Donnerstag, 13. Oktober 2016

Französische Gesetze / Mittwochs in der Schule

In Frankreich werden Gesetze gemacht, die jeden von uns zum Verbrecher machen – weil man gar nicht anders kann, als sie zu brechen. Sofort. Immer wieder. Und nicht unbedingt zum Vergnügen.
Eigentlich geht das Klischee doch so: Der Franzose in seiner Schlechthinnigkeit mit Baskenmütze, Baguette und Blondes lässt Fünfe aus Prinzip gerade sein, verspottet verschmitzt die Obrigkeit und legt Gesetze, Vorschriften, überhaupt Regeln aller Art souverän großzügig aus. Eigentlich schade, dass einem solche Leute im echten französischen Leben so selten über den Weg laufen.



Die Sache ist nämlich ganz anders, nehmen wir dazu ein scheinbar eher harmloses Beispiel. Eine gefühlte Ewigkeit lang hatten die Schüler hier jeden Mittwoch frei. Seit 2014 nun müssen die Eleven – außer die von wenigen Privatschulen – auch mittwochs in den Schulen pauken. Diese Reform, die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem von ihrem Amtsvorgänger geerbt hatte, hat zum eigentlichen Ziel, die Rabauken aus den Hochhausvorstädten auch am Mittwoch von den Straßen zu holen. Das ist ja ein durchaus nachvollziehbares und eigentlich auch ehrenwertes Ziel, aber irgendwie schmeckt das doch nach Diskriminierung und Verachtung und allgemeiner Ratlosigkeit. Also ist das offizielle Ziel nicht das eigentliche: Offiziell soll mit der Einführung des Mittwochsunterrichts nämlich die Qualität der Schulbildung verbessert werden.
Hören sie das leise Knirschen von Metallfedern? Die gefährliche französische Gesetzes-Falle wird aufgespannt...


Denn, klar, der Staat hat keinen Euro mehr. Die Lehrer, die nun am Mittwoch arbeiten, arbeiten dafür nicht mehr an bestimmten Nachmittagsstunden der übrigen Tage. So muss niemand eine zusätzliche Schulstunde bezahlen. Mais, merde! Dann sind die Rabauken aus den Hochhäusern zwar mittwochs unsichtbar, lungern dafür an allen anderen Tagen früher auf dem Trottoir und verkaufen Drogen. Was tun?
Eh bien. Die wegfallenden Nachmittagsstunden sollen nun von neu eingestellten Kräften ausgefüllt werden. Diese neuen Kräfte, wie schön, will jedoch der Staat nicht bezahlen, die werden von den jeweiligen Städten bezahlt. Wie? Ist das Problem der Städte. Das Knirschen ist übrigens die inzwischen höchst gespannte Falle.
Nachmittags soll es nun Tanzen für die Kinder geben. Oder Englisch. Oder Theater. Oder tausend andere tolle Dinge. Die Lehrer dafür werden jeweils nachmittags für die Dauer einer französischen Schulstunde (fünfundfünfzig Minuten) von den Gemeinden der Schulen eingestellt und der Unterricht wird großartig, denn, da es ja offiziell um die Qualitätsverbesserung der Schulen geht, dürfen für diese fünfundfünfzig Minuten nur Diplompädagogen eingestellt werden - und alle sind glücklich und das Knirschen der Falle geht in das Kreischen von zum Äußersten angespannten Metall über.


In Paris ist das kein Problem: Da wachsen arbeitsunterversorgte diplomierte Pädagogen auf den Bäumen und die nächste Schule, in die sie für ein paar Minuten zum Einsatz hoppen könnten, ist immer höchstens zwei Métrostationen entfernt. Aber bei uns auf dem Dorf?
Ich meine, hey, die Provence ist nicht die Auvergne. Wir sind schon relativ dicht besiedelt. Aber in unserem Nicht-Einmal-1500-Einwohner-Städtchen gibt es leider keinen arbeitslosen Diplompädagogen. Im Nachbardorf auch nicht. Und im nächsten Nachbardorf...
Und, peng, da knallt die Falle zu.


Denn die nächsten Pädagogen-Kandidaten wohnen in Aix-en-Provence oder in Marseille. Marseille, beispielsweise, ist sechzig Kilometer entfernt, ein erheblicher Teil davon auf Landstraßen. Nachmittags unter der Woche brauchst du ungefähr eine Stunde, um aus Marseille hinauszukommen, für den Rückweg rechne anderthalb, mindestens. Macht zweieinhalb Fahrstunden (die Kosten darf man selbst tragen) für fünfundfünfzig Minuten bezahlte Arbeit. Es mag ja verzweifelte Diplompädagogen geben, aber in Marseille oder sonstwo jedenfalls ist kaum jemand verzweifelt genug, um zu uns zu kommen. Oder ins Nachbardorf. Oder ins nächste Nachbardorf...
Doch Ministerin Vallaud-Belkacem im fernen Paris hat's befohlen: Die Lehrer unserer Grundschule haben seit dem Sommer 2014 Stunden auf den Mittwoch verlegt. (Unterricht von 8.30 bis 11.30 Uhr, das ist bescheuert wenig.) Der Bürgermeister hat eine Stelle für einen Diplompädagogen ausgeschrieben.
Allein: Es meldet sich niemand. Und im Nachbardorf niemand. Und im Nachbardorf...
Nun ist Madame Vallaud-Belkacem zweifellos jung, modern, klug – warum macht eine solche Ministerin eine Reform, die im größten Teil ihres Landes nicht durchführbar ist? Eine Reform, die, schon von den Vorgängern vorbereitet, nicht einmal ihr eigenes Werk ist und womöglich nicht einmal ihren innersten Überzeugungen entspricht?
Weil sie den größten Teil ihres Landes nicht kennt. Frankreichs Politik-Elite ist klein und hermetisch verschlossen, wobei es ziemlich egal ist, ob man links oder rechts steht. Diese winzige Elite ist eine Pariser Elite. Und Pariser, das kann man als dahergelaufener Fremder nur langsam verstehen, kennen das Land jenseits der Périphérique (der Ringautobahn um die Kapitale) nur als harmloses, possierliches Urlaubsland, in dem man sich einmal jährlich entspannt. Ein Deutscher, der jeden Sommer nach Malle düst, ist ja noch lange kein Spanien-Experte. Und so ist ein Pariser, der „in die Provinz“ reist, kein Frankreich-Experte. Allerdings würde kein deutscher Malle-Fahrer auf den Gedanken kommen, in die Madrider Regierung einzutreten. In Paris hingegen besteht, gewissermaßen, das komplette Kabinett aus Malle-Fahrern.


Madame Vallaud-Belkacem kommt aus einfachen Verhältnissen, sie hat sich nach oben gekämpft. Aber sie hat, das geht hier in der Politik nicht anders, sich in Paris nach oben kämpfen müssen. Und sie hat dann die Reform ohne große Zweifel durchgezogen, weil es halt in Paris überhaupt kein Problem ist, sie auch umzusetzen. Und weil sie sich wohl inzwischen nicht mehr hat vorstellen können, dass es andernorts anders zugeht als in Paris.
Die Folge? Wie bei so vielen Gesetzen, von der Homo-Ehe bis zu Arbeitsrechtsreformen: Demonstrationen überall im Land (auch sie längst ein beliebtes Frankreich-Klischee) und danach ungeheuchelte Fassungslosigkeit in der Elite. Wieso sind die Leute bloß so sauer?


D'accord, eine Fehleinschätzung der Politiker, kann ja mal vorkommen. In Deutschland oder Holland, in Skandinavien, Österreich oder Großbritannien würde sich nun nach solchen Missfallenskundgebungen die Ministerin mit Beratern und Spindoctors zusammentun und ein wenig an den Reformen feilen, bis sie auch jenseits der Hauptstadt praktikabel sind. Etwa die Pädagogenpflicht beibehalten, doch für Gemeinden unter zehntausend Einwohnern Ausnahmeregeln zulassen. Oder eine Art Light-Diplom einführen, das es auch im hinterletzten Dorf Freiwilligen erlauben würde, sich nach einer Ausbildung und Prüfung zumindest in der lokalen Grundschule zu verdingen; über zu wenig Arbeitslose klagt ja hier niemand.
Doch Madame Vallaud-Belkacem blieb 2014 eisenhart. Niemals wird sich das Gesetz ändern, niemals, niemals, nie! Und es wird eingeführt und umgesetzt! Und zwar sofort! Als noch recht neueingewanderter Vater habe ich mich zuerst über die doch auch noch nicht gar so lange eingewanderte Ministerin gewundert: Sieht sie denn nicht, dass es Tausende Städte gibt, die unter diesen Bedingungen niemanden finden können? Will sie es nicht sehen? Kann sie es nicht sehen? Ist sie ideologisch vernagelt? Ist sie, Verzeihung, doch schlicht zu blöd?



Selbstverständlich nicht. Ich bin zu blöd. Madame Vallaud-Belkacem ist Politikerin. Und ein Politiker in Frankreich macht keine Fehler, niemals, niemals, nie. Jede Veränderung, jede Verzögerung, eine Rücknahme gar wäre das Eingeständnis gewesen, etwas nicht perfekt gemacht zu haben. Undenkbar! Wer nicht perfekt ist, der hat einen Fehler gemacht. Und wer Fehler macht, ist schwach. Und wer schwach ist, der wird angegriffen. Gnadenlos. Von der Opposition. Von den eigenen Parteifeindinnen und – feinden.
Denn in Deutschland oder Holland, in Skandinavien, Österreich oder Großbritannien hätte man sich am Anfang einer solchen Reform gefetzt, aber dann gibt jeder seinen Senf dazu und am Ende sind die meisten zufrieden oder, falls nicht, dann hat zumindest niemand sein Prestige verloren.
In Frankreich jedoch kann eine einzige demolierte Reform sehr rasch deine Karriere knicken. Und eine Reform ist bereits demoliert, wenn du zu viel nachgeben musst.
Also hat die Regierung 2014 die Mittwoch-Reform durchgedrückt. Unsere Rektorin hat seinerzeit keinen Kandidaten gefunden, selbstverständlich. Unser Bürgermeister hat keinen Kandidaten gefunden, selbstverständlich. Dann stellt man halt, pst, pst, irgendjemanden ohne Diplom ein. Der Präfekt weiß das. Der Bürgermeister weiß das. Die Rektorin, alle ihre Lehrer, die Eltern, selbst die Grundschüler – alle, alle wissen, dass man das gerade erst beschlossene Gesetz umgeht. Alle machen die Augen zu und halten den Mund.
Das ist nicht pfiffig und listig, das ist bloß lästig und irgendwie krank. Niemand will Madame Vallaud-Belkacem irgendetwas Schlechtes. Niemand ist im Prinzip gegen Mittwochunterricht oder gute Nachmittagsstunden. Aber auch beim besten Willen schafft es niemand, sich an die Buchstaben des Gesetzes zu halten.
Die Folge ist natürlich, dass man den Staat gering achtet. Dass man irgendwann nicht bloß solche Gesetze, sondern generell alle und auch die allervernünftigsten für prinzipiell ignorierungspflichtig hält. Kurz: Dass man sich einen Scheiß um die Gemeinschaft kümmert.

Manchmal, in stillen Minuten – wenn ich Mittwochmittag vor der Schule auf unsere Tochter warte, etwa – fürchte ich, dass sich das irgendwann rächen wird.



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