Quer durch die halbe Provence führt ein schroffer, schöner, wilder Gebirgszug, der Alpilles heißt, was „kleine Alpen“ bedeutet. (Und geologisch gesehen der Wahrheit sogar irgendwie nahe kommt.) Zu den Alpilles zählt ein besonders schroffer, besonders schöner, besonders wilder Bergrücken, der Les Opies heißt. Das bedeutet angeblich auf Provenzalisch „kleine Alpilles“. Les Opies sind also die „Kleinen Kleinen Alpen“. Doch diese „Kleine Kleinen Alpen“ sind mit ihren beinahe fünfhundert Metern über Mittelmeerniveau der höchste Berg der „Kleinen Alpen“. Tja, wie Namen täuschen können.
Jedenfalls wollten wir mit Freunden kurz nach Silvester dort hoch, um die Aussicht zu genießen und um für unsere kulinarischen Sünden während der Feiertage zu büßen. Ich war zuvor schon auf zwei unterschiedlichen Routen da oben und kann Euch sagen: Auf den letzten Metern wird das zu einer verdammten Kletterei. Zwar nicht Freeclimbing an der Fassade eines Wolkenkratzers, aber es schadet nichts, wenn man ein bisschen Kraft in den Armen hat, um sich über diese verdammten Klippen hochzuziehen.
Mit den Freunden wollten wir einen anderen Weg ausprobieren – angeblich der einzige, auf dem du auch als Zwei- und nicht nur als Vierbeiner auf den Gipfel kommst. Wie sich herausstellt, stimmt das auch: Wir steigen sportlich, doch wie es sich für Homo Sapiens gehört: ausschließlich auf unseren Plattfüßen durch Wälder niedriger Eichen und Buchen, vorbei an Wacholderbüschen und zähen Blumen, die ihre Blüten bereits in die Januarluft halten. (Für welche Insekten denn bloß?) Felsen leuchten, Steine knirschen unter den Sohlen, alles super.
Eh bien, beinahe super.
Was ich nicht bedacht habe: Diese einzige gangbare Route führt über die Nordseite des Bergmassivs – und liegt damit die ganze Zeit im Schatten eben jener Les Opies, die wir hinaufklettern. Es bläst ein strammer Wind, es ist schweinekalt, doch der Himmel ist klar, überall badet die Provence im Sonnenlicht – nur nicht dort, wo wir sind. Wir wandern und wandern durch das finstere Tal, so wie in irgendeinem Psalm. Immerhin kommt man so nicht ins Schwitzen.
Oben dann die Belohnung: Da steht ein viereckiger Turm, von dem aus der Blick gefühlt gen Unendlichkeit geht. Den Turm haben Bürger aus Aureille vor mehr als hundert Jahren errichtet, damit Wächter von dort rechtzeitig Wald- und Buschfeuer melden konnten. Später hat ihn die Wehrmacht übernommen und nach Feinden Ausschau gehalten, die aber dann auf einem ganz anderen Weg in die Provence einmarschiert sind. Jetzt braucht niemand mehr das Ding, das in Würde vor sich hin verfällt. Das Mittelmeer liegt von hier oben unter silbrigem Dunst, in der Ferne durchstoßen Sainte-Victoire, Mont Ventoux und, ja doch, schneeglänzende Alpengipfel wie steinerne Haifischflossen das Wolkenmeer, und die Welt ist wieder schön.
Wir sind nicht allein, eine Wandergruppe sammelt sich im Windschatten der Ruine. Wie sich herausstellt, werden sie von einem sehr netten Ehepaar angeführt, freundliche Worte, uralter Adel und, wie sich ebenfalls herausstellt, zufälligerweise die Besitzer von allem. Große Überraschung. Ich hätte ja gedacht, Les Opies gehört dem Staat, dem Naturpark Alpilles oder der nächstgelegenen Stadt (entweder Eyguieres oder Aureille). Nö, das ist hier so was wie ein Garten, nur in Gigantisch und ohne Jägerzaun: hier darf jeder wandern.
Zufälligerweise möchte der Turmherr an genau diesem Tag wissen, wie breit und hoch sein Turm eigentlich ist. Zufälligerweise hat aber niemand auf dem Gipfel an ein Maßband gedacht. Was nun? Wir sind mit unserem treuen Hund hochgedackelt. Der Vierbeiner wird jetzt freigelassen, seine zwei Meter lange (So meine ich mich zu erinnern, waren doch zwei Meter, oder?), na, jedenfalls seine Leine dient Monsieur de Von und Zu und mir als Maßband. Wir schätzen mit Leinenhilfe die Breite auf 4,90 Meter, für die Höhe muss Augenmaß reichen: fünf bis sechs Meter. Doch, hey, unser Freund hat ein neues iPhone mit praktischer Maßfunktion. Er filmt den Kasten mit dem Handy, und das Ding sagt dir die Größe. Resultat: Breite 4,80 Meter, Höhe fünf Meter.
So schlecht war die Leine also nicht.
Runter war dann übrigens schneller, aber schwieriger als rauf. Auf dem steilen Weg, im Schatten und im schwindenden Tageslicht, musst du höllisch aufpassen, dass du nicht irgendwo einen Abgang machst. Aber wie dieser Text beweist: Wir sind heil unten angekommen, mit Hund und Maßleine.



