Freitag, 19. Dezember 2014

Wie zaubert man weiße Weihnachten bei 15 Grad und milder Nachmittagssonne herbei? Indem man mitten auf dem Pausenhof der école in unserem Städtchen ein infernalisch lautes Gebläse aufstellt, das Seifenschaum auf jeden spritzt, der nicht schnell genug in Deckung springt. Willkommen in der Weihnachtszeit, den tollen Tagen im Midi.




Auf der Weihnachtsfeier der Grundschule unserer Jüngsten stolziert ein Weihnachtsmann durch den schaumigen Matsch. Aus Lautsprechern scheppert Jazzmusik der zwanziger Jahre, noch lauter als das vermaledeite Gebläse. Mütter und Väter helfen den Kleinen, Kerzen mit Heißklebepistolen auf Holzscheiben zu applizieren. Glühweinhauch und Kakaoduft wabern durch die Luft. Und dann stellen sich die Kinder zum Chor auf und singen Lieder und es wird doch noch alles gut.
Die Provence ist uraltes Kulturland. Selbst wenn man mal hochnäsig all die ur- und vorgeschichtlichen Völkerschaften ignoriert und „Kultur“ mit der Antike und dem Guten, Schönen & Wahren beginnen lässt, dann blickt man hierzulande seit den ersten griechischen Siedlern auf mehr als 2500 Jahre Zivilisation zurück. Zweieinhalb Jahrtausende! Zeit genug, möchte man meinen, dass sich Traditionen unauslöschlich tief ins kollektive Unbewusste ätzen.
Doch irgendwie habe ich den Eindruck, und Weihnachten mehr als sonst, dass sich in den vergangenen zehn Jahren ein kognitiver Radiergummi durch das Gedächtnis des Midi gefräst hat. Plötzlich stehen hier überall Weihnachtsbäume herum – und das in einer Region, in der die nächste wild lebende Tanne Hunderte Kilometer entfernt friedlich vor sich hin wächst. In unserem Nachbardorf hat der Gemeinderat an buchstäblich jeder Ecke Tannenbäumchen aufstellen lassen. Die Dinger sehen allerdings so erbärmlich aus, dass ich zuerst an eine deutsche Stadt nach den Feiertagen denken musste: Wenn all die Bäume vor der Haustür auf dem Bürgersteig gammeln, damit die Müllmänner sie mitnehmen...
Wer will – und viele, viele wollen -, der kann sich auch ein Plastikexemplar über den Gabentisch stellen. Das größte gibt's im Gartenladen um die Ecke schon für 699 Euro und das ist kein Tippfehler.
Unser Städtchen gönnt sich eine Festbeleuchtung, deren Girlanden und Sterne noch die Aliens von Proxima Centauri um den Schlaf bringen. Lichterketten baumeln von der Kirche quer über den Platz bis zum Uhrenturm. Wenn es regnet, brauchst du hier keinen Schirm, die Glühbirnen über dir lassen die Tropfen verdampfen. Und an der einsamen Route Départementale neben unserem Haus hängt eine Sternschnuppe, die weiß blinkt. Jedes Mal, wenn ich abends vor die Tür gehe, glaube ich, dass jemand mit dem Blitz fotografiert oder mit einer LED-Taschenlampe hantiert: aus – ein – aus – ein, die ganze, verdammte Nacht lang. Kurz: Die Provence sieht im Dezember so aus, als seien hier drei übergeschnappte Heilige Könige Amok gelaufen.
Dabei muss das gar nicht sein, denn kaum irgendwo ist Weihnachten so schön wie im Midi.
Statt Tannenbaum baut man in der guten Stube und auch in jedem Gotteshaus die crèche auf, die Krippe. Oft ein Erbstück, schon vom Großvater oder Urgroßvater getischlert. Ein Schuppen für die Heilige Familie, mitten in den nachgeformten Gipfeln der Alpilles, und Steinhäuser, Mühlen, Burgruinen, ein Bach und Brunnen dazu.
Du baust diese kleine Welt aus Holz und Ton auf. Danach gehst du in den Wald, kratzt Moos von den Steinen und pflückst Zweige. In der Krippe verwandelt sich das Moos in eine Wiese, der Zweig in einen Olivenbaum.
Bevölkert wird diese Welt von santons, den „kleinen Heiligen“: Marktfrauen, Angler, Jäger, Wäscherinnen, den Menschen der Provence in Trachten des 19. Jahrhunderts. Ein Arzt stolziert herum, der Richter droht, ein Kind führt einen Blinden, eine alte Frau geht, gebeugt, im schwarzen Tuch der späten Jahre. Auch der Priester und sein Vikar fehlen nicht und niemand stört sich daran, dass es diese Berufe in der Nacht von Christi Geburt eigentlich noch gar nicht geben kann.
Je nach Größe der Krippe sind es kleine, bemalte Tonfiguren oder armlange, buchstäblich bis in die Kragenspitzen detailliert gearbeitete Puppen. Krippen gab es schon ewig – also zumindest seit dem Mittelalter - in den Kirchen. Als nach der Französischen Revolution dieser archaische Brauch jedoch zeitweise verboten wurde, bauten sich die Provenzalen heimlich Krippen für ihre Häuser. Die ersten Figuren formten sie aus Brotteig. Heute sind es Kunstwerke aus gebranntem Ton, Stoff und dünnstem Metall, aber die Moden dieser kleinen Heiligen sind noch immer die vergangener Epochen.
Traditionellerweise kauft jede Familie für jedes Weihnachtsfest einen neuen Santon hinzu, so dass man über die Jahre – oder nach einem Erbfall – die Bevölkerung einer Kleinstadt um das Jesuskind versammeln kann. (In Miramas-le-Vieux bieten Santon-Künstler beispielsweise ihre Gestalten an, andere verkaufen sie auf speziellen Märkten, wo man sogar Pétanque-Spieler erstehen kann. Dann schleudert ein Santon seine Boulekugeln Joseph und Maria vor die Füße und die Engel singen dazu.)
Im Dezember wird in manchen Dörfern die Pastorale aufgeführt, eine Art lebende Krippe. Ein Weihnachtsstück, das die Ereignisse der Heiligen Nacht in die Provence versetzt. Jesus wird im Midi geboren. Es sind Schäfer und Bäuerinnen, die dieses Abenteuer im Dialekt oder noch auf Provençal mit drastischen Worten beschreiben und besingen.
Das Festtagsessen ist eine herrliche Völlerei, deren leichtester Gang noch der letzte ist: Treize Desserts beenden den Schmaus, dreizehn Nachtische: Obst, kandierte Früchte, Nüsse, Gebäck, Nougat... Das Mahl wird auf drei weißen Tischdecken serviert, Symbole für den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Und was übrigbleibt, das wird am Abend nicht abgeräumt, damit die verstorbenen Ahnen nachts davon speisen können. Ein Brauch, der verdächtig nach uraltem Heidentum duftet.

Um Mitternacht die Messe: Tausend Jahre alte Kirche, Kerzenlicht, Gläubige, die aussehen wie ihre Santons – und echte Schäfer kommen schließlich von draußen herein, Lämmer auf den Schultern. (Schäfer ist hier ein so normaler Beruf wie Buchhalter, im Midi grasen noch Zehntausende Tiere die Wiesen kurz.) Das schüchterne Blöken weht dann durch das Kirchenschiff, begleitet den Chor, umspielt das Glockengeläut, kommentiert die Predigt - und erwärmt das Herz. In diesem Sinne: Joyeux Noël!

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