Dienstag, 13. Januar 2015



Ist das nun Krieg? Nach den Morden und Gewalttaten in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, nach den exekutieren Polizisten, dem hinterrücks niedergeschossenen Jogger, den massakrierten Juden im Supermarkt kann man das denken. Auch wenn es sich bizarr anfühlt, in der Provence, achthundert Kilometer vom Alptraum entfernt. Unglauben, Fassungslosigkeit, Wut, Trauer, als die Nachrichten vom 7. Januar hier ab dem späten Vormittag einschlagen ... und einschlagen ... und einschlagen. Der Alptraum will überhaupt nicht aufhören, drei elende Tage lang.
Und in diesen Tagen und in den Tagen danach merkt jeder hier, dass man eben doch nicht achthundert Kilometer entfernt ist, sondern dass der Midi ein geistiges und manchmal auch brutal körperliches Schlachtfeld ist, schon lange. Ein paar Erinnerungen, die in der – berechtigten – Flut der vielen Beiträge zum islamistischen Terror in den Hintergrund gedrängt werden, wenn sie denn überhaupt je im allgemeinen Bewusstsein registriert worden sind:


Mehdi Nemmouche, der Mörder, der im Jüdischen Museum in Brüssel um sich geschossen hatte, wurde am 30. Mai 2014 verhaftet, sechs Tage nach der Bluttat – und zwar in Marseille, zufällig, bei einer Kontrolle eines Fernbusses durch den Zoll. Nemmouche, ein Krimineller, saß 2008 bis 2010 im Gefängnis: in Salon-de-Provence. Hinter Gittern wurde aus dem „gewöhnlichen“ Kriminellen (Klingt das nicht schrecklich verniedlichend?) ein radikaler Islamist. Hört sich plötzlich vertraut an, diese Geschichte, nicht wahr?
Die Frage ist: Was hatte Nemmouche in Marseille zu suchen, der zweitgrößten muslimischen Gemeinde Frankreichs? Oder besser: Wen suchte er hier? Komplizen? Hintermänner? Helfer? Wen auch immer: Nemmouche schweigt – und niemand außer ihm und vielleicht jenen Unbekannten weiß, was er hier in Marseille wollte. Auf jeden Fall laufen diese Unbekannten noch frei herum, womöglich irgendwo im Midi.


Von den französischstämmigen Muslimen, die in Syrien für den „Djihad“ kämpfen, sind bislang mindestens sechzig umgekommen. Von diesen sechzig stammen sechs – ein Zehntel! - aus Lunel, einer Stadt zwischen Nîmes und Montpellier. Einer Gemeinde von bloß 26 000 Einwohnern. Bei diesen Zahlen kann man wohl schwerlich von „isolierten Einzeltätern“ sprechen...


Wo kommt das Arsenal der Mörder her? All die Kriegswaffen, die man sonst eher aus miesen Filmen kennt? So schwer, wie man denken möchte, sind diese automatischen Gewehre allerdings nicht zu besorgen, zumindest wenn man bereits „gewöhnlich“ kriminell ist. Und zumindest, wenn man Marseille kennt. Hier finden „Abrechnungen“, so nennt das die Polizei und die Presse und eigentlich jeder, unter Drogendealern mit der Kalaschnikow in ermüdend blutiger Regelmäßigkeit statt. Im Durchschnitt etwa alle zwei Wochen wird ein Dealer mit der kalash umgebracht. Wohlgemerkt: Alle anderen Morde im Milieu sind darin ebenso wenig mitgezählt wie sonstige Bluttaten, etwa in Beziehungen. Alle zwei Wochen Salven aus Schnellfeuergewehren...
Eine AK-47 (oft eher deren jugoslawischer Nachbau) ist nämlich, via „Balkan-Connection“, in Marseille für 500, 800, bestenfalls 1000 Euro zu haben. Das Arsenal der Mörder von Paris lässt sich also leicht, relativ risikolos und ziemlich billig zusammenstellen.


In Avignon thront der monumentale mittelalterliche Papstpalast, heute ein riesiges Museum. Das Museum hat eine Website – und diese Website wurde am 9. Januar, noch während das Drama andauerte und als bereits Tausende im Protest auf der Straße waren, von Hackern gekapert: Islamisten, die dort Propaganda verbreiteten. Ebenso wie auf der Site des Friedensmahnmals von Caen. Ebenso wie auf den Seiten mehrerer Gemeinden in der Nähe der Attentatsorte.


Als ob das alles nicht reicht: Als letzten Sonntag buchstäblich Millionen – Christen, Juden, Muslime, Atheisten und wer auch immer sonst an was auch immer glaubt, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Urfranzosen und Einwanderer - in Paris auf die Straße zur vielleicht beeindruckendsten und würdevollsten Demonstration aller Zeiten gingen, da war eine Gruppe ganz woanders:
Der Front National zelebrierte sich und seinen Hass in Beaucaire, an der Rhône, nur ein paar Kilometer vom virtuell gekaperten Papstpalast entfernt. Mitten in der Provence. Zufall? Oder weil hier das Wetter so schön ist, dass man auch im Januar eine manif riskieren kann? Njet: Im Midi sind die Rechten so stark wie kaum irgendwo sonst, und Beaucaire ist eine ihrer größten Bastionen. Marine Le Pen will die bitteren Früchte ernten, denn eigentlich herrscht in Frankreich permanent Wahlkampf und 2016 geht es um das Präsidentenamt. Ein Witz, wenn als letzte Folge der zwanzig Toten von Paris eine anti-muslimische und anti-jüdische und anti-Charlie-Partei („Je ne suis pas Charlie“, polterte der Senior und das ist immerhin ehrlich.) den Elysée-Palast erobert, oder? Das Lachen bleibt einem im Halse stecken.


Und doch: Samstag, fünfzehn Uhr, Salon-de-Provence. Eine hübsche Kreisstadt, wuchtige Burg in der Mitte und seit Nostradamus hier raunte, war kein Bürger mehr berühmt. Aber nun sind die Straßen voll. 8000 oder 10 000 Menschen sind wir: bildhübsche Gymnasiastinnen, pensionierte Flics, Damen in Pelz, Familien mit algerischen Wurzeln. „Je suis Charlie / Je suis policier / Je suis juif“ auf den Plakaten, selbstgezeichnete Karikaturen, die Trikolore – und viele, viele Stifte. Der Bürgermeister verliest die Namen der Toten. Bei jedem, jedem!, brandet trotziger, erhabener Beifall auf.


Dann, plötzlich, singen wir, manche mit erhobener Faust:


Allons enfants de la Patrie
Le jour de gloire est arrivé !
Contre nous de la tyrannie
L'étendard sanglant est levé
Entendez-vous dans nos campagnes
Mugir ces féroces soldats?
Ils viennent jusque dans vos bras.
Égorger vos fils, vos compagnes!
Aux armes citoyens
Formez vos bataillons
Marchons, marchons
Qu'un sang impur
Abreuve nos sillons





Ziemlich martialisch – und auf einmal gar nicht mehr aus der Zeit gefallen, der alte Kampfsong aus der Revolution. Da stehst Du, mitten in einem Meer stolzer, zorniger Bürger einer Republik, und spürst: Die werden kämpfen! Wir werden kämpfen! Vielleicht ist das der Ruck, der durch diese Republik gehen muss. Wir hätten einen hohen Preis dafür bezahlt. Aber dann wären die Opfer von Paris zwar eines brutalen und viel zu frühen, doch wenigstens keines sinnlosen Todes gestorben.


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