Donnerstag, 27. April 2017

Der Étang de Berre

In der Provence sind auch einige richtig häßliche Flecken verborgen. Die kann man weitläufig meiden – oder man verliebt sich in sie. Der Étang de Berre, zum Beispiel, ist so ein häßlicher Fleck. Und ich, zum Beispiel, bin einer von den Typen, die diesen häßlichen Flecken trotzdem fantastisch finden.



Der Étang de Berre zwischen Marseille und der Camargue ist der größte Brackwassersee Europas. „Brackwasser“, das klingt schon mal scheiße. Tatsächlich ist das ein See, oder eine geschützte Bucht oder was auch immer, gespeist vom Mittelmeer sowie von der Durance, dem zweitgrößten Fluss Südfrankreichs (und von einigen Bächen dazu). Von Nord nach Süd ist der Étang ungefähr zwanzig Kilometer lang, die West-Ost-Ausdehnung beträgt gut sechzehn Kilometer, fast überall ist er zwischen zwei und sechs Meter tief – eine ziemlich große, ziemlich flache Scheibe Wasser also.
Bis vor wenigen Jahrzehnten war der Étang de Berre ein in der Alten Welt wohl einzigartiges Biotop, eine Art freiere Variante der Camargue: mehr Wasser, mehr Luft, noch mehr Licht. An die feuchte Umgebung hatten sich zahllose Fische, Muscheln und Vögel angepasst. Flamingos segelten über den Spiegel der Wellen. Schilfgürtel säumten die Ufer, so dass man kaum sagen mochte, wo das Land aufhörte und das Wasser begann. Ein paar pinienbekrönte Hügelketten, kaum eine Kuppe höher als einhundert Meter, schützten diese Welt vor den ärgsten Exzessen des Mistral. Der Meereszugang bei Martiuges wiederum war so eng, dass sich auch Wellen und andere Unbilden des Ozeans hier nur in homöopathischen Größen bemerkbar machten.



Dann wurde der Étang de Berre geopfert, sehenden Auges und kalten Herzens.

Planer der Regierung – in Frankreich ist die Regierung traditionell der wichtigste Player in der dann doch nicht ganz so freien Marktwirtschaft – haben das Biotop, zumindest dessen südliche Hälfte, in den sechziger und siebziger Jahren gnadenlos umgepflügt. Bei Marignane wurde, zum Beispiel, der Flughafen Marseille-Provence wortwörtlich ins flache Wasser hineingesetzt. Nebenan wuchsen die Werkshallen von Airbus Helicopter hoch (Ex-Eurocopter), dem größten Hubschrauberhersteller der Welt. Um Berre, La Fare und Martigues legte sich ein, wortwörtlich, erstickender Ring ultrahäßlicher und teilweise ultragefährlicher Raffinerien. Und zwischen Flughafen und Industrien breitete sich eine Gewerbesteppe aus Tankstellen, ramschigen Baumärkten und drittklassigen Diskotheken aus.
Folge: Die Luft war zum Kotzen, das Wasser auch und in Reiseführern wurde der Étang de Berre entweder ignoriert oder ähnlich freundlich beschrieben wie Seveso und Bophal.

Die nördliche Hälfte jedoch ist nie angetastet worden. Hier ist der Étang eine Welt der unterarmgroßen Fische geblieben, die, warum auch immer, aus dem Wasser springen und sich klatschend zurückfallen lassen. Eine Welt, in der Miesmuscheln wuchern, in der drei, vier Meter hohe Schilfwälder rauschen und Pinien duften, in der Schwäne und Enten brüten und in der die Menschen bloß bescheidene Plätze einnehmen: Miramas-le-Vieux etwa ist eine mittelalterliche Ruinenstadt, die von einigen Restaurantbetreibern, Galeristen und einem genialen Eiscafé erobert worden ist. Neben Istres hängen versteckte Villen an der steilen Küste, als wäre das die Côte d'Azur vor der Erfindung des Massentourismus. Und Saint Chamas ist ein sympathisch-schredderiger Fischerort geblieben, in dessen kleinem Yachthafen ein schredderiger Segler dümpelt – mit dem ich gerne in, nun ja, hohe See steche.



Seit ungefähr zwanzig Jahren kämpfen Naturschützer und Lokalpolitiker zäh um diese 15500 Hektar malträtiertes Feuchtbiotop. Und langsam, ganz langsam, scheinen sie diesen Kampf tatsächlich zu gewinnen. Ihre besten Verbündeten sind ... Wirtschaftskrise und Olympia.
In der Wirtschaftskrise seit 2007ff. sind beispielsweise die Raffinerien implodiert. Ungefähr die Hälfte hat schon dichtgemacht, oft sind Tanks und Rohrleitungen und der ganze Schmu bereits restlos demontiert worden.
Und zugleich bewirbt sich Paris als Austragungsort für die Olympischen Spiele. Sollte die Kapitale tatsächlich den Zuschlag erhalten – dann wird der Étang de Berre Olympiarevier, für manche Segler und Ruderer und andere Wassersportler nämlich. Und nun pumpen Planer in Paris, die einst diese Welt zerlegten, Geld und Knowhow hinein, um sie wieder zusammenzuflicken.
Inzwischen ist das Wasser im Étang de Berre unfassbarerweise schon wieder sauberer als vor vielen Badestränden des Mittelmeeres. Es ist ein Riesenspaß, mit meinem Seelenverkäufer bis in Sicht- und Duftweite einiger Pinien zu segeln, dort den Anker zu werfen und in die Wellen zu springen. Es ist ein Riesenspaß, in Miramas-le-Vieux ein Rieseneis zu schlabbern und dabei der Sonne über der silbrigen Seescheibe beim Untergehen zuzusehen. Es ist ein Riesenspaß, am Samstagmorgen über den Markt von Saint Chamas zu schlendern, wo ich von eingelegten gewürzten Oliven bis zu antiquarischen Krimis fast den ganzen Grundbedarf meines Metabolismus decken kann.




Und, hey, es ist ein Riesenspaß, im Boot ganz still über den Étang de Berre zu gleiten und plötzlich schießen einige lachsfarbene Pfeile über deinen Kopf dahin: Flamingos, die wieder in eleganter Formation über die Welle fliegen, als hätte sie hier nie irgendetwas gestört.


P.S.: Inzwischen hat das Internationale Olympische Komitee Paris den Zuschlag gegeben! Und Los Angeles auch! Äh, tja, jetzt muss sich bloß noch entscheiden, ob der Étang de Berre in sieben oder in elf Jahren Segler, Surfer und Ruderer auf seinen sanften Wellen trägt. Tragen wird er sie...
http://www.lemonde.fr/sport/article/2017/07/12/jo-2024-paris-et-los-angeles-vont-devoir-s-entendre_5159451_3242.html

Donnerstag, 30. März 2017

Rosmarin im provenzalischen Garten

Ein Rosmarin wächst bei uns im Garten. Der Strauch hat sich mehr oder weniger selbst bei uns zum Dauergast gemacht, vielleicht haben ihn seine Kollegen wegen Überfüllung aus dem nahen Wald gekickt – das zähe Zeug wuchert nämlich überall. Inzwischen ist unser Gartengenosse fast schon zwei Meter hoch und genauso ausladend. Im Moment geht in seinem würzig duftenden Gesträuch die Party ab: Bienen, Hummeln, Wespen und irgendwelche daumennagelgroßen schwarzen Brummer undefinierbarer Abkunft balgen sich summend und tanzend um die tausend Blüten.
Dabei müssten sie sich gar keinen Stress machen, die Auswahl wird nämlich Tag für Tag größer.



Frühling in der Provence, das bedeutet: Du gehst an einem Tag durch die Landschaft und freust dich mal wieder, dass der Winter so mild ist. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint sanft und auf Wald und Wiese ist nichts los.
Und am nächsten Tag ist alles bunt.
Unfassbar, gerade noch war da nichts, auf einmal sind die Baumkronen grün. Kirschen und Pfirsiche und Aprikosen blühen weiß und rosa und rot und violett und überhaupt so verrückt, dass man das lieber nicht malen will, aus Angst, für einen Kitschkünstler gehalten zu werden. Die Iris stülpt sich lila aus dem Boden, Fenchel und Ginster blühen bald, an den Zypressen hängen die Früchte und auf den Wiesen in feuchteren Niederungen stehen eine Millionen Gänseblümchen stramm.



Das ist der März und das wird – mit Oleander und Distel, Kerbel und Thymian, Mohn und, klar doch, Lavendel (und noch vielen anderen Pflanzen) – in allen Farben, Größen und Duftnoten so weiterwuchern bis zum November.
Erst wenn man diese Frühjahrsexplosion ein paar Mal erlebt hat, schärfen sich die Sinne. Erst dann lässt man sich weniger leicht überwältigen von der schieren Pracht, die scheinbar über Nacht erblüht. Denn tatsächlich beginnt der Frühling hier im Februar und zur Hölle mit dem Frühlingsanfang am 20. März.


Da leuchtet zum Beispiel der Mandelbaum schon sehr früh in zartestem Rosa. Ursprünglich wuchsen mal Tausende Bäume in der Provence. Irgendwann hat es sich wirtschaftlich nicht mehr gelohnt, die Nüsse zu ernten, die wunderschönen Bäume mussten gewinnorientierteren Pflanzen weichen. Erst seit wenigen Jahren erlebt die Mandel eine Renaissance. Aktivisten pflanzen ganze Wälder neu, etwa am Südrand der Alpilles, nahe bei Les Baux. (Du willst ein tolles Fotomotiv? Fünf, sechs, sieben Kilometer vor Les Baux im Februar – eine weite Senke, blühende Mandelbäume, im Hintergrund die schroffe, weißgraue Felsenklippe mit der archaischen Burgruine. Mal was anderes als der ewige Lavendel, der sowieso erst richtig im Juli oder August blüht.)
So richtig viele Bäume gibt es bei uns, ein paar Kilometer weiter südlich, noch nicht wieder, leider. Ein tapferer Mandelbaum immerhin aber steht zwischen versteckten Weinstöcken im Wald. Der Wein wird zum Winter hin kurz geschnitten, der Boden ist frei geharkt, das Ganze sieht schön holzig-braun und winterig aus. Ich jogge da öfter vorüber und denke mir nichts bei – bis plötzlich, mitten im tristen Wein, eine rosafarbene Wolke aufleuchtet. Der Mandelbaum steht ganz allein da und er blüht schon und es ist Februar und ich weiß, der Winter ist vorüber.



Ein anderer früher Frühlingsbote ist, genau, der Rosmarin. Im Gartenhandbuch steht, Rosmarin würde „ganzjährig blühen“. Hm. Unser Kumpel fängt im Februar damit an. Ros marinus haben ihn die Alten genannt, „Meertau“. Im Lexikon liest man dazu, das kommt, weil er rund um das Mittelmeer wächst und weil sich in seinem feinem Gehölz morgens der Tau fängt.
Der eine oder andere Eingeborene hier sagt, dass der Name „Meertau“ eigentlich aus dem Mittelalter stammt und das der „Tau“ eigentlich „taufrisch“ bedeuten soll und dass damit eigentlich gemeint ist, dass man ewig jung bleibt, wenn man nur genug Rosmarin isst. (Er zählt in der Tat zu den „Kräutern der Provence“, aber, hey, riesige Mengen würde ich davon nicht auf einmal vertilgen. Muss aber jeder selbst für sich herausschmecken.)

Wie auch immer: Auch der Rosmarin blüht im Februar. Und er duftet wie irre. Und er wimmelt von emsigem Insektenleben. Und der Frühling ist da und das Jahr wird schön.

Montag, 27. Februar 2017

Essen in der Provence

Essen in Frankreich, ahhh! Bei der Grande Nation ist vielleicht die Grandeur ein ganz klein wenig geschrumpft: Die Force de Frappe schützt irgendwie nicht gegen Angriffe, Camus und Sartre sind schon lange tot, Citroën baut keine göttlichen Limousinen mehr und es gab in Paris auch schon mal weniger Politiker, die Ärger mit der Justiz hatten. Aber, bon appétit, die Grande Nation bleibt eine Grande Cuisine.
Bocuse und Co. bleiben die weißbekittelten Götter im Pantheon, der Guide Michelin ist ihr Messbuch und Dutzende hochopulente Rezeptschmöker verkünden immer aufs Neue die Heiligenlegenden aus den Fresstempeln der Republik. Wenn in französischen Filmen nicht gerade nackte Menschen aufeinander liegen, dann sitzen sie beisammen und reißen entweder Witze über nordfranzösische Mundart oder philosophieren hochvage und melodramatisch herum – auf jeden Fall aber schaufeln sie beim Reden noch Unmengen an Köstlichkeiten und Kalorien in sich hinein. Stimmt das Klischee?
Klar.



Selbstverständlich gibt es auch bei uns McDoof und Würger King und schreckliches Übergewicht. Doch das gepflegte Essen – also vor allem und eigentlich das Abendessen – bleibt der Angelpunkt so ziemlich jeder französisch-menschlichen Beziehung. Schon Oberstufenschüler und Studenten kochen irgendetwas zusammen oder hocken stundenlang im Bistrot. Und danach geht es so weiter, immer weiter, und wenn du hochbetagt und schwerdement fast alles vergessen hast, dann ist das (betreute) Essen immer noch irgendwie wichtig. Ich habe die Statistiken gerade nicht zur Hand (ihre genauen Zahlen sind auch eigentlich nicht so bedeutsam), aber der Durchschnittsfranzose verbringt viel mehr Zeit mit dem und gibt ein viel größeres Budget für das Essen aus als sein Gevatter auf der anderen Seite des Rheins.

Nur: Gastro-Porn ist das nicht. Es soll Frankreichkrimis geben, die zur Hälfte aus Rezepten bestehen. Und manche Freunde besuchen uns in der Küche mit Notizheft und Kamera, im festen Willen, die berühmten köstlichen Rezepte mit zu stenografieren und zu fotografieren. Welche Enttäuschung dann, denn das Kochen ... „passiert einfach so.“
Treffen sich ein paar Freunde, dann bringt jeder etwas mit. Danach stellt man sich in die Küche, schwatzt und lacht und panscht die Sachen zusammen – nach Gefühl oder zumindest ohne großes Nachdenken, weil man das, siehe oben, ja halt schon seit Kindheitstagen gemacht hat. Beim Hin- und Hergehen greift man sich Teller oder Gläser und plötzlich ist auch der Tisch gedeckt. Und irgendwie ist der Wein geöffnet worden und irgendwann fängt es an und dann hört es einfach nicht mehr auf. Kein Mensch guckt in ein Kochbuch (oder stellt gar einen iPad auf den Eichentisch), höchstens hat der eine Kumpel einen Trick drauf, den sich die anderen dann angucken und für den Rest ihrer Tage behalten werden.
Beinahe von alleine duften dann Bouillabaisse oder Soupe au Pistou oder Gardianne de Taureau oder Aïoli durchs Haus. Und da die Mittelmeeranrainer nicht weit sind und die Provence seit jeher Einwandererland ist, gehören Couscous und Merguez und Paëlla längst auch zu unseren Nationalgerichten.




Es ist auch weder schwer noch teuer noch romantisch, an die Zutaten zu kommen. Die wundertätigen „Kräuter der Provence“ wachsen gratis und in unfassbaren Mengen im Wald direkt hinterm Haus, der Winzer ist beinahe ein Nachbar, die Olivenölkooperative ist nicht weit, Gemüse und Eier gibt's beim Bauern oder auf dem Markt, und das Lammfleisch kaufen wir bei Eltern aus der Klasse unserer Jüngsten, denn Schäfer ist hier so ein Allerweltsjob wie Journalist in Hamburg.
Dann wird getafelt und getafelt und getafelt. Denn vom Apéritif bis zum Dessert – stets wird mehr aufgetragen, als auch der gutwilligste und dehnungsfähigste Bauch aufnehmen könnte. Macht nichts: Die Reste werden einfach am nächsten Tag gegessen, und manche – etwa die Soupe au Pistou – schmecken beim Aufwärmen noch etwas köstlicher als beim ersten Kochen.
Und irgendwann ist es spät und selbst die Zikaden haben aufgehört zu Sägen und alle philosophischen Fragen sind geklärt und alle Lacher sind gelacht und alle sind erschöpft und eigentlich bleibt nur noch eine einzige Frage zu klären.

Bei wem essen wir das nächste Mal?

Freitag, 20. Januar 2017

Niolon, die vergessene Festung neben Marseille

Niolon ist ein winziges Fischerdorf an der Côte Bleue, ein Paradies für Segler, Schnorchler, Wanderer, Kletterer – und die Jungs und Mädels vom Bund der Steuerzahler.




Steuereintreiber arbeiten im zweitältesten Gewerbe der Welt, und wahrscheinlich werden selbst im ältesten Gewerbe die Einnahmen nicht so üppig verschwendet wie die Steuergelder. Und Niolon nun, jenes verlorene Kaff im Windschatten von Marseille, bietet ein besonders grandioses, wahnwitziges und heute fantastisch malerisches Beispiel dafür, wie ein Staat, nein, wie gleich zwei Staaten in zwei Jahrhunderten mal so richtig, richtig viel Geld für nichts verbrennen konnten.
Die Côte Bleue ist, Nautiker und Geographen mögen mir diese gröbste Vereinfachung nachsehen, jener doppelt geschwungene, einige Dutzend Kilometer lange Küstenbogen zwischen Marseille und dem Saum der Camargue. Felsen, so rau, dass sie beim Klettern die Hände aufreißen, wachsen hier fünfzig, hundert Meter aus dem Mittelmeer, werfen sich zu Steilküsten auf, falten sich in schmalste Buchten zusammen, rollen kilometerweit landeinwärts und haben dabei die Garrigue als Kopftuch übergezogen, ein karger Stoff aus Gesträuch und ein paar zähen Pinien. Kein Boden für Getreide oder Wein, nicht einmal Olivenbäume fressen sich in diesen Grund. Kaum Trassen für Wege oder gar Straßen. Kaum ein Flecken ebenes Grundstück, auf dem man wenigstens eine Hütte errichten könnte.
So ist die Côte Bleue Jahrhunderte lang eine Art Mecklenburg-Vorpommern der Provence gewesen: karg und leer und arm und unbedeutend und ganz am Rand gelegen. Ein paar Fischer haben sich in Buchten wie der von Niolon niedergelassen, die mit flachen kleinen Booten sehr gut, sonst aber so gut wie gar nicht zu erreichen waren. Die Côte Bleue war eine Steppe, eingeklemmt zwischen Mittelmeer und Provence.
Dann kamen die Preußen.

Das heißt: die Preußen kamen nicht. Aber sie hätten kommen können. Oder sie hätten kommen können wollen. Oder statt der Preußen hätten andere kommen können wollen. Oder ... putain, die Geschichte ist kompliziert, geht aber im Prinzip so: 1871 verliert Frankreich den Krieg gegen Preußen-Deutschland. Bismarck und Wilhelm I. im Spiegelsaal zu Versailles, Katzenjammer in Paris. So eine Schlappe sollte nie, nie, nie wieder vorkommen. Die Lösung? Festungen!
Nach 1871 hat sich die Dritte Republik einen Panzer aus Bunkern und Forts umgeschnallt, moderne Burgen aus Beton und Stein, gespickt mit MG-Stellungen und großkalibrigen Kanonen, aber, wie einstens zur Ritterzeit, noch immer geschützt mit Mauern und Gräben. In Verdun, zum Beispiel, sind dann tatsächlich im nächsten Krieg beim Ringen um eben jene Festungen Zehntausende verblutet.



Aber an der Côte Bleue? Mais oui! Marseille ist eine große Stadt, ein bedeutender Hafen. Da mag ein Feind herangerauscht kommen. Aber sollte Monsieur Bismarck mit seinen Pickelhauben zukünftig über das Mittelmeer wandeln, dann aber, ja dann!, dann wird man ihn mit einem Feuerwerk empfangen...
Und so haben Pioniere, Ingenieure, Arbeiter westlich und östlich von Marseille - und auf den Inseln mitten in der Bucht auch noch dazu - im späten 19. Jahrhundert Forts auf die Felskuppen gepflanzt. Und kaum eines war so mächtig wie das hundert Meter über eben jenem verschlafenen Fischerdorf Niolon. Eine Batterie mit sechs panzerbrechenden Geschützen, Laufgräben, Munitionskammern, Schlafsäle, Küchen, türkische Toiletten und Offiziersmessen, alles wurde binnen weniger Jahre in der Garrigue errichtet, mit Granaten und Vorräten bestückt, mit Uniformierten bemannt.
Allein, welche Überraschung: Die Preußen haben bei ihren verdammten Kriegen niemals den Umweg übers Mittelmeer genommen...
Keinen Schuss hat die mit solchen unendlichen Mühen und mit wahrscheinlich beinahe unendlich viel Steuergeldern errichtete Festung von Niolon je auf einen Feind abgegeben, nicht einmal einen lächerlichen kleinen Warnschuss. Nichts, rien, es hat sich niemals ein Feind in diese Ecke verirrt.

Oder besser: Irgendwann hat sich der Feind denn doch verirrt, aber er kam leider aus einer Richtung, in die man die schweren Geschütze gar nicht hätte schwenken können. Der Feind kam nämlich vom Norden her durch die Büsche spaziert, statt in die Bucht hinein zu dampfen und sich dort gefälligst versenken zu lassen.
Im Zweiten Weltkrieg ist die Wehrmacht bekanntlich ganz konventionell über Land ins Land gekommen. (Warum gibt es in Frankreich so viele Alleen? Damit die deutschen Truppen im Schatten marschieren können.) Doch als die Stahlhelme – nach einer gewissen Schamfrist wegen des Vichy-Regimes – Südfrankreich schließlich besetzt hatten, da haben sie, jawoll, 1942ff. auf die alte und inzwischen technisch überholte Festung von Niolon einfach neue Bunker draufgesetzt. Wortwörtlich. Die Wehrmacht hat Betondächer auf das alte Fort gegossen, schwer gepanzerte Stellungen kurzerhand ein Stockwerk auf die alten Strukturen gesetzt und über die Stahlringe, auf denen sich die französischen, nun obsoleten Geschütze drehten, neue Stahlringe gelegt, in denen sich die deutschen Geschütze drehten.
Und niemals schossen.
Denn, tja, 1944 kam zwar der Feind, aber irgendwie kam er nicht übers Meer, das heißt, eigentlich kamen die Alliierten schon auch über das Mittelmeer, aber irgendwie nicht schussfertig, auf jeden Fall nicht so, dass von Niolon aus das Feuer hätte eröffnet werden können, sollen, müssen und, hach, die Geschichte ist halt kompliziert.
Seither jedenfalls erhebt sich auf einem malerischen Felsen inmitten der malerischen Garrigue hoch über der malerischen Bucht von Marseille und dem malerischen Fischerdorf Niolon eine, na ja, immerhin bemalte Kriegsruine. Für den Aufbau der Festung war Steuergeld da, für den Abbau niemals. Seit Jahrzehnten nun modert und bröckelt das Fort von Niolon vor sich hin, ein Paradies für Graffiti-Sprayer und Leute, die gerne am Lagerfeuer sitzen und Bier trinken. Eine Ruine von Größenwahn und Paranoia aus jener finsteren Epoche, wegen der man danach die Europäische Union erfunden hat. (Wird heute gerne wieder vergessen.)



Diesen Winter sind wir, eher zufällig, innerhalb von ein paar Tagen gleich zweimal dorthin gestiegen. Von Niolons Hafen geht es einen wadenbeißend steilen Weg hinauf, durch die Garrigue ist es länger und entspannter. Der Mistral hat sich so sehr ausgetobt, dass uns die Tränen kamen. Das Fort ist eingefallen, gelinde überwuchert, meistens reichlich verlassen. Kein Museum, kein Denkmal, einfach ein paar Trümmer, die in der Landschaft herumstehen. Mauer und Graben erfüllen noch immer ganz gut ihren Zweck – man kommt in den verdammten Klotz gar nicht so einfach hinein.
(Verraten Sie nicht, dass Sie es von mir haben: Es liegen, warum auch immer, ein paar verbogene, längst vergessene Absperrgitter vor dem Fort. An einer Stelle in der Marseille zugewandten Seite hat der Zahn der Zeit bereits eine Bresche in die Mauer genagt. Da legt man die Absperrgitter hochkant an und klettert über diese nicht hundertprozentig sichere, improvisierte Leiter hinein. Im Innern ist auch nichts kindergesichert: Manche Räume sind düster, andernorts sind die Böden stellenweise eingebrochen und niemand kann garantieren, dass die von der salzhaltigen Luft zerfressenen Betondecken über Ihrem Kopf ewig halten werden...)
Eine Betontreppe hat uns denn auch bis zur allerhöchsten Stellung geführt, dem deutschen Bunker auf dem französischen Bunker. Die Treppe war nach all den Jahrzehnten noch erstaunlich in Ordnung, nur leider sehr schmal und dem leider mit etwa hundert Stundenkilometer wehenden Mistral voll ausgesetzt. Und irgendwie hatten die deutschen Pioniere es seinerzeit nicht für nötig gehalten, ein Geländer an die Stufen zu schrauben. So mussten wir, um nicht in die Tiefe geblasen zu werden wie lästige Staubflocken, auf allen Vieren über die Treppe hochkriechen.




Et voilà! Irgendwann zahlt sich jede Steuerverschwendung aus, wird jede Festung zur Idylle und jeder Wahntraum zum genialen Standpunkt. Von Niolons Fort schweift der Blick des unerschrockenen Besuchers nämlich auf die Bucht, ein Blick, wie ihn früher nur ein paar Kanoniere gehabt haben: Das Meer ist so blau, dass man schreien möchte vor Glück, der Wind schickt silberne Wellen über das Wasser, der freigewaschene Himmel lässt einen wieder an Gott glauben und am Horizont leuchtet Marseille.


Montag, 19. Dezember 2016

Weihnachtsschmuck in der Provence

Sollten jemals Aliens Mitte Dezember die Erde ansteuern, dann werden sie garantiert in der Provence landen. Denn zu aaahhh, voilà, Noël! erstrahlt noch das hinterletzte mittelalterliche Kaff in LED-Kaskaden, die bis zu Alpha Centauri leuchten. Ich vermute, dass das, was den Leuten heute an Glauben fehlt, in Lichterketten wettgemacht wird. Je atheistischer die Bürgerschaft, desto bombastischer der Christschmuck auf, über und neben den Straßen. (Nirgendwo blinken so viele Bethlehemsterne und Weihnachtsmänner über dem Asphalt wie in den von Kommunisten regierten Städten am Étang de Berre.)



Dabei gedieh in der Provence Jahrhunderte lang eine Tradition (und sie gedeiht glücklicherweise noch immer), die viel intimer, freundlicher, ja sogar, eher untypisch für Weihnachten, viel witziger ist als sonst irgendwo in Europa: die der crèche, der guten, alten Krippe.
Die meisten Familien hier stellen jedes Jahr eine crèche auf: Ein provenzalisches Haus, ein Stall, vielleicht ein Turm, eine Brücke, manchmal ein ganzes Dorf mit Marktplatz und Fischerhafen. Die Gebäude sind heute aus Ton gefertigt, früher wurden sie aus allen möglichen Materialen zusammengebastelt. Wir richten uns stets eine inzwischen ramponierte Holz-und-Stroh-Konstruktion eines, soweit wir uns noch erinnern können, Großvaters ein, die irgendwie auf uns gekommen ist. Sie hat sogar eine Glühbirne von Anno Tuff mit zwei stromführenden Drähten, die jedem Feuerwehrmann die Tränen in die Augen treiben würden. Zwischen die Gebäude legen wir Moosplatten. Das Moos wird in ungefähr handgroßen Stücken aus dem Wald geholt, es wächst auf Erdflächen und Steinen nahe am Bach – jedes Jahr an unterschiedlichen Orte und unterschiedlicher Qualität, je nachdem, wie trocken die vergangenen Monate gewesen sind.
Darauf stellen wir – vor allem unsere Jüngste, die das voller Hingabe tut – die Santons, von santoun, dem „kleinen Heiligen“. Santons sind Tonfiguren zumeist provenzalischer Allerweltsgestalten, die sich der Heiligen Familie mehr oder weniger andachtsvoll nähern. Die Arlésienne in ihrer prachtvollen Tracht etwa, ein Angler, ein Blinder, der von einem Jungen geführt wird, der Holzschlepper, das Fischweib...
Inzwischen haben auch moderne Bürger das Recht, zum Jesuskind zu pilgern, der Herr Bürgermeister, der Tourist, der Fotograf, sogar ein Geistlicher. (Kreuz am Hals zur Geburt des Heilands, wer hat gesagt, dass Santons etwas mit Logik zu tun haben müssen?)
Die kleinen Santons – so, wie sie bei uns in die Krippe passen – sind fingergroß und bunt bemalt. Die Luxusmodelle – unterarmhoch oder manchmal in Kleinkindgröße gar – sind zusätzlich in erlesenste Stoffe gekleidet, Waagen oder Angeln, die sie mit sich führen, sind winzige Repliken echter Geräte, in den bemalten Gesichtern kannst du die Lachfalten zählen.
Woher kommt's? Aus dem Mittelalter, vielleicht. Da sind crèches vivantes überliefert, „lebende Krippen“: die Gläubigen haben die Geburtsszene nachgestellt. Später haben sie Figuren hingestellt – vor allem in Kirchen. In Marseille sind große Krippen spätestens für das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts überliefert.
Dann kam die Französische Revolution, die Kirchen wurden von der streng laizistischen Regierung geschlossen, Schluss war's mit der Krippenpracht. Doch die Bauern – erzkatholisch, grundsätzlich rebellisch und nicht ganz unkreativ – haben daraufhin heimlich aus Brotteig Santons geformt. Als der ausgehärtet war, wurde er bemalt, die Figuren wurden um selbst gezimmerte Krippen arrangiert und – voilà - in Bauernhäusern wuchsen allüberall zu Weihnachten nun kleine Krippen heran.
Später kam Napoleon und auch die Kirche kam zurück, aber die Bauern haben von ihrer einmal erprobten Tradition nicht mehr ablassen wollen. Seither stehen in der Provence die Santons in der guten Stube und, so will es eine andere Tradition, seither sollte jede Familie zu jedem Weihnachtsfest genau eine weitere Figur dazustellen.



Die Provence wäre allerdings nicht die Provence, wenn es dabei weihnachtlich-friedlich abgehen würde. Gerade um die harmlosen Santons sind in den letzten Jahren zwei wilde Gefechte entbrannt.
Zum einen werden Santons seit 1803 nicht länger heimlich, sondern offiziell in der Provence hergestellt, aus Ton, von relativ wenigen hoch geachteten Spezialisten ihrer Zunft, die sich ihre Kunst auch hoch bezahlen lassen. Doch zunehmend tauchen nun in Supermärkten und Gartencentern Santons zum halben Preis auf, auch aus Ton, gar nicht schlecht gemacht, nur eben viel billiger. Woher? Es sind Figuren aus dem erzkatholischen Tunesien...
Die Bauern hier stoppen ja manchmal spanische Lastwagen auf der Autobahn und kippen tonnenweise Tomaten auf den Asphalt, um so jakobinisch-energisch gegen Billigkonkurrenz zu protestieren. Meines Wissens sind noch keine tunesischen Santons in Großaktionen zertrampelt worden, aber das wird sicher noch kommen. Die hiesigen Santonniers jedenfalls hegen schon einen Groll, Petitionen werden geschrieben, und bald wird es handgreiflich werden zum Fest des Friedens, wenn sich globalisierungsbedrohte Heiligenhersteller mit nordafrikanischen Globalisierungsprofiteuren prügeln. Könnte eine neue Tradition werden.
Ob die Bürgermeister eingreifen werden? Wohl kaum, denn die führen einen zweiten Santon-Krieg. In vielen provenzalischen Rathäusern wurden nämlich auch jedes Jahr Krippen aufgestellt – bis 2015. Da ist jemandem in Paris aufgefallen, dass Krippen ja christlich sind und mithin als religiöse Symbole in einem staatlichen, also laizistischen Gebäude gefälligst nichts zu suchen haben. Also keine Krippen im Rathaus mehr...
Und dieses Jahr? Sagen wir so: Die bäuerliche Lust an der Rebellion ist noch nicht ganz vergessen. In fast allen Rathäusern stehen im Winter 2016, trotz ministeriellen Verbots, wieder Blinde und Angler, Marktfrauen und freche Kinder in provenzalischen Kulissen vor einer Krippe und warten auf das Wunder der Geburt.

In diesem Sinne: Joyeux Noël!

Donnerstag, 10. November 2016

Marine Le Pen und Hillary Clinton

Weil Hillary Clinton es nicht geschafft hat, die erste Präsidentin ihres Landes zu werden, könnte Marine Le Pen es schaffen, die erste Präsidentin ihres Landes zu werden. Das ist doch mal ein historischer Scherz, und der ist zum Totlachen.
Denn, klar, Trump ist, wie Le Pen, der kristallreine, eindimensionale, zerstörerische Protest: Zerschlagt das System! Und was eigentlich danach kommen soll, das ist, sorry, scheißegal.



Hillary Clinton konnte in ihrem Rennen um die Macht mehr Geld ausgeben, sie hatte einen riesengroßen Teil der Medien auf ihrer Seite, das große Wirtschaftskapital sowieso, eine goldglänzende Legion von Hollywood-, Pop- und Sportstars, von Autoren und Professoren; sie hatte Jahrzehnte in der Löwenarena der Politik hinter sich, davon acht im Weißen Haus an der Seite ihres alles in allem noch immer recht populären Gatten, dazu Jahre als Außenministerin und Senatorin; sie hatte bereits mehrere ultraharte Wahlkampagnen durchgefochten. Kurz: Hillary Clinton war viel, viel besser munitioniert als ... alle einigermaßen demokratischen Politiker im heutigen Frankreich.
Also: Wenn ein Donald Trump eine solche formidable Gegnerin wie Hillary Clinton beiseitefegen kann, dann kann eine Marine Le Pen auch die Hobbits beiseitefegen, die noch zwischen ihr und dem Elysée stehen.

Seien wir ehrlich: Populisten gibt es immer, und immer wird es Vollpfosten geben, die ihnen begeistert zubrüllen werden. Das sind aber, meistens, ziemlich wenige, weil die Mehrheit der Menschen eigentlich nett, vernünftig und friedfertig ist. Populär werden Populisten erst, wenn eine Demokratie in der Krise ist. Und Krise heißt Krise, wenn es große Probleme gibt, die niemand mehr löst. Populisten gewinnen keine Wahlen – es sind Demokraten, die Wahlen verlieren.
Erst, beispielsweise, in der Agonie der Weimarer Republik ist so eine Knallcharge wie Hitler groß geworden. Und welcher Demokrat stand ihm 1931, 1932 entgegen? Genau. Es gab keinen Politiker von Format mehr, nicht bei den Sozialdemokraten, nicht im Zentrum, nirgendwo, der noch eine brauchbare, glaubwürdige demokratische Alternative zum Marschtrittdenken der NS-Horden präsentiert hätte.
In vielen Kommentaren kann man nun zwischen den Zeilen lesen, dass letztlich ein Haufen blöder, armer, zukurzgekommener, weißer Männer Trump gewählt habe. Abgesehen vom etwas bedenklichen Demokratieverständnis solcher Kommentare – One man, one vote, Baby, egal, ob Einstein sein Kreuzchen macht oder ein Trailerkid. Also, abgesehen davon: Fast die Hälfte der Wählerinnen hat ebenfalls für Trump gestimmt. Yupp. Obama und Sanders haben in ihren (Vor-)Wahlkampagnen mehr Frauenstimmen eingefahren als Hillary Clinton.
Vielleicht ist es doch so, dass die Leute nicht ganz so blöd sind, wie viele Kommentatoren sie nun schmähen. In den USA kann man wahnsinnig leicht seinen Job, seine Gesundheit, seinen Schulplatz, sein Haus, sein Alles verlieren. Clinton ist für dieses gnadenlose System (mit-)verantwortlich, und sie hat immer klar gemacht, dass sie an diesem System auch nichts ändern wird. Trump hingegen hat, auf unfassbar primitive, vulgäre und hasszerfressene Weise, aber eben doch klargemacht, dass er es ändern will.
In den größeren Städten hat, beispielsweise, ungefähr die Hälfte aller schwarzen Männer mindestens schon einmal im Gefängnis gesessen. Trump mag ein übler Rassist sein – aber das System, das diese Männer massenhaft hinter Gitter verfrachtet, ist unter anderem dank einiger Gesetzesverschärfungen durch Clinton (male) entstanden, was Clinton (female) nie zu ändern versprochen hat. Deshalb wählen Schwarze noch lange nicht Trump – aber warum sollten sie in wahlentscheidend großer Masse Hillary Clinton wählen? Es ist nicht pure Blödheit, die ihnen vorgaukelt, dass Hillary Clinton für ein diskriminierendes, gescheitertes System steht.
Es ist ihr Alltag.

Ich lebe in Frankreich und habe auch mal für eine (überschaubare) Zeit in den USA gelebt – und da fängt man an, Parallelen zu ziehen, und da wird es ungemütlich.
Mais oui, die politische Kultur ist in Frankreich eine andere, das Wahlsystem ist es auch, die Parteien sind es sowieso. Und doch... Auch hier ist das gesamte System so sehr in der Krise, dass sich Millionen nicht bloß aus Bauchgefühl, sondern aus echtem Schmerz bedroht fühlen:
Ein Viertel der französischen Jugendlichen ist arbeitslos.
In Frankreichs Städten werden Hunderte Menschen von islamistischen Tätern ermordet und wir haben einen Präsidenten, der danach im Fernsehen erklärt, dass man da sowieso nichts machen könne. Und bis weit in den muslimischen Mainstream (wir reden hier auch von Abgeordneten) wird erklärt, dass doch einige der Ermordeten Juden seien und deshalb... genau.
In den letzten zehn Jahren ist ein erheblicher Teil der französischen Industrie einfach verdampft.
Die französischen Arbeitsgesetze sind zwanzig Mal so umfangreich wie die Arbeitsgesetze in dem bekannten Sklaven-Niedriglohn-Ausbeuterland Schweiz: 4000 Seiten Text gegen 200 Seiten.
Die Bürokratie ist so irre ausgewuchert, dass selbst für alltäglichste Dinge – du willst einen Schulbus für die Kinder beantragen, ein umgestürzter Baum staut einen Bach auf – nicht einmal klar ist, wer dafür überhaupt zuständig ist.
Diese Liste könnte ich noch sehr, sehr lange fortsetzen. Man kann Handwerker fragen oder Lehrerinnen, Richter oder Krankenschwestern. Sie erzählen schier unfassbare Dinge. Und nirgendwo ändert sich etwas, nichts verbessert sich, Stillstand überall.
Und die Politik? 2017 ist doch Präsidentenwahl....

Also: Bei den Grünen (EELV) ist die einzige profilierte Kandidatin gleich in der ersten Runde der internen Vorwahlen wie ein flammender Zeppelin vom Himmel geschossen worden. Jetzt werden sie von zwei charismatischen Leerstellen repräsentiert. Jean-Luc Mélenchon ist ein wortgewaltiger Linksprediger ohne eigene große Partei. Die letzten Kommunisten Frankreichs wollten ihn unterstützen (zumindest die Spitzenfunktionäre der PCF wollten es), doch bei einer parteiinternen Abstimmung... genau. Arnaud Montebourg wäre auch gerne Linkspopulist, aber er weiß nicht, ob er bei den Sozialisten kandidieren soll oder außerhalb oder überhaupt. Das alte Spiel mithin, die Linke ist zerstritten und ausschließlich mit sich selbst beschäftigt.
François Hollande? Der lässt sich von einem Leibwächter auf dem Motorroller zur Mätresse kutschieren und diktiert zwei Journalisten über Jahre hin (!) ein Geständnisbuch voll peinlichster Selbstenthüllungen in den Block. Wenn ich als Krimi-Autor einen solchen Präsidenten erfunden hätte, würde mir selbst meine überaus freundliche und verständnisvolle Lektorin das Manuskript als Keks in den Mund stopfen. „So einen Trottel im höchsten Staatsamt glaubt dir kein Mensch!“
Ah, aber die Rechte! Ein Präsidentschaftskandidatkandidat der (demokratischen) Rechten fabulierte von „jüdischen Verschwörern“, die Hillary Clinton zum Sieg manipulieren werden. (Hat nicht ganz geklappt.) Nicolas Sarkozy, der schon einmal Gelegenheit hatte, la France zu retten, das aber irgendwie versemmelt hatte, fordert nun öffentlich, alle vom Geheimdienst als „Verdächtige“ bezeichnete Personen einzusperren. Einfach so, ohne Urteil und prinzipiell für immer. Ein Gulag à la français. Korrigiert mich, wenn Ihr könnt: Aber damit hat ein ehemaliger Präsident der Republik sogar Donald Trump rechts außen überholt.
In Frankreich steckt das System, steckt zumindest das Establishment aus Politik und Medien und allem, was dazugehört, in einer mindestens so profunden Krise wie in den USA. Aber kaum einer der Systempolitiker hat eine so starke Position, wie Hillary Clinton sie gehabt hat. Und, bei allem Missfallen, man muss darüberhinaus zerknirscht zugeben: Marine Le Pen ist tausendmal klüger, geschickter und strategisch denkender als Donald Trump.
Alors, oui, seit Amerikas 11/9 ist auch Frankreichs 11/9 möglich. Der Front National kriecht auf das Herz der Macht, auf das Herz der Nation zu, das Undenkbare ist denkbar geworden und der historische Scherz zur bitteren Möglichkeit.



PS: Es gibt noch eine Hoffnung, und die heißt Alain Juppé. Ein politisches Schlachtross der Gaullisten, schon über die Siebzig, der jetzt gegen Sarkozy und Co. die Vorwahlen der Rechten zum Präsidentschaftskandidaten gewinnen will. Chancen dazu hat er, und vielleicht ist sein Alter seine größte Chance. Er selbst hat es gesagt und jeder weiß es: Diese Mann hat nur einen Schuss frei. Juppé hat nur eine Amtszeit, er wird sich nicht um eine Wiederwahl oder um Umfragewerte scheren. Wenn jemand rasch und, leider, brutal die Reformen macht, die das demokratische System nun braucht, um demokratisch zu bleiben, dann er.
Vielleicht.
Frankreichs bescheidene Hoffnung also ruht auf einem persönlich eher schüchternen, verbindlichen, technokratischen, nur bedingt mitreißenden Herrn im besten Rentenalter.

Wie sieht es eigentlich in Deutschland aus?

PPS: Jetzt hat Emmanuel Macron, Selfmademillionär, Ex-Wirtschaftsminister und Frankreichs einziger Sozialdemokrat (Was für eine Vita für so relativ wenige Lebensjahre!) auch seine Kandidatur angemeldet. Damit hat er den traditionellen Rechten ihre Werbeshow mitten in der heißen Phase der Vorwahlen vermasselt. Und seinem Präsidenten und Ex-Förderer Hollande die eigene Kandidatur und zugleich einen staatstragenden Auslandsbesuch versalzen. Im Boxen nennt man so etwas "Wirkungstreffer". Mal sehen, was Macron noch so alles drauf hat...

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Französische Gesetze / Mittwochs in der Schule

In Frankreich werden Gesetze gemacht, die jeden von uns zum Verbrecher machen – weil man gar nicht anders kann, als sie zu brechen. Sofort. Immer wieder. Und nicht unbedingt zum Vergnügen.
Eigentlich geht das Klischee doch so: Der Franzose in seiner Schlechthinnigkeit mit Baskenmütze, Baguette und Blondes lässt Fünfe aus Prinzip gerade sein, verspottet verschmitzt die Obrigkeit und legt Gesetze, Vorschriften, überhaupt Regeln aller Art souverän großzügig aus. Eigentlich schade, dass einem solche Leute im echten französischen Leben so selten über den Weg laufen.



Die Sache ist nämlich ganz anders, nehmen wir dazu ein scheinbar eher harmloses Beispiel. Eine gefühlte Ewigkeit lang hatten die Schüler hier jeden Mittwoch frei. Seit 2014 nun müssen die Eleven – außer die von wenigen Privatschulen – auch mittwochs in den Schulen pauken. Diese Reform, die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem von ihrem Amtsvorgänger geerbt hatte, hat zum eigentlichen Ziel, die Rabauken aus den Hochhausvorstädten auch am Mittwoch von den Straßen zu holen. Das ist ja ein durchaus nachvollziehbares und eigentlich auch ehrenwertes Ziel, aber irgendwie schmeckt das doch nach Diskriminierung und Verachtung und allgemeiner Ratlosigkeit. Also ist das offizielle Ziel nicht das eigentliche: Offiziell soll mit der Einführung des Mittwochsunterrichts nämlich die Qualität der Schulbildung verbessert werden.
Hören sie das leise Knirschen von Metallfedern? Die gefährliche französische Gesetzes-Falle wird aufgespannt...


Denn, klar, der Staat hat keinen Euro mehr. Die Lehrer, die nun am Mittwoch arbeiten, arbeiten dafür nicht mehr an bestimmten Nachmittagsstunden der übrigen Tage. So muss niemand eine zusätzliche Schulstunde bezahlen. Mais, merde! Dann sind die Rabauken aus den Hochhäusern zwar mittwochs unsichtbar, lungern dafür an allen anderen Tagen früher auf dem Trottoir und verkaufen Drogen. Was tun?
Eh bien. Die wegfallenden Nachmittagsstunden sollen nun von neu eingestellten Kräften ausgefüllt werden. Diese neuen Kräfte, wie schön, will jedoch der Staat nicht bezahlen, die werden von den jeweiligen Städten bezahlt. Wie? Ist das Problem der Städte. Das Knirschen ist übrigens die inzwischen höchst gespannte Falle.
Nachmittags soll es nun Tanzen für die Kinder geben. Oder Englisch. Oder Theater. Oder tausend andere tolle Dinge. Die Lehrer dafür werden jeweils nachmittags für die Dauer einer französischen Schulstunde (fünfundfünfzig Minuten) von den Gemeinden der Schulen eingestellt und der Unterricht wird großartig, denn, da es ja offiziell um die Qualitätsverbesserung der Schulen geht, dürfen für diese fünfundfünfzig Minuten nur Diplompädagogen eingestellt werden - und alle sind glücklich und das Knirschen der Falle geht in das Kreischen von zum Äußersten angespannten Metall über.


In Paris ist das kein Problem: Da wachsen arbeitsunterversorgte diplomierte Pädagogen auf den Bäumen und die nächste Schule, in die sie für ein paar Minuten zum Einsatz hoppen könnten, ist immer höchstens zwei Métrostationen entfernt. Aber bei uns auf dem Dorf?
Ich meine, hey, die Provence ist nicht die Auvergne. Wir sind schon relativ dicht besiedelt. Aber in unserem Nicht-Einmal-1500-Einwohner-Städtchen gibt es leider keinen arbeitslosen Diplompädagogen. Im Nachbardorf auch nicht. Und im nächsten Nachbardorf...
Und, peng, da knallt die Falle zu.


Denn die nächsten Pädagogen-Kandidaten wohnen in Aix-en-Provence oder in Marseille. Marseille, beispielsweise, ist sechzig Kilometer entfernt, ein erheblicher Teil davon auf Landstraßen. Nachmittags unter der Woche brauchst du ungefähr eine Stunde, um aus Marseille hinauszukommen, für den Rückweg rechne anderthalb, mindestens. Macht zweieinhalb Fahrstunden (die Kosten darf man selbst tragen) für fünfundfünfzig Minuten bezahlte Arbeit. Es mag ja verzweifelte Diplompädagogen geben, aber in Marseille oder sonstwo jedenfalls ist kaum jemand verzweifelt genug, um zu uns zu kommen. Oder ins Nachbardorf. Oder ins nächste Nachbardorf...
Doch Ministerin Vallaud-Belkacem im fernen Paris hat's befohlen: Die Lehrer unserer Grundschule haben seit dem Sommer 2014 Stunden auf den Mittwoch verlegt. (Unterricht von 8.30 bis 11.30 Uhr, das ist bescheuert wenig.) Der Bürgermeister hat eine Stelle für einen Diplompädagogen ausgeschrieben.
Allein: Es meldet sich niemand. Und im Nachbardorf niemand. Und im Nachbardorf...
Nun ist Madame Vallaud-Belkacem zweifellos jung, modern, klug – warum macht eine solche Ministerin eine Reform, die im größten Teil ihres Landes nicht durchführbar ist? Eine Reform, die, schon von den Vorgängern vorbereitet, nicht einmal ihr eigenes Werk ist und womöglich nicht einmal ihren innersten Überzeugungen entspricht?
Weil sie den größten Teil ihres Landes nicht kennt. Frankreichs Politik-Elite ist klein und hermetisch verschlossen, wobei es ziemlich egal ist, ob man links oder rechts steht. Diese winzige Elite ist eine Pariser Elite. Und Pariser, das kann man als dahergelaufener Fremder nur langsam verstehen, kennen das Land jenseits der Périphérique (der Ringautobahn um die Kapitale) nur als harmloses, possierliches Urlaubsland, in dem man sich einmal jährlich entspannt. Ein Deutscher, der jeden Sommer nach Malle düst, ist ja noch lange kein Spanien-Experte. Und so ist ein Pariser, der „in die Provinz“ reist, kein Frankreich-Experte. Allerdings würde kein deutscher Malle-Fahrer auf den Gedanken kommen, in die Madrider Regierung einzutreten. In Paris hingegen besteht, gewissermaßen, das komplette Kabinett aus Malle-Fahrern.


Madame Vallaud-Belkacem kommt aus einfachen Verhältnissen, sie hat sich nach oben gekämpft. Aber sie hat, das geht hier in der Politik nicht anders, sich in Paris nach oben kämpfen müssen. Und sie hat dann die Reform ohne große Zweifel durchgezogen, weil es halt in Paris überhaupt kein Problem ist, sie auch umzusetzen. Und weil sie sich wohl inzwischen nicht mehr hat vorstellen können, dass es andernorts anders zugeht als in Paris.
Die Folge? Wie bei so vielen Gesetzen, von der Homo-Ehe bis zu Arbeitsrechtsreformen: Demonstrationen überall im Land (auch sie längst ein beliebtes Frankreich-Klischee) und danach ungeheuchelte Fassungslosigkeit in der Elite. Wieso sind die Leute bloß so sauer?


D'accord, eine Fehleinschätzung der Politiker, kann ja mal vorkommen. In Deutschland oder Holland, in Skandinavien, Österreich oder Großbritannien würde sich nun nach solchen Missfallenskundgebungen die Ministerin mit Beratern und Spindoctors zusammentun und ein wenig an den Reformen feilen, bis sie auch jenseits der Hauptstadt praktikabel sind. Etwa die Pädagogenpflicht beibehalten, doch für Gemeinden unter zehntausend Einwohnern Ausnahmeregeln zulassen. Oder eine Art Light-Diplom einführen, das es auch im hinterletzten Dorf Freiwilligen erlauben würde, sich nach einer Ausbildung und Prüfung zumindest in der lokalen Grundschule zu verdingen; über zu wenig Arbeitslose klagt ja hier niemand.
Doch Madame Vallaud-Belkacem blieb 2014 eisenhart. Niemals wird sich das Gesetz ändern, niemals, niemals, nie! Und es wird eingeführt und umgesetzt! Und zwar sofort! Als noch recht neueingewanderter Vater habe ich mich zuerst über die doch auch noch nicht gar so lange eingewanderte Ministerin gewundert: Sieht sie denn nicht, dass es Tausende Städte gibt, die unter diesen Bedingungen niemanden finden können? Will sie es nicht sehen? Kann sie es nicht sehen? Ist sie ideologisch vernagelt? Ist sie, Verzeihung, doch schlicht zu blöd?



Selbstverständlich nicht. Ich bin zu blöd. Madame Vallaud-Belkacem ist Politikerin. Und ein Politiker in Frankreich macht keine Fehler, niemals, niemals, nie. Jede Veränderung, jede Verzögerung, eine Rücknahme gar wäre das Eingeständnis gewesen, etwas nicht perfekt gemacht zu haben. Undenkbar! Wer nicht perfekt ist, der hat einen Fehler gemacht. Und wer Fehler macht, ist schwach. Und wer schwach ist, der wird angegriffen. Gnadenlos. Von der Opposition. Von den eigenen Parteifeindinnen und – feinden.
Denn in Deutschland oder Holland, in Skandinavien, Österreich oder Großbritannien hätte man sich am Anfang einer solchen Reform gefetzt, aber dann gibt jeder seinen Senf dazu und am Ende sind die meisten zufrieden oder, falls nicht, dann hat zumindest niemand sein Prestige verloren.
In Frankreich jedoch kann eine einzige demolierte Reform sehr rasch deine Karriere knicken. Und eine Reform ist bereits demoliert, wenn du zu viel nachgeben musst.
Also hat die Regierung 2014 die Mittwoch-Reform durchgedrückt. Unsere Rektorin hat seinerzeit keinen Kandidaten gefunden, selbstverständlich. Unser Bürgermeister hat keinen Kandidaten gefunden, selbstverständlich. Dann stellt man halt, pst, pst, irgendjemanden ohne Diplom ein. Der Präfekt weiß das. Der Bürgermeister weiß das. Die Rektorin, alle ihre Lehrer, die Eltern, selbst die Grundschüler – alle, alle wissen, dass man das gerade erst beschlossene Gesetz umgeht. Alle machen die Augen zu und halten den Mund.
Das ist nicht pfiffig und listig, das ist bloß lästig und irgendwie krank. Niemand will Madame Vallaud-Belkacem irgendetwas Schlechtes. Niemand ist im Prinzip gegen Mittwochunterricht oder gute Nachmittagsstunden. Aber auch beim besten Willen schafft es niemand, sich an die Buchstaben des Gesetzes zu halten.
Die Folge ist natürlich, dass man den Staat gering achtet. Dass man irgendwann nicht bloß solche Gesetze, sondern generell alle und auch die allervernünftigsten für prinzipiell ignorierungspflichtig hält. Kurz: Dass man sich einen Scheiß um die Gemeinschaft kümmert.

Manchmal, in stillen Minuten – wenn ich Mittwochmittag vor der Schule auf unsere Tochter warte, etwa – fürchte ich, dass sich das irgendwann rächen wird.