Freitag, 16. März 2018


Man kann nicht sagen, dass sich in der Provence die Maler auf den Füßen stehen wie Pendler in der Tokioter U-Bahn. Aber hin und wieder läuft man – zum Glück – auch heute noch dem einen oder anderen Künstler über den Weg. Und ein noch größeres Glück ist es, ihnen bei der Arbeit zusehen zu dürfen und Nachhilfe im Hinsehen zu bekommen: So also fängt man die Farben und das Licht des Midi ein! (Ich habe es hin und wieder auch probiert, aber bin leider nie über das Niveau eines äußerst begrenzt talentierten Grundschülers hinausgekommen.)



Selbstverständlich verehren wir hier die lokalen Heiligen der Zunft, Giganten wie Vincent van Gogh und Paul Cézanne etwa, die, indem sie den Süden malten, gleich auch noch die Kunst revolutionierten. Aber ich will heute einmal eine ehemalige Nachbarin vorstellen, eine wundervolle Frau, die ich, da war sie schon krank, in meinen provenzalischen Anfängen noch kennenlernen durfte.
Adry Novoli stammt aus einer Familie wie aus einem Film von Pagnol: 1940, da ist der Krieg gerade verloren und die Wehrmacht hat einen erheblichen Teil Frankreichs besetzt, wird sie als Adrienne Alberici geboren, als sechstes von zehn Kindern einer italienischen Einwandererfamilie in Marseille. Sie wird Schneiderin, heiratet mit neunzehn Henri Novoli – und bildet sich, da ist sie schon beinahe dreißig Jahre alt, autodidaktisch zur Künstlerin aus. Ein Lebensweg, der selbst in diesen dürren Worten so viel Hochachtung einflößt wie die Karriere eines Astronauten.
Adry und Henri haben sich ein uraltes, tausendfach verwinkeltes Haus an der uns gegenüberliegenden Talseite gekauft und mit eigenen Händen renoviert. Dort im Atelier sind die Ölbilder und Aquarelle entstanden, mit denen Adry Novoli ab den Siebziger Jahren bekannt wurde, zuerst in der Region und später, zumindest bescheiden, im ganzen Land. Sie hat Preise bekommen, war in Galerien und Ausstellungen vertreten, zuletzt regelmäßig im Salon des Indépendants in Paris.



Sie hat gemalt, was sie gesehen hat, oft musste sie bloß vor die Tür gehen, um ihre Motive zu finden: Mandelbäume im Februar, weißrosa Schleier in einer noch winterlich braunen Welt. Zypressen neben einem Mas, wie ausgestreckte schwarzgrüne Finger, die sich neben einem steinernen Gehäuse aus dem Erdreich drängen. Boote im Hafen von La Ciotat, und Wasser und Himmel sind so hell und blau und still, dass Du die Nachmittagshitze spürst. Sie hat auch andere Sujets gemalt, Bilder aus der Bretagne oder von griechischen Inseln etwa, Porträts auch und Stilleben. (Einen sommersatten Mohnblumenstrauß von ihr haben wir meinem Bruder geschenkt.) Aber mir haben es halt die Landschaftsbilder angetan, wahrscheinlich bin ich ein rettungsloser Romantiker.
Adry Novoli ist schon 1996 gestorben, sie hat sich sieben lange Jahre tapfer gegen eine tückische Krankheit gewehrt. Ihr Witwer lebt noch heute hin und wieder im Haus, und ihr Atelier sieht aus, als sei Adry nur mal eben hinunter in ihren Garten gegangen. An den Wänden hängen einige Werke – und unter einem großen, farbbeklecksten Holztisch stehen Kisten voller Bilder, klein und groß, Landschaften und Stilleben, es müssen Dutzende Werke sein.



Noch immer gibt es hin und wieder Ausstellungen zu ihren Ehren. Adry Novolis Bilder hängen bei Sammlern der Region. Aber, mon Dieu, in ihrem Atelier schlummern noch so viele, so herrliche Werke. Manchmal, wenn Henri da ist und ich Zeit habe und ich denke, dass ich mich beherrschen kann, gehen meine Frau und ich ins Atelier und sehen uns diese Schätze an. Schätze, in der Tat... Wir fühlen uns wie Archäologen, die eine Königskammer öffnen, in die seit Generationen niemand mehr hineingesehen hat. Und noch seltener, wenn ich mich nicht beherrschen kann, dann gehe ich rüber, seufze beglückt und gönne mir nach langer Auswahl ein Bild.
Am liebsten würde ich sie alle kaufen.


P.S.: Da wir gerade über Kunst plaudern. In Roger Blancs zweitem Fall in der „Tödlichen Camargue“ spielt ein kleines Kunstmuseum in Saint-Tropez eine gewisse Rolle. Dieses Musée Maly ist herrlich exquisit und hat nur einen winzigen Nachteil: Dieses Museum gibt es gar nicht. Nope. Nada. Habe ich erfunden. Immer mal wieder haben mich Leser nach dem Museum gefragt, tja, 'tschuldigung. Jetzt bereiten sie gerade in New York die amerikanische Ausgabe der „Deadly Camargue“ vor und schon fragen mich die Lektoren, where the hell is this museum?
Um Buße zu tun für alle diese Irreführungen, hier jetzt ein kleines Museum aus Saint-Tropez. Es ist keine Villa, wie das Musée Maly, und hier hängt auch kein van Gogh. Dafür ist das Musée de l'Annonciade in einer ehemaligen Kirche direkt am famosen Yachthafen der berühmten kleinen Luxusstadt untergebracht. Der lokale Industrielle Georges Grammont hat in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts richtig, richtig feine Stücke gesammelt und danach den Bürgersinn gehabt, seine Schätze der Öffentlichkeit zu spenden: Voilà, hier hängt L'Orage von Paul Signac, mit einem Gewitterleuchten, dass Du niederknien möchtest. Ansichten von Marseille und von Sète von Albert Marquet, die eine tibetanische Ruhe ausströmen. Zwei Werke von Raoul Dufy nebeneinander, eine Orgie in Grün und Blau. Dazu schönste Stücke von Georges Seurat, Théo van Rysselberghe, Pierre Bonnard, Henri Matisse, André Derain, Georges Braque, Kees van Dongen und und und, es ist einfach eine Pracht. Alors, das ist zwar nicht mehr die Provence, sondern die Côte d'Azur, aber: Diese Kunst ist jede Grenzüberschreitung wert.

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