Sonntag, 21. August 2016

Manchmal kommt mir die Provence so vor wie der Parkplatz vor einem Edelrestaurant: Da stehen die gepflegten Vorstadthäuser auf Rädern, die Limousinen und SUVs, der Lack glänzt und selbst das Gummi der Reifen ist schwarz poliert. In den Boden eingelassene Spots umschmeicheln die Wagen mit warmem Licht, Micocouliers behüten die Blechdächer mit ihren ausladenden Ästen, in deren dünnen Blättern der Südwind leise rauscht. Vom Restaurant her weht der Duft von Ratatouille, schöne Menschen lachen schönes Lachen, aus den Bose-Lautsprechern perlt Zaz, aber schön leise - und leise, leise klirren die Weingläser...



Putain, wo sind die schredderigen Citroëns und Peugeots geblieben? Die verbeulten Karren, in denen nur noch Hupe, Motor und Fahrertür funktionieren (in dieser Reihenfolge), die Autos, in denen rotgesichtige ältere Männer in Unterhemden Baguettes abholen und unfassbar hübsche Mütter ungefähr eine Millionen Kinder hineinstopfen, um sie zum Strand zu kutschieren? Wo sind die Proleten geblieben? In der Provence wird doch geschuftet: Zehntausend Menschen arbeiten bei Airbus Helicopters in Marignane, dem größten Hubschrauberproduzenten der Welt. Tausende arbeiten in den Docks von Fos und den Raffinerien von Berre. Noch im hinterletzten Dorf schleppen selbst bei jenseits der fünfunddreißig Grad Kerle auf Baustellen Steine und Balken oder liegen Overallträger in ölverschmierten Garagen unter den schredderigen Citroëns und Peugeots. Wohin verschwinden diese Arbeiter, wenn sie nicht arbeiten?
Zum Beispiel nach Port-de-Bouc.
Port-de-Bouc ist in gewisser Weise eine Retortenstadt, eine Beton gewordene Realität aus dem Wahntraum der Sechziger Jahre, als Planer in Paris die Industrie und ihre Segnungen auch in den Süden hineinzwingen wollten. Port-de-Bouc war zwar mal ein uralter Ort, ist aber eigentlich erst in der Neuzeit entstanden, als Tankerhafen neben Fos und damit als maritime Tankstelle des großen Hafens von Marseille. Die Stadt, verkehrstechnisch günstig gelegen an einer Bucht am Ostrand der Camargue, kaum fünfzig Kilometer neben Marseille, nimmt die bauchigen Schiffe aus Algerien auf, die mit ihrem Öl und Flüssiggas die Raffinerien des Hinterlandes füttern. Denn, mais oui, Frankreichs Diesel und Benzin für die polierten SUVs und Limousinen und die schredderigen Citroëns und Peugeots wird zu einem nicht unerheblichen Teil in der lieblichen Provence raffiniert.
Port-de-Bouc hatte in den schrecklichen siebziger Jahren mal mehr als zwanzigtausend Einwohner. Die endlose Industriekrise Frankreichs hat allerdings auch hier Bremsspuren hinterlassen und diese Zahl um inzwischen etwa zwanzig Prozent vermindert. Nicht vermindert hat sich die Popularität der Kommunisten. Seit der Befreiung im August 1944 wird Port-de-Bouc von der PCF regiert – und wo könnte man heute noch in der Provence, außerhalb der Region um den Étang-de-Berre, einem echten, authentischen kommunistischen Bürgermeister die Hand schütteln?



Wer mit dem Schiff nach Port-de-Bouc einfährt, sieht steuerbords (Steuerbord ist da, wo bei Landratten der Daumen links ist.) große Kais, an denen rostschlierige Schiffe leergepumpt werden, sieht Pipelines, Röhrengewirr, dahinter Stahltanks, so rund wie gigantische Medizinbälle. Backbords (oui, das ist links) erstreckt sich ein Yachthafen, in dem ich-weiß-nicht-wieviele-Hunderte kleine Boote so dicht an dicht dümpeln, dass man sich schon fragen muss, wie ein Hobbbyskipper hier überhaupt den Ausgang zum offenen Meer findet. Dahinter: Ein Asphaltplatz, ein paar salzwindzernarbte niedrige Häuser, dann die HLMs, die Wohnsilos der Sechziger und Siebziger Jahre.
Port-de-Bouc ist eine Stadt, die man unbedingt mal besuchen sollte.
Das ist ernst gemeint.
Echt.
Also schön, der Beweis: Seit 1988 werden hier jedes Jahr im Juli und August – und zwar an jedem einzelnen Tag in diesen zwei Monaten! - die Sardinades gefeiert, das Original aller Sardinades im Midi. Die simple Idee dahinter: Feiern wir ein Volksfest rund um die kleinen, gegrillten Fische, die unsere Fischer sowieso täglich aus dem Meer holen!
Das geht so. Wir fahren nach Port-de-Bouc und folgen den Schildern „Parking Sardinades“, die uns bis in die Innenstadt zum Hafen führen – auf den Parkplatz eines Hochhausriegels. Halbdunkel, das Erdgeschoss besteht aus Garagen und Werkstätten, die Rollläden herabgelassen, manche Fenster eingeschlagen. Auf einer Art Betonbalustrade darüber bewegen sich Schatten. Die meisten Fenster in den höheren Stockwerken sind düster.
Wohnt hier noch jemand?“, fragt unsere jüngste Tochter.



Zu Fuß sind es von hier aus wenige Hundert Meter entlang einer Straße. Vorbei an der Kaserne der Hafenfeuerwehr – Feuerwehrmann in einem Tankerhafen, es gibt sicherlich langweiligere Jobs. Und dann: Musik, Licht, Plastikzelte!
Die Sardinades, das sind einige schier endlos lange Reihen von Tischen und Stühlen auf dem Parkplatz des Yachthafens, umgeben von den Ständen etlicher Restaurants. Das sind Sardinen für sechs Euro, ein Plastikteller voller Fritten und Meeresfrüchte für acht, ein gegrillter Riesenthunfisch für zehn. Das ist der Duft nach frittiertem Fisch und Rosé und Pastis und Zuckerwatte. Das ist ein blinkendes Karussell für die Jüngsten. Das ist eine Sängerin, die auf einer Bühne französischen Rock und Songs aus Blues Brothers röhrt. Das sind tanzende Paare auf dem Asphalt. Und das sind Hunderte, meist mehr als eintausend, manchmal mehr als zweitausend lachende, schmatzende, schlemmende, fröhliche Leute, die Schulter an Schulter an den Tischen sitzen, auf dass kein, aber auch wirklich kein Platz mehr frei ist. Das sind mehr oder weniger herrenlose Kinder, die in Banden zwischen den Stuhlreien herumtoben. Das sind die Kids aus den Hochhäusern, die das Geld, das sie hier in Sardinen und Fritten anlegen, mit ganz anderen Genussmitteln verdient haben. Das sind die unfassbar hübschen Mütter und die rotgesichtigen Männer in Unterhemden. Das sind einige etwas zu stark geschminkte Frauen und einige unter Kopftuch versteckte. Das sind Haar- und Hautfarben aller Schattierungen. Und das sind die Papys mit Schnauzbart und Bauch, die in schwatzender Runde eine Flasche Ricard verdunsten lassen.
Das Essen ist großartig, die Stimmung ist großartig, die Musik ist großartig, das Wetter ist großartig, und als am Nebentisch tatsächlich eine Gruppe aufbricht, stellt ein Mann deren letzte, erst zur Hälfte geleerte Roséflasche einfach zu uns hin. „Tiens!“
Das ist ein Volksfest im Wortsinn, und wenn man nächsten Sommer Hunger hat auf Fisch und Wein und gute Laune, dann kann man ja mal „Port-de-Bouc“ ins Navi von Limousine oder SUV eingeben. Die schredderigen Citroëns und Peugeots finden den Weg dorthin auch alleine.

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