Donnerstag, 20. August 2015

Die Nocturnes von Chopin klingen gut, ganz besonders, wenn Marie-Catherine Girod sie spielt und erst recht, wenn dazu Gewittergrollen über den Himmel rollt. Willkommen in La Roque-d'Anthéron!


Das Städtchen im Lubéron mit dem Namen, der aus einem französischen Mittelalter-Roman entlehnt sein könnte, spielt im Reigen der allsommerlichen provenzalischen Kulturfestivals eine herausragende Rolle. Vor ungefähr vier Jahrzehnten sind bei uns im Süden die ersten Besessenen, Fanatiker, Sammler, Aktivisten und sonstige Begeisterte, die nicht in Kosten-Nutzen-Kategorien denken, auf die Idee gekommen, im langen Sommer des Midi Fotos rund um eine antike römische Arena aufzuhängen. Oder Kammermusik in einer mittelalterlichen Burg zu geben. Oder Dichter auf einen Marktplatz zu locken. Oder Opernsänger in einem antiken Theater gegen den Mistral anschmettern zu lassen.
Die Organisatoren vieler Festivals sind so gut und die Provence ist so schön, dass Einheimische wie Besucher seit vielen Sommern nun schon die herausragendsten zeitgenössischen Künstler fast jeder erdenklichen Richtung quasi vor der Haustür bewundern können. Manche Veranstaltungen sind teuer, die Karten sind nach wenigen Minuten ausverkauft. Andere sind gratis und für jedermann zu bestaunen. Ich bin immer noch fassungslos, dass man hier selbst im hinterletzten Kaff unversehens über leibhaftige Meister und höchst greifbare Meisterwerke stolpert, die ich sonst bloß vom Hörensagen kenne.

Les Rencontres de la photographie in Arles etwa, der Prototyp der provenzalischen Kulturfestivals, vereinigt seit vier Jahrzehnten Fotografenlegenden, Bildredakteure, Kuratoren, Sammler und alle Lichtbildliebhaber auf Tage, wenn nicht Wochen in einer Stadt mit zwei Dritteln der Einwohnerzahl von Norderstedt. Mais oui: Arles – gut 52 000 Bürger. Norderstedt – gut 75 000. Die Rencontres de la photographie in Norderstedt? Der Gedanke zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht.

La Roque-d'Anthéron ist ein Städtchen, das wahrscheinlich im 11. Jahrhundert gegründet worden ist und sich dadurch auszeichnete, dass hier 900 Jahre lang so gut wie nichts geschah. Doch 1980 beschlossen Paul Onoratini und René Martin, ein Klavierfestival zu organisieren. Seit 35 Jahren gelingt es dem Dorf tatsächlich, die besten und wirklich die besten Pianisten der Welt anzulocken. Monsieur Martin ist noch immer künstlerischer Leiter der Veranstaltung und, so steht zu vermuten, inzwischen der vielleicht am besten vernetzte Kulturmanager der internationalen Tastenszene.



Das Festival ist nicht bloß jeden Juli und August ein musikalisches Epizentrum der Provence, es ist längst ein Kristallisationspunkt geworden, um den sich Wirtschaftskraft und Jobs anlagern – und der auch Bürger anzieht: 1793, als die erste aussagekräftige Erhebung gemacht worden ist, lebten 1228 Menschen in La Roque-d'Anthéron. (Im Mittelalter waren es vermutlich auch nicht mehr.) 1962 war die Zahl auf 1415 gestiegen, und man liegt wohl nicht falsch zu behaupten, dass der Ort alle Zeiten und Epochenbrüche verschlafen hatte. Und heute? Mehr als 5400 Einwohner, Tendenz steigend. Eine, grob gerechnet, Vervierfachung binnen einer Generation, die erste Bevölkerungsexplosion, die dieses Städtchen in 1000 Jahren erlebt hat...
Selbstverständlich hat das auch andere Ursachen: Der Midi ist schön, Aix-en-Provence ist nahe. Trotzdem dürften es vor allem die Pianisten gewesen sein, die La Roque-d'Anthéron erst auf die Landkarte gehievt haben.

Die Musiker kommen gerne, es ehrt sie, eingeladen zu werden – und wo sonst spielen sie unter den Schatten einer Mammutbaumallee?
Die Szenerie: Das Château de Florans liegt neben dem Zentrum des Städtchens. Vor dem Schloss grünt ein standesgemäßer Park. In diesem Park ist eine Allee ganz und gar nicht standesgemäßer amerikanischer Sequoias angelegt worden – jeder Baum inzwischen mächtig wie ein Kathedralenturm. Hinter diesen hölzernen Sauriern ist eine moderne, muschelförmige Bühne aufgebaut worden, ein Flügel im Zentrum, ein paar Scheinwerfer – et voilà, der Tempel der Klavierkunst ist bereit!
Wir sitzen am 13. August irgendwo in den theaterähnlich ansteigenden Rängen, die sich im Halbkreis um die Bühne winden. 18 Uhr. Dohlen krächzen im Park, ansonsten erwartungsvolle Stille. Madame Girod betritt die Bühne, Applaus, Chopin – und dann Gewittergrollen.


Vielleicht liegt es an uns. Wir waren im früheren Leben Hamburger, und jeder Hamburger ist ein Regengott, der von den Wolken geliebt wird. Seit gefühlt vier Monaten hat sich die Provence nicht mehr eingenässt – doch ausgerechnet an dem Tag, an dem wir ein Freiluftkonzert besuchen, gehen schon mittags die ersten Schauer nieder...
Grauer Himmel. Windböen. Die Organisatoren haben an jeden Besucher durchsichtige Einweg-Regenponchos ausgegeben. Wir hocken auf den Stühlen, nicht vollkommen entspannt, wie celophanverpackte Sandwiches. Am Rand des Sichtfeldes zerreißen Blitze den Himmel, direkt über den Wipfeln der Sequoias. Ich bin in der klassischen Musik ein Neunzig-Prozent-Analphabet, meine Aussage hat also nur begrenzten Wert: Marie-Catherine Girod, eine Pariser Künstlerin, ist berühmt für ihre eigenwilligen Interpretationen, gerade auch von Chopin. Aber bilde ich mir bloß ein, dass die Meisterin an diesem frühen Abend ihren Chopin immer drängender, immer leidenschaftlicher und, ja doch, immer rasender spielt? Noch mehr Donner. Einzelne Tropfen...
Aber Chopin und Marie-Catherine Girod gewinnen das Duell.

Die Wolken ziehen respektvoll um La Roque-d'Anthéron herum. Das Gewitter geht einige Hundert Meter neben uns nieder, man sieht die Regenwand und spürt die Feuchtigkeit in den Böen, die von dort herüberstreifen, doch außer ein paar Tropfen bleiben wir unbehelligt – und Chopin weht über die Bühne, bis zur Zugabe, bis zum Applaus und zu den „Bravo“-Rufen. Und bis zur Dunkelheit, die inzwischen den Park des Château de Florans umspült.

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