Freitag, 12. Januar 2018

Sprechen wir einmal über das zweitinteressanteste Thema der Welt nach, äh, Donald Trump: das Wetter. Wollen Sie einmal einen provenzalischen Wetterbericht lesen, obwohl Sie gerade in, sagen wir, Hamburg, Berlin, München, Köln schmachten? Wirklich. Eh bien...
5. Januar, gegen 12.00 Uhr. Sonne, wolkenloser Himmel, leichtester Südwind, achtzehn Grad Celsius im Schatten, aber hier ist weit und breit kein Schatten. Über den Wellen schwebt eine fingerdünne Dunstschicht, das Wasser kräuselt sich höchstens so hoch wie eine ungebügelte Tischdecke, ein Schwarm Gänse zieht majestätisch nordwärts durch den Zenith. Kann ich alles ganz genau beobachten.
Ich war nämlich mit meinem Sohn segeln.
Wie jedes Jahr rund um Silvester. Weil es immer so schön ist.



Wir haben an Bord Mittag gegessen, die Jacken konnten wir wirklich nicht mehr anbehalten, aber Sonnenbrillen waren praktisch und eigentlich hätte uns eine Tube Sonnencreme auch nicht geschadet. Zur selben Zeit saß meine Frau mit den Töchtern übrigens beim Essen auf der Terrasse...
Bei den Blumen und Sträuchern sprießen die ersten Triebe, das Gras schießt in die Höhe, Vögel zwischtern, klar, hey, es ist doch schon Januar!
Ein Klischee?
Nun ja. Einerseits haben wir es in der Provence amtlich: Im abgelaufenen (Rekord-)Jahr 2017 ist Marseille Frankreichs sonnigste Stadt gewesen. („Sonnig“ ist ja ein Attribut, das einem sonst nicht als allererstes zu Marseille einfällt.) Marseille hat es auf 3110 Sonnenstunden im Jahr gebracht, das sind 60 bis 70 Stunden mehr als an der Côte d'Azur oder auf Korsika. Paris hinkt mit 1629 Stunden hinterher, und will wirklich jemand wissen, wieviele es in im bretonischen Brest waren? Gut, tapfer sein: 1257 Stunden.

Andererseits haben wir hier schon im November, während Hamburger Freunde noch tapfer den üblichen Regen ignorierten, morgens die Autos freikratzen müssen. Nachts kann die wunderbare, klare provenzalische Luft nämlich schweinekalt werden. Und das ziemlich rasch.
Das ist eines der ersten Dinge, die jeder Neu-Provenzale lernt: unterschätz den Winter nicht! In der Sonne kann es tatsächlich am frühen Nachmittag bis beinahe zwanzig Grad warm sein. Aber sobald das Gestirn erschöpft hinter den Horizont fällt, rauscht das Thermometer nach unten, als wäre die Quecksilbersäule der Kopf einer Tiefenbohrung. Zehn Grad Temperaturverlust in der ersten Stunde nach Dämmerung – kein Problem. Zwanzig, fünfundzwanzig Grad Verlust bis zur Mitte der Nacht – kein Problem. In den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ging es einmal von nachmittags bis nachts binnen acht Stunden um fast vierzig Grad in den Keller: zwanzig Grad, es wurde bloß das Vorzeichen vertauscht.



Seit ungefähr zwölf Wochen verfeure ich deshalb Abend für Abend ganze Wälder in unserem herrlichen Ofen. Unsere Jüngste hat Körnerkugeln für die Meisen aufgehängt, denn die haben nichts zu picken. Hungrige Wildschweine kommen abends oft und tagsüber leider manchmal auch schon bis nahe ans Haus, um Knollen und was-weiß-ich-noch aus dem Boden zu wühlen. (Meine Frau hat gestern beinahe einen Herzinfarkt erlitten, als sie sich plötzlich mittags zwischen Bäumen Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Eber wiederfand. Zum Glück war dieses Wildschwein gerade aus irgendwelchen Gründen desorientiert und ist erratisch durch die Botanik gerannt, statt zur Attacke überzugehen.)
Deshalb muss man hier zwischen Anfang November und Ende Januar die Sonne genießen, sobald sie da ist: Raus in die Wälder, Küsten, Berge, raus aufs Boot, raus auf die Terrasse, raus in die Cafés und Bistrots, raus, raus, raus! Aber vergiss bloß Mantel und Mütze nicht und immer schön in den Himmel gucken, um zu sehen, wo die Sonne gerade steht. Und immer mal wieder zwischen die Bäume linsen, um nicht über ein Wildschwein zu stolpern.
Der echte Frühling beginnt im Midi normalerweise erst irgendwann im Februar. Dann sind Pflanzen und Tiere in Feierfortpflanzungslaune und der Mensch kann sich etwas entspannter zurücklehnen: Wird schon nicht mehr frieren...
Übrigens sind mein Sohn und ich dann einen Tacken zu spät im Hafen gewesen. Es dämmerte schon, und wir haben mit steifen Fingern und eisigen Füßen die Yacht, nun ja, winterfest gemacht.


P.S.: Wir erinnern uns: 3110 Sonnenstunden 2017 in Marseille. In Hamburg waren es im gleichen Zeitraum 1450. Muss ich noch erkläreDate:Jan. 13, 2018n, warum ich ausgewandert bin? (Besten Dank, Ralph!)

1 Kommentar:

  1. Die 580 Stunden Sonne in Hamburg ist die Summe für den Sommer 2017, der Ganzjahreswert liegt bei etwa (je nach Quelle) 1450 Stunden.
    Was natürlich die Aussage kaum schmälert...

    AntwortenLöschen