger, die sich neben einem steinernen Gehäuse aus dem Erdreich drängen. Boote im Hafen von La Ciotat, und Wasser und Himmel sind so hell und blau und still, dass Du die Nachmittagshitze spürst. Sie hat auch andere Sujets gemalt, Bilder aus der Bretagne oder von griechischen Inseln etwa, Porträts auch und Stilleben. (Einen sommersatten Mohnblumenstrauß von ihr haben wir meinem Bruder geschenkt.) Aber mir haben es halt die Landschaftsbilder angetan, wahrscheinlich bin ich ein rettungsloser Romantiker.
Adry Novoli ist schon 1996 gestorben, sie hat sich sieben lange Jahre tapfer gegen eine tückische Krankheit gewehrt. Ihr Witwer lebt noch heute hin und wieder im Haus, und ihr Atelier sieht aus, als sei Adry nur mal eben hinunter in ihren Garten gegangen. An den Wänden hängen einige Werke – und unter einem großen, farbbeklecksten Holztisch stehen Kisten voller Bilder, klein und groß, Landschaften und Stilleben, es müssen Dutzende Werke sein.



Noch immer gibt es hin und wieder Ausstellungen zu ihren Ehren. Adry Novolis Bilder hängen bei Sammlern der Region. Aber, mon Dieu, in ihrem Atelier schlummern noch so viele, so herrliche Werke. Manchmal, wenn Henri da ist und ich Zeit habe und ich denke, dass ich mich beherrschen kann, gehen meine Frau und ich ins Atelier und sehen uns diese Schätze an. Schätze, in der Tat... Wir fühlen uns wie Archäologen, die eine Königskammer öffnen, in die seit Generationen niemand mehr hineingesehen hat. Und noch seltener, wenn ich mich nicht beherrschen kann, dann gehe ich rüber, seufze beglückt und gönne mir nach langer Auswahl ein Bild.
Am liebsten würde ich sie alle kaufen.


P.S.: Da wir gerade über Kunst plaudern. In Roger Blancs zweitem Fall in der „Tödlichen Camargue“ spielt ein kleines Kunstmuseum in Saint-Tropez eine gewisse Rolle. Dieses Musée Maly ist herrlich exquisit und hat nur einen winzigen Nachteil: Dieses Museum gibt es gar nicht. Nope. Nada. Habe ich erfunden. Immer mal wieder haben mich Leser nach dem Museum gefragt, tja, 'tschuldigung. Jetzt bereiten sie gerade in New York die amerikanische Ausgabe der „Deadly Camargue“ vor und schon fragen mich die Lektoren, where the hell is this museum?
Um Buße zu tun für alle diese Irreführungen, hier jetzt ein kleines Museum aus Saint-Tropez. Es ist keine Villa, wie das Musée Maly, und hier hängt auch kein van Gogh. Dafür ist das Musée de l'Annonciade in einer ehemaligen Kirche direkt am famosen Yachthafen der berühmten kleinen Luxusstadt untergebracht. Der lokale Industrielle Georges Grammont hat in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts richtig, richtig feine Stücke gesammelt und danach den Bürgersinn gehabt, seine Schätze der Öffentlichkeit zu spenden: Voilà, hier hängt L'Orage von Paul Signac, mit einem Gewitterleuchten, dass Du niederknien möchtest. Ansichten von Marseille und von Sète von Albert Marquet, die eine tibetanische Ruhe ausströmen. Zwei Werke von Raoul Dufy nebeneinander, eine Orgie in Grün und Blau. Dazu schönste Stücke von Georges Seurat, Théo van Rysselberghe, Pierre Bonnard, Henri Matisse, André Derain, Georges Braque, Kees van Dongen und und und, es ist einfach eine Pracht. Alors, das ist zwar nicht mehr die Provence, sondern die Côte d'Azur, aber: Diese Kunst ist jede Grenzüberschreitung wert.

Freitag, 12. Januar 2018

Sonne im Winter, das zweitinteressanteste Thema der Welt

Sprechen wir einmal über das zweitinteressanteste Thema der Welt nach, äh, Donald Trump: das Wetter. Wollen Sie einmal einen provenzalischen Wetterbericht lesen, obwohl Sie gerade in, sagen wir, Hamburg, Berlin, München, Köln schmachten? Wirklich. Eh bien...
5. Januar, gegen 12.00 Uhr. Sonne, wolkenloser Himmel, leichtester Südwind, achtzehn Grad Celsius im Schatten, aber hier ist weit und breit kein Schatten. Über den Wellen schwebt eine fingerdünne Dunstschicht, das Wasser kräuselt sich höchstens so hoch wie eine ungebügelte Tischdecke, ein Schwarm Gänse zieht majestätisch nordwärts durch den Zenith. Kann ich alles ganz genau beobachten.
Ich war nämlich mit meinem Sohn segeln.
Wie jedes Jahr rund um Silvester. Weil es immer so schön ist.



Wir haben an Bord Mittag gegessen, die Jacken konnten wir wirklich nicht mehr anbehalten, aber Sonnenbrillen waren praktisch und eigentlich hätte uns eine Tube Sonnencreme auch nicht geschadet. Zur selben Zeit saß meine Frau mit den Töchtern übrigens beim Essen auf der Terrasse...
Bei den Blumen und Sträuchern sprießen die ersten Triebe, das Gras schießt in die Höhe, Vögel zwischtern, klar, hey, es ist doch schon Januar!
Ein Klischee?
Nun ja. Einerseits haben wir es in der Provence amtlich: Im abgelaufenen (Rekord-)Jahr 2017 ist Marseille Frankreichs sonnigste Stadt gewesen. („Sonnig“ ist ja ein Attribut, das einem sonst nicht als allererstes zu Marseille einfällt.) Marseille hat es auf 3110 Sonnenstunden im Jahr gebracht, das sind 60 bis 70 Stunden mehr als an der Côte d'Azur oder auf Korsika. Paris hinkt mit 1629 Stunden hinterher, und will wirklich jemand wissen, wieviele es in im bretonischen Brest waren? Gut, tapfer sein: 1257 Stunden.

Andererseits haben wir hier schon im November, während Hamburger Freunde noch tapfer den üblichen Regen ignorierten, morgens die Autos freikratzen müssen. Nachts kann die wunderbare, klare provenzalische Luft nämlich schweinekalt werden. Und das ziemlich rasch.
Das ist eines der ersten Dinge, die jeder Neu-Provenzale lernt: unterschätz den Winter nicht! In der Sonne kann es tatsächlich am frühen Nachmittag bis beinahe zwanzig Grad warm sein. Aber sobald das Gestirn erschöpft hinter den Horizont fällt, rauscht das Thermometer nach unten, als wäre die Quecksilbersäule der Kopf einer Tiefenbohrung. Zehn Grad Temperaturverlust in der ersten Stunde nach Dämmerung – kein Problem. Zwanzig, fünfundzwanzig Grad Verlust bis zur Mitte der Nacht – kein Problem. In den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging es einmal von nachmittags bis nachts binnen acht Stunden um fast vierzig Grad in den Keller: zwanzig Grad, es wurde bloß das Vorzeichen vertauscht.



Seit ungefähr zwölf Wochen verfeure ich deshalb Abend für Abend ganze Wälder in unserem herrlichen Ofen. Unsere Jüngste hat Körnerkugeln für die Meisen aufgehängt, denn die haben nichts zu picken. Hungrige Wildschweine kommen abends oft und tagsüber leider manchmal auch schon bis nahe ans Haus, um Knollen und was-weiß-ich-noch aus dem Boden zu wühlen. (Meine Frau hat gestern beinahe einen Herzinfarkt erlitten, als sie sich plötzlich mittags zwischen Bäumen Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Eber wiederfand. Zum Glück war dieses Wildschwein gerade aus irgendwelchen Gründen desorientiert und ist erratisch durch die Botanik gerannt, statt zur Attacke überzugehen.)
Deshalb muss man hier zwischen Anfang November und Ende Januar die Sonne genießen, sobald sie da ist: Raus in die Wälder, Küsten, Berge, raus aufs Boot, raus auf die Terrasse, raus in die Cafés und Bistrots, raus, raus, raus! Aber vergiss bloß Mantel und Mütze nicht und immer schön in den Himmel gucken, um zu sehen, wo die Sonne gerade steht. Und immer mal wieder zwischen die Bäume linsen, um nicht über ein Wildschwein zu stolpern.
Der echte Frühling beginnt im Midi normalerweise erst irgendwann im Februar. Dann sind Pflanzen und Tiere in Feierfortpflanzungslaune und der Mensch kann sich etwas entspannter zurücklehnen: Wird schon nicht mehr frieren...
Übrigens sind mein Sohn und ich dann einen Tacken zu spät im Hafen gewesen. Es dämmerte schon, und wir haben mit steifen Fingern und eisigen Füßen die Yacht, nun ja, winterfest gemacht.


P.S.: Wir erinnern uns: 3110 Sonnenstunden 2017 in Marseille. In Hamburg waren es im gleichen Zeitraum 1450. Muss ich noch erkläreDate:Jan. 13, 2018n, warum ich ausgewandert bin? (Besten Dank, Ralph!)

Freitag, 1. Dezember 2017

Genialer Kreisverkehr

Die genialste Erfindung der an genialen Erfindungen reichen französischen Kultur ist ohne Zweifel der Kreisverkehr. In Deutschland pflügen quadratisch-praktisch denkende Tiefbauingenieure Kreuzungen durch die Landschaft, an deren roten Ampeln man dann selbst nachts, wenn nur noch Füchse und Eulen unterwegs sind, endlose Minuten dumm auf der Straße steht. Bestenfalls erdenken sie, wie bei meinem Vater praktisch vor der Haustür, einen Kreisverkehr mit so vielen durch Betonbarrieren unterteilten Ein- und Ausfädelspuren, dass man ein Diplom an der TH Aachen errungen haben muss, um die richtige Ausfahrt aus diesem Labyrinth zu treffen. In Frankreich bauen sie stattdessen seit dem Neolithikum einen Kreisel, um den die Autofahrer wie im Karussell brausen, bis sie, quasi auf natürliche Weise, durch die Fliehkraft an der richtigen Ausfahrt wieder hinausgeschleudert werden.



Der einzige, entscheidende Trick eines jeden rond-point: In dessen Mitte wölbt sich ein kleiner, künstlicher Hügel auf. Der muss höher sein als die Sitzposition der normalen Chauffeure. Wenn man als Autofahrer nämlich wegen dieses Hügels nicht sehen kann, wer alles schon durch den Kreisverkehr flitzt und zugleich jedoch weiß, dass die, die schon drinnen sind, Vorfahrt haben, dann, eh bien, fährt man einigermaßen langsam und vorsichtig in die Spirale ein.
Ungefähr ebenfalls seit dem Neolithikum waren eben jene künstlichen Sichtbehinderungen stets kleine, konische Erdhaufen, auf denen unzerstörbar robustes Gestrüpp wucherte. Seit wenigen Jahren jedoch vollzieht sich, zumindest hier im Midi, eine ästhetische, straßenbautechnische und finanzielle Revolution: Die Hügel in der Mitte der Kreisverkehre werden von den jeweils für sie zuständigen Städten zu, nun ja, Denkmälern? Monumenten? Werbeinseln? Auf jeden Fall zu bizarren Formationen umgestaltet.
In Salon-de-Provence etwa stiert seit ein paar Monaten der örtliche Säulenheilige Nostradamus als metallischer Schattenriss die kreiselnden Autofahrer an. Und wenn keiner vorbeifährt, dann schaut der große Renaissance-Visionär auf einen Möbelladen, einen Citroën-Händler und die Rampen, die zu einer Schnellstraße hinaufführen. Ob das der Wahrsager in seinen verrätselten Prophezeiungen auch irgendwo vorausgesagt hat?



Ein paar Hundert Meter weiter, gleiche Stadt, gleicher Kitsch, prunkt eine monströse, quaderförmige Marseiller Seife auf einem Kreisverkehr, der, zum Beispiel, direkt auf eine Autobahnzufahrt mündet.
Mein Lieblinskreisverkehr wölbt allerdings die D113 auf, eine Route départementale, die von Salon-de-Provence bis nach Marseille führt, wo die Pendler wie die Wahnsinnigen rasen und wo deshalb jedes Jahr mehr Leute sterben als in so manchem Schützengraben des Ersten Weltkriegs. Dort hat die Stadt Lançon (Die dem einen oder anderen geneigten Leser vielleicht aus dem einen oder anderen Roger-Blanc-Krimi bekannt ist.) einen wahrhaft pharaonischen Bau errichtet. (Ich darf das sagen, ich habe kürzlich die Pyramiden gesehen und verkünde hiermit autoritativ, dass selbst Cheops nicht auf die Idee gekommen wäre, einen solchen Kreisverkehr zu errichten.)



Da erhebt sich, im Irgendwo zwischen Olivenbäumen und Feldern und einem Laden für Reiterbedarf, ein Mount Everest des Kreisverkehrs auf. Darauf: Eine natursteinverkleidete Mauer, in der Mitte ein halb geöffnetes, gigantisches schmiedeeisernes Tor, drumherum Grünzeug wie im Park zu Versailles, in den vier Hauptachsen das in den Boden eingelassene Stadtwappen, so groß, dass es noch die Astronauten von der ISS aus sehen können. Das Tor öffnet sich zum blauen Himmel, die Mauer begrenzt nichts als die Luft drumherum und wenn man das Monument aus der Nähe bewundern will, dann müsste man zu Fuß den Kreisverkehr queren, was, siehe oben, latent suizidal wäre und deshalb meines Wissens noch nie jemand gewagt hat.
Da fragt man sich schon: Putain, warum setzen die Städte plötzlich solche Monumente auf ihre Straßen?
Ich habe da eine Theorie, die selbstverständlich vollkommen unsoziologisch ist:
Erstens fördert eine Stadt mit pharaonischen Bauten zuallererst die lokale Industrie. Das gewaltige und gewaltig überflüssige Tor von Lançon etwa wurde von einem örtlichen Schmied gefertigt, und der wird sich das fürstlich bezahlt haben lassen. Das sichert Arbeitsplätze, Gewerbesteuern und im Zweifelsfall die Wiederwahl eben jenes Bürgermeisters, der diesen Kreisverkehr geformt hat.
Zweitens schließen sich gerade alle Städte in gefühlt hundert Kilometer Umkreis zu einer Metropolenregion Aix-Marseille zusammen, einer Art Mega-Großstadt. Praktisch niemand hat dieser von der Regierung in Paris dekretierten Reform zugestimmt, und das ist noch eine Untertreibung. Von den 120 betroffenen Bürgermeistern waren 119 dagegen: Nur der Bürgermeister von Marseille war dafür, dass jetzt alle Gemeinden des Umlands verwaltungstechnisch, vereinfacht ausgedrückt, zukünftig ungefähr so wie außen liegende Stadtbezirke behandelt werden.
Denn die allgemeine, wahrscheinlich und traurigerweise höchst realistische Befürchtung ist, dass, ist erst einmal die Metropole da, alle Gelder aus allen diesen schönen Städten in den korruptionszerfressenen Taschen von Marseille verschwinden werden. Alors: Die Städte haben, bevor die Metropole jetzt per Gesetz über sie gekommen ist, das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen, nein, hinausgeschleudert.
Die kleine Route départementale zwischen unserem Dorf und unserem Städtchen, drei Kilometer den Hügel hoch, ungefähr so breit wie eine Go-Kart-Bahn, ist in den letzten Monaten was-weiß-ich-wieviele-mal aufgerissen, neu asphaltiert, wieder aufgerissen,wieder neu asphaltiert worden. Das lässt sich mit Behördenirrsinn alleine nicht mehr erklären, das muss Methode haben: Lieber vergräbt man seine Euroscheine im Asphalt einer Landstraße, als sie nach Marseille zu überweisen.
Und so hat halt auch jede Stadt in hundert Kilometer Umkreis um Marseille pseudo-antike Ruinen, ausrangierte Militärflugzeuge, metallene Riesenherzen, eingravierte Wahlsprüche, gekünstelte Olivenmühlen und was weiß ich noch auf ihre Kreisverkehre gepflanzt. Hauptsache, das lokal dem Steuerzahler sauer abgeknöpfte Geld wird lokal verbaut und nicht in die verhasste Mafiakapitale investiert.
Drittens, und hier es doch ein ganz klein wenig traurig, müssen auch in der Provence Städte zu Marken werden, es ist der Kapitalismus, Baby! Salon-de-Provence etwa setzt auch deshalb Nostradamus und Riesenseifen an Umgehungsstraßen, weil auf eben jenen Umgehungsstraßen Shopper dahinbrausen. Nur wenige Kilometer weiter nämlich, in Miramas, hat der Bürgermeister eine Village de marques auf die (in der Trockenheit hier nicht so arg) grüne Wiese gesetzt: Ein riesiges Outlet-Center, das sich als provenzalisches Dorf verkleidet hat: Jeder Shop ein pseudo-mediterranes Haus, keine Hundescheiße auf dem Trottoir, Security ist da, und Parkplätze gibt es, dass dir die Augen tränen.
Seit dem Neolithikum weiß jeder, dass solche Shoppingareale dir die Innenstädte töten können. Wer geht in die Boutiquen, zum Bäcker, in die typischen, tollen, großartigen Cafés, Bistrots und Restaurants, wenn er, kostenlos parkend, in eine desinfizierte Neo-Provence eintauchen kann? Leider viele.
Salon-de-Provence ist eine lebendige Stadt, 50 000 Einwohner, eine Burg in der Mitte, schöne Läden drumherum. Aber wenn sie das noch lange bleiben will, obwohl direkt nebenan so ein Konsumententempel hochgezogen worden ist (Mon Dieu, Hunderte Passagiere, die auf Kreuzfahrtschiffen in Marseille ankern, werden mit Bussen direkt in die Village de marques gekarrt! Das ist für diese Touris der Provence-Ausflug des Tages...), dann muss sie halt ... genau: Werbung machen!

Diese Kreisverkehre sind deshalb stolze, laute und vielleicht ein ganz klein wenig verzweifelte Reklametafeln für die Stadt. Das Aufbäumen einer Gruppe unbeugsamer Gallier gegen die Caesaren des globalen Konsumkapitalismus. Ein Akt des Widerstands, gewissermaßen. In diesem Sinne: Bei den nun anstehenden Weihnachtseinkäufen umrase ich Nostradamus, zwinkere ihm zu – und lass mich auf die Straße hinausschleudern, die mich in die Innenstadt führt. Zu den Cafés und Bistrots und, ja doch, auch zu den Ständen des Weihnachtsmarktes.


PS: Falls jemand zufällig gerade Lust auf die Provence hat, gibt es hier aktuell noch schüchterne Anregungen:
http://de.france.fr/de/lektueretipps-fuer-frankreich-fans/rubric/149701/interview-mit-cay-rademacher-tipps-fuer-ihre-provence-reise?btl=1

Freitag, 15. September 2017

Olympia 2024 an der Cote Bleue

In der „Gefährlichen Côte Bleue“ gibt es eine Passage, von der ich gedacht, ach was: von der ich gehofft habe, dass sie schon ein paar Monate nach Erscheinen des Romans von der Wirklichkeit überholt wird. Et voilà: Die Olympiade 2024 kommt, wie im Krimi angedeutet, in die Provence!
D'accord, die eine oder andere Randsportart soll in Paris ausgetragen werden, aber, hey, die wichtigsten Wettkämpfe finden direkt vor meiner mediterranen Haustür statt: die Segelregatten.




Jetzt ist es IOC-amtlich: die Olympischen Sommerspiele 2024 (im hiesigen Jargon: les J O) kommen, nach 100 Jahren Irrfahrt durch die Welt, zurück nach Paris. Und da man in Paris nicht so wahnsinnig gut segeln kann, und da es in der Bretagne sommers nur drei Wetterzustände gibt (Regen, Nebel, Ebbe), werden sich die Segler halt in der Bucht vor Marseille duellieren. Mistral oder Südwind, dreißig oder vierzig Grad, blaue Wellen und graue Delphine vor dem Bug! (Mais oui, es tummeln sich ein paar Hundert Flipper vor der provenzalischen Küste. Letztens waren wir mit unserer segelnden Plastiktitanic gerade mal an Port-de-Bouc vorbei, flupp, schon waren etwa zehn Tiere da. Leider spielten sie um den Bug eines anderen – schnelleren, eleganteren – Bootes und zogen schließlich mit dem von hinnen...)
Ich freue mich auf jeden Fall, und eigentlich freue ich mich doppelt. Zum ersten freue ich mich einfach so. Olympia, wow! (Soll ja Orte geben, die Olympia in einer Volksabstimmung niedergeknüppelt haben. Aber das ist halt der Unterschied zwischen Weltstadt und Nicht-Weltstadt.)


Zum anderen freue ich mich, weil die Entscheidung voll in den Karton von „Gefährliche Côte Bleue“ rappelt. Meine Krimis um Capitaine Blanc sollen, hoffe ich, nicht allein die Kochtopf-und-Weingut-Provence zelebrieren, sondern halt die Provence in ihrer Schlechthinnigkeit beschreiben, zumindest ansatzweise. Also gibt es hier eben auch, zum Beispiel, Front-National-Wähler (immerhin mindestens ein Drittel meiner Nachbarn), korrupte Politiker (gefühlt mindestens ein Drittel der Gewählten) und Aluminiumfirmen, die ihren Dreck im Meer versenken (wo ich aus juristischen Gründen Namen und Ort geändert habe, aber, beispielsweise, Abraummenge und -zusammensetzung direkt aus den entsprechenden Umweltunterlagen übernehmen konnte.)
Und es gibt Olympia.
Rund um den Étang de Berre nämlich, direkt neben Marseille, geht das Ölzeitalter rapide dem Ende zu. Raffinerien schließen, die Luft wird besser und das vormals verunstaltete Land liegt brach. Was tun? Für Immobilienentwickler (promoteur auf Französisch, reimt sich nur rein zufällig auf voleur) ist das ein Schlaraffenland am Mittelmeer: Billigste Grundstücke neben oder auf ehemaligen Raffineriegeländen. In wenigen Jahren gibt's diese Stinkekästen nicht mehr, dafür aber kreuzen die weltbesten Segler und Tausende Fans hier auf.
Zwei Millionen Segler, so schätzt Nicolas Hénard, Präsident der Fédération Française de Voile und selbst zweifacher Goldmedaillengewinner, durchpflügen Frankreichs Gewässer, und wer weiß, wieviele Millionen es weltweit sind. Noch dazu sind Yachties normalerweise nicht die Ärmsten der Armen. Viele, viele, viele von ihnen werden in den nächsten Jahren gen Marseille aufbrechen, sie werden sich auf dem zukünftigen Olympiarevier tummeln, sie werden die Küste sehen und sich sagen: ach, ganz schön hier, und vielleicht wird der eine oder andere denken, dass dies eine Alternative wäre zu einer Hütte an der Côte d'Azur...



Genau: die Spekulation wird munter blühen, die Preise werden steigen, und viele, viele Menschen werden sehr, sehr reich dabei. Und das ist genau das, was ein porschefahrender Segelfunktionär und Glücksritter in der „Gefährlichen Côte Bleue“ meinem Protagonisten prophezeit: seine Küste und Martigues werden zur zweiten Côte d'Azur. Im Krimi ist es noch nicht klar, ob Paris – und damit Marseille – den Zuschlag für les JO bekommen wird. Unser Porschefahrer beschwört Capitaine Blanc, seine Mordermittlungen so diskret wie möglich zu beenden, denn er fürchtet einen imageschädigenden Skandal mitten in der hypersensiblen Bewerbungsphase.
Das ist nun vorbei: Capitaine Blanc müsste keine Rücksichten mehr nehmen. Der Krimi hat sich, in dieser Hinsicht, bewahrheitet: die Olympischen Spiele kommen.

Und, klar, das stand auch schon in der Lokalzeitung: die Immobilienpreise rund um den Étang de Berre und die Côte Bleue ziehen bereits an...


PS: Dear American readers: You may find the blog (in German, yepp, sorry) on the book "Murderous Mistral" here:
https://provencebriefe.blogspot.fr/2014/05/esmag-vielleicht-etwas-seltsam.html


PPS: Und wer im Oktober ein wenig Zeit hat, der muss nicht nach Frankreich fahren, um Frankreich-Krimi-Autoren zu sprechen, es reicht ein Hopp nach Frankfurt. Auf der Buchmesse präsentiert sich diese Bande hier: 
https://meinfrankreich.com/atout-france_krimiautoren_buchmesse/

Mittwoch, 5. Juli 2017

Fetes Renaissance in Salon-de-Provence

Am letzten Wochenende sind Nostradamus und Katharina von Medici mit großem Gefolge bei uns durch Salon-de-Provence gezogen und unsere jüngste Tochter ist mitgegangen. So ungefähr. Seit einunddreißig Jahren zelebriert die Stadt – Achtung, Wortspiel für Französischlehrerinnen! - die Fêtes Renaissance (Klingt fast gleich wie, genau, Faites Renaissance! Nicht verstanden? Macht nix: Ich wäre mit meinem Schulfranzösisch da auch schon ausgestiegen, ich war kein Held. Die Übersetzung und Erläuterung überlasse ich jetzt den Französischlehrerinnen.)



Anno Domini Fünfzehnhundertschlagmichtot jedenfalls hat nämlich Katharina von Medici – Catherine de Médicis für ihre Untertanen -, die nahezu allmächtige und nicht total unblutlüsterne Königinmutter Renaissancefrankreichs, den dräuenden Zukunftsdeuter Michel de Nostredame (Nostradamus ist die Version für Lateinlehrer.) zwecks Konsultationen besucht. Nostradamus hat in Salon-de-Provence (damals Salon de Crau) gelebt, und Platz für den königmütterlichen Hofstaat gab's in der Stadt allemal: Kurz zuvor war zufällig gerade mal wieder eine Seuche durchgezogen, und da standen viele Häuser komfortablerweise leer.
Ich habe in meinem Leben schon das eine oder andere historische Buch gelesen, aber noch nie bin ich über einen Text gestolpert, in dem behauptet würde, dass dieser Salon-Besuch die Geschicke Europas, Frankreichs oder wenigstens der Provence grundstürzend geändert hätte.
Egal.



Seit 1986 – die Älteren unter den Lesern werden sich erinnern: um diese Zeit herum waren Nostradamus' Prophezeiungen plötzlich viel höher in den Bestsellerlisten, als es meine armen Provencekrimis je schaffen werden – seit 1986 jedenfalls begeht Salon-de-Provence jenen Besuch alljährlich im Sommer mit einem mehrtägigen Spektakel. (Der originale Katharina-Nostradamus-G2-Gipfel fand, nun bin ich doch genau, am 17. Oktober 1564 statt. Das aktuelle Fest wurde heuer vom 30. Juni bis 2. Juli zelebriert, aber, eh bien, im Oktober könnte es regnen, und wer will sein Fest schon mit Wassertropfen teilen? Irgendwann werden sie in der Provence noch Weihnachten in den Juli verlegen.)
Das Fest ging neunundzwanzig Jahre lang ungefähr so: Großbürgerliche, nicht ganz uneitle, nicht ganz unreiche Damen und Herren zwängten ihre Leiber in prachtvollste Renaissanceklamotten, dem Nostradamus-Darsteller wurde ein Rauschebart angeklebt und der Papst war auch jedes Jahr dabei, und dann sind diese überstolzen Großbürger in einem historischen Umzug am gaffenden Volk vorbei defiliert, hinauf ins alte Schloss der Stadt. Als hätte sich nichts geändert seit Fünfzehnhundertschlagmichtot.



Seit Salon-de-Provence jedoch einen neuen Bürgermeister hat, dürfen auch weniger Bemittelte mitgehen. (Nein, juchhu, kein Politiker vom Front National: Nicolas Isnard ist ganz bürgerlich bei den Gaullisten und war, echt wahr, Neunzehnhundertschlagmichtot DJ auf unserer Hochzeit.).
Also war unsere Jüngste mitsamt Freundinnen, diversen Müttern und einem tapferen Großvater dabei, als Bauersgirl verkleidet, wenn schon Dritter Stand, dann richtig Dritter Stand. Sie hatte Sonnenblumen und Lavendel in der Hand und Sonne im Herzen und war ungefähr schon Tage vorher rotgesichtig-aufgeregt.




Um einundzwanzig Uhr ging's los: Immer noch eine Katharina, füllig, streng, ganz in Schwarz gekleidet, immer noch ein bärtiger Nostradamus, immer noch ein oller Papst und immer noch wirklich, wirklich cool aussehende Renaissancehöflinge und -damen. Dahiner Ritter auf Rössern, höher als jeder SUV; Bauern auf Karren, die von Eseln gezogen wurden, die munter auf die Straßen kackten; akrobatische Fahnenschwenker aus Salons italienischer Partnerstadt Gubbio; Gestalten auf Stelzen, mit Flöten und Dudelsack, Mitglieder von Kostümgruppen, deren Mädels und Jungs sich denken: Renaissance = Mittelalter = Elben und Orks. Will sagen: grellbunt geschminkte, spitzohrige Darsteller, die so was von einundzwanzigstes Jahrhundert sind, das kann man sich gar nicht vorstellen, die aber mächtig Lärm und mächtig Spaß machen. Und, klar, fast zum Schluss: die Bäuerinnen.



Am Freitag- und am Samstagabend ist unsere Jüngste so durch Salon marschiert. Am Ende war sie ziemlich erschöpft, obwohl eigentlich gar nicht viel passiert ist. Als karnevalserprobter Ex-Rheinländer erwartet man ja instinktiv bei einem Umzug, zu dem sich erwachsene Menschen in irrsten Kostümen verkleiden, Kammelleregen und Bützchengewitter. Nichts da. Die Leute stehen am Gassenrand und bestaunen die prächtig Herausgeputzten, die winken freundlich zurück. Aber, hey, die Stimmung ist großartig: überall dröhnt mehr oder weniger mittelalterliche Musik zwischen den Gassen, in Buden kannst du allerlei Krimskrams kaufen (der Experte sagt: allerspätestes Mittelalter), und die Cafés, Bars und Restaurants sind voll, voller, Salon-de-Provence.
Kurz: Es hat mordsmäßig Spaß gemacht.



Mit dem Renaissance-Umzug beginnt traditionell hier der Kultursommer. In Arles hast Du die besten Fotografen der Welt zu Gast, in La Roque-d'Anthéron die besten Pianisten (siehe Provencebrief vom 20. August 2015; https://provencebriefe.blogspot.fr/2015/08/dienocturnes-von-chopin-klingen-gut.html), in Aix-en-Provence und Orange die tollsten Sänger und überhaupt gibt's Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen, dass einem Augen und Ohren übergehen. (Viele übrigens für lau.) Auch in Salon-de-Provence steht der Rest des Sommers keineswegs unter Kitschverdacht: Mitte Juli werden etwa famose Theatertruppen aus Paris und Grenoble moderne Stücke und Klassiker geben, mitten im Innenhof der Burg aus der Renaissance.

Ganz echt, das alles, und diesmal auch ganz authentisch.

Mittwoch, 17. Mai 2017

Gefährliche Cote Bleue

Capitaine Roger Blanc löst seinen vierten Fall: Sein Job führt ihn an die „Gefährliche Côte Bleue“, die ihm anfangs geradezu beunruhigend ruhig erscheint – und wo er am Ende beinahe sein nasses Grab findet. Der Flic aus dem Norden und sein Kollege Marius Tonon sollen eigentlich bloß auf ein Schiff der Regierung aufpassen, das Froschmänner zu einem geheimen Einsatz auf das Mittelmeer bringt. Es ist Oktober, die Luft schmeckt nach Pinien, im klaren Wasser glitzern seltsame Fische und das Leben ist schön. Doch plötzlich treibt ein unbekannter Taucher in den Wellen, eine Harpune steckt in seinem Kopf...



Voilà, die Côte Bleue ist, jetzt mal extrem unseemännisch formuliert, die Küste links und rechts vom Städtchen Sausset-les-Pins, auf halber Strecke zwischen Camargue und Marseille. Ehrlich gesagt wusste ich lange nicht, ob ich eine Leiche ausgerechnet dort an Capitaine Blanc vorbeitreiben lassen will. Denn einerseits ist dieser von kleinen, steilen Felsbuchten zerfurchte, von Pinien bekrönte, tiefmeerblauumspülte Saum der Provence eine fantastisch schöne Ecke auf dem Globus. Andererseits ist dieser von kleinen, steilen Felsbuchten zerfurchte, von Pinien bekrönte, tiefmeerblauumspülte Saum der Provence eine fantastisch schöne Ecke auf dem Globus.
Kein Tippfehler – sondern mein Autoren-Dilemma.



Ich war vor achtundzwanzig Jahren das erste Mal in den Calanques, so heißen die karstigen Buchten hier, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Berühmter als die Calanques der Côte Bleue sind übrigens die Calanques östlich von Marseille, vom gleichnamigen Nationalpark, der bei Cassis beginnt und sich ein gutes Stück weit Richtung Côte d'Azur hinüberwölbt.
Seither sind wir ständig an der Côte Bleue. In Sommern, in denen es nachts um ein Uhr noch einunddreißig Grad heiß ist, in denen tagsüber gefühlt eine Millionen Zikaden zwischen Piniennadeln sägen und du am Tag und in der Nacht vor Hitze und Lärm kein Auge zumachen kannst. Im Winter, wenn sich der Nachmittag des 1. Januar so licht und mild anfühlt wie ein Frühsommertag und tatsächlich einige Unerschrockene ins Meer springen. Oder, zum Beispiel, im Oktober, wenn selbst empfindsamere Naturen noch durchs badewannenwarme Wasser plantschen und die Temperaturen der Luft bei kreislaufunanstrengenden Mittzwanzigergraden liegen.
Das aber war genau mein Dilemma: Einerseits ist die Côte Bleue ein großartiges Setting, um Capitaine Blanc Verbrecher jagen zu lassen. Andererseits, nun ja, schreit der kleine Egoist in mir: „Kein Wort über die Côte Bleue! Mach diese Küste nicht bekannt! Lass sie im Windschatten der allgemeinen Aufmerksamkeit!“ Am Ende fand ich diesen Kosmos aus Felsen und Meer aber doch einfach zu schön – und zu bedroht, leider. Also musste mein interner Egoist tapfer sein, und ich habe Capitaine Blanc auf eine lange Reise durch Licht und Finsternis geschickt.



Denn es geht um Wracktaucher, die antike Schätze aus dem Meer holen, die sie gar nicht einmal anrühren dürften. Um Fischer, die für ihre Existenz kämpfen. Um Politiker, die absurd hohe Hoffnungen in die, doch, doch, Olympischen Spiele setzen, deren Wettkämpfe hier stattfinden sollen. Und es geht um einen alten, schrecklichen und unfassbarerweise immer noch aktuellen und sehr, sehr realen Skandal. D'accord, keine Spoiler hier und also nichts mehr zum Inhalt.

Roger Blanc entdeckt, das darf ich denn doch verraten, die Côte Bleue an eben einem spätsommerlichen Oktobertag und er verliebt sich sofort in sie, ohne dass er sich das zugeben will. Er riskiert seinen Hals oder zumindest seinen Mageninhalt auf den achterbahnähnlichen Serpentinen, den beinahe einzigen nicht-maritimen Zufahrtswegen zu diesem Paradies. Er lernt Mangetout schmecken. (Was das ist? Kann man googeln oder selber angeln oder an der Côte Bleue in einem bestimmten Restaurant im Dutzend verschlingen.) Und er stolpert in einem Hafen zufällig über ein winziges, halb abgewracktes und mehr oder weniger kapitänloses Segelboot, das nur ein Wahnsinniger kaufen würde. Eh bien, le Capitaine Roger Blanc...
Mit diesem Seelenverkäufer verlassen Blanc und Tonon den sicheren Hafen zu einem Duell auf Leben und Tod vor der provenzalischen Küste, während ein apokalyptisches Gewitter heranrollt. Die Calanque des Roches Sanglantes wird zur Arena für diesen Showdown – und DIESE Calanque findet niemand auf Google Maps. Der Name ist erfunden, um über eine ganz bestimmte Stelle dieser tollen Küste denn doch den Schleier der Diskretion zu ziehen.

Am Ende ist der lange mediterrane Sommer vorüber. Und Roger Blanc fängt im heraufziehenden Herbst mit etwas an, das auch die Pflanzen im heraufziehenden Herbst hier tun: Er schlägt, endlich, Wurzeln in der Provence.

Das ist ja auch schon anderen vor ihm so ergangen. In diesem Sinne...







Donnerstag, 27. April 2017

Der Étang de Berre

In der Provence sind auch einige richtig häßliche Flecken verborgen. Die kann man weitläufig meiden – oder man verliebt sich in sie. Der Étang de Berre, zum Beispiel, ist so ein häßlicher Fleck. Und ich, zum Beispiel, bin einer von den Typen, die diesen häßlichen Flecken trotzdem fantastisch finden.



Der Étang de Berre zwischen Marseille und der Camargue ist der größte Brackwassersee Europas. „Brackwasser“, das klingt schon mal scheiße. Tatsächlich ist das ein See, oder eine geschützte Bucht oder was auch immer, gespeist vom Mittelmeer sowie von der Durance, dem zweitgrößten Fluss Südfrankreichs (und von einigen Bächen dazu). Von Nord nach Süd ist der Étang ungefähr zwanzig Kilometer lang, die West-Ost-Ausdehnung beträgt gut sechzehn Kilometer, fast überall ist er zwischen zwei und sechs Meter tief – eine ziemlich große, ziemlich flache Scheibe Wasser also.
Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Étang de Berre ein in der Alten Welt wohl einzigartiges Biotop, eine Art freiere Variante der Camargue: mehr Wasser, mehr Luft, noch mehr Licht. An die feuchte Umgebung hatten sich zahllose Fische, Muscheln und Vögel angepasst. Flamingos segelten über den Spiegel der Wellen. Schilfgürtel säumten die Ufer, so dass man kaum sagen mochte, wo das Land aufhörte und das Wasser begann. Ein paar pinienbekrönte Hügelketten, kaum eine Kuppe höher als einhundert Meter, schützten diese Welt vor den ärgsten Exzessen des Mistral. Der Meereszugang bei Martiuges wiederum war so eng, dass sich auch Wellen und andere Unbilden des Ozeans hier nur in homöopathischen Größen bemerkbar machten.



Dann wurde der Étang de Berre geopfert, sehenden Auges und kalten Herzens.

Planer der Regierung – in Frankreich ist die Regierung traditionell der wichtigste Player in der dann doch nicht ganz so freien Marktwirtschaft – haben das Biotop, zumindest dessen südliche Hälfte, in den sechziger und siebziger Jahren gnadenlos umgepflügt. Bei Marignane wurde, zum Beispiel, der Flughafen Marseille-Provence wortwörtlich ins flache Wasser hineingesetzt. Nebenan wuchsen die Werkshallen von Airbus Helicopter hoch (Ex-Eurocopter), dem größten Hubschrauberhersteller der Welt. Um Berre, La Fare und Martigues legte sich ein, wortwörtlich, erstickender Ring ultrahäßlicher und teilweise ultragefährlicher Raffinerien. Und zwischen Flughafen und Industrien breitete sich eine Gewerbesteppe aus Tankstellen, ramschigen Baumärkten und drittklassigen Diskotheken aus.
Folge: Die Luft war zum Kotzen, das Wasser auch und in Reiseführern wurde der Étang de Berre entweder ignoriert oder ähnlich freundlich beschrieben wie Seveso und Bophal.

Die nördliche Hälfte jedoch ist nie angetastet worden. Hier ist der Étang eine Welt der unterarmgroßen Fische geblieben, die, warum auch immer, aus dem Wasser springen und sich klatschend zurückfallen lassen. Eine Welt, in der Miesmuscheln wuchern, in der drei, vier Meter hohe Schilfwälder rauschen und Pinien duften, in der Schwäne und Enten brüten und in der die Menschen bloß bescheidene Plätze einnehmen: Miramas-le-Vieux etwa ist eine mittelalterliche Ruinenstadt, die von einigen Restaurantbetreibern, Galeristen und einem genialen Eiscafé erobert worden ist. Neben Istres hängen versteckte Villen an der steilen Küste, als wäre das die Côte d'Azur vor der Erfindung des Massentourismus. Und Saint Chamas ist ein sympathisch-schredderiger Fischerort geblieben, in dessen kleinem Yachthafen ein schredderiger Segler dümpelt – mit dem ich gerne in, nun ja, hohe See steche.



Seit ungefähr zwanzig Jahren kämpfen Naturschützer und Lokalpolitiker zäh um diese 15500 Hektar malträtiertes Feuchtbiotop. Und langsam, ganz langsam, scheinen sie diesen Kampf tatsächlich zu gewinnen. Ihre besten Verbündeten sind ... Wirtschaftskrise und Olympia.
In der Wirtschaftskrise seit 2007ff. sind beispielsweise die Raffinerien implodiert. Ungefähr die Hälfte hat schon dichtgemacht, oft sind Tanks und Rohrleitungen und der ganze Schmu bereits restlos demontiert worden.
Und zugleich bewirbt sich Paris als Austragungsort für die Olympischen Spiele. Sollte die Kapitale tatsächlich den Zuschlag erhalten – dann wird der Étang de Berre Olympiarevier, für manche Segler und Ruderer und andere Wassersportler nämlich. Und nun pumpen Planer in Paris, die einst diese Welt zerlegten, Geld und Knowhow hinein, um sie wieder zusammenzuflicken.
Inzwischen ist das Wasser im Étang de Berre unfassbarerweise schon wieder sauberer als vor vielen Badestränden des Mittelmeeres. Es ist ein Riesenspaß, mit meinem Seelenverkäufer bis in Sicht- und Duftweite einiger Pinien zu segeln, dort den Anker zu werfen und in die Wellen zu springen. Es ist ein Riesenspaß, in Miramas-le-Vieux ein Rieseneis zu schlabbern und dabei der Sonne über der silbrigen Seescheibe beim Untergehen zuzusehen. Es ist ein Riesenspaß, am Samstagmorgen über den Markt von Saint Chamas zu schlendern, wo ich von eingelegten gewürzten Oliven bis zu antiquarischen Krimis fast den ganzen Grundbedarf meines Metabolismus decken kann.




Und, hey, es ist ein Riesenspaß, im Boot ganz still über den Étang de Berre zu gleiten und plötzlich schießen einige lachsfarbene Pfeile über deinen Kopf dahin: Flamingos, die wieder in eleganter Formation über die Welle fliegen, als hätte sie hier nie irgendetwas gestört.


P.S.: Inzwischen hat das Internationale Olympische Komitee Paris den Zuschlag gegeben! Und Los Angeles auch! Äh, tja, jetzt muss sich bloß noch entscheiden, ob der Étang de Berre in sieben oder in elf Jahren Segler, Surfer und Ruderer auf seinen sanften Wellen trägt. Tragen wird er sie...
http://www.lemonde.fr/sport/article/2017/07/12/jo-2024-paris-et-los-angeles-vont-devoir-s-entendre_5159451_3242.html