Donnerstag, 7. Juli 2016

Martigues ist eine Stadt im Süden des Südens, fast genau dort, wo die Provence ins Mittelmeer fällt. In weniger originellen Reiseführern – leider, leider auch in einem dann doch zum Glück längst vergriffenen und vergessenen Reiseführer von einem gewissen Cay Rademacher – wird die Gemeinde als „Venedig der Provence“ gerühmt. Das ist, klar, maßlos übertrieben. Und doch...



Eine nur wenige Hundert Meter breite Wasserader verbindet das Mittelmeer mit dem Étang de Berre, der größten Salzwasserlagune Europas. Dieser natürliche nasse Weg – heute als Canal de Caronte domestiziert – war schon in der Antike eine Passage für Seefahrer und eine ideale Basis für Fischer. Das alte Maritima lag auf einer Insel im Wasserweg, fast direkt an der Öffnung zum Étang de Berre. In späteren Jahrhunderten vereinte sich die Gemeinde mit Jonquières und Ferrières, den zwei Dörfern der Ufer, zur heutigen Stadt. Weshalb noch immer die mittelalterlichen Türme gleich dreier Kirchen in bloß wenigen Schritten Abstand den Himmel anritzen.

Nach 1945 sind Martigues und andere Gemeinden am Étang de Berre von den Pariser Planern der Vierten und der Fünften Republik ganz bewusst in die Hölle gestoßen worden. Die Industrialisierung musste her, und man hat am Meer Tankerhäfen angelegt, am Land sind Raffinerien, Wohnblocks und sogar Autobahnen höher als die Kirchtürme in den Himmel gewachsen: Eine monströse, 875 Meter lange Autobahnbrücke überwölbt heute in sciencefictionmäßiger Höhe den Canal de Caronte. (Wer darüber brettert, der mag sich einbilden, dass sich sein Peugeot kurzzeitig in einen Airbus verwandelt hat.)
Beinahe 50 000 Bürger zählt Martigues heute, und die Stadt hat in der Provence ungefähr denselben Ruf wie Marseille, bloß in klein.



Doch wer sich erst einmal durch die Vorortwüsten geschlängelt hat, der wähnt sich tatsächlich beinahe in Venedig – einem kleinen Venedig, einem überschaubaren Venedig, aber auch einem viel weniger überlaufenen Venedig.
Denn um die alte Insel, das Herz von Martigues, winden sich ein paar stille Kanäle: Pastellfarbig verputzte Häuschen, krumme Brücken, Fischrestaurants und Cafés mit Terrassen, schmale Promenaden, ein versteckter Antiquitätenladen, winzige Parks, Dutzende dümpelnde Yachten, schräge Denkmäler, bunt lackierte hölzerne Fischerboote... Die Stadt ist geradezu unfassbar schön. Und noch schöner wirkt sie, weil manche Monumente schon beim Schönheitschirurgen waren, viele andere jedoch immer noch charmant und stolz die Risse, Flecken und Fältchen ihres Alters zur Schau stellen. Wer noch ungeputzte Provence sucht: Bitte schön!
Aber wie lange noch?



Vielleicht wird Martigues bald mehr Reisende anlocken, als sich das ein promenierender Müßiggänger hier noch vorstellen mag. Denn Paris wird sich 2024 um die Olympischen Spiele bewerben und.. eh alors?! Was kommt schon Gutes aus Paris? Mais oui: Wo sollen, bitte, in der Kapitale die Rennjollen, die Ruderer, wo sollen all die Wasserflitzer denn antreten? Auf der Seine? In der Bretagne, wo es regnet und wenn da kein Regen herunterkommt, dann ist gerade Ebbe?


Nein: Gewinnt Paris den Zuschlag, dann werden die wasserlastigen Sportarten genau hier ausgetragen: am Étang de Berre und vor der Küste des Mittelmeeres. Und Martigues wäre mittendrin.
Hamburg, so sagt man, hat mehr Brücken als Venedig. Aber es wird vielleicht ein Kaff in der Provence sein, das garantiert viel weniger Brücken hat als Venedig, ein provenzalisches Kaff also, das Olympia 2024 auf seine Kanälchen lockt. Martigues traut sich zu, was sich die Hanseaten nicht zugetraut haben.

Wer zufällig in der Nähe ist, der sollte sich Martigues also vielleicht rechtzeitig ansehen, bevor sich die halbe Welt hier trifft - und es dann in Martigues so voll wird wie in Venedig, dem echten.

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