Dienstag, 9. September 2014

Wenn ein Kampfstier vor Zorn brüllt, dann klingt das, als würde in der Ferne ein Kampfjet starten: Ein dumpfes Grollen, nicht besonders laut, nicht ungewöhnlich tief, ein wenig heiser, berstend vor Energie und sehr, sehr aggressiv. Nur steht das Tier eben nicht irgendwo am Horizont, sondern zwei Meter unterhalb meiner Schuhsohlen. Willkommen in Eyguières bei der neunten „Trophée des Alpilles“, einer course camarguaise, dem Stierkampf der Provenzalen!




Wohl kaum eine Sportart hat eine derart zerhackte Saison wie diese: Erst im Frühjahr staubt in den Arenen der Sand auf, dann folgt die allen Franzosen (außer Rennradfahrern) geheiligte unendlich lange Sommerpause, schließlich prasseln schon die Finale innerhalb weniger Wochenenden Anfang September auf die Fans ein. Dann ist das Spektakel verweht wie ein Traum in einer schwülen Nacht.
Ein Spektakel, das sich in den Städten und Dörfern um Camargue und Crau zuträgt und nigendwo sonst in der Provence. In den noch von den Römern errichteten Amphitheatern von Arles und Nîmes etwa, in modernen Anlagen wie in Istres – und in gänzlich unspektakulären Arenen in gänzlich unspektakulären Kleinstädten, wie zum Beispiel dem kaum tausend Zuschauer fassenden, ein wenig bröckeligen, ein wenig betagten Zementoval von Eyguières, das um ein halbes Dutzend alte Platanen herum gebaut worden ist, so dass das Publikum im Blätterschatten auf Betonbänken sitzt, die man auch in die Bunker des Atlantikwalls hätte einbauen können.
Die weite, bizarre, wilde Sumpflandschaft der Camargue ist der Brutplatz der Mücken, der Flamingos – und der manades, der etwa 150 Herden schwarzer Rinder, die von berittenen gardians, den Cowboys des Midi, zusammengetrieben werden. Wenn sie denn zusammengetrieben werden. Meistens ziehen die Herden unbewacht über Gras und Schlick, so frei wie die Büffel Afrikas. Keine Ställe, keine Zäune, keine Melkmaschinen - und die Kühe bekommen ihre Kälber dort, wo es ihnen gerade passt.
Einige von den niedlichen Kälbern allerdings werden von Züchtern innerhalb von zwei, drei Jahren zu Kampfstieren herantrainiert, nachtschwarze, bis zu 350 Kilogramm schwere Gebirge aus Muskeln und Knochen, klug, die Sinne nicht von generationenlanger Viehwirtschaft degeneriert, die nach oben geschwungenen, spitzen Hörner so lang wie der Arm eines Mannes. Die Kolosse beschleunigen aus dem Stand so schnell wie eine Moto-Cross-Maschine und sie springen auch beinahe so hoch: Manche Tiere überwinden 1,60 Meter hohe Zäune aus starken Brettern und Eisenpfosten.
Ein furchterregender Gegner für den raseteur, den provenzalischen Stierkämpfer, der nicht mit einem roten Tuch herumfuchtelt, der keinen Degen trägt, der nicht herumstolziert wie ein spanischer Gockel, sondern der dem Kampfstier in der Arena gegenübertritt, bewaffnet mit nichts anderem als seinen flinken Füßen und bloßen Händen. Beinahe bloßen Händen.
In der, oft zum Schutz bandagierten, Hand hält ein raseteur den crochet, eine Art vierzinkigen, mit Klingen gespickten, etwa zehn Zentimeter langen Kamm, ohne den er kein raseteur wäre. Denn das ist sein Ziel: Den Stieren sind Kokaden, sehr feine Bänder, um die Wurzeln der Hörner geflochten worden, direkt über dem wolligen Kopffell. Mit dem crochet muss der raseteur versuchen, diese Kokaden aufzutrennen – sie also vom Kopf des Stieres zu stehlen. Damit er überhaupt auf Armlänge an das zornige Tier herankommt, hat jeder raseteur einen Sekundanten, den unbewaffneten tourneur. Der versucht, den Stier auf sich zu lenken, damit sich sein Kollege heranschleichen, einen günstigen Moment abwarten und dann mit rascher Bewegung die Kokade stehlen kann.
Für jede gelöste Kokade gibt es Punkte. Mehrere raseteurs treten immer zusammen in der Arena gegen einen Stier an, bis dem entweder alle Kokaden abgenommen worden sind, oder aber, bis er erschöpft ist. Dann wird das Tier hinausgeführt, ein frisches Tier kommt herein – und weiter geht der wilde Tanz. Die Männer in weißen Hemden, weißen Hosen, weißen Schuhen (nur ihre auf den Rücken gestickten Namen sind andersfarbig: blauschwarz für die raseteurs, rot für ihre tourneurs) tanzen ein wildes Ballett mit dem Stier in ihrer Mitte, springen ihm an den Kopf, springen fort, springen wieder heran, wieder fort. Wer am Ende eines Nachmittags die meisten Punkte hat, ist Tagessieger. Wer die meisten Punkte über die Kampfsaison gesammelt hat, gewinnt das Finale. So einfach ist das.
Im Prinzip.
In Eyguières sitzen wir in der ersten Reihe, vor uns ein Geländer aus massivem Stahlrohr. Zwei Meter tiefer die Arena: Ein Oval aus gelbem Sand, in das sich nur langsam die Platanenschatten fressen. Die Hitze flirrt. Zwischen dem Betonrund der Zuschauerränge und den Sand steht eine Palisade aus massiven, rot gestrichenen Balken in eisernen Pfosten, die dahinter nur einen schmalen Gang für die Betreuer freilässt. Und für die raseteurs, die sich hierhin zurückziehen können.
Um 16.15 Uhr ziehen Demoiselles in den Trachten von Arles ein, Mädchen, junge Frauen, Matronen, stolz und fröhlich und elegant. Kinder mit Hüten. Alte, die Maultiere führen. Schnelle Rhytmen von einer Kapelle rotbefrackter Zirkusmusiker. Traditionelle Tänze. Applaus für die raseteurs, die Hemden und Hosen noch so weiß, dass es in den Augen schmerzt.
Das wird sich ändern.
16.30 Uhr. Scheppernde Lautsprecherdurchsagen. Musik. Ein Gatter mit der Aufschrift „Toril“ wird zurückgeschoben – und der erste Kampfstier stürmt in die Arena, ein junger Kerl, verwirrt, zornig, kampfdurstig. Dann springen die raseteurs und ihre Sekundanten über die Palisade.
Sie schreien, schlagen auf die Balken, pfeifen, rufen den Namen des Stiers. Der stürmt los. Die raseteurs stieben davon, Sand spritzt auf, die Männer spurten zur Palisade, nur Zentimeter trennen ihre Rücken von den Hörnern des verfolgenden Tiers, sie springen auf das Holz und von dort zu den Stahlrohren des Betonovals, in fließenden Bewegungen, mit der blinden Sicherheit von Affen im Geäst, während das Biest wütend den Kopf in die Balken rammt, dass sich die Hörner rot färben von der abplatzenden Farbe des Holzes. So hängt, nur ein paar Handbreit vor mir, plötzlich ein keuchender Mann am Gestell und wartet, bis sich der Stier einem neuen Ziel zuwendet, bevor er sich wieder hinunterwagt, zurück in die Arena.
Es ist ein archaisches Ritual, Weiß gegen Schwarz, Mensch gegen Tier, eine Mutprobe, eine Herausforderung des Glücks, eine Huldigung an die Beherztheit der Männer und die Kraft des Stiers. Manchmal reißt ein raseteur die Hand triumphierend empor – das Zeichen dafür, dass er eine Kokade abgenommen hat. Die Bewegung ist so schnell, das Band um das Horn so fein, dass ich erst an dieser Geste und also stets zu spät den Erfolg erkennen kann.
Zuerst werden die jungen Stiere in die Arena geschickt, später folgen die erfahrenen. In Pélissanne, ganz in der Nähe, wo am gleichen Tag ebenfalls ein Kampf stattfindet, ehren sie Tassou, der das letzte Mal angetreten ist – ein schwarzer Gladiator mit zehn Jahren Kampfgeschichte. Den älteren Tieren sieht selbst ein Laie wie ich die Erfahrung an. Die stürmen nicht mehr blind auf den Sand, sobald sich das Tor öffnet. Die rennen nicht hierhin und dorthin und verausgaben sich in der Hitze, bevor auch nur der erste raseteur über die Barriere springt. Die erfahrenen Kämpfer traben bis in die Mitte der Arena und nehmen mit erhobener Schnauze Witterung auf. Mit klugen, schwarzen Augen mustern sie das Rund. Man hat das Gefühl, nur einen Herzschlag lang, dass das Tier einen aufs Korn nimmt. Dann wartet der Stier einfach ab, angespannt und ausgeruht zugleich, bis endlich seine weißen Gegner ausschwärmen. Die nimmt er dann an – während den raseteurs, nach mehreren Durchgängen, bereits der Schweiß von Stirn und Armen tropft und die Beine schwer werden...
Einer verfehlt im Sprung eine Eisenstange und stürzt ab, wobei er sich die Arme aufschlägt. Ein anderer verstaucht sich den Fuß zwischen Hornspitze und Palisadenholz. Weiter. Die Hemden sind staubgelb, die Hosen zerrissen, die Finger, die den crochet umkrallen, färben sich an den Verbänden rot. Weiter.
Ein Stier hat gelernt, mit seinen Hornspitzen die Balken der Barriere einzeln aus ihren eisernen Halterungen zu lösen und in die Luft zu schleudern, bis die Barriere zerlegt ist. Manche Holzstücke zerschmettert er gleich ganz. Ein anderer springt mehrmals an der gleichen Stelle einfach über das Hindernis hinweg. In beiden Fällen stehen die Tiere jedenfalls dann jenseits der Barriere, im schmalen Gang, direkt unterhalb des Publikums. Helfer springen weg oder verstecken sich in bunkerartigen Nischen, die raseteurs stehen alleine in der Arena, ohne Chance, an die Kokaden zu gelangen. Der Stier stürmt durch den Gang, lange Speichelfäden fliegen ihm aus dem Maul. Und nur mit List und lautem Rufen lenkt man ihn schließlich zurück auf den Sand.


Sieben Tiere gegen fünf raseteurs und fünf tourneurs. Am Ende überreichen die stolzen Demoiselles David Maurel, einem jungen Krieger mit der Figur eines Kunstturners, die neunte „Trophée des Alpilles“, einen Stierkopf aus Keramik. Auch der Züchter wird geehrt, dessen Lucas de la Galère als bester Stier des Tages von einer Jury ausgewählt worden ist. Musik. „Cupo Santo“, die provenzalische Hymne. Applaus. 19.00 Uhr. Zurück in die Gegenwart.



Denn der Stierkampf ist eine Zeitreise. In dieser Form gibt es ihn seit der Renaissance oder vielleicht schon seit dem Mittelalter. Tatsächlich jedoch reicht seine Ahnenreihe bis in die archaische Epoche der ersten Rinderzüchter zurück, in Tage, in denen Tiere noch als beseelt galten und als fast unbezähmbar, eine konservierte frühantike Erinnerung, ein Echo jener Stierspringer, die vor Jahrtausenden im Palast von Knossos unsterblich gemacht worden sind: Der Mensch düpiert, nur mit seiner Geschicklichkeit, das unberechenbare Biest. Und zugleich ehrt er es auch. Die Stiere im provenzalischen Kampf nämlich werden nicht getötet und nicht verletzt. Sie verlassen die Arena mit deutlich weniger Blessuren als die Menschen und manche sogar noch mit fast allen Kokaden an den Hörnern – unbezähmbar, unbesiegt, wie im Anbeginn der Zeit.


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