Sonntag, 21. August 2016

Die Sardinades von Port-de-Bouc

Manchmal kommt mir die Provence so vor wie der Parkplatz vor einem Edelrestaurant: Da stehen die gepflegten Vorstadthäuser auf Rädern, die Limousinen und SUVs, der Lack glänzt und selbst das Gummi der Reifen ist schwarz poliert. In den Boden eingelassene Spots umschmeicheln die Wagen mit warmem Licht, Micocouliers behüten die Blechdächer mit ihren ausladenden Ästen, in deren dünnen Blättern der Südwind leise rauscht. Vom Restaurant her weht der Duft von Ratatouille, schöne Menschen lachen schönes Lachen, aus den Bose-Lautsprechern perlt Zaz, aber schön leise - und leise, leise klirren die Weingläser...



Putain, wo sind die schredderigen Citroëns und Peugeots geblieben? Die verbeulten Karren, in denen nur noch Hupe, Motor und Fahrertür funktionieren (in dieser Reihenfolge), die Autos, in denen rotgesichtige ältere Männer in Unterhemden Baguettes abholen und unfassbar hübsche Mütter ungefähr eine Millionen Kinder hineinstopfen, um sie zum Strand zu kutschieren? Wo sind die Proleten geblieben? In der Provence wird doch geschuftet: Zehntausend Menschen arbeiten bei Airbus Helicopters in Marignane, dem größten Hubschrauberproduzenten der Welt. Tausende arbeiten in den Docks von Fos und den Raffinerien von Berre. Noch im hinterletzten Dorf schleppen selbst bei jenseits der fünfunddreißig Grad Kerle auf Baustellen Steine und Balken oder liegen Overallträger in ölverschmierten Garagen unter den schredderigen Citroëns und Peugeots. Wohin verschwinden diese Arbeiter, wenn sie nicht arbeiten?
Zum Beispiel nach Port-de-Bouc.
Port-de-Bouc ist in gewisser Weise eine Retortenstadt, eine Beton gewordene Realität aus dem Wahntraum der Sechziger Jahre, als Planer in Paris die Industrie und ihre Segnungen auch in den Süden hineinzwingen wollten. Port-de-Bouc war zwar mal ein uralter Ort, ist aber eigentlich erst in der Neuzeit entstanden, als Tankerhafen neben Fos und damit als maritime Tankstelle des großen Hafens von Marseille. Die Stadt, verkehrstechnisch günstig gelegen an einer Bucht am Ostrand der Camargue, kaum fünfzig Kilometer neben Marseille, nimmt die bauchigen Schiffe aus Algerien auf, die mit ihrem Öl und Flüssiggas die Raffinerien des Hinterlandes füttern. Denn, mais oui, Frankreichs Diesel und Benzin für die polierten SUVs und Limousinen und die schredderigen Citroëns und Peugeots wird zu einem nicht unerheblichen Teil in der lieblichen Provence raffiniert.
Port-de-Bouc hatte in den schrecklichen siebziger Jahren mal mehr als zwanzigtausend Einwohner. Die endlose Industriekrise Frankreichs hat allerdings auch hier Bremsspuren hinterlassen und diese Zahl um inzwischen etwa zwanzig Prozent vermindert. Nicht vermindert hat sich die Popularität der Kommunisten. Seit der Befreiung im August 1944 wird Port-de-Bouc von der PCF regiert – und wo könnte man heute noch in der Provence, außerhalb der Region um den Étang-de-Berre, einem echten, authentischen kommunistischen Bürgermeister die Hand schütteln?



Wer mit dem Schiff nach Port-de-Bouc einfährt, sieht steuerbords (Steuerbord ist da, wo bei Landratten der Daumen links ist.) große Kais, an denen rostschlierige Schiffe leergepumpt werden, sieht Pipelines, Röhrengewirr, dahinter Stahltanks, so rund wie gigantische Medizinbälle. Backbords (oui, das ist links) erstreckt sich ein Yachthafen, in dem ich-weiß-nicht-wieviele-Hunderte kleine Boote so dicht an dicht dümpeln, dass man sich schon fragen muss, wie ein Hobbbyskipper hier überhaupt den Ausgang zum offenen Meer findet. Dahinter: Ein Asphaltplatz, ein paar salzwindzernarbte niedrige Häuser, dann die HLMs, die Wohnsilos der Sechziger und Siebziger Jahre.
Port-de-Bouc ist eine Stadt, die man unbedingt mal besuchen sollte.
Das ist ernst gemeint.
Echt.
Also schön, der Beweis: Seit 1988 werden hier jedes Jahr im Juli und August – und zwar an jedem einzelnen Tag in diesen zwei Monaten! - die Sardinades gefeiert, das Original aller Sardinades im Midi. Die simple Idee dahinter: Feiern wir ein Volksfest rund um die kleinen, gegrillten Fische, die unsere Fischer sowieso täglich aus dem Meer holen!
Das geht so. Wir fahren nach Port-de-Bouc und folgen den Schildern „Parking Sardinades“, die uns bis in die Innenstadt zum Hafen führen – auf den Parkplatz eines Hochhausriegels. Halbdunkel, das Erdgeschoss besteht aus Garagen und Werkstätten, die Rollläden herabgelassen, manche Fenster eingeschlagen. Auf einer Art Betonbalustrade darüber bewegen sich Schatten. Die meisten Fenster in den höheren Stockwerken sind düster.
Wohnt hier noch jemand?“, fragt unsere jüngste Tochter.



Zu Fuß sind es von hier aus wenige Hundert Meter entlang einer Straße. Vorbei an der Kaserne der Hafenfeuerwehr – Feuerwehrmann in einem Tankerhafen, es gibt sicherlich langweiligere Jobs. Und dann: Musik, Licht, Plastikzelte!
Die Sardinades, das sind einige schier endlos lange Reihen von Tischen und Stühlen auf dem Parkplatz des Yachthafens, umgeben von den Ständen etlicher Restaurants. Das sind Sardinen für sechs Euro, ein Plastikteller voller Fritten und Meeresfrüchte für acht, ein gegrillter Riesenthunfisch für zehn. Das ist der Duft nach frittiertem Fisch und Rosé und Pastis und Zuckerwatte. Das ist ein blinkendes Karussell für die Jüngsten. Das ist eine Sängerin, die auf einer Bühne französischen Rock und Songs aus Blues Brothers röhrt. Das sind tanzende Paare auf dem Asphalt. Und das sind Hunderte, meist mehr als eintausend, manchmal mehr als zweitausend lachende, schmatzende, schlemmende, fröhliche Leute, die Schulter an Schulter an den Tischen sitzen, auf dass kein, aber auch wirklich kein Platz mehr frei ist. Das sind mehr oder weniger herrenlose Kinder, die in Banden zwischen den Stuhlreien herumtoben. Das sind die Kids aus den Hochhäusern, die das Geld, das sie hier in Sardinen und Fritten anlegen, mit ganz anderen Genussmitteln verdient haben. Das sind die unfassbar hübschen Mütter und die rotgesichtigen Männer in Unterhemden. Das sind einige etwas zu stark geschminkte Frauen und einige unter Kopftuch versteckte. Das sind Haar- und Hautfarben aller Schattierungen. Und das sind die Papys mit Schnauzbart und Bauch, die in schwatzender Runde eine Flasche Ricard verdunsten lassen.
Das Essen ist großartig, die Stimmung ist großartig, die Musik ist großartig, das Wetter ist großartig, und als am Nebentisch tatsächlich eine Gruppe aufbricht, stellt ein Mann deren letzte, erst zur Hälfte geleerte Roséflasche einfach zu uns hin. „Tiens!“
Das ist ein Volksfest im Wortsinn, und wenn man nächsten Sommer Hunger hat auf Fisch und Wein und gute Laune, dann kann man ja mal „Port-de-Bouc“ ins Navi von Limousine oder SUV eingeben. Die schredderigen Citroëns und Peugeots finden den Weg dorthin auch alleine.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Martigues, das provenzalische Venedig

Martigues ist eine Stadt im Süden des Südens, fast genau dort, wo die Provence ins Mittelmeer fällt. In weniger originellen Reiseführern – leider, leider auch in einem dann doch zum Glück längst vergriffenen und vergessenen Reiseführer von einem gewissen Cay Rademacher – wird die Gemeinde als „Venedig der Provence“ gerühmt. Das ist, klar, maßlos übertrieben. Und doch...



Eine nur wenige Hundert Meter breite Wasserader verbindet das Mittelmeer mit dem Étang de Berre, der größten Salzwasserlagune Europas. Dieser natürliche nasse Weg – heute als Canal de Caronte domestiziert – war schon in der Antike eine Passage für Seefahrer und eine ideale Basis für Fischer. Das alte Maritima lag auf einer Insel im Wasserweg, fast direkt an der Öffnung zum Étang de Berre. In späteren Jahrhunderten vereinte sich die Gemeinde mit Jonquières und Ferrières, den zwei Dörfern der Ufer, zur heutigen Stadt. Weshalb noch immer die mittelalterlichen Türme gleich dreier Kirchen in bloß wenigen Schritten Abstand den Himmel anritzen.

Nach 1945 sind Martigues und andere Gemeinden am Étang de Berre von den Pariser Planern der Vierten und der Fünften Republik ganz bewusst in die Hölle gestoßen worden. Die Industrialisierung musste her, und man hat am Meer Tankerhäfen angelegt, am Land sind Raffinerien, Wohnblocks und sogar Autobahnen höher als die Kirchtürme in den Himmel gewachsen: Eine monströse, 875 Meter lange Autobahnbrücke überwölbt heute in sciencefictionmäßiger Höhe den Canal de Caronte. (Wer darüber brettert, der mag sich einbilden, dass sich sein Peugeot kurzzeitig in einen Airbus verwandelt hat.)
Beinahe 50 000 Bürger zählt Martigues heute, und die Stadt hat in der Provence ungefähr denselben Ruf wie Marseille, bloß in klein.



Doch wer sich erst einmal durch die Vorortwüsten geschlängelt hat, der wähnt sich tatsächlich beinahe in Venedig – einem kleinen Venedig, einem überschaubaren Venedig, aber auch einem viel weniger überlaufenen Venedig.
Denn um die alte Insel, das Herz von Martigues, winden sich ein paar stille Kanäle: Pastellfarbig verputzte Häuschen, krumme Brücken, Fischrestaurants und Cafés mit Terrassen, schmale Promenaden, ein versteckter Antiquitätenladen, winzige Parks, Dutzende dümpelnde Yachten, schräge Denkmäler, bunt lackierte hölzerne Fischerboote... Die Stadt ist geradezu unfassbar schön. Und noch schöner wirkt sie, weil manche Monumente schon beim Schönheitschirurgen waren, viele andere jedoch immer noch charmant und stolz die Risse, Flecken und Fältchen ihres Alters zur Schau stellen. Wer noch ungeputzte Provence sucht: Bitte schön!
Aber wie lange noch?



Vielleicht wird Martigues bald mehr Reisende anlocken, als sich das ein promenierender Müßiggänger hier noch vorstellen mag. Denn Paris wird sich 2024 um die Olympischen Spiele bewerben und.. eh alors?! Was kommt schon Gutes aus Paris? Mais oui: Wo sollen, bitte, in der Kapitale die Rennjollen, die Ruderer, wo sollen all die Wasserflitzer denn antreten? Auf der Seine? In der Bretagne, wo es regnet und wenn da kein Regen herunterkommt, dann ist gerade Ebbe?


Nein: Gewinnt Paris den Zuschlag, dann werden die wasserlastigen Sportarten genau hier ausgetragen: am Étang de Berre und vor der Küste des Mittelmeeres. Und Martigues wäre mittendrin.
Hamburg, so sagt man, hat mehr Brücken als Venedig. Aber es wird vielleicht ein Kaff in der Provence sein, das garantiert viel weniger Brücken hat als Venedig, ein provenzalisches Kaff also, das Olympia 2024 auf seine Kanälchen lockt. Martigues traut sich zu, was sich die Hanseaten nicht zugetraut haben.

Wer zufällig in der Nähe ist, der sollte sich Martigues also vielleicht rechtzeitig ansehen, bevor sich die halbe Welt hier trifft - und es dann in Martigues so voll wird wie in Venedig, dem echten.

Dienstag, 17. Mai 2016

Brennender Midi

Für Capitaine Roger Blanc könnte der Herbst in der Provence schöner sein als ein Sommer in Paris: Die, wortwörtlich, mörderische Hitze weicht mildem Septemberlicht und gnädigen Temperaturen. Die endlosen Ferien haben doch ein Ende, der Touristenstrom dünnt aus, die Abendsonne glänzt honiggolden, T-Shirt-Wetter legt sich auf den Midi, die Frauen sind wunderschön und vielleicht ist das Leben doch perfekt.
Eigentlich schade, dass ausgerechnet dann ein Flugzeug vom Himmel stürzt.





Blanc wird in seinem neuen – dem dritten – Kriminalfall mitten in der Nacht in einen Olivenhain gerufen, unter den Mauern der wuchtigen, düsteren Burg von Lançon. Eine kleine Propellermaschine ist in Flammen aufgegangen, und der tote Pilot ist nicht irgendwer: Zwischen Lançon und Salon-de-Provence erstreckt sich, auch im echten Leben, die Base Aérienne 701. Dort werden die zukünftigen Kampfpiloten Frankreichs ausgebildet – und Frankreich ist ein Land im Krieg, dessen Luftwaffe dringend neue Piloten braucht. Es ist einer dieser jungen Pilotenschüler, der, am allerletzten Tag seiner Ausbildung und bei perfekten Bedingungen, zwischen den Bäumen aufgeschlagen ist, beinahe schon in Sichtweite seiner Basis.
Bloß kein Selbstmord! Der Absturz des Germanwings-Airbus in den See-Alpen, praktisch vor der Haustür der Provence, hat die Menschen hier tief schockiert. Die Offiziere der Base Aérienne wollen um jeden Preis verhindern, dass man darüber spekuliert, ob nun auch einer ihrer Piloten geistig so labil ist, dass er sehenden Auges in den Boden gerast ist. Aber wenn es kein Selbstmord sein darf und das Flugzeug technisch in Ordnung war und der Pilot praktisch fertig ausgebildet war und das Wetter schön war – was, putain, war dann die Ursache für den Absturz?


Blanc sowie seine Kollegen Fabienne und Marius ermitteln. Ziemlich rasch erfahren sie, dass es mehr als eine Technik gibt, um ein Flugzeug vom Himmel zu holen. Und dass es mehr als einen Provenzalen gibt, der ein sehr, sehr gutes Motiv hätte, genau dieses Flugzeug vom Himmel zu holen.




Dann geschieht ein zweiter Mord in Lançon. Das Opfer ist ein aus Algerien stammender Landarbeiter, der schon seit Ewigkeiten für den cholerischen Burgbesitzer des Städtchens schuftet – und der exakt in jenem Olivenhain erstochen wurde, in dem auch das Flugzeug aufgeschlagen ist...


Kriege und Katastrophen, das ist nicht wirklich überraschend, machen keinen höflichen Umweg um die Provence, bloß, weil sie so idyllisch ist. In der Schönheit lauert der Tod, und warum sollte das im Midi anders sein? Capitaine Blanc ist gegen seinen Willen von Paris in die Provinz versetzt worden. Und er hat befürchtet, dass dort niemals etwas Wichtiges geschieht. Was für ein Irrtum: Plötzlich ist das ganze Land vielleicht im Krieg und ganz sicher im Ausnahmezustand und der Terror kommt auch in die Provence.


Man kann das als Autor hier schlecht ignorieren: Vor den Schulen unserer Kinder sind Sicherheitszonen eingerichtet worden. (Ein islamistischer Attentäter hat im Süden ja auch gezielt Kinder niedergeschossen.) Schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten patrouillieren durch Flughäfen und Bahnhöfe. Und als wir zur Weihnachtsmesse gingen, standen Polizisten mit einem Kampfhund vor dem Portal Wache, um das Gotteshaus vor Anschlägen zu schützen – nicht in Algier, sondern in Salon-de-Provence.


Auf den Terror des IS reagiert die Regierung mit dem Ausnahmezustand. Man möchte gar nicht wissen – nee, nee: eigentlich möchte man es ganz genau wissen, darf aber nicht -, was dem Geheimdienst DGSI jetzt alles so erlaubt ist, was die Agenten tun, was sie planen...
Und auf den Terror des IS reagiert manch gemeiner Franzose mit dem Wahlzettel – in vielen Gemeinden erreicht der Front National inzwischen locker die fünfzig Prozent und mehr. Will heißen: Alle anderen Parteien ZUSAMMEN haben weniger Stimmen als der Verein von Marine LePen.


Mais oui. Gefällt das Roger Blanc? Mais non. Also ermittelt er sich die Nase blutig und das Herz wund (Eine geheimnisvolle Untersuchungsrichterin lässt ihn nicht los und deren mächtiger Gatte läst ihn, auf ganz andere Art, ebenfalls nicht vom Haken.) und die Fiktion ist gar nicht so weit entfernt von der Realität. Blanc schnüffelt im Olivenhain und in der Burg von Lançon herum, die beide sehr real sind – jeder geneigte Reisende kann sich diese und andere Orte des Krimis (von außen) ansehen. Blanc schnüffelt einer verwirrten Frau hinterher, die nachts durch die Wälder zieht und als „Hexe“ verschrien ist und auch das ist höchst real. Blanc schnüffelt auf der realen Base Aérienne herum – die im Roman geschilderte „Taufe“ der Piloten ist ebenso echt wie, nun ja, das Verbot, zum Aperitif Flugmanöver abzuhalten.

Mais oui: Die angehenden Kampfpiloten Frankreichs dürfen im Fall der Fälle Atombomben abwerfen, aber sie dürfen nicht zu jener Stunde über die Köpfe der Nachbarn brummen, während der die halbe Provence einen Pastis schlürft. Anisschnaps schlägt Atombombe, das ist französische Lebensart. Sehr real sind die Schläger, die auf (nord-)afrikanische Landarbeiter Jagd machen, die hämischen SMS-Nachrichten, die sie sich nach der Tat schicken, stammen direkt aus einer sehr realen Ermittlung. Und, das ist nun wahrhaftig keine Überraschung, sehr real ist die Gewalt, ist die ständige Bedrohung, ist auch der für junge Menschen faszinierende Sog, den islamistische Radikale Tag für Tag ausüben.
Kurz: Es ist etwas faul in der Provence. Capitaine Blanc muss sich Dämonen stellen, um seine Wahlheimat zu retten.


Hoffen wir, dass es ihm gelingt.


P.S.: Für die geneigte Leserin, für den geneigten Leser - hier gibt es weitere Informationen zum dritten Fall des Capitaine Roger Blanc:


Freitag, 8. April 2016

Lancon-Provence

Irgendwo in der Provence steht eine mittelalterliche Kapelle, deren Inneres mit antiken Amphoren vollgestellt ist. Das ist kein besonderer Kirchenschmuck und keine mediterran-katholische Besonderheit. Kein geschickt platzierter Spot leuchtet die zweitausend Jahre alten Tonkrüge aus, kein für fünfzig Cent zu erwerbendes Faltblatt würdigt diese Altertümer. Das unauffällige Gotteshaus ist vielmehr eine unauffällige ... Rumpelkammer. Stadtkämmerer und Archäologen haben in das vergessene Kirchlein einfach alle Schätze hineingestopft, die sie aus dem Boden gebuddelt haben, ohne zu wissen, wo sie diese verwitterten Dinge sonst hätten abstellen können.


In Hamburg habe ich etliche Jahre gewohnt und dabei mitbekommen, wie Spezialisten mitten in der Innenstadt mit einem Riesenaufwand eine bloß kaum mehr als tausend Jahre alte Ruine gesucht und, nun ja, leider nicht wirklich gefunden haben. Und jetzt lebe ich in der Nachbarschaft von einem Kaff, das in zwei- und zweieinhalbtausend Jahre alten Antiken erstickt und sich nicht anders zu helfen weiß, als sie hinter einem morschen Riegel zu verstecken. Das ist der Unterschied zwischen keiner Kulturlandschaft und einer Kulturlandschaft.
Die Geschichte der überschüssigen Amphoren geht ungefähr so:


Lançon bedeutet „Lan“ - „Felsen“ im „çon“ - „Sumpf“. Die Stadt gehörte im Mittelalter mal den Herren von Les Baux und ist tatsächlich ein „Felsen im Sumpf“ gewesen: Eine Kalksteinklippe inmitten einer feuchten Niederung nahe am Mittelmeer und am Étang de Berre. Dieses Tiefland ist seit dem 18. Jahrhundert durch Kanäle entwässert worden, heute formen dort Olivenhaine und Weizenfelder ein agrarisches Muster der Üppigkeit. Auf dem Felsen thront eine Burg wie eine fette Torte, darunter ducken (Ja, ducken! Man muss einmal durch diese zusammengequetschten Gassen geschlichen sein.) sich Häuser und Kirche, eingeschnürt von einer Stadtmauer, die einstmals eindeutig nicht errichtet worden ist, um malerisch auszusehen. Inzwischen metastieren Einfamilienhäuser vom Hang in die Ebene, manche sind moderne Öko-Villen wie in Freiburgs grünsten Vierteln. Lançon hat in den letzten Jahren seine Einwohnerzahl glatt verdoppelt und leistet sich alles, was dazugehört: riesige Sportanlagen, zwei Supermärkte, eine eigene Gendarmerie-Station und demnächst auch ein Lycée. So weit, so normal.


Zu Lançon gehört jedoch auch ein riesiges, nahezu menschenleeres Terrain: Ein Ozean aus Kalksteinfelsen, dessen karge Wogen bis beinahe zum Mittelmeer branden. Dieses Hügelland liegt einige Kilometer vom Felssporn mit der Burg entfernt, auf dem Boden gedeihen nicht einmal Olivenbäume. Nur die zähe Garrigue hält sich dort, legt einen Teppich aus verkrüppelten Bäumen, Dornengewächs, Sträuchern, Gräsern, Wildkräutern, Disteln über den grauweißen Stein. Im Sommer zirpen die Zikaden, Eidechsen huschen in Spalten, das nahezu schattenlose Land heizt sich auf wie eine Kochplatte.
Kein Wunder, dass es hier gelegentlich brennt...


Vor etwa fünfzehn Jahren hat ein Feuer einige Hektar Garrigue von den Felsen rasiert, bevor es von den Pompiers eingedämmt werden konnte. Unmittelbar danach ist ein Heimatforscher durch die verkohlte Landschaft gegangen. Der Mann wusste genau: Ist das zähe Grünzeug fort, dann siehst du Dinge, die du sonst nie sehen würdest.
Und tatsächlich: Auf Coudouneu, einer jener Hügelwellen – einer schroffen Klippe, von der aus der Blick weit bis zum Étang de Berre schweift – lagen plötzlich Mauern frei, manche waren noch zweieinhalb Meter hoch.
Und zweieinhalb Jahrtausende alt.
Die Archäologen, die hinzugerufen wurden, sehen in der Anlage heute einen großen, wahrscheinlich befestigten Getreidespeicher. Wahrscheinlich war es sowohl Fluchtburg als auch Vorratslager einer irgendwo (aber wo?) in der Nähe liegenden kelto-ligurischen Siedlung. Auf der Nordseite, wo einst eine Mauer den Zugang versperrte, wölbt sich der Felsen recht sanft und gleichmäßig aus dem hügeligen Gewoge. Nach Süden, zum Étang de Berre hin, klafft eine tückische Lücke. Der Felsen sieht aus, als hätte dort ein monströser Darth Vader mit seinem Laserschwert eine lotrechte, vielleicht zehn, fünfzehn Meter tiefe Schneise hineingehauen. Aus größerer Entfernung mag man glauben, dass man auch von Süden her über einen begehbaren Anstieg bis zur Kuppe gelangen könnte, doch kurz vor dem Ziel, zack!, klafft ein nahezu unüberbrückbarer Abgrund.
Die perfekte Verteidigungsstellung: Fernsicht, steiler Zugang, natürlicher Burggraben. Unsere frühen Provenzalen werden sich wohl und sicher gefühlt haben. Sicher genug, um neben Getreide, Oliven und Wein auch noch ganz andere Dinge hier hoch zu schleppen.


In den zuerst vom Feuer und anschließend von Archäologenpinseln freigelegten Ruinen sind nämlich auch, genau, antike griechische Tonwaren gefunden worden. Fragmente einer wunderbar bemalten attischen Schale etwa und, klar, Amphoren, viele Amphoren. Die Kelto-Ligurer haben offenbar mit ihren Nachbarn gehandelt, den Griechen aus Marseille. Das antike Massalia war von hier aus für einen geübten Fußgänger (oder ein Maultier oder einen Ochsenkarren, sofern die Wege schon gut genug dafür waren) in höchstens zwei Tagen erreichbar. Ein Frachtsegler mag über den Étang de Berre und entlang der Côte Bleue ähnlich lange unterwegs gewesen sein, bis er in den heutigen Vieux Port einlaufen konnte.
Stellen wir uns vor, dass die Urbevölkerung von Lançon Oliven oder Wein oder Getreide oder Sklaven in die zivilisierte Metropole geliefert hat und dafür mit Hellas-Hightech bezahlt worden ist: Schalen und Becher und Geschirr. (Die Amphoren waren die Container der Antike, in denen sind landwirtschaftliche Erzeugnisse transportiert und gelagert worden, die kamen eh.) Oder vielleicht waren die ersten Bürger von Lançon ja auch, gemäß einer anderen uralten hiesigen Tradition, Kriminelle, die geklaut haben, was sie kriegen konnten. So oder so: Antike Kunst gelangte auf den sicheren Felssporn im Nirgendwo.
Irgendwann jedoch wurde der befestigte Hügel aufgegeben, irgendwann wurden Getreidekörner und griechische Scherben vergessen, irgendwann kam die Garrigue, irgendwann kam das Feuer und irgendwann kamen die Forscher.
Die bemalten Fragmente, die sie dann aus dem Boden geholt haben, sind winzig, die Amphoren jedoch sind riesig. Was tun? Klar, man könnte ein Museum bauen. Das aber kostet Geld. Klar, man könnte die Antiken an eines der bestehenden Museen weitergeben. Man könnte doch, nach zweieinhalb Jahrtausenden, die Schätze gewissermaßen nach Marseille zurückführen, wo sie einst vielleicht hergekommen sind, um... Putain! Marseille? Bist du irre? Wer schenkt der Racaille aus Marseille auch nur eine einzige, verdammte Scherbe?
Alors: Die kleinen, tollen Schätze stehen heute in staubüberkrusteten Vitrinen in einem nicht einmal mannshohen Kellergewölbe in einem Nebengebäude der Mairie von Lançon. Sie können mir folgen? Wegbeschreibung und Schlüssel zum Keller gibt es beim Rathaus.
Vielleicht.


Und die Amphoren, tja, die hat man in eine Kapelle gesperrt, für deren Restaurierung man ebenfalls kein Geld ausgeben will. Ein mittelalterlicher Lagerraum für antikes Gerümpel. Einem Ex-Hamburger, der aus seiner Stadt weder mittelalterliche Lagerräume noch antikes Gerümpel kennt, kommen die Tränen.

Ach so: Die Mauern von Coudouneu erheben sich bloß ein paar Hundert Meter neben einer vielbefahrenen Route départementale. Man erkennt sie jedoch erst, wenn man beinahe vor ihnen steht. Noch. Denn die Garrigue wächst wieder, das zähe Grünzeugs wird die alten Brandnarben bald endgültig überwuchert haben und die zweieinhalb Jahrtausende alte Ruine gleich mit.



Montag, 29. Februar 2016

Die Carrières des Lumières bei Les Baux

Die Hölle liegt unter den Ruinen von Les Baux, sie leuchtet in allen Farben des Himmels und sie heißt Carrières des Lumières - „Steinbruch des Lichts“.


Diese Hölle ist vor vierzig Jahren geschaffen worden, und ihre Geschichte geht so:


Les Baux ist eine Burg auf einem der letzten Felssporne der Alpilles: Eine wilde, wüste, majestätische Festung, die im Mittelalter die weite Ebene am Saum des Berglandes beherrschte. Die Herrn von Baux riefen hier einst zum Sängerwettstreit, ihr Gemäuer hallte von den Liedern der Troubadours wider. Heute wirkt die mistralumtoste Ruine so wild-perfekt wie ein Feen-Schloss aus einem teuer produzierten Fantasy-Film. Die Mauern wachsen scheinbar übergangslos aus dem schrundigen Felsgrund in die Höhe. Kein Wunder auch, denn sie sind aus dem gleichen Stein geschnitten.


Val d'Enfer heißt die Schlucht, das „Höllental“, in der vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert für die Burg und für Kirchen und Häuser von Baux-de-Provence Kalksteinblöcke herausgehauen, später herausgesägt worden sind. Immer tiefer haben sich die Menschen dabei in den Berg gehackt und geschnitten, und kein Granit hat je ihre Eisen gesplittert, sondern am Ende der schnöde Mammon. Irgendwann war's zu teuer, hier weitere Steine zu gewinnen. Der Mensch ging – und die Höhle blieb.
Denn über die Jahrhunderte haben die Bergleute dabei bis zu neun Meter hohe, kathedralengroße, eckige Höhlen unter die Burg von Les Baux getrieben. Als hätten sich, Achtung, Fantasy-Flash!, Tolkiens Zwerge hier einmal so richtig verausgaben dürfen: Ein Zugang, als hätte ein Unsterblicher mit seiner Axt den Fels gespalten. Dahinter stockdüstere, eckige, wuchtige, majestätische Felshallen. Wände, wie mit Thors Hammer geschlagen. Böden wie vernarbter Stein. Decken im Dunkel über dem Kopf. Tempel eines archaischen Götterkultes, die in einen Berg hineingezwungen worden sind.
Verlassen und vergessen.
Bis 1959 Jean Cocteau die Hallen für sich entdeckte – und dort viele Szenen seines Films Le Testament d'Orphée drehte. Und danach: verlassen und vergessen.
Bis 1975 der Journalist Albert Plécy den aufgegebenen Steinbruch sah und eine geniale Vision hatte: Hier soll man Kunst zeigen! Nein, keine Originale in einer schaudrig-modrige Eventhalle. Sondern, nun ja, Dias...


Klingt wie Opas Urlaubsfotoabend mit Toast Hawaii und Fanta? Plécy sah Anderes. Die eckigen Wände aus hellem Kalkstein sind ideale Projektionsflächen, und die Böden auch, und die Decken auch. Überall in diesem lichtabgeschlossenen Geviert ließ er projizierte Bilder aufleuchten: Skizzen alter Meister, so groß wie ein Bus. Ölporträts, die eine Hauswand ausfüllen könnten.
Hunderte Besucher kamen, um in den perfekt dunklen Höhlen die riesenhaften, leuchteten Bilder zu bestaunen. Es kamen Tausende. Zehntausende. Irgendwann aber kam der Bürgermeister von Baux-de-Provence und entzog Plécys Firma die Lizenz, denn der Steinbruch gehört der Gemeinde. Das Spektakel wurde, gegen gutes Geld vermutlich, einem anderen privaten Betreiber verpachtet. Seither streiten sich Plécys Leute und die wackeren Magistrate von Baux in einer der Troubadoure würdigen juristischen Schlacht um Ruf und Entschädigung. Ich bin kein Anwalt und insofern nicht kompetent genug, um sicher sagen zu können, ob das Duell immer noch vor dem höchsten französischen Gericht ausgefochten wird (eine Zeit lang war es jedenfalls so), oder ob es wieder an untere Instanzen rücküberwisen wurde, oder ob wir es nicht irgendwann noch am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder in der Vollversammlung der Vereinten Nationen bewundern werden. Wie es aussieht, wird uns dieser Rechtsstreit alle überdauern.


Total egal.
Denn auch die neuen Betreiber von Culturespaces verstehen ihr Licht-Handwerk. Inzwischen sind es einhundert High-Tech-Projektoren und Musik aus einem Ich-weiß-nicht-was-für-ein-Dolby-Sound-Gerät, die den alten Steinbruch in einen Farben- und Ton-Ozean verwandeln, in eine Orgie der Sinne, einen Zauberreigen, ein tanzendes virtuelles Museum. Klingt immer noch nach Dia-Abend?
Hingehen! Wir haben letztes Jahr Michel-Ange, Léonard de Vinci, Raphaël. Les Géants de la Renaissance gesehen. Leonardos Notizen tanzten in ihrer spiegelschriftigen Rätselhaftigkeit unter unseren Füßen, auf den Wänden fuhren Michelangelos Verdammte zur Hölle... Im Jahr davor war es Klimt et Vienne: Der tausendmal zur Lieblichkeit sattgesehene Jugendstil gewinnt seine archaische Wucht zurück, wenn er den ganzen Raum umhüllt und selbst die Luft plötzlich golden schimmert.


Klingt immer noch wie Kitsch? Na schön. Großer Kitsch. Staunenerregend. Überraschend. Kunstkino. (Apropos Kino: Die herrlichen Schwarzweißszenen von Cocteaus Film kann man in einer Nebenhöhle ebenfalls bestaunen.) Jedes Jahr glänzt ein neues Werk in Tolkiens Zwergenhöhle unter der Burg. Ab dem 4. März 2016 sind es die Bilder von Chagall. Wir werden da sein, wir werden staunen – und wir werden Pullover mitnehmen, selbst mitten im Sommer. Die Hölle unter Les Baux ist nämlich immer und für alle Zeiten kalt.



P.S.: Wer Lust darauf hat, das oder sonst irgendein Ziel in der Provence nachzureisen und dazu noch Blogs mag, der sollte sich die inzwischen enzyklopädischen Einträge von Manfred Hammes ansehen: lustaufprovence.blogspot.fr/

P.P.S.: Wir waren da, im März, der Mistral hat uns kaltgeküsst: Chagall in Größe XXL - besonders schön dann, wenn seine Mosaiken sich scheinbar Steinchen für Steinchen zu imposanter Größe ausformen!

Samstag, 2. Januar 2016

Die Provence nach dem Terror, oder: Wir leben in der Schulbuch-Zeit

Wir leben in einer Zeit, die mal groß in den Schulbüchern behandelt werden wird. Das zumindest sagen unsere Kinder, und sie wissen nicht genau, ob sie das eher stolz oder eher unsicher machen soll. Sicherlich markiert das Jahr 2015 für Frankreich eine Wende – aber eine Wende wohin? Die schrecklichen Attentate zu Beginn und zum Ende (und all die Verhaftungen, Verdächtigungen, Aktionen dazwischen und danach). Der abgestürzte Airbus in den Alpen. Der schlimmste Verkehrsunfall der letzten Jahrzehnte, die opferreichste TGV-Entgleisung überhaupt, die tödlichen Sturzregen an der Côte d'Azur... Habe ich etwas vergessen? Ach ja: Den Front National.



Die Attentate vom Januar sind der Schock schlechthin gewesen, denn sie kamen, allen Drohungen und Gewalttaten davor zum Trotz, doch irgendwie aus dem Nichts. Seither weiß jeder, dass Frankreich Todfeinde hat. Und dass diese Todfeinde Franzosen sind, die verachteten Verliererer aus den unwirtlichen Vororten. Es ist der Grande Nation in den 1970er-Jahren übrigens trotz ihres legendären Stilgefühls gelungen, selbst im hinterletzten Kaff und in der malerischten Stadt unfassbar brutale Wohnmaschinen hochzuziehen. Wer's nicht glaubt, der kann ja mal eine Expedition in die Banlieus der antiken Stadt Arles, der Papst-Stadt Avignon oder der Nostradamus-Stadt Salon-de-Provence unternehmen. (Nein, nein, nein: Das ist eine rhetorische Aufforderung, KEINE echte. Wer aussieht wie ein Deutscher, wer spricht wie ein Deutscher, wer ein Auto mit deutschem, schweizerischen, österreichischem Kennzeichen bewegt, der ist an anderen Orten besser aufgehoben als ausgerechnet in den Hochhausschluchten. Einer unserer Verwandten hat Jahre lang in den Quartiers Nord von Marseille gewohnt, meine Tochter hatte einen Tanzkurs im Gemeindezentrum von Canourgues, mein Sohn hat mit den Jungs von dort Basketball gespielt: Sehr nette, und oft genug sehr hart arbeitende Leute, aber halt kein Universum, in das man naiv hineinstolpern sollte.)
Trotzdem waren die IS-Morde vom Freitag, dem 13., noch schlimmer. Nicht bloß der Zahl der Opfer wegen, sondern der Zahl der potenziellen Opfer: Zehntausende im Stadion von Paris, Tausende in den vielen Restaurants und Cafés. Dazu Tausende Polizisten und Soldaten, die mobilisiert worden sind. (Allein auf dem Flugzeugträger „Charles de Gaulle“, der in die Krisenregion entsandt worden ist, dienen mehr als 2000 Männer und Frauen.) Das führt dazu, dass erst seit Ende November fast jede Familie irgendwie spürt, dass die Einschläge näher kommen: Ein Cousin und seine Freundin leben in Paris, waren dort abends essen – und mussten sich in den hinteren Bereich eines Restaurants ein paar Meter neben einem Anschlagsort zurückziehen, bis irgendwann in der Nacht die Polizei alle wieder hinausgelassen hat. Die Familie eines Schulkameraden unseres Sohnes hat drei Freunde im „Bataclan“ verloren. Solche Dinge. Nicht dramatisch für einen selbst, aber auch nicht mehr bloß das, was man nur im Fernsehen sieht.
Vor den Schulen standen schwer bewaffnete Posten und haben die Kinder behütet. Klassenausflüge sind auch jetzt noch gestrichen – das Land befindet sich schließlich im Ausnahmezustand. Und als wir am 24. Dezember zur Weihnachtsmesse gingen, haben Polizisten mit einem Kampfhund das Gotteshaus bewacht. (Wie übrigens auch Moscheen und schon sehr lange Synagogen geschützt werden müssen.)
Was dabei wirklich frustrierend ist: Diese IS-Heinis sind ja nicht die Wehrmacht oder die Rote Armee. Das ist bloß eine Bande dünnbärtiger Kleinkrimineller, die Typen, die nie ein Mädchen abkriegen und in den Hohlraum hinter ihrer Stirn so viel Frust hochpumpen, bis dieser sich in enthemmter Gewalt (gegen Wehrlose, klar) final entlädt. Für Polizisten muss es die Hölle sein, die erratischen Taten solcher Verlierer vorherzusagen. Irgendwann, irgendwo kommst du immer zu spät, weil sie sich Opfer suchen werden, mit denen niemand gerechnet hat.
Aber Politiker? Als Staatsmann oder -frau sollte man sein „Ship of State“ doch ein wenig souveräner durch diesen Sturm steuern. Nach den „Charlie-Hebdo-“Anschlägen kamen aus Paris viele Worte und wenige Taten. Nach den November-Attentaten will man nun gleich die Verfassung ändern und bombardiert Syrien. Hallo? Strategie, wo bist du? Man hat den Eindruck, die Gestalten der Regierung (und die der Opposition) sind zu klein für ihre großen Aufgaben. Und das gilt nicht bloß für Hollande und Sarkozy.
Ein lokales Beispiel?
Vor ein paar Tagen gab es in einer Nachbargemeinde einen Arbeitskampf. Nach einer jener unglaublich komplizierten und vermutlich unglaublich wirkungslosen Hollande-Verwaltungs-Reformen werden ein paar Dutzend Waldarbeiter von einer kommunalen Organisation zu einer anderen städtischen Verwaltung versetzt. Sie verlieren dabei ein par Euro Prämien im Monat und, quelle horreur, sie haben fortan nicht mehr gegen 14 Uhr Feierabend, sondern müssen bis 16 Uhr arbeiten, mindestens!
Was tun? Amnesty International rufen? Hm. Streiken? Nun ja. Wenn Waldarbeiter im Dezember streiken, dann kriegen das die Bürger nicht so wirklich mit. Und wenn es die Bürger nicht ärgert, dann ärgert es die Politiker auch nicht. Also haben unsere wackeren Waldarbeiter, genau, zum Beispiel den Hof der Müllentsorger blockiert. Die Müllwagen kamen nicht mehr heraus, die Container blieben voll. Das ärgert Bürger!
Aber nicht genug: Also haben einige Arbeiter auch den Betriebshof unserer Nachbarstadt mit ihren Renaults und Peugeots blockiert. Überfallartig, am frühen Morgen. Die Gendarmen kommen hinzu, tun aber nichts. Der Bürgermeister erfährt das, rast hin, bekommt Anfälle. Dialog vor Augen- und Ohrenzeugen, mehr oder weniger im O-Ton:
Bürgermeister: „Frankreich befindet sich im Ausnahmezustand! Ihr dürft nicht demonstrieren!“
CGT-Funktionär: „Wir demonstrieren nicht, wir blockieren!“
Bürgermeister: „Ihr wollt bloß euren frühen Feierabend behalten, weil ihr nachmittags alle schwarz arbeitet! Seit 40 Jahren bin ich Bürgermeister, aber so etwas habe ich noch nie erlebt!“
Gendarm: „Sie sind seit 38 Jahren im Amt, Monsieur le Maire.“
Bürgermeister: Greift zum Telefon, spricht mit ein paar loyalen städtischen Angestellten. Fünf Minuten später rauschen einige zufälligerweise außerhalb des Betriebshofes abgestellte Service-Autos der Gemeinde heran und werden quer auf der Straße geparkt. Als die Steikposten nun in ihre hart erarbeitete Mittagspause gehen wollen, kommen sie plötzlich selbst nicht mehr vom Hof. Die Meta-Blockade ist errichtet, das Chaos komplett.
Louis de Funès ist wieder auferstanden, und er tobt durch die Provence. Das ist schon sehr, sehr komisch, klar, und sympathisch ist es auch (bis auf den stinkenden Müll, der aus den Containern quillt), aber irgendwann stehst du da und sagst dir: Putain, haben wir nicht gerade andere Probleme? Und sind das die Leute, die unsere Probleme lösen werden? Und werden sie die mit der Louis-de-Funès-Methode lösen? Brauchen wir nicht eher ein paar de Gaulles? Es reicht doch nicht, dass man bloß ein Kriegsschiff nach dem alten Kämpfer tauft, oder?
Dann denkt man an die Attentate, und dann fallen einem auch die Millionen absurder Vorschriften und Gesetze dieses Landes ein und die Millionen Arbeitslosen und der erstickende Stillstand und diese lähmende Mutlosigkeit der politischen Klasse und dann irgendwann weißt du, warum nicht nur der xenophobe Jobsucher den Front National wählt.
In unserem Städtchen haben bei der entscheidenden zweiten Runde der letzten Regionalwahl, als es nur noch darum ging, den Kandidaten der demokratischen oder den der extremen Rechten zu wählen (die Sozialisten und Grünen und Rest-Kommunisten hatten sich bereits nach dem ersten Wahlgang per politischem Selbstmord aus dem Rennen katapultiert), die Bürger folgendermaßen entschieden:
Nicht-Wähler, leere oder ungültige Stimmzettel: 386
Front National: 377
Republikaner: 347
Die Nation von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erinnert in den 2010er-Jahren irgendwie sehr, sehr ungut an das Deutschland der frühen 1930er-Jahre. Ein Fall für die Schulbücher, fürwahr.


Donnerstag, 12. November 2015

11. November, die Veteranen gedenken

Vor hundert Jahren ist der Tod in die provenzalischen Dörfer geschlichen, und dort sind seine Spuren bis heute zu sehen. Weit mehr als eine Millionen Gefallene hatte Frankreich im Ersten Weltkrieg zu beklagen. Und auch die Städte und noch die letzten Dörfchen im Midi – in jeder Hinsicht weit von Front und Feind entfernt – haben zwischen 1914 und 1918 einen schrecklichen Blutzoll entrichtet. Seither ehrt auf fast jedem Friedhof hier ein Monument – mal pathetisch (umstellt von Granatenhülsen und Reliefs), mal schlicht (ein Kreuz, ein Stein) – die Opfer. Und noch heute überläuft jeden Besucher ein Schauder, wenn er liest, wie viele Namen selbst in winzigen Gemeinden dort verewigt worden sind.

An jedem 11. November, dem Tag des Waffenstillstands 1918, gedenken Veteranen, Bürgermeister, Offiziere, Honoratioren und ziemlich normale Bürger der Toten. Bei uns sind es an diesem Novembermorgen mit Maitemperaturen und einem azurblauen Himmel drei medaillenbehangene ältere Herren, die schwer an ihren Fahnenstangen mit der Trikolore tragen – ehemalige Soldaten, die den Zweiten Weltkrieg oder einen der bitteren Kolonialkriege überlebt haben, die poilus des Ersten Weltkrieges haben ihren letzten Kampf längst ausgekämpft. Die Männer gehen vom Rathaus den Hang zum Friedhof hinunter, gefolgt vom Bürgermeister in der rot-weiß-blauen Schärpe, von etwa dreißig Bürgern und zehn Kindern, die Grundschullehrerin führt zwei Eleven an der Hand.
Nur die Herren Offiziere sind nirgendwo zu sehen. Allüberall finden nämlich die Gedenkfeiern um 11.00 Uhr statt, bloß in unserem Städtchen marschiert die Delegation ausnahmsweise bereits um 10.00 Uhr auf – damit die Veteranen anschließend zu den Gedenkfeiern der größeren Nachbargemeinden eilen und auch dort strammstehen können. Diese Terminänderung ist offenbar jedoch weder zur Base Aérienne mit ihren Luftwaffenoffizieren, noch zur nächstgelegenen Gendarmeriestation durchgedrungen.
Denn halt ohne Profis in Uniform: Aus einem silber-orangefarbenen CD-Player, den jemand auf einen Grabpfosten gestellt hat, scheppert militärischer Trommelwirbel, die Trikoloren senken sich. Gedenkminute. Die Marseillaise aus dünnen Kinderstimmen weht über die Gräber. Zwei kurze Reden. Die Sprecher erinnern an die Toten – und daran, dass Frankreich auch in dieser Minute wieder Kriege führt, in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten und manchmal mitten in den Herzen der eigenen Städte.

Später, die meisten Gäste der Zeremonie sind schon davonspaziert, sehen meine Tochter und ich uns das Monument noch genauer an: Ein pfeilerförmiger, reliefgeschmückter Stein unter einem Kreuz , darum schmiedeeiserne Ketten, sehr schlicht und schon ziemlich verwittert. In Marmorplatten an den Steinseiten sind die Namen der Toten gegraben, ihr Alter, der Tag ihres Endes: Männer in ihren zwanziger und dreißiger Lebensjahren, als der Schnitter sie holte. Männer, die Namen tragen, die heute noch jedes zweite Klingelschild im Dorf schmücken. Einen hat der Tod schon wenige Wochen nach Kriegsausbruch ereilt, hinter dem letzten Opfer steht das Sterbedatum 30. November 1918. Neunzehn Tage nach dem Waffenstillstand – ist er seinen Verletzungen erst dann erlegen? Oder hat ihn, während er noch in der Truppe diente, die Spanische Grippe dahingerafft? Die Inschrift verrät es nicht.
Manche Familien haben ihren Männern zusätzlich emaillierte Metallplaketten an das Monument geheftet: Memento mori, vom Rost angefressen, das Email rissig, die Farben von Sonne und Regen ausgebleicht, die aufgezogenen Sepiafotos verblasst. Wir sehen genauer hin und stutzen: Charles Soma ist, dreiundzwanzigjährig, 1915 auf dem Feld geblieben. Am 10. März, so steht es in der offiziellen Liste. Am 17. März, so verkündet es die Emailletafel seiner Familie.
Emilien Callimand, der nur fünfundzwanzig Jahre alt wurde, ist schon 1914 gestorben. Doch ob er am 9. Oktober fiel, wie es in der Liste steht? Oder erst am 18. Dezember, wie es seine Hinterbliebenen bekunden?


Wir sprechen den Bürgermeister an, der ziemlich verblüfft ist, denn diese unterschiedlichen Daten sind, zumindest in den letzten Jahrzehnten, niemandem je aufgefallen. Wir rätseln gemeinsam: Womöglich verrät die offizielle Liste das tatsächliche Todesdatum, die Familien haben dies jedoch erst Tage (oder Monate) später erfahren? Oder ist dann erst der Körper geborgen und damit das Hinscheiden gewissermaßen formalisiert worden?
Werden die Somas und Callimands in den Tagen und Monaten zwischen den fatalen Daten ahnungslos gewesen sein? Werden sie ihren Söhnen, Brüdern, Männern noch Briefe geschrieben haben, während die doch schon längst im Erdreich erkaltet waren? Oder haben die Familien doch schon etwas geahnt, sind sie durch eine Art Niemandsland zwischen zwei Todesdaten gewandert, trauernd schon und doch noch nicht ganz todesgewiss?

In die Marmortafeln sind später übrigens noch mehr Namen graviert worden. Ein Soldat, der in den Zwanziger Jahren gestorben ist, vielleicht in einem frühen Kolonialkrieg. Die (glücklicherweise wenigen) Toten aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Algerienkonflikt. Und es gibt noch Platz dort, auf dem Monument unter dem blauen Himmel. Platz für die Toten von Frankreichs nächsten Kriegen.