Freitag, 20. März 2026

Dampfer, Kreuzfahrtschiffe, Containerriesen und der Hafen von Marseille

Über den Hafen von Marseille habe ich schon mal geschrieben (hier: https://provencebriefe.blogspot.com/2023/10/marseille-vieux-port-et-la-traversee.html). Doch da ging es vor allem um den Vieux Port und die wie es dazu kam, dass vor vielen, vielen Jahren ein paar Griechen Marseille und also auch seinen Hafen gegründet haben. Neulich habe ich mit der schönsten Französin überhaupt eine Kreuzfahrt gemacht, ich meine, hey, wenn direkt vor deiner Nase Dampfer ablegen, dann willst du halt irgendwann mal mitfahren. Unser Pott war unfassbar groß und so dekadent, wie es sich für ein richtiges Kreuzfahrtschiff gehört. Sagen wir so: Du konntest nirgendwo alleine übers Deck spazieren, ein ganz klein bisschen schlechtes Gewissen hatte ich auch, aber schön war’s doch.



Schön war’s, siehe oben, schon beim Aus- und Tage später Einlaufen, denn da sahen wir den Hafen so, wie man ihn sonst eher selten sieht: Vom Meer aus, beziehungsweise mittendrin.


Da dampft eine altehrwürdige Fähre nach Algerien an dir vorbei und hinter ihr glänzt golden die Jungfrau Maria vom Turm der Kirche Notre-Dame de la Garde.




Da liegen luxuriöse Passagierschiffe im Trockendock und fast direkt dahinter ragen die Wohntürme der weniger schicken Viertel auf.




Da werden Containerschiffe vor dem MARSEILLE-Schriftzug beladen, der mal für eine Netflix-Werbeaktion auf die Hügel gebaut worden ist und den die Stadt, ähnlich wie Hollywood, wo das Original ja auch mal sein Leben als schnöde Reklame begann, inzwischen stolz als Markenzeichen trägt.




Da steht am Kai der Maghreb- und Korsika-Fähren noch ein alter Schuppen, dessen zartrosa eingefärbte Stirnseite mit dem verblassten Schriftzug Bienvenue à Marseille geschmückt ist.




Da rauscht ein winziges Lotsenboot durchs Hafenbecken, während darüber Möwen auf Amphetaminen die Luftschlacht von England nachspielen.

Klar, ich weiß schon: Dreck. Die Schornsteine all der Dickschiffe ragen praktisch vor den Balkons der Häuser auf, und Kreuzfahrtschiffe gehen schon mal gar nicht. (Seltsam: Die Containerschiffe, die all die Billigwaren von Scheiß & Terror aus China zu uns karren, sind noch viel größer, fahren viel längere Strecken und, hey, das, was bei denen aus dem Schornstein quillt, ist in vielen Fällen deutlich öliger.)

Also baut man Schiffe mit besseren und sauberen Motoren. Und man legt armdicke Stromleitungen in die Häfen, damit die Pötte wenigstens dort nicht länger ihre Maschinen laufen lassen müssen, sondern sich mit Plug & Play ins Stromnetz klinken. Da Fracht- wie Passagierschiffe oft jedoch zwanzig, dreißig, vierzig Jahre über die sieben Weltmeere schippern, bis sie in einem der sieben Weltmeere untergehen (oder abgewrackt werden), kann es noch ziemlich lange dauern, bis unsere Häfen wirklich sauber und modern sind.

Seltsamerweise war es genau das, was mir im Hafen von Marseille so gefallen hat. Die Daten kenne ich: Letztes Jahr wurden fast anderthalb Millionen Container umgeschlagen, 74 Millionen Tonnen Fracht aus- oder eingeladen, es wurden 4,1 Millionen Passagiere abgefertigt – fünfmal so viele Menschen, wie die Stadt Einwohner hat. Doch hinter den Zahlen verbergen sich Dreck, Schmutz und, tja, echte Arbeit. Seeleute auf den Schiffen. Docker in den Containerterminals. Lotsen. Schlepper. Leute, die vor den Fähren Autos abfertigen und an Parkplätzen die Zufahrt sichern. Keine KI wird die schweren Festmacherleinen von den Pollern lösen. Kein Roboter wird auf den Gastankern Leitungen bereitlegen. (Ja, die Kreuzfahrtschiffe fahren nicht zur Tankstelle, die Tankstelle fährt zum Kreuzfahrtschiff – während der Hafenliegezeit gehen Flüssiggastanker längsseits und pumpen die Tanks voll. Flüssiggas verbrennt übrigens sauberer als das, was aus Ihrem und meinem Diesel so durch den Auspuff wabert.)





Etwa 41.500 Jobs hängen direkt oder indirekt (denken Sie an all die Taxi- und Busfahrer, die zum Beispiel Passagiere an die Kais bringen) in Marseille am Hafen. Der Hafen war in der Antike der Grund dafür, warum diese Stadt überhaupt entstanden ist. Und noch heute ist er, irgendwie, die Seele und der Motor der Metropole. Ohne Hafen wäre Marseille nichts. Na gut, nein, Marseille wäre ohne seinen Hafen eine schöne Stadt am Mittelmeer, wie zum Beispiel Cannes: Schick, edel, sauber, superteuer.

Aber wer will schon in Cannes leben?



Montag, 9. Februar 2026

Holzfäller im provenzalischen Dschungel

In der Provence werden Lavendel und Wein, Oliven und Mandeln geerntet. Wir ernten Holz. Wann sollte man das erklären, wenn nicht jetzt, in diesem langen Winter, der es sich so verdammt ungemütlich bei uns eingerichtet hat? (Oui, sogar bei uns im Süden. Obwohl wir natürlich auf hohem Niveau jammern. Eine Streusalzdebatte müssen wir hier zum Beispiel eher nicht führen.)




Also, Holz: Uns gehört hinten raus ein Streifen Land, der rein betriebswirtschaftlich gesehen rein gar nichts wert ist. Kein Bauland, kein landwirtschaftlich nutzbares Terrain. Einfach ein Bach wie Du & Ich, der ungeregelt vor sich hin fließt. Daneben ein schmaler Streifen, der ein-, zweimal jährlich von eben jenem Bach überflutet und ansonsten von Brombeeren und anderem Gestrüpp überwuchert wird. Dahinter eine mehr oder weniger steile Felswand, in der sich irgendwie Fichten, Micocouliers und vor allem mediterrane Eichen festkrallen. Also alles super und ein Reservat für Wildschweine und Füchse, für Enten, Reiher, Bisamratten und Hund und Herrchen, die durchs Unterholz joggen.

In diesem Urwald ist der Mistral der beste Holzfäller. Wenn er bläst, dann wirft er mal hier, mal dort einen Baum um – meistens einen, der schon längst in die Ewigen Baumgründe eingegangen ist und halt irgendwann umfällt, wie eine Leiche so umfällt. Wir haben einen schönen Ofen in unserer alten Ölmühle, der mit Holz schön heizt, also … eh voilà! Bloß: Wie kommt das Holz vom provenzalischen Dschungel in den Ofen?




Zum Glück kennen wir inzwischen Holzfäller, ich meine: richtige Holzfäller, Profis, die so etwas jeden Tag machen. Zwei bärtige Kerle, die einen Tag lang mit der guten lauten Stiehl durch den Wald pflügen wie zwei Taliban auf Steroiden. Und schon ist das Bruchholz sauber zersägt und ordentlich aufgestapelt und die beiden Taliban verlassen zufrieden das Schlachtfeld.

Allerdings liegt das schön gestapelte Holz noch immer in unserem Dschungel...



Keine Straße, nicht einmal ein guter Weg – also kauft sich Yours Waldmeister im Internet einen richtig soliden englischen Handkarren. Die Gärtner Seiner Majestät sind die besten in diesem Teil der Galaxie, ihre Gartengeräte fallen entsprechend solide aus. Seither gehen Hund und Herrchen und Handkarren in den Wald und kommen als Hund und Herrchen und Handkarren und Holz wieder. Was bei uns in einem Winter vom Mistral gefällt wird, wiegt sicherlich einige Tonnen. Ich kann zwischen fünfzig und hundert Kilogramm auf den Karren legen, weil ich ihn zwischendurch hügelan ziehen muss, bei mehr als hundert Kilöchen geht das ganz schön in die Oberschenkel. Hund, Herrchen und Handkarren stehen also noch etliche Waldspaziergänge bevor.




Anschließend werden die dicksten Stämme noch mit der Axt zerhackt. Tipp vom Profi: Polieren Sie Ihre Kreditkarte und kaufen Sie gleich ein schweres Modell mit Karbonstiel; geht durch das Holz wie Butter und die Erschütterungen werden nur gedämpft in Schulter und Co. weitergeleitet.

Am Ende hat man super viel Holz. Man schwitzt super viel. Und man stellt fest: Mir ist so warm, ich brauche jetzt gar keinen Ofen mehr.

Freitag, 9. Januar 2026

Les Opies in den Alpilles

 Quer durch die halbe Provence führt ein schroffer, schöner, wilder Gebirgszug, der Alpilles heißt, was „kleine Alpen“ bedeutet. (Und geologisch gesehen der Wahrheit sogar irgendwie nahe kommt.) Zu den Alpilles zählt ein besonders schroffer, besonders schöner, besonders wilder Bergrücken, der Les Opies heißt. Das bedeutet angeblich auf Provenzalisch „kleine Alpilles“. Les Opies sind also die „Kleinen Kleinen Alpen“. Doch diese „Kleine Kleinen Alpen“ sind mit ihren beinahe fünfhundert Metern über Mittelmeerniveau der höchste Berg der „Kleinen Alpen“. Tja, wie Namen täuschen können.




Jedenfalls wollten wir mit Freunden kurz nach Silvester dort hoch, um die Aussicht zu genießen und um für unsere kulinarischen Sünden während der Feiertage zu büßen. Ich war zuvor schon auf zwei unterschiedlichen Routen da oben und kann Euch sagen: Auf den letzten Metern wird das zu einer verdammten Kletterei. Zwar nicht Freeclimbing an der Fassade eines Wolkenkratzers, aber es schadet nichts, wenn man ein bisschen Kraft in den Armen hat, um sich über diese verdammten Klippen hochzuziehen.



Mit den Freunden wollten wir einen anderen Weg ausprobieren – angeblich der einzige, auf dem du auch als Zwei- und nicht nur als Vierbeiner auf den Gipfel kommst. Wie sich herausstellt, stimmt das auch: Wir steigen sportlich, doch wie es sich für Homo Sapiens gehört: ausschließlich auf unseren Plattfüßen durch Wälder niedriger Eichen und Buchen, vorbei an Wacholderbüschen und zähen Blumen, die ihre Blüten bereits in die Januarluft halten. (Für welche Insekten denn bloß?) Felsen leuchten, Steine knirschen unter den Sohlen, alles super.

Eh bien, beinahe super.

Was ich nicht bedacht habe: Diese einzige gangbare Route führt über die Nordseite des Bergmassivs – und liegt damit die ganze Zeit im Schatten eben jener Les Opies, die wir hinaufklettern. Es bläst ein strammer Wind, es ist schweinekalt, doch der Himmel ist klar, überall badet die Provence im Sonnenlicht – nur nicht dort, wo wir sind. Wir wandern und wandern durch das finstere Tal, so wie in irgendeinem Psalm. Immerhin kommt man so nicht ins Schwitzen.



Oben dann die Belohnung: Da steht ein viereckiger Turm, von dem aus der Blick gefühlt gen Unendlichkeit geht. Den Turm haben Bürger aus Aureille vor mehr als hundert Jahren errichtet, damit Wächter von dort rechtzeitig Wald- und Buschfeuer melden konnten. Später hat ihn die Wehrmacht übernommen und nach Feinden Ausschau gehalten, die aber dann auf einem ganz anderen Weg in die Provence einmarschiert sind. Jetzt braucht niemand mehr das Ding, das in Würde vor sich hin verfällt. Das Mittelmeer liegt von hier oben unter silbrigem Dunst, in der Ferne durchstoßen Sainte-Victoire, Mont Ventoux und, ja doch, schneeglänzende Alpengipfel wie steinerne Haifischflossen das Wolkenmeer, und die Welt ist wieder schön.

Wir sind nicht allein, eine Wandergruppe sammelt sich im Windschatten der Ruine. Wie sich herausstellt, werden sie von einem sehr netten Ehepaar angeführt, freundliche Worte, uralter Adel und, wie sich ebenfalls herausstellt, zufälligerweise die Besitzer von allem. Große Überraschung. Ich hätte ja gedacht, Les Opies gehört dem Staat, dem Naturpark Alpilles oder der nächstgelegenen Stadt (entweder Eyguieres oder Aureille). Nö, das ist hier so was wie ein Garten, nur in Gigantisch und ohne Jägerzaun: hier darf jeder wandern.



Zufälligerweise möchte der Turmherr an genau diesem Tag wissen, wie breit und hoch sein Turm eigentlich ist. Zufälligerweise hat aber niemand auf dem Gipfel an ein Maßband gedacht. Was nun? Wir sind mit unserem treuen Hund hochgedackelt. Der Vierbeiner wird jetzt freigelassen, seine zwei Meter lange (So meine ich mich zu erinnern, waren doch zwei Meter, oder?), na, jedenfalls seine Leine dient Monsieur de Von und Zu und mir als Maßband. Wir schätzen mit Leinenhilfe die Breite auf 4,90 Meter, für die Höhe muss Augenmaß reichen: fünf bis sechs Meter. Doch, hey, unser Freund hat ein neues iPhone mit praktischer Maßfunktion. Er filmt den Kasten mit dem Handy, und das Ding sagt dir die Größe. Resultat: Breite 4,80 Meter, Höhe fünf Meter.

So schlecht war die Leine also nicht.

Runter war dann übrigens schneller, aber schwieriger als rauf. Auf dem steilen Weg, im Schatten und im schwindenden Tageslicht, musst du höllisch aufpassen, dass du nicht irgendwo einen Abgang machst. Aber wie dieser Text beweist: Wir sind heil unten angekommen, mit Hund und Maßleine.