Freitag, 13. April 2018


Arles ist die kleinste große Stadt der Provence und die jüngste älteste Stadt obendrein. Klingt, als hätte ich in Arles zu viel Rosé getrunken? Mais non. Die Geschichte geht so: Arles ist ein Propfen auf dem Sumpf, die letzte Stadt an der Rhône, bevor sich der Fluss in der Camargue verströmt.



Auf Arelate, dem „Felsen im Sumpf“, haben schon gallo-keltische Siedler gelebt, dann Griechen und schließlich die Römer: Julius Caesar hat hier Hunderte Veteranen angesiedelt, Legionäre, die für ihn gekämpft hatten und am Ende ihrer Dienstzeit zur Belohnung Land zugeteilt bekommen haben. Die Römer haben in Arles gemacht, was sie überall gemacht haben: Amphitheater und Thermen und Foren und Tempel und was-weiß-ich-noch-alles gebaut, elegant, prachtvoll, technisch gewagt und mit einer Gewährleistungsfrist von zweitausend Jahren.



Im Mittelalter war die Gemeinde bedeutender Bischofssitz, Pilgerort – und Totenstadt. So wundertätige Heilige haben hier gewirkt, dass die Leute ihre toten Angehörigen in schwimmenden Särgen die Rhône hinunter treiben ließen, in der Hoffnung, dass eine fromme Hand sie bei Arles herausfischt und die Gebeine dort auf Les Alyscamps beerdigt. Schließlich ist dieser Friedhof mit seinen nebeneinander, aufeinander, quer-drüber-gelegten-ich-hab-jetzt-auch-keinen-Platz-mehr-Särgen zu einem Open-Air-Lagerraum der Gewesenen mutiert, an dessen Ende die Geistlichen eine riesige Kirche errichten wollten. Aber, ach, der Herr verließ die Frommen, es fehlte Kraft und wohl auch Geld und so ist dieses Gotteshaus ein Torso geblieben, ein unfertiges, zerbombt wirkendes, archaisch-wuchtiges Gebäude wie aus einem coolen Fantasyfilm.



Im 19. Jahrhundert verirrte sich schließlich noch eine ganz andere gequälte, da aber gerade noch lebende Seele nach Arles: Vincent van Gogh hat hier etliche seiner schönsten Bilder geschaffen, bevor er sich in einem kargen Zimmer in Arles sein Ohr ... wissen wir. Zu seiner Zeit war die in der Antike und im Mittelalter so bedeutende Stadt allerdings leider schon zum Provinzkaff hinunter gesunken, mit der Eisenbahn hat der Maler fünfzehn Stunden gebraucht, um von Paris bis hierhin zu gelangen.



Heute ist die Stadt, siehe oben, klein (nun ja, relativ klein, wir kommen weiter unten im Text noch einmal darauf) – einerseits. Die Altstadt ist ein Gassengewirr am Ostufer der Rhône, das auch ein fußkranker Tourist in einer halben Stunde durchmessen kann. Mit allen Vororten zusammen kommt die Gemeinde auf etwas mehr als 50 000 Einwohner. Andererseits, ah oui, andererseits wirkt Arles ungeheuer groß – weil man hier von einem Monument zum anderen stolpert und mehr davon bestaunen kann, als in den meisten Metropolen dieser Welt.



Arles war in der Antike eine richtig hippe Stadt und sogar zeitweise Hauptstadt Westroms. Hier haben Kaiser residiert, und das ist ja nicht gerade das, was so jede dahergelaufene Stadt von sich behaupten kann. Das Amphitheater ist eine Steinschüssel auf dem einzigen Hügel von Arles, kleiner als das Kolosseum in Rom, aber besser erhalten, ein graues Oval, eine Orgie geschwungener Bögen in Horizontale und Vertikale.

Das antike Theater ist ein erhabener Trümmerhaufen, man glaubt, man könnte von den obersten Rängen des Amphitheaters gleich bis hierhin springen, so nah ist das. Die Konstantinsthermen stehen am Ufer der Rhône, die Kryptoportiken sind finstere, gruselige, rätselhafte Gewölbe, die antike Baumeister aus mysteriösen Gründen in den Felsen mitten unter der Stadt getrieben haben.



Aus dem Mittelalter grüßt, zum Beispiel, die Kirche Saint-Trophime mit ihrem steinernen Riesencomic im Portal. Wer hier hindurchschreitet, der beugt sein Haupt nicht bloß vor Jesus dem Weltenrichter und diversen Heiligen, der duckt sich auch vor einem herausgemeißelten Löwen, der einen unglücklichen Mann mit der Pranke niedergeschlagen hat – und, weiter drinnen im dann doch nicht ganz so friedlichen Gotteshaus, schlendert man durch einen Kreuzgang, in dessen Kapitellen halbnackte Nixen ihr Unwesen treiben und gepanzerte Ritter, die kleine Kinder erschlagen. Und man fragt sich, was die Mönche wohl einst gedacht haben mögen, die hier singend und betend durch diese Welt aus Licht und Schatten schritten.



Ich mag an Arles, dass sie hier nicht einen goldenen Zaun um ihre Monumente schlingen, sondern einfach weitermachen wie bisher: Im Amphitheater, beispielsweise, haben sich einst zur Gaudi des Publikums Gladiatoren niedergemetzelt. Heute stechen Matadore dort Kampfstiere bei spanischen Corridas ab. (Arles gehörte mal zu Katalonien, sagt es den Separatisten dort.) Nicht, dass ich diese Stierkämpfe gut finde (die unblutigen provenzalischen schon), aber ich finde es halt bemerkenswert, dass eine Riesenschüssel aus Stein und antikem Mörtel auch nach zweitausend Jahren immer noch zum ungefähr gleichen Zweck benutzt wird. Zweitausend Jahre!

Im antiken Theater nebenan geben sie heute Open-Air-Konzerte, was, wenn man sich das genau überlegt, auch nicht so großartig anders ist als das, was sie hier zu Augustus' Zeiten dargeboten haben. Und eines der besten Hotels am Platz ist einfach in den Ruinen eines antiken Tempels hineingebaut worden, zwei glänzende Säulen stehen noch heute in jenem Mauerwerk am Empfang, wo man sich anmelden kann, und so treffen hier antiker Götterkult und Booking.com ganz zwanglos aufeinander.



Arles ist, siehe Trümmerliste oben, deshalb so was von alt – einerseits. Andererseits ist die Stadt wahnsinnig jung. Hier werden Frankreichs, ja der Welt beste angehende Fotografen an der École Nationale Supérieure de la Photographie ausgebildet. (Demnächst in einem ultramodernen Superbau fast direkt neben den steinernen Sarkophagen von Les Alyscamps.) Jeden Sommer findet hier das berühmte Fotofestival statt. Und so stolpert man in den Gassen über junge, kreative, verträumte und auf jeden Fall dezidiert unlangweilige Fotografen und über Galeristen, die Werke von Newcomern und Weltstars ausstellen.



Arles ist darüber, ein Wunder im Paris-zentrierten Frankreich, in den letzten drei Jahrzehnten zum Weimar an der Rhône geworden, zu einer kleinen Stadt im Irgendwo, die es irgendwie geschafft hat, ein Kraftwerk der Kultur zu werden. Actes Sud residiert zum Beispiel auch hier, ein Verlag, der inzwischen mehr Bücher (und mehr Nobelpreisträger) vorweisen kann als viele Häuser an der Seine. Und zu Actes Sud zählen eine wundervolle Buchhandlung, ein Kino, ein Kulturzentrum und, gewissermaßen, denn die Verleger haben sie gegründet, eine der wenigen Reformschulen im Midi. Was Wunder, dass der weibliche Part des Actes Sud besitzenden Paares schließlich doch nach Paris entfleucht ist: die Verlegerin Françoise Nyssen ist Kulturministerin unter Macron, und sie ist garantiert nicht die schlechteste Dame in der Regierung.

Ach ja, Arles als kleine-große Stadt: zur Gemeinde gehört auch ein erheblicher Teil der Camargue. Da wohnen zwar nur Flamingos und weiße Pferde, aber das macht nichts: Mit mehr als 750 Quadratkilometer ist Arles die flächenmäßig größte Stadt Frankreichs (wenn man die Überseegebiete nicht mit berücksichtigt) und damit viel, viel größer als dieses Kaff mit dem Eiffelturm...

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