Montag, 23. Juni 2014

Sénanque ist eine Messe wert und eine Reise allemal.
Im Mittelalter war das Kloster Cîteaux in Burgund ein Megastore des Glaubens: Vor einem Jahrtausend versammelten sich dort besonders strenge Mönche, die dem Ideal des ora et labora kompromisslos folgten. In einer Epoche, in der sich Spiritualität noch nicht in Buddhafiguren auf der Fensterbank erschöpfte, weihten sich Tausende dem nach dem Mutterkloster benannten neuen Orden der Zisterzienser. Filialen entstanden, mehr und immer mehr, über 700 schließlich in ganz Europa, ein Franchise-Unternehmen, das Askese, Arbeit und Schweigen verlangte und dafür den Weg zur Errettung der Seele anbot. Drei der berühmtesten Filialen wuchsen in der Provence empor, deren berühmteste wiederum ist die Abbaye Notre-Dame de Sénanque.


Der Fluss Sénancole hat bei Gordes eine Kerbe ins Gebirge geschnitten, von der man nicht recht weiß, ob sie noch ein Tal oder schon eine Schlucht ist. Unzugänglich ist der Ort allemal und heiß und satt vom Duft nach Baumharz und sandigem Boden. Die Zisterzienser haben sich die einsamen und herben Flecken ausgesucht, um dort ungestört zu arbeiten und zu beten. Heute windet sich ein Asphaltband die Bergflanke hinunter, und auf jeden Mönch – es sind zur Zeit kaum mehr als ein halbes Dutzend – kommen wohl zehntausend und mehr Besucher im Jahr. Und doch ist das Tal sogar noch etwas schroffer geworden als im Mittelalter, denn ein Erdbeben Anfang des 20. Jahrhunderts kappte den Flusslauf, so dass die Sénancole bloß noch ein Rinnsal ist.
1148, als die ersten Zisterzienser hier Steine aufschichteten, um ihre kühle, strenge Kirche, den Kreuzgang, um Dormitorium und Kapitelsaal und all die anderen notwendigen Bauwerke zu errichten, strömte mehr Wasser durch das Tal. Heute kann man, außer am Sonntagmorgen (Warum wohl?), auch dann durch Kirche und Kreuzgang schlendern, wenn man kein Gelübde abgelegt hat. Wie oft mögen wohl schon die Lavendelfelder vor dem Hintergrund der wuchtigen Kirchenmauern fotografiert worden sein? Wieviele CDs mit gregorianischen Gesängen sind im Klostershop schon über den Tresen gegangen?
Zwar bewundert man das karge Kirchenschiff, wo das Licht weich ist wie in einem gelben Aquarium und zwei Glöcknerseile in der Vierung baumeln, als könnte man von hier aus die Glocken des Himmels läuten. Zwar verlangsamt man unwillkürlich den Schritt, wenn man die Säulenpaare des Kreuzgangs passiert und man von diesem geschützten steinernen Herz die Welt nur noch durch Bögen und Vierecke in Ausschnitten sieht. Zwar lauscht man den Stimmen im Kapitelsaal mit seiner perfekten Akustik, wo sich sonst die Mönche versammeln, um dem Abt zuzuhören, der jeweils ein Kapitel der Klosterregel vorliest.
Und doch versteckt sich die Magie von Sénanque nicht im Großen, sondern im Detail, ja im Unsichtbaren:
In den Buchstaben und Zeichen etwa, die an Kirchenwänden und Bänken in manche Steine gehauen sind: Mit ihnen haben Steinmetze ihre Werke gekennzeichnet, denn sie wurden von den Mönchen pro zugehauenem Stein bezahlt. Mehr als zweitausend verschiedene Markenzeichen haben Forscher in der Abtei gezählt – stumme Zeugnisse von buchhalterischem Ernst, von Berufsstolz, von der Job-Maschine, die so ein Kloster auch war, selbst an diesem entlegenen Ort.
Auf die Konsole über der Säule im Kreuzgang, die genau gegenüber vom Eingang des Kapitelsaals aufragt. Ein Dämonenkopf wächst dort heraus, praktisch die einzige Skulptur in der Abtei. Mönche, die sich im Kapitelsaal vor ihren Mitbrüdern rechtfertigten und Verfehlungen gestanden, blickten (und blicken noch heute) auf diese Fratze. Sie ist wohl der Tarasque von Tarascon nachempfunden, einem mythischen Monster der Rhône, das im Midi seit grauer Vorzeit gefürchtet wird, weil es unvorsichtige Reisende und Jungfrauen verschlingt. Und so konserviert ausgerechnet eine Festung mittelalterlichen Christentums zutiefst heidnischen Spuk.

Und die Lavendelfelder, die in langen Reihen vor dem Kloster wachsen und die so viele Fotografen anziehen, sind vor noch gar nicht so langer Zeit angelegt worden. Ursprünglich nämlich erstreckte sich dort … der Friedhof des Klosters. Der Lavendel von Sénanque blüht über den Gebeinen unzähliger Mönche. Ein poetischer Gottesacker - und ein sanft-ironisches Denkmal für jene Männer, die sich um des Glaubens willen so viel Strenge und Schmucklosigkeit aufgezwungen haben.



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