Dienstag, 3. März 2015

Die Camargue ist ein riesiger Zerrspiegel, von Gott geschaffen, um die Sinne der Künstler zu verwirren. Vincent van Gogh ist hier in Motiven und im Glück fast ertrunken und mit Hunderten Bildern sowie unzähligen Erinnerungen wieder herausgekommen, aber gefestigter ist seine Seele nicht geworden. Südlich von Arles – wo sich jener zerquälte niederländische Maler an einem Tag vor Heiligabend am Kopf verstümmelte - fächert sich die Rhône zu einem 150.000 Hektar großen Dreieck auf, in dem sich Fluss und Meer, Süß- und Salzwasser, Gras und Sonne, Erde und Wasser mischen.
Für prosaische Gemüter: Die Camargue ist Frankreichs zweitgrößter Sumpf nach dem Zirkel der Pariser Politik. Für empfindsamere Gemüter: Die Camargue ist ein Wunder aus Licht.
In der weiten Ebene ragen die weißgetünchten Mauern alter Hirtenhäuser auf wie gekenterte Rettungsboote, das Auge ist dankbar für jeden verkrüppelten Busch, der ihm Halt gibt, und die uralte trutzige Kirche von Saintes-Maries-de-la-Mer steht gefühlt noch nach einer hundert Kilometer langen Fahrt über dem Horizont. Brackwasserseen schimmern, als wären sie illegal von einer Chemiefabrik verklappt worden: kobaltblau, schaumig-rosa, gelb. Im oft kaum knietiefen Nass stehen Flamingos und warten darauf, dass endlich etwas passiert. Im flirrenden Licht verstecken sich grauweiße Pferde und schwarze Rinder. Abends dampft der feuchte Boden Mückenwolken aus, und dann ahnt jeder Wanderer, dass Luzifer auf uns Sünder möglicherweise nicht mit Höllenfeuer oder ewigem Eis wartet, sondern in der Camargue lauert und uns grinsend eine leere Flasche Autan vor die zerstochenen Gesichter hält.



Die Camargue ist eine seltsame Welt – und sie wird zusammengehalten von ... Reis. Mais oui. Vergiss das Gedöns von Lavendel und Oliven. Im Süden des Südens ist oryza sativa das Gewächs, auf das es ankommt. Ohne dieses zähe, nahrhafte Zeugs wäre die Camargue, vor allem nach den Eindeichungen der letzten zwei Jahrhunderte, wahrscheinlich zu einer einzigen großen Saline versalzen. Reis regelt den Wasserhaushalt und den Salzgehalt.
Etwa 200 Riziculteurs ernten in der Camargue 110.000 bis 120.000 Tonnen jährlich, fast sechs Tonnen pro Hektar. Damit decken sie immerhin knapp die Hälfte des Verbrauchs in Frankreich. Irgendwann im Mittelalter wurden die ersten Setzlinge gepflanzt, aber erst unter Henri IV. ist der Reis wirklich populär geworden. Zumindest etliche Generationen lang. Doch im 19. Jahrhundert lohnte sich die mühsame Ernte nicht mehr, die Felder verödeten. Bis die Deutschen kamen. Beziehungsweise die Wehrmacht. Beziehungsweise die Vietnamesen.
Denn als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, beorderte die Pariser Regierung 20.000 Männer aus der Kolonie Indochina nach Europa. Der Plan: Die Vietnamesen sollten in Frankreichs Fabriken schuften, damit möglichst viele echte Franzosen frei waren zum Kriegseinsatz gegen Nazi-Deutschland. Dieser Kriegseinsatz endete bekanntlich im Debakel, und zwar so rasch, dass jene unglücklichen Asiaten mehr oder weniger noch auf See waren, als die nicht mehr ganz so Grande Nation bereits kapituliert hatte. Zurückschicken konnte man die Vietnamesen auch nicht. Mit welchen Schiffen? Und hätten das die Japaner überhaupt zugelassen, die sich mit Waffengewalt aus der französischen Konkursmasse in Südostasien bedienten?
Da kam irgendjemand auf die Idee vom Klischee: Asiaten essen doch Reis – lassen wir sie also, da sie nun schon einmal da sind, auf die verödeten Felder...

Tatsächlich schufteten Vietnamesen unter den harten Bedingungen der Camargue zwei Jahre lang, bis sie dem Sumpf die erste Ernte abgerungen hatten. Und dann noch eine. Und wieder eine. Und so ist es geblieben, bis heute. Der Reis der Camargue, der Schweiß der Vietnamesen. (Die Arbeiter sind übrigens 1945 recht form- und danklos wieder nach Hause geschickt worden.)
Wenn, irgendwann zwischen Mitte September und Anfang Oktober, der Reis geerntet wird, rattern Mähdrescher über die fast trockenen Felder und streifen die Körner von den Halmen; richtig sumpfig sind die Felder nur im Frühjahr. Der beste Reis, den sie ernten, ist eine lokale Mutation: rote, würzige Körner. Sie werden im Freien ausgelegt, wo sie getrocknet werden.

Und zwar von der Sonne und vom Mistral, wie es sich gehört.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen