Mittwoch, 11. Februar 2015

Jetzt, da das Thermometer nachmittags erstmals wieder die 20-Grad-Marke liebkost, ist es Zeit, einen nostalgischen Winterblick zurück zu werfen auf Schnee und Sturzfluten...




D'accord, Mitte Dezember umwehte ein laues Lüftchen die provenzalischen Weihnachtsbäume, doch der Winter kann auch anders, wie man hier auf die harte Tour lernt.

Im November etwa machte Gott den Rasensprenger an, indem er noch vor der Morgendämmerung ein paar Stauseen über uns ausgoss. Im ersten Licht hatten wir dann einen Tümpel vor unserem Haus, wo beim letzten Licht des Vortages noch eine Wiese gewesen war. Die Touloubre, ein alles in allem recht bescheidener Vertreter der Kategorie „Bach“, war über die Ufer getreten und hatte unser Tal ein paar Hektar weit überflutet. Erdig-braunes Wasser überall. Fröhlich gurgelnde Strömungen. Plastikfahnen halb zerfetzter Einkaufstüten. Äste, Bambusrohre, ganze Bäume stauten sich unter, an und sogar auf der kleinen Brücke. Und Dutzende Tennisbälle im Gesträuch. (Irgendwo stromauf muss die Touloubre offenbar quer durch einen Tennisplatz fließen.)


Die Felder unterhalb unseres Städtchens, auf denen kleine, grüne Setzlinge standen, sahen aus wie die Sümpfe der Camargue. Und zwei Nachbarn, die hoch über dem Bach am Hang wohnen, hatten das Erdgeschoss knöcheltief geflutet, weil Regenwasser in so üppiger Großzügigkeit die Bergflanke hinunterfloss, dass die Entwässerungsgräben kapitulierten.


Im Januar kam der Frost, im Februar der GAUS – der Größte Anzunehmende Unfall mit Schnee... Nachdem Météo France kolossale fünf bis zehn Zentimeter (!) weiße Pracht für unseren Teil der Provence angekündigt hatte, kollabierte die öffentliche Ordnung, der Staat zog sich zurück. Kein Witz: Lange vor der ersten schüchternen Flocke bereits verbot der Präfekt unseres Départements den Einsatz von ... Schulbussen. Alle Wagen blieben im Depot, unsere großen Kinder hatten schneefrei, weil sie nicht bis nach Salon-de-Provence kamen.
Als sich dann tatsächlich der weiße Mantel über den Midi breitete, brachten wir wenigstens unsere Jüngste den Hügel hoch ins Städtchen, mit dem eigenen Auto, etwa 120 Höhenmeter. Wir hatten Winterreifen drauf, ein Relikt unserer Hamburger Zeit. Die Fahrt war ein Witz, die Schwierigkeiten lagen so nahe am Nullpunkt wie das Quecksilber. Wer seine Kiddies sonst auch immer zu Fuß hinbringen konnte, der brachte sie hin. Wer sonst mit dem Auto kam, der blieb jedoch zu Hause – niemand hier zieht Winterschlappen auf die Felgen seiner Peugeots oder Renaults.
Die Gelegenheit, nordisch stolz und Schnee-erfahren über diese Südländer zu spötteln, die ihre Kinder bei zwei Flöckchen nicht mehr in die Schule bringen konnten? Na ja, in der école fiel dann die Heizung aus, wer von der Klasse da war, hockte mit der Lehrerin vereint im Wintermantel bibbernd im Klassenraum...

Ein bisschen später meinte dann der Mistral, dass er auch mal wieder vorbeischauen sollte: 80, 90 Stundenkilometern, in Böen über 110, direkt vom Montblanc, bei leichtem Frost. Da kommen dir auf dem Hügel die Tränen, aber nicht vor Glück. Und neben der Heizung schwächeln dann auch Internet und Strom. Die Kabel hängen nämlich einfach wirr von dünnsten Pfosten in der Landschaft herum, so gespannt wie hundert Jahre alte Gitarrensaiten. Bei diesem ordentlichen Wind tanzen sie graziös in der eisigen Luft hin und her und lassen in den Häusern fröhlich die Sicherungen knallen und die WiFi-Boxen das verdammte Internet suchen. Apropos Häuser: Altes Gemäuer, romantische Holzfenster, original Einfachverglasung. Muss ich mehr schreiben?

Und dann, ganz plötzlich, scheint die Sonne wieder und es ist 20 Grad warm und du sitzt im Pullover auf der Terrasse und trinkst Kaffee. (Und bemerkst reichlich spät, dass deine Jüngste nur noch im Unterhemd durch den Garten tobt. „Mir ist so heiß!“)
Werden bis zum nächsten November die Entwässerungsgräben tiefer gegraben? Hey, bei dem bisschen Regen lohnt das nicht! Werden Strom- und Telefonleitungen wetterfest unter die Erde gelegt? Wozu, das Wetter ist doch immer gut! Werden sich deine Nachbarn Winterreifen anschaffen? Für zwei Tage Schnee im Jahr, ich bin doch kein connard!
Winter, was ist das?



P.S.: Am Morgen vor jenem warmen Februarnachmittag zeigte das Thermometer noch -2 Grad. Ich musste, bewehrt mit Handschuhen und Mütze, erst einmal mühsam die Scheiben freikratzen, bevor ich den Hügel hochgedüst bin. Auf Winterreifen. Die Fahrt war ein Witz.

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