Donnerstag, 13. März 2014

Cornillon-Confoux ist eine provenzalische Stadt, die auf einem der letzten Hügel vor dem Mittelmeer klebt: Romanische Kirche aus sandgelben Steinen, eckiger Glockenturm, übereinander gebaute Häuser, und am Horizont flimmert der Étang de Berre wie ein riesiger zerbrochener Spiegel unter mediterraner Sonne. Ein Restaurant, von dem niemand weiß, an welchen Abenden es geöffnet ist. Eine Dorfschule, ein Dorfpolizist, ein Dorfladen, nicht einmal 1400 Bürger, kein Bäcker, kein einziger Cent kommunale Verschuldung. Ein Rathaus. Und um dieses Rathaus wird gekämpft - verbissen, heftig, hinterhältig.
Denn am 23. und 30. März ist Wahl in Frankreich, und in mancherlei Hinsicht ist diese Abstimmung wichtiger als die für das Präsidentenamt oder das Parlament. La Grande Nation leistet sich nämlich etwa 36.000 Gemeinden, dreimal mehr als Deutschland. Davon haben 31.500 weniger als 2000 Bürger. Aber alle, alle haben einen Bürgermeister.
In Cornillon-Confoux treten zwei Kandidaten ein: Der eine ist Anfang Sechzig und der seit zwölf Jahren amtierende Maire, der andere zwanzig Jahre jünger, ein Bauer und Enkel eines früheren Bürgermeisters. Keiner der beiden gehört einer Partei an. Ihre Programme und Parolen verbreiten sie auf Briefen, die man manchmal morgens im Kasten findet. Sie berufen Versammlungen ein, auf denen oft bloß ein Dutzend Leute erscheinen. Sie lassen sich in der Kirche blicken und bei Konzerten des Chores und Vorträgen des Geschichtsvereins. Und niemals, niemals dürfen sie dabei auf benachbarten Stühlen Platz nehmen. Denn ihr Kampf hat nichts von Folklore.
Zwar werden die ideologischen Schlachten des letzten Jahrhunderts um den Hügel von Cornillon-Confoux nicht mehr ausgefochten. Andernorts in Frankreich treten beispielsweise noch kommunistische Kandidaten an mit Parolen, die selbst der späten SED peinlich wären. Doch in der Provence geht es eher um Wasserleitungen und Bebauungspläne, um die Koordination der Buslinien und eine bessere Internetverbindung. Praktische Probleme, die sich einvernehmlich lösen ließen, möchte man meinen.
Stattdessen jedoch beharken sich die Kandidaten mit Vorwürfen, als ginge es um Krieg und Frieden. Üble Geschichten machen die Runde, keiner weiß, wie sie aufkommen, sie werden bloß immer weiter erzählt: Der Bürgermeister soll einem politischen Rivalen, der am Rathaus wohnte, allabendlich gegen dessen Wohnzimmerfenster gespuckt haben, bis der Bespuckte eine kleine Kamera installierte und die Tat filmte. Der Herausforderer soll heimlich dem Front National nahestehen und aus dem Bergstädtchen eine Festung der Rechtsextremen machen. Unfassbare Realtität? Oder unfassbare Verleumdung? Kommt drauf an, wen man fragt.
Es ist ein Kampf ohne Rücksicht auf Verluste, denn dem Sieger winkt kleinfürstliche Macht. Ein Bürgermeister hat in Frankreich ähnliche Kompetenzen wie sein deutscher Gegenpart, Aufwandsentschädigung inklusive. Doch jede Stadt ist zudem eingebunden in ein schier undurchschaubares Geflecht höherer Instanzen. Mehrere Gemeinden formen Verbünde - „Ouest Provence“ im Fall von Cornillon-Confoux. Darüber amtiert der Conseil Général des Départements, darüber die Region. Dazwischen, oft eher in Konkurrenz dazu, beanspruchen die Präfekten und Unterpräfekten ihre seit der Revolution geheiligte Autorität. Gebietskörperschaften regeln darüberhinaus zum Beispiel den Schutz von Flussläufen und der öffentlichen Gesundheit; Jäger, Feuerwehrleute, Gendarmen konkurrieren um die Waldpflege; die quasi-staatliche EDF legt Stromleitungen (oder legt sie eben nicht). Und über allem wacht, regelt und greift ein: Paris.
Innenministerium, Wirtschaftsministeriumn, Kultusministerium, Bildungsministerium regieren bis ins Alltägliche hinein. Als die Regierung etwa von den Massenprotesten gegen die neu geregelte Ehe gleichgeschlechtlicher Paare böse überrascht wurde, beschloss das Bildungsministerium, den „Kampf gegen die Homophobie“ zum Unterrichtsinhalt zu machen. Die fünfjährigen Erstklässler in Cornillon-Confoux müssen seither auf eine Stunde Sport verzichten, um stattdessen Toleranz zu trainieren.
Der Bürgermeister ist Lotse im Strudel der Instanzen. Derjenige, der weiß, wann man beim Präfekten vorsprechen muss, wann im Conseil Général, wann im Vorzimmer des Ministers. Der Gelder loseist, zur Not von der Europäischen Union. Der Sachen ermöglicht, die sonst nie oder in hundert Jahren erst erlaubt werden. Wenn Du die Anschlussverbindungen des Schulbusses zur Nachbarstadt ändern möchtest - frag den Bürgermeister. Wenn du eine Scheune auf einem Feld bauen willst - frag den Bürgermeister. Wenn du eine Sickergrube anlegen musst oder angeln willst oder einen Gesangsverein gründen möchtest oder zum Namenstag des Kirchenheiligen eine Prozession vorbereitest oder ein Fremdenzimmer einzurichten planst - frag den Bürgermeister. Leiht der Bürgermeister dir sein Ohr, wird die Provence zum Paradies. Stellt Monsieur le Maire sich taub, dann hast du ein Problem.
Ein französischer Bürgermeister ist deshalb, residierend im Rathaus, das stets eine Spur zu prachtvoll ist für den Ort, den es verwaltet, ein lokaler Sonnenkönig, ein Patron - und manchmal auch ein Pate. Im Januar 2014 beispielsweise wurde der Maire von Tarascon, ein Gaullist, wegen Korruption zu acht Monaten Haft auf Bewährung und 10.000 Euro Geldstrafe verurteilt.
Wer von den beiden Kandidaten in Cornillon-Confoux also auch gewinnen mag - nach dem bitteren Wahlkampf wird er bittere Feinde haben im Ort. Gräben durchziehen die Stadt, Gräben, die sich mit jeder Präsidenten- oder Parlamentswahl nicht nur vertiefen, sondern sich vervielfältigen, sich ausbreiten wie Risse in der Glasscheibe nach einem Steinschlag.
Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 hat Marine Le Pen in Cornillon-Confoux 24,24 Prozent der Stimmen geholt, ziemlich durchschnittlich für eine Stadt im Midi. Im Ort wurde der Front National damit zweitstärkste Partei. In manchen ähnlich zerstrittenen Nachbargemeinden reicht das Viertel der Wählerstimmen bereits, um zur stärksten Kraft zu werden.

Und Ende Mai sind Europawahlen.

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