Donnerstag, 28. Juni 2018


Vorgestern waren die Rolling Stones in Marseille und die beste Sicht auf Mick Jagger & Co. hatte eine gelassene Möwe. Liebte der Meeresvogel Rockmusik? Berauschte er sich aus den nicht hundertprozentig legalen Duftwolken, die sich aus den Reihen der Fans in den Himmel kräuselten? Oder genoss die Möwe einfach bloß den Aufwind heißer Luft, weil sich unter ihren Schwingen 58 000 Wahnsinnige die Abwärme aus dem Körper tanzten? Jedenfalls traten die legendären englischen Altrocker am 26. Juni im legendären Neustadion der Mittelmeermetropole auf, und ganz Marseille war auf den Socken, beziehungsweise Schwingen. Es war kurz vor zweiundzwanzig Uhr, normale neunundzwanzig Grad, der Himmel jenseits des wellenförmig schwingenden Arenadachs changierte im Abenddämmer von hellblau über türkis ins ungesund Grüne, dann wurde es gelb, violett und schließlich Nacht. Und einsam, einsam über allem schwebte jene Möwe, die Keith Richards bei seinen Soli mitten auf den Kopf... hat sie aber nicht.





Die Stones hier, zum einzigen Konzert in Frankreich, meine Frau hat uns Karten besorgt, und dann geht das so in Marseille: Zwischen unserem Haus und dem Vélodrome erstreckt sich, wenn ich Google Maps glauben darf, eine Fahrstrecke von etwa 55 Kilometern. Nur ein Wahnsinniger würde mit dem Auto direkt bis vors Stadion rollen wollen – wir entscheiden uns, in La Joliette zu parken und danach quer durch die Stadt mit der Metro zu fahren. (Mais oui, Marseille hat eine U-Bahn mit, äh, ich glaube zwei Linien...) Leider sind auch andere auf diese Idee gekommen, dazu gibt's die üblichen Pendler (ist ja unter der Woche) und gerade hat sich Frankreich mit Dänemark müde duelliert und Fans strömen vom Public Viewing zurück. Alors: 50 Kilometer geht es so dahin, für die letzten fünf Kilometer in Marseille brauchen wir dann aber fast zwei Stunden. Dann die überfüllte Métro. Dann eine Security-Schranke vor dem Vélodrome. Dann noch eine. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Wir haben das Haus um 15.30 Uhr verlassen, um 20.05 Uhr waren wir im Vélodrome.
Doch, putain, was hat sich das gelohnt! Die alten Säcke sind so was von gut drauf und so lässig und machen so unfassbar tolle Musik und... d'accord, ich muss hier niemandem mehr was von den Rolling Stones erzählen, das können die Kollegen vom Feuilleton eh viel besser. Sagen wir so: 58 000 Marseiller auf einem Haufen. Manche so alt, dass du sie die Treppen auf die Ränge hochtragen musst. Andere gerade der Grundschule entwachsen. Eine Stunde, bevor irgendwer auf die Bühne tritt, machen wir schon „La Ola“, einfach so. Und als die alten Herren dann aufspielen, geht die Post ab bis Mitternacht. Unfassbar.



Apropos „alte Herren“. Mick Jagger hat dem Publikum verkündet (Mais oui, Mick parle français.), dass er 1964 zum ersten Mal in Frankreich gewesen war. Da fühlte ich mich unglaublich toll. 1964, hey, der gute Mick war in Frankreich, bevor ich auch nur geboren war! Ich bin gar nicht sooo alt. Eigentlich bin ich sogar noch jung. Ich meine, wenn einer vor meiner Geburt, okay, ja, ich sehe gerade in den Spiegel. Vergiss es.


Dann halt ne andere alte Geschichte, die möglicherweise sogar der eine oder andere Kollege aus dem Musik-Feuilleton nicht so auf Anhieb auf der Pfanne hat: Mick Jagger hat bei seinem ersten Konzert in Marseille die Fresse vollgekriegt. Echt. Also nicht absichtlich, aber, na ja, ist halt Marseille. Das ging so: Ende März 1966, die Stones treten zum ersten Mal hier auf, im Salle Vallier, einer Halle, die wirklich bescheiden ist im Vergleich zu den Arenen, die sie später füllen werden. Auf der Bühne Mick Jagger und die Band. Unten: die Fans. Dazwischen: eine Reihe Polizisten, soll ja alles seine Ordnung haben. Was für eine bescheuerte Idee. Alors, ein Fan, der sich in seiner Begeisterung nicht mehr halten kann, zerlegt seinen Stuhl (Ein Stuhl in einem Rockkonzert, noch so eine tolle Idee.) Jedenfalls hat der Typ plötzlich ein größeres zweckentfremdetes Stück Holz in der Hand und denkt sich: Merde alors, das werfe ich jetzt mal einem Flic an den Kopf. Nur ist er zu blöd oder zu kräftig oder zu besoffen, um die Polizisten zu treffen. Sein Holzbein (also das vom Stuhl) segelt hoch über die Képis der Flics hinweg – und erwischt Mick Jagger am Kopf. Volltreffer direkt rechts neben dem Auge, Platzwunde, Veilchen, der Held geht zu Boden. Das kann dir nur in Marseille passieren.



Trotzdem (oder gerade deshalb) ist er danach immer mal wieder gekommen, zuletzt war's 2003, und jetzt halt endlich wieder. Seine Show war galaktisch, auch auf dem Rückweg standen wir im Stau - und die Möwe kreist wahrscheinlich immer noch über dem Vélodrome, halb taub und total bekifft.

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