Freitag, 2. Mai 2014

Die Kirche Saint Vincent ist kaum größer als ein Bauernhaus und mehr als 900 Jahre alt: Ein hoher Giebel über der Fassade, in dem drei kleine Bronzeglocken im blauen Himmel schwingen; meterdicke Mauern aus sandfarbenen, grob behauenen Steinen; ein Dach, dessen Last auf wenigen, runden Bögen und stämmigen Pfeilern ruht; ein Chor hinter dem Altar, in dem sich keine zwei Dutzend Sänger aufstellen könnten; moderne Glasfenster in alten Streben, durch die Sonnenlicht gelb, rot und orange hereinflutet, als lodere draußen ein Feuer; ein Taufbecken, dessen Alter niemand kennt, glatt gewaschen vom Wasser der Jahrhunderte. Der schwere Duft nach altem Weihrauch in der stillstehenden Luft. Vor diesem Altar haben meine Frau und ich geheiratet. Über dem Becken wurden unsere drei Kinder getauft.
Genau die gleichen Zeremonien an genau dem gleichen Ort wurden hier schon gefeiert, als in Deutschland die Stauferdynastie herrschte, Spanien noch zur Hälfte muslimisch war und Byzanz blühte. Als Kolumbus Amerika entdeckte. Als sich am 14. Juli 1789 in Paris die Wut des Volkes gegen die Bastille richtete. Als im Spätsommer 1939 ein französisches Ultimatum in Berlin einging.
Und warum sollte es in den nächsten 900 Jahren anders sein? Ist hier nicht alles von Dauer? Spannt nicht, nur wenige Kilometer südlich der Kirche Saint Vincent, bein Saint-Gilles eine von den Römern errichtete Brücke seit zwei Millennien einen Fluss? Glitzern nicht zu Fuß des Hügels, auf dem das Dorf mit der Kirche errichtet wurde, die silbrig schimmernden Blätter unzähliger Olivenbäume - die Äste schwer mit schwarzen Perlen, die schon die Menschen vorchristlicher Zeiten hegten?
Und doch: Eben jene Olivenbäume sind kaum ein halbes Jahrhundert alt, weil alle mächtigen, älteren Pflanzen in einem mörderischen Winter während der 1950er-Jahre erfroren. Neben jenem Fluss, den die Römerbrücke spannt, strömt ein Kanal Richtung Mittelmeer, der erst ein Werk der Neuzeit ist - und so viel Süßwasser an die Küste ergießt, dass mancherorts die in Jahrmillionen gewachsene einmalige Tier- und Pflanzenwelt brackiger Buchten verschwindet.
Saint Vincent liegt in der Provence, die Provence ist uraltes Kulturland, Kulturland ist Menschenwerk - und Menschenwerk verändert sich. Kaum irgendwo sonst in Europa allerdings wird man eine Landschaft finden, wo sich dieses mal behutsame, mal brutale Miteinander von Mensch und Natur seit zweieinhalb Jahrtausenden ununterbrochen studieren lässt. Wo jede Generation ändert, ergänzt, erneuert, abreißt, erbaut, zerstört. Wo Künstler ebenso hinzogen wie Heere, weltfliehende Mönche ebenso wie Weltliches liebende Händler. Wo Fremde kamen und niemals wieder gingen: Griechen und Römer in der Antike, Sarazenen, Spanier und Nordfranzosen im Mittelalter, Italiener im 19. Jahrhundert, Briten, Niederländer, Russen - und Deutsche im scheinbar grenzenlos gewordenen 21. Jahrhundert.
Und zur Gemeinde von Saint Vincent - die so gut wie gar nicht von Touristen und eiligen Reisenden entdeckt worden ist, selbst heute - gehörte ein Deutscher, der 1945 als junger Kriegsgefangener auf einem Hof arbeiten musste, heiratete, blieb und kaum noch seine ursprüngliche Muttersprache beherrschte. Eine Familie aus Nordafrika, für die einst Marseille das Tor zu Europa, zur Arbeit, zu bescheidenem Wohlstand war. Ein belgischer Pilot und seine Frau, eine Stewardess, die irgendwie ein in einem Tal versteckt gelegenes Haus entdeckten und dort mit ihren Töchtern hinzogen. Und Dutzende „urfranzösische“ Familien mit italienischen und korsischen Nachnamen.
Was also ist die Provence?


Die Provence ist eine Idee. Ist der Name eines Sehnsuchtsortes, irgendwo im Süden, wo es nach Bouillabaisse und frischen Tomaten in Olivenöl, nach Pastis und gekühltem Rosé schmeckt. Wo die Luft süß ist vom Lavendel und trocken von rotbrauner, in der Hitze gebackener Erde und würzig von Pinien im Wind. Wo Zikaden unsichtbar an Bäumen kleben und von der Mittagshitze bis zum Sonnenuntergang ein sägendes Konzert veranstalten - wenn nicht der Mistral tobt, der eiskalte, zornige Nordwind, der aus den Alpen steigt und den Himmel frei wischt. Wo das Licht flirrend ist und zugleich so glasklar, als habe man sinneserweiternde Drogen geschluckt. Ein Land, in dem sich felsenfarbene Dörfer unter Donjons und Burgmauerzacken auf Hügelkuppen drängen. In dem die chaotische Hafenmetropole Marseille Bühne ist für alle Verbrechen dieser Welt - und für alle Hoffnungen. Und in dem, nur ein paar Dutzend Kilometer weiter, strenge Zisterzienserabteien in entlegenen Tälern wachen, so einsam wie vor tausend Jahren.
Offiziell aber existiert die Provence gar nicht, hat weder Grenzen noch Hauptstadt.
PACA kürzen Funktionäre und Journalisten in Frankreich ihre südöstlichste Festlandsregion ab. Eine Région, das ist eine Art Verwaltungseinheit, erst vor wenigen Jahrzehnten eingeführt. Eine Hierarchieebene zwischen den traditionellen Départements sowie Präfekturen und der fernen Zentrale in Paris. Nur dort, in diesem eher lieblosen Kürzel, versteckt sich eine offizielle Anerkennung dessen, dass es die Provence gibt: „Région Provence-Alpes-Cote d’Azur“ heißt dieses - im übrigen relativ unautonome - Gebilde, das den ganzen Südosten Frankreichs umfasst.
Und damit eben, auch, die Provence.
Da es keine offiziellen Grenzen der Provence gibt, kann sie sich jeder geneigte Reisende selber ziehen. Man muss sie sich geformt wie eine Art Satteldach oberhalb der Küstenlinie des Mittelmeeres vorstellen: Im Westen liegt dieses Dach an der Küste auf, verankert auf den Mauern der Stadt Aigues-Mortes, die aus den Sümpfen der Camargue herauswächst, als hätte sie ein größenwahnsinniger König einst dort hineingesetzt. (Was ungefähr der Wahrheit entspricht.) Nördlich der Camargue markiert die Rhône die Grenze, bis hoch zum römischen Stadttor von Orange. (Puristen mögen aufschreien, weil wir uns jenseits dieses Flusses eigentlich im Languedoc befinden: Aber allen praktischen Gründen nach sollte jeder Reisende auch Nîmes und den Pond-du-Gard in seine Provence einschließen.)
Von Orange aus wölbt sich die gedachte Nordgrenze über den Mont Ventoux bis Sisteron, dem Tor zu den Alpen. (Großherzige Freunde Südfrankreichs verschieben diese Grenze bis fast vor Lyon...) Über Digne und den Route-Napoléon getauften uralten Straßenweg führt sie bis zur Parfumstadt Grasse. Dort knickt die Linie scharf nach Westen ab, bis sie fast Aix-en-Provence erreicht, vollführt dann einen Zacken gen Süden und erreicht bei Cassis wieder das Mittelmeer. Von dort an die Küste entlang bis zurück nach Aigues-Mortes - et voilà.
Fünf Départements liegen mehr oder weniger vollständig innerhalb dieses imaginären Raumes: Bouches-du-Rhône (Postleitzahl und, zumindest bis zur 2009 verfügten Änderung aller Nummernschilder, auch Autokennzeichen: 13), Alpes-de-Haute-Provence (4), Var (83), Vaucluse (84) und Gard (30), falls der Abstecher gen Nîmes unternommen wird.
Als eigenes Land hat es die Provence nie gegeben - wiewohl es im Mittelalter eine Grafschaft diesen Namens gab, deren Herr jedoch stets anderen, mächtigeren Fürsten verpflichtet war, unter anderem dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, der das „Arelat“ getaufte Territorium um Arles nominell regierte. Als Kulturland ist die Provence hingegen Jahrtausende alt.
Ursprünglich eine Region mit einer felsigen Mittelmeerküste, an der Pinien gedeihen, mit Sümpfen und Brackwasserseen im kilometerbreiten Mündungsdelta der Rhône. Das hügelige, zu den Alpen hin immer höher sich aufwerfende Hinterland ein riesiger Märchenwald aus Eichen, ein paar Flüsse, unergründliche Quellen, schroffe Felsen, die aus dem Grün ragen.
Schon in der Steinzeit haben Menschengruppen, aus denen sich irgendwann die Stämmen der Kelten und Ligurer bildeten, die Natur verwandelt. Sie rodeten Wälder und schichteten flache Steine auf. Als Hirten zu kuppelförmigen, knapp drei Meter hohen Bories, die Häuser, Ställe und Vorratskammern zugleich waren und deren bienenstockförmige Kuppeln mancherorts noch stehen - nirgendwo so viele wie bei Gordes, wo ein ganzes, allerdings deutlich jüngeres Dorf erhalten ist. Bauern aus der Vorzeit terrassierten Land, das sie mit Steinwällen abstützten - auch hier sind die Spuren oft noch zu sehen, uralte, abgestützte Hänge, längst von Bäumen überwachsen.
So etwas wie staatliche Strukturen - auch wenn das, streng genommen, für die Antike ein Anachronismus ist - schufen erstmals die Griechen: Um 600 v. Chr. gründeten seefahrende Kolonisten aus der kleinasiatischen Mertropole Phokäa an einem von Felsen geschützten, fast kreisförmigen Naturhafen eine Stadt, die sie Massalia tauften - das heutige Marseille, das sich damit „älteste Stadt Frankreichs“ nennen darf.
Diese Kolonisten aus dem östlichen Mittelmeer brachten Kulturpflanzen mit, die das Gesicht der Provence für immer verwandelten: Den Olivenbaum, die Weinrebe, die Feige.
In den Jahrhunderten vor und nach der Zeitenwende modellierten die Römer Südfrankreich um, das sie als Provinz dem Imperium einverleibt hatten: Straßen, Brücken, Aquädukte als linear das Land zerteilende Zeugnisse ihrer Herrschaftstechnik. Städte als Orte der Macht und des Handels: Aix-en-Provence (Aqua Sextiae), Orange, Arles, Vaison-la-Romaine; Amphitheater, Tempel, Siegessäulen, Triumphbögen, Thermen.
Unter römischer Herrschaft kamen auch die ersten Christen nach Südfrankreich, früher als fast überall sonst in Westeuropa. Später gründeten Mönche Klöster in entlegenen Tälern, wie Sénanque und Silvacane. Oder Pilgerstationen mitten im Sumpf, wie Saint-Gilles in der Camargue, wo auch die Frommen Rast machten, die auf dem Jakobsweg gen Spanien zogen. Und wieder veränderte sich das Land: Kräutergärten und Felder gediehen dort, wo die strengen Brüder den Boden beackerten, oft als erste Menschen überhaupt.
Und während die Mönche Urwälder rodeten, eroberten Bauern und Händler die Hügel: Erst im Mittelalter, geplagt von ständigen Kriegszügen lokaler Ritter ebenso wie fremder Invasoren (selbst Sarazenen kamen Jahrhunderte lang über das Mittelmeer und plünderten Südfrankreichs Küste), schleppten die Menschen Steine, Dachziegel, Baubalken auf die Kuppen.
Was heute malerisch, ja organisch aus der Landschaft gewachsen und damit fast „natürlich“ wirkt, war im Mittelalter aus der Not geboren. Eigentlich ist Land auf Hügeln steil, schwer zu bebauen, oft fehlen auch Quellen, Felder lassen sich dem Boden nur mühsam aufzwingen. Die Täler sind feuchter, besser vor glühender Sonne und eisigem Mistral geschützt, leichter urbar zu machen - aber eben auch schlechter zu verteidigen. Auf einer Bergkuppe war ein heranrückender Feind schon aus großer Entfernung auszumachen, und ein steiles, unzugängliches Dorf ließ sich von entschlossenen Bauern eher verteidigen als ein lieblicher Weiler im Tal.
Im Absolutismus ließ sich der König in seinem Versailler Schloss mit Duftwasser und anderen Essenzen besprengen - und in der Provence erblühen seit dem 17. Jahrhundert riesige Lavendelfelder, wo der violette Grundstoff gedeiht, der herrschaftliche Nasen erfreut. In Marseille und Nachbarstädten wie Salon-de-Provence wird in schwimmbadgroßen steinernen Wannen Savon de Marseille angerührt, sanfte Seife, deren Grundstoff Olivenöl Essenzen beigemischt werden, die man aus der Region holt: Thymian, Eisenkraut, Zitronenmelisse, Feige, Honig.
Im übrigen war die Provence lange eine eher arme Region. Die Handelsströme über den Atlantik waren größer als die über das Mittelmeer, Marseille, der einzige südfranzösische Hafen internationalen Ranges, deshalb weniger wichtig als etwa Bordeaux. Von dort wurden auch die meisten Weinfässer exportiert, Rebensaft aus der Gironde oder aus Burgund, berühmter als die meisten Gewächse des Südens. Im Norden war der Boden schwerer, fiel der Regen reichlicher, waren die Felder und die Bauern, die sie beackerten, reicher.
Um den Süden besser an den prosperierenden Norden anzuschließen, wurden schon im 18. und 19. Jahrhundert Kanäle durch die Landschaft gepflügt, Transportstrecken für Kähne, weil die Straßen so schlecht waren. Heute sind die Wasserwege, gesäumt von Platanen, beschauliche Gewässer, etwa im Umland der Rhône - und es wirkt, als habe es auch sie schon ewig gegeben.
Neu ist auch der Tourismus: Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckten wohlhabende Briten das milde Klima der Mittelmeerküste, den Reiz beschaulicher Fischerdörfer, den Duft nach Pinien und Salz. Lords und Industriebarone aus dem Vereinigten Königreich reisten an die Côte d’Azur, um ihrer nassen, nebeligen Heimat zu entfliehen - und zwar im Winter.
Die Côte d’Azur um alte, doch unbedeutende Städtchen wie Nizza und Cannes war zuallererst Fluchtort für die kalten Monate, das Meer keineswegs ein Ort des Badens, die glühende Sommersonne schon gar nicht eine Quelle gebräunter Haut - ein blasser Teint war im 19. Jahrhundert en vogue, zeugte er doch davon, dass man es sich leisten konnte, nicht draußen zu arbeiten. Bauern und Tagelöhner waren sonnengebräunt, die Herrschaften wandelten behütet, verschleiert und unter Sonnenschirmchen dahin.
Mit dem Tourismus einher ging eine Art kultureller Abspaltung: Erst seit dem 19. Jahrhundert entwickelt sich die Côte d’Azur - jener Küstenstreifen von Toulon bis zur italienischen Grenze - anders und im anderen Rhythmus als die Provence: schneller, mondäner, urbaner. Heute ist aus einem dünn besiedelten Felsenstreifen am Meer ein einziger städtischer Großraum geworden, ist, eingeklemmt zwischen Ozean und Alpen, aus den Gemeinden von Saint Tropez bis Monte Carlo eine Mega-City erwachsen.
Tiefgreifend und manchmal brutal ist die Provence dann nach 1945 umgestaltet worden, zumindest in einigen Regionen. Nach dem Schock der Niederlage im Zweiten Weltkrieg sollte Frankreich radikal modernisiert werden, auch der Süden. Atomkraftwerke wuchsen an den Ufern der Rhône empor. In Fos und Martigues, noch bis etwa 1960 verschlafene Fischerdörfer westlich von Marseille, planierten Pariser Planer Tankerterminals, Öltanks, Raffinerien und Pipelines in eine bis dahin verschilfte, einsame Landschaft. Der aus den Alpen entspringende Fluss Verdon, der in den Felsenboden der nordöstlichen Provence die größte, spektakulärste Schlucht Europas gefräst hat, endet nun im Lac de Sainte-Croix, einem kaum weniger spektakulären, kobaltblauen Stausee.
Im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte sind viele Eichen abgeholzt worden, heute wachsen statt ihrer Sträucher und harzhaltige Pinien - Pflanzen, die leichter entflammen und Brände heute häufiger und verheerender machen als früher.
Vielleicht hat aber nichts so die Provence verändert wie die Autobahn A 7 und die TGV-Schnellzuglinie. Aus einer schönen, doch entlegenen Landschaft ist ein schönes, naheliegendes Reiseziel geworden. Es soll bereits Pariser geben, die mit Familie in die Provence gezogen sind und nun jeden Morgen, jeden Abend per TGV in die Seinemetropole pendeln, wie andere Angestellte mit der Metro.
Als der Maler Vincent van Gogh Ende des 19. Jahrhunderts von Paris aus gen Süden aufbrach, erreichte sein Zug erst nach fast anderthalb Tagen Arles. Heute zählt die Provence beinahe schon zur Banlieu der Kapitale. Und mit dem (Billig-)Flieger rücken die Airports von Marseille und Nizza, von Montpellier und selbst der winzige Flughafen von Nîmes Mittel- und Nordeuropa bis auf weniger als zwei Stunden nah.
Und doch: Die Provence ist in den allermeisten ihrer Regionen selbst heute noch dünn besiedelt. Märkte ohne Touristen, schlauchenge, baumbeschattete Landstraßen ohne ein Auto auf viele Kilometer, kleine Museen ohne Besucher, halb vergessene Kirchen, Wanderrouten zwischen Hügeln, Felsen, duftenden Wäldern, durch die niemand sonst schreitet, uralte steinerne Häuser, wo der nächste Nachbar kilometerweit weg wohnt - das alles kann man noch entdecken. Und je weiter die Monate vor oder hinter der französischen Sommerferienzeit von Juli bis Mitte August liegen, desto einsamer wird es. Und zwischen November und Januar sind selbst touristisch ausgebaute Städte wie Les-Saintes-Maries-de-la-Mer am Strand der Camargue, na, nicht gerade verlassen, doch entspannend leer.


Denn auch dies ist eine Wahrheit, die sich erst demjenigen erschließt, der länger dort ist: die Provence ist ein raues Land.
Mittelmeer und Lavendelfelder, Strände und Hügel, Dörfer und Weinreben - man mag den Süden Frankreichs zunächst für eine milde Region halten, wärmer als in Deutschland, trockener, ja sogar, blickt man auf Felder und Reben oder schlendert über einen der schier überbordenden Märkte, für fruchtbarer.
In manchen Jahren regnet es jedoch nicht zwischen April und Oktober. Bauern und Winzer kämpfen dann um jeden Tropfen, den sie aus tiefen Erdschichten hochpumpen - oder (nicht immer legal) von den Flüssen abzweigen.
Im Juli und August steigt das Quecksilber auf fast 40 Grad Celsius im Schatten - und wer dann nicht im Schatten arbeiten muss, lernt ganz neue Schutzkleidung schätzen. Etwa dicke Handschuhe, weil die metallenen Ladeflächen von Lastwagen so heiß sind, dass man sich mit bloßer Haut Verbrennungen holen würde, als fasste man auf eine angestellte Herdplatte.
Dann wieder fallen die Temperaturen. Der Mistral kann, mit tückischen Folgen, mitten an einem Sommertag plötzlich losheulen, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Wer gerade noch auf dem Mont Ventoux die viele Kilometer weite Aussicht vom Gipfel genießt, jedoch keine warme Kleidung dabei hat, der riskiert im schlimmsten Fall sein Leben.
Und im Winter kann es in der Haute Provence vorkommen, dass man an einem milden Nachmittag beim Rosé im Freien die Sonne genießt, windgeschützt fast 20 Grad. Und plötzlich fällt das Thermometer und fällt und fällt... Zwischen 20 Grad und -15 Grad liegen dann manchmal nur sechs, acht Stunden.
Und nicht nur die Natur kann hier böse Überraschungen bereiten.
Um das Land ist immer wieder gekämpft worden. Schon Hannibal erzwang sich gegen einheimische Stämme den Übergang über die Rhône mit Kriegslist und Schlacht, was weniger bekannt ist als sein kurz darauf folgender Alpenübergang, aber kaum weniger dramatisch und opferreich. Der römische Feldherr Marius stellte sich bei Aix-en-Provence den Kimbern und Teutonen und erschlug Zehntausende. Festungen wie Les Beaux zeugen von den Fehden des Mittelalters - und nicht zuletzt deshalb ist eine der finstersten, trutzigsten Wehranlagen der ganzen Provence ausgerechnet der gotische Papstpalast in Avignon. Die Residenz des Oberhauptes der katholischen Kirche wurde im 14. Jahrhundert errichtet, als der Heilige Vater es vorzog, hier und nicht in Rom zu leben, aber offenbar um eben jenes Leben stets fürchten musste.

Noch der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. sicherte den Hafen von Marseille mit massiven Forts. Und im Zweiten Weltkrieg besetzte die Wehrmacht das Land. In Salon-de-Provence starteten Luftwaffenjäger. Manche stürzten ab. Und selbst heute holen Bauern Fahrgestelle und ganze Motoren beim Umpflügen aus ihren Feldern - oft einen halben Meter tief in der Erde vergraben, ein Zeugnis der Wucht des einstigen Absturzes.

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