Montag, 13. April 2026

Der Castellas de Roquemartine und die verfluchte Kirche

Nächsten Monat, nächster Krimi: Roger Blancs 13. Fall „Bedrohliche Alpilles“ taucht langsam am Horizont der Buchhandlungen auf. (mehr dazu hier: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/cay-rademacher-bedrohliche-alpilles-9783755811923-t-7791)




Doch wir können doch jetzt schon mal einen Spaziergang durch die in unkriminalistischen Zeiten eher unbedrohlichen Alpilles machen. Obwohl, unbedrohlich...

Wenn Sie zufällig das nächste Mal in Eyguières sind, dann nehmen Sie doch die kleine Straße Montée Saint-Joseph und parken direkt hinter dem Ortsausgang. Ein schattiger Forstweg verschwindet dort zwischen Aleppo-Kiefern und Eichen. Manchmal biegen von ihm Pfade links und rechts ab, gefällte Stämme liegen als Barrieren quer darüber, an den Bäumen hängen rote Warnschilder: Proprieté Privée; Chasse Gardée, was wörtlich übersetzt bedeutet Privatbesitz, privates Jagdrevier, aber sinngemäß eigentlich: Komm bloß nicht näher, sonst brate ich dir einen drüber. Irgendwo bellt ein Hund und diesem Bellen nach möchtest du auch gar nicht näher kommen.



Der Wanderer sieht einen verwilderten Olivenhain und Teppiche aus Iris am Wegesrand. Mitten im Wald steht ein gemauerter Pfosten – vielleicht einst eine Art Torpfosten, denn tief zwischen Wipfeln und Stämmen ist ein Dach auszumachen: Ein Haus im ewigen Schatten, ausgerechnet in der Provence, dem Land der ewigen Sonne. Nur wenige Vögel singen, der Wald duftet nach Kiefer, doch die aufsteigende Sonne verdampft auch diesen Duft.

Spooky? Nur durchhalten: Nach etwa einer Viertelstunde treten Wandersfrau und Wandersmann und Wandersdivers plötzlich in die offene, hügelige Garrigue. Hier, am Hang der Alpilles, blühen gelb der Ginster und violett mehr als hüfthohe Eselsdisteln, deren Stängel so dornengespickt sind wie die Krone des Gekreuzigten.

Und nun wechseln wir das Genre, von Grusel zu Mittelalter – oder, ganz nach Geschmack, Fantasy. Auf dem schmalen Grat einer langgestreckten Bergkuppe steht der Castellas de Roquemartine: Eine Kirche und ein verfallenes Gebäude zur Linken, ein trutziger Wachturm tiefer rechts, auf dem Scheitelpunkt die vielleicht wildeste Burg der Provence. Ein eckiger, sicher noch zwanzig, dreißig Meter hoher Turm dominiert die äußerste Klippe, fensterlos und mächtig, daneben ragt ein Steingebilde auf, so schmal und gebogen wie ein Riesenmesser – unmöglich zu sagen, was es einst war: Reste eines weiteren Turms? Ein Gewölbe?



Geht man um die Burg herum, sieht man, dass der Turm sehr breit und möglicherweise Teil eines Pallas war: eines eckigen Palastes. Eine Mauerecke ist eingestürzt, im verwüsteten Innern ragt noch ein gotischer Bogen auf, der seit fast tausend Jahren die steinerne Plattform des Turms trägt. Am Berghang hält sich ein Fragment der Burgmauer tapfer aufrecht, zwanzig oder mehr Meter lang, zinnenbekrönt; doch geht man weiter, sieht man die Mauer von der Seite – da wirkt sie so schmal wie eine Filmkulisse, so, als könnte sie beim nächsten Mistral umgeblasen werden.

Überhaupt, der seltsame Wind hier: Wolken fliegen rasch durch den Himmel, angetrieben von irgendeinem Höhenwind, der am Boden, wo ab etwa zehn Uhr morgens die Zikaden anfangen zu sägen, in der Hitze nicht zu spüren ist. Liegt die Ruine im prallen Sonnenlicht, leuchtet sie hellgelb; zieht eine Wolke vorüber, wird sie grau und scheint zu schrumpfen.




Ein Castrum de Roca Martina wurde urkundlich erstmals um 1096 erwähnt, bis ins 15. Jahrhundert hinein wurde die Festung ständig erweitert, am Ende war’s beinahe ein Wehrdorf mit Wind- und Wassermühle, Ställen, einem Taubenschlag – und einer Kirche.

Saint-Sauver erwies sich allerdings als verfluchtes Gotteshaus. Schon im Mittelalter stürzte es mehrmals ein, obwohl es auf solidem Fels steht. Die Außenwände wurden nachträglich mit Stützbögen versehen und krachten trotzdem wieder zusammen, bis in den 1950er Jahren auch der zäheste Gläubige und fleißigste Steinmetz kapitulierte und man das Dachgewölbe komplett kollabieren ließ. Nur in einer kleinen Seitenkapelle hat es sich erhalten und zwei spätmittelalterliche Fresken mehr schlecht als recht geschützt. Eine Wand ist dort weiß gestrichen und mit braunem Rahmen versehen, eine steinerne Leinwand, darauf der gekreuzigte Jesus, unter dem Kreuz Maria und Johannes und ein kleiner Mann mit Tonsur; über dem Kreuz Mond und Sonne; alles sehr verblasst, das einst intensive Blau und Grün in drei Schattierungen nur noch erahnbar.

Der Mann mit Tonsur war sicher ein Geistlicher, doch niemand weiß, wer er war. Der Stifter dieses Bildes? Oder … ein Toter? Solche Fresken waren in der Provence früher oft als Grabschmuck gedacht, die Gebeine des Verstorbenen lagen im Kirchenboden unterhalb des Wandbildes. Nur: Im Castellas de Roquemartine und seiner verfluchten Kirche ist bis heute kein Toter gefunden worden…

Eigentlich ein guter Ort für einen Krimi, oder nicht? Warten wir es ab.


P.S.: Vom Castellas de Roquemartine geht der Blick weit über ein Tal bis zum Tour Les Opies (siehe hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2026/01/les-opies-in-den-alpilles.html) auf einem anderen Berg. Beides ist Privatbesitz und gehört einem (sehr netten) adeligen Ehepaar. Rolls-Royce-Sammeln ist so was von vorgestern, Kunst ist so was von gestern. Der Adelige von Welt sammelt heute Berggipfel mit Ruinen obendrauf.

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